Beschreibung des Projekts

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

„Papa, warum haben die Nazis die Juden gehasst?“

 


„Was ist während des Nationalsozialismus bei uns im Ort geschehen? Wie sind die Menschen nach 1945 mit der Geschichte ihrer ermordeten Nachbarn umgegangen?“ Diese und andere Fragen stellen sich Kinder und Jugendliche im Geschichtsprojekt „Antisemitismus in Ost und West - Lokale Geschichte sichtbar machen“.

Neulich entdeckte meine Tochter Naima, eine aufgeweckte Drittklässlerin, in meinem Arbeitszimmer zwei neue Comicbücher: „Die Entdeckung“, über den Zweiten Weltkrieg, und „Die Suche“, über den Holocaust, vom Anne Frank Zentrum. Sie las die Comicbücher eifrig und mehrmals. Die Intensität, mit der sie das tat, machte mir deutlich: sie verstand, dass die Comics „reale“ Geschichte erzählen. Dabei hatte sie viele Fragen: „Papa, warum wollten die Deutschen den totalen Krieg?« und: „Warum haben die Nazis die Juden gehasst, nur weil sie in die Synagoge gingen?“ Diese Fragen fand ich nicht
einfach zu beantworten. Die erste wirft die schwierige Frage auf, wie sich gesellschaftliche Entwicklungen erklären lassen und was Menschen motiviert, zum Beispiel dem Propagandaminister Goebbels beim Aufruf zum „totalen Krieg“ lauthals zuzustimmen. Die zweite Frage geht von der falschen Annahme aus, dass die Judenverfolgung etwas mit Religion zu tun hätte. Aber gerade weil sie falsch ist, ist es wichtig, dass sie gestellt wird und darüber ein Gespräch entsteht.

Über einige Fragen musste ich erst einmal nachdenken

In meinem Projekt zu Antisemitismus und Erinnerungskulturen bei der Amadeu Antonio Stiftung geht es genau darum, diese Art von „falschen“ Fragen entstehen zu lassen und sie zu erörtern. Ein Beispiel: In Halberstadt hat die Stiftung gemeinsam mit der Moses Mendelssohn Akademie eine Denkwerkstatt im Rahmen der Ausstellung „Hannah Arendt Denkraum“ durchgeführt. Schülerinnen und Schüler haben sich mit Gedanken der Philosophin Arendt beschäftigt. Sie haben sich gefragt, was diese Philosophie mit ihnen und ihrer Stadt zu tun hat. So kam es zu verschiedenen Gesprächen. Darunter waren auch einige über die Geschichte von Juden und Jüdinnen in Halberstadt, ihre Verfolgung und Vertreibung im Nationalsozialismus. Es fragte dann ein 16 jähriger Schüler: „Warum haben die Juden ihre Kinder nach Palästina geschickt, wenn die Araber auch Gaskammern hatten?“ Aber nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erwachsene stellen manchmal verblüffende Fragen. Häufig entbehren diese Fragen jeglichen Wissens. In vielen Fortbildungen für Lehrer und Lehrerinnen kamen auch Fragen und Aussagen auf, über die ich erstmal nachdenken musste: „Sie wissen es wohl, Sie kommen aus Berlin, sagen Sie mir, interessieren sich nicht alle Juden für Israel?“. Oder: „Die NPD ist doch eine demokratische Partei. Was soll ich da den Schülern sagen?“ Sowie: „Wir haben doch hier kein Problem mit Antisemitismus, es gibt hier keine Juden mehr.“

In Projekten um die konkrete Geschichte des Nationalsozialismus vor Ort, in der Arbeit mit Initiativen, die sich mit der lokalen Erinnerungskultur beschäftigen, und durch Fragen, wie die Menschen nach 1945 mit der Geschichte ihrer ermordeten Nachbarn umgegangen sind, entsteht ein Bild davon, wie unterschiedlich die Versionen der Erinnerung im Westen und im Osten waren.

Im Projekt entstehen zu diesen Themen Filme, Rap-Songs, Texte, Erinnerungsstätten, Webseiten und Netzwerke in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Viele Partnerorganisationen sind an diesem Projekt beteiligt, darunter das Alternative Jugendzentrum Dessau, der Arbeitskreis Stadtgeschichte in Salzgitter, das Projekt „für demokratie courage zeigen“ der Naturfreundejugend Niedersachsen, die KZ-Gedenkstätte Moringen, die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, die Moses Mendelssohn Akademie in Halberstadt, das Netzwerk Erinnerung und Zukunft in der Region Hannover, und der Verein „Miteinander: Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt. Förderung erhält das Modellprojekt durch das Bundesprogramm „Vielfalt tut gut“ wie auch durch die Ford Foundation, New York.

Dr. Andrés Nader



Den Originalartikel finden Sie in der Zeitung "Ermutigen - 10 Jahre Amadeu Antonio Stiftung" (PDF, 1.917 KB) (PDF-Dokument, 1.9 MB).

 

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