20 Jahre nach der Hetzjagd – Rassismus damals und heute

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

20 Jahre nach der Hetzjagd

v.l.n.r.: Hartmut Schulz, Lara-Sophie Milagro, Almuth Berger, Augusto Jone Munjunga, Hans Mai

 


Heute vor 20 Jahren wurde Amadeu Antonio von einem Mob Neonazis brutal zusammengeschlagen. Am 6. Dezember 1990 erlag er seinen Verletzungen. „Bis heute bleibt viel tun“.

„Bis heute frage ich mich, ob ich etwas hätte anders machen sollen“, gibt Hans Mai, ehemaliger Bürgermeister von Eberswalde zu. „Und ja, ich hätte die Hinterbliebenen viel mehr unterstützen sollen.“ Am 25. November 2010 treffen sich in Eberswalde viele Menschen und sprechen über den Mord an Amadeu Antonio vor 20 Jahren – und vor allem auch darüber, wie Rassismus bis heute präsent ist. Denn „leider war diese erste schlimme Gewalttat der Auftakt für viele folgende“, sagt Almuth Berger, ehemalige Ausländerbeauftragte des Landes Brandenburg.

Kein Halten mehr

Der ehemalige Arbeitskollege von Amadeu Antonio und Mitbegründer des Kulturvereins Palanca: „Wir hatten kaum Kontakt mit der Bevölkerung von Eberswalde. Sicherlich gab es Ausnahmen. Aber nach dem Übergriff wurde es schlimmer. Die Leute hatten sogar Angst, einer Schwarzen Person die Hand zu geben.“ „Ich habe schon vor der Tat schlimmsten Rassismus in der DDR erlebt. Dieser Deckel öffnete sich 1990“, sagt Hartmut Schulz, damals Kreisjugendwart. Und Mai pflichtet ihm bei: „Die vermeintliche internationalistische Freundschaft war begrenzt. Es gab einen latenten nazistischen Untergrund, der in der DDR totgeschwiegen wurde. Nach der Wende gab es kein Halten.“

Wo blieb der Aufschrei?

„Viele in Eberswalde waren froh, wenn sie das Problem verdrängen konnten“, erklärt Mai. „Nach dem Mauerfall war man in einem Vakuum.“ Eine Rechtfertigung könne das aber nicht sein. „Auch die nachträgliche Gerichtsverhandlung war gruselig. Die Anhänger der Naziszene sind unglaublich aufgetreten“, sagt Berger. „Im Gerichtssaal wurden keine niederen Beweggründe wie bei einem Mord angenommen. So sind die Strafen viel milder ausgefallen. Ist es nicht auch diese Atmosphäre, die Menschen ermunterte, ihrem Rassismus freien Lauf zu lassen?“ fragt Moderatorin Lara-Sophie Milagro, die mit ihrem Schauspielensemble Label Noir auch in Eberswalde auftrat, um auf Rassismus aufmerksam zu machen. „Es war ein schlechtes Zeichen. Das Urteil war zu lasch. Auch die Polizisten, die nicht eingeschritten sind, hätten zur Verantwortung gezogen werden müssen“, sagt Schulz.

Eine Zivilgesellschaft gab es damals nicht

„Die nächsten fünf oder sechs Jahre nach dem Mord war die Jugendarbeit sehr schwierig. Jugendarbeit war eine Auseinandersetzung zwischen links und rechts. Liebeskummer gab es auch, aber das andere war viel wichtiger“, erklärt Schulz. „Doch als erstes reagierten ebenjene Jugendlichen. Nicht die Politik, die Polizei, die Stadt oder sonst wer. Nein, die alternativen Jugendlichen fingen an, sich zu engagieren“, so Schulz weiter. „Die Zivilgesellschaft gab es damals nicht. Es gab Einzelne, aber keine organisierte Zivilgesellschaft. Es war eine schlimme Zeit. Ich denke, heute würden die Eberswalder anders reagieren“, beschreibt Mai die Situation. „Heute stehen die Leute auf und akzeptieren nicht, dass Neonazis demonstrieren wollen. Das heißt nicht, dass die Arbeit gegen Rassismus aufhört. Da müssen wir immer weiter machen“, fügt er hinzu.

Hat sich also etwas geändert?

„Als Schwarzer Mensch fühle ich mich immer noch unsicher. Aber es ist kein Vergleich mehr zu früher“, sagt Munjunga. „Wir haben uns bewusst entschieden, nicht aus Eberswalde fortzugehen. Wir wollen Eberswalde besser machen, es gehört nun mal zu unserem Leben. So gründeten wir den Palanca-Verein. Doch bis heute werde ich nicht als Deutscher anerkannt.“ Trotz der feindseligen Atmosphäre in Eberswalde zu bleiben und die Situation ändern zu wollen, weckt Respektsbekundungen aus dem Publikum.

Die Antwort steht noch aus

„Bis heute wird leider schnell nach dem starken Staat gerufen. Wir haben es auch nicht nur mit ein paar Jugendlichen zu tun. Wir sind mit vielen konfrontiert, die solche Meinungen vertreten“, gibt Berger zu bedenken. „Bis heute wird rassistisches Gedankengut vertreten und öffentlich von angesehenen Personen geäußert. Wenn das auf so viel Zustimmung stößt, wie es bei zum Beispiel bei Thilo Sarrazin der Fall war, dann wird es wieder gefährlich“, fügt sie hinzu. So wird am Ende der Diskussion klar, dass viel in Eberswalde passiert ist. Die eigene Rolle in dem rassistischen Klima nach dem Mord und die eigenen Versäumnisse werden reflektiert. Eine Zivilgesellschaft hat sich entwickelt. Doch ebenso wird deutlich, dass längst nicht alles geklärt ist. Ein Begleiter Amadeu Antonios in dieser schrecklichen Nacht vor 20 Jahren stellt die Frage, warum die Polizisten denn nicht eingeschritten sind. „Ich verstehe es nicht.“ Bis heute brennt diese Frage in ihm. Bis heute gab ihm niemand eine Antwort darauf.

Von Nora Winter
 

 

Kontakt

Amadeu Antonio Stiftung
Novalisstraße 12
10115 Berlin
 

info@amadeu-antonio-stiftung.de

Tel.:  ++49 (0)30. 240 886 10
Fax:  ++49 (0)30. 240 886 22

 

Spendenkonto

Amadeu Antonio Stiftung
GLS Bank Bochum
BLZ 430 609 67
Konto 6005 0000 00
IBAN: DE32 4306 0967 6005 0000 00
BIC: GENODEM1GLS