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Ausstellung

Fragmented Narratives

26.09.2020 – 06.11.2020 (Mi.-Sa. 16:00-19:00), Berlin

Fragmented Narratives zeigt zwei neu entwickelte Werke von Sharon Paz und Elianna Renner, die Audio- und (interaktive) Videoinstallationen sowie Materialpräsentationen beinhalten und auf einem künstlerischen Rechercheprozess basieren. Beide Künstlerinnen beschäftigen sich in ihren Arbeiten mit Geschichte und historischen Narrativen und deren Auslassungen. In den teils biografischen Zugängen stehen sowohl jüdische Geschichte und Antisemitismus und Rassismus, als auch die Konstruktion von Geschichte(n) und Erinnern im Allgemeinen im Fokus.

‚Dare to Dream‘ von Sharon Paz ist eine interaktive Videoinstallation, die die Betrachter*innen zwischen Realität und Fiktion positioniert. Basierend auf Recherchen zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin widmet sich die Arbeit zwei Frauen – der deutsch-jüdischen Hochspringerin Gretel Bergmann und Leni Riefenstahl, Produzentin von Propagandafilmen während der NS-Zeit. Paz transferiert deren Geschichten mit fiktiven Charakteren in die Gegenwart. Die Besucher*innen können an der Entwicklung verschiedener Erzählstränge durch das Auswählen unterschiedlicher Antwortmöglichkeiten, welche das interaktive Video bereithält, aktiv mitwirken. Dadurch stellt sich auch die Frage, wer die Hegemonie über Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur besitzt.

Für die Installation ‚Pitshipoy‘ hat sich Elianna Renner auf die Spuren des Wortes Pitshipoy begeben, das ursprünglich aus der jiddischen Folklore stammt und einen imaginären Ort bezeichnet. Die Recherche setzt sich mit den verschiedenen Geschichten, Übersetzungen und Interpretationen des Wortes auseinander. Während der Shoah erlebt Pitshipoy seine größte Popularität auf engstem Raum im Sammellager Drancy in Frankreich. Der Begriff beschrieb dort einen unbekannten und imaginären (Flucht-)Ort, der das Vakuum der Hoffnung bis vor die Tore von Auschwitz füllte. Die Installation vereint Text, Film und Audioaufnahmen, die fragmentarisch die Recherche des Begriffes präsentieren. Herzstück ist die Videodokumentation einer Luft-Performance, bei der ein Pilot ein Banner mit Pitshipoy am Himmel über Berlin erscheinen lässt.

Die Werke verweisen darauf, dass das kulturelle Gedächtnis und die offizielle Geschichtsschreibung (un)vermeidbare Lücken produzieren, welche die Konstruktion von Geschichte(n) im Allgemeinen aufzeigen. Beide Arbeiten verbinden Reales mit Imaginärem und verweisen auf die Kraft dieser Verbindung auf unser Bewusstsein. Sie fungieren als Zeitmaschine, in der Vergangenheit und Gegenwart zusammenfallen. Somit schaffen sie andere Narrative, die sich eindeutigen Zuschreibungen entziehen und die Rezeption der Arbeiten in ein aktives Erleben und Hinterfragen eigener Wahrnehmungen und hegemonialer Erzählungen verwandeln.

Vor dem Hintergrund erstarkender rechter Strömungen, Verschwörungsmythen, die durch die Corona-Pandemie nochmals befeuert wurden und werden, sowie dem Erleben so genannter ‚Post-Truth‘-Politik macht die Ausstellung Zweifel an brüchig gewordenen Wahrheiten greifbar.

Sie verweist dadurch auf die Gratwanderung zwischen einer kritischen Auseinandersetzung mit hegemonialen Narrativen und dem sensiblen, aber auch emanzipatorischen Umgang mit den Leerstellen der Geschichtsschreibung einerseits und dem Abdriften in reaktionäre Geschichtsklitterung, die rechtem Gedankengut und Verschwörungstheorien und -mythen Vorschub leisten, auf der anderen Seite.

kuratiert von Katharina Koch und Sylvia Sadzinski

// Programm //

FRAGMENTED NARRATIVES
Panel Diskussion
30.10.2020 // 19:00

mit
Dr. Lea Wohl von Haselberg (Medienwissenschaftlerin und Publizistin)
Veronika Kracher (Publizistin und Autorin)
Dr. Michal B. Ron (Kunsthistorikerin und Theoretikerin)
Dr. Ingrid Strobl (Autorin)

moderiert von Sharon Adler (Herausgeberin AVIVA-Berlin; Fotografin; Vorstandsvorsitzende der Stiftung ZURÜCKGEBEN. Stiftung zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft)

Wer erinnert und an wen wird erinnert? Und wer besitzt die Hegemonie über Geschichte und Erinnerungskultur? Das Aufzeigen von Leerstellen in der Geschichtsschreibung dient als Chance für emanzipatorische Positionen und marginalisierte Narrative, um Sichtbarkeit und Anerkennung zu erlangen. Doch was passiert, wenn Rechte und reaktionäre Kräfte eigene ’neue Wahrheiten‘ kreieren? Wie kann man Kritik üben am Status Quo hegemonialer Geschichtspolitik und Medienberichterstattung, ohne in Fake News und Verschwörungsmythen abzudriften? Ziel des Panels ist es, eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit Erinnerungspolitiken im Spiegel von Rassismus und Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart, mit Fake News, Verschwörungsmythen und der Brüchigkeit hegemonialer Wahrheiten zu ermöglichen. Wie können Kunst, Kultur, Wissenschaft und Medien diesen rechten und reaktionären Strömungen entgegenwirken und gleichzeitig die Illusion von Wahrhaftigkeit und Wahrheit anerkennen?

Artist Talk
6.11.2020 // 19:00

mit Sharon Paz und Elianna Renner
moderiert von Prof. Dr. Elena Zanichelli (Kunsthistorikerin, Kunstkritikerin, Kuratorin)

Mit freundlicher Unterstützung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und VG Bild Kunst.
In Kooperation mit der Amadeu Antonio Stiftung.
Medienpartnerinnen: AVIVA-Berlin.de und taz

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