Eine Hoffnung

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

Eine Hoffnung

Anetta Kahane
 


Wenn heute jemand fragt, ob gegen Rechtsextremismus ein Kraut gewachsen sei, dann denke ich als allererstes an Eberswalde. Nur ein Kraut? Eher eine ganze Wiese. In Eberswalde kann jeder betrachten, wie es geht, eine Stadt der dumpfen, atmosphärischen Dominanz der Nazis wieder zu entreißen.


Eberswalde ist ein gutes Beispiel, ein Vorbild für andere Städte, in denen engagierte Menschen mitunter verzweifeln an der Hartleibigkeit von Vorurteilen, der Penetranz der Nazis und an der Ohnmacht oder gar Gleichgültigkeit der Gemeinden, der Verwaltung und ihrer Vertreter. Hier haben Bürgerinnen und Bürger das alles durchgestanden und nicht aufgegeben. Ein solches Loblied ist wichtig, wir tun das viel zu selten. Doch das Problem mit den völkischen Stimmungen ist auch in Eberswalde noch nicht überwunden. Die militanten Nazis sind weniger geworden, gewiss, und die Stadt hat auch dazu beigetragen, dass ihr Einfluss geschwunden ist. Doch die Quellen ihrer Gesinnung sind noch immer da: Rassismus und demokratiefeindliche Einstellungen sitzen tief.

Kein Einzelfall

Am 6. Dezember 1990 starb Amadeu Antonio, nachdem er von Nazis gejagt, eingeholt und geschlagen worden war. Als der entfesselte Mob wenig später auch in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen losschlug war klar, dass Amadeu Antonios Tod kein Einzelfall war, sondern mit dem äußerst aggressiven Klima in Ostdeutschland zu tun hatte. Da war es schwer, wie überall in den neuen Ländern so auch in Eberswalde die Vorraussetzungen für ein zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsextremismus zu schaffen. Wer ein Problem nicht wahrnehmen will, kann sich damit auch nicht auseinandersetzen. Doch glücklicherweise gab es in Eberswalde eine Reihe von Menschen, die sehr wohl wahrnehmen konnten und bereit waren, sich auf einen langen Weg zu machen. Eine zivile Gesellschaft gab es in Eberswalde nicht, nur einzelne Personen. Rassismus, so wie die selbstverständliche Anwesenheit von Nazibanden wurden von der Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner als trotziges Zeichen gegen die Folgen der Vereinigung verteidigt.

Engagement auf vielen Ebenen

Deshalb begannen die Engagierten mit Unterstützung der RAA zunächst mit Projekten in Kindergärten. Hier entstand für die Jüngsten und ihre Familien, für die Kindergärtnerinnen und die Verwaltung ein Modell, das die rigiden Erziehungsstile der DDR zugunsten demokratischer Öffnung zu überwinden half. Über viele Jahre arbeiteten die Stadt und Stiftungen hier zusammen und es entstand daraus früh eine Erfolgsgeschichte, die viele Familien erreichte und den Kindern sichtbare Anerkennungen und sogar interkulturelle Lerneffekte verschaffte. So konnte ohne das Wort Rechtsextremismus zu benutzen, mit dem Gedanken Demokratie wirklich zu leben in Eberswalde begonnen werden. Diesem Projekt folgten viele andere. So gründeten wir das Eberswalder Zentrum für Demokratie, Jugendarbeit und Schule, in dem auch andere Ideen der Schulöffnung und Demokratisierung des Alltags eingeführt werden konnten. In Gedenken an Amadeu Antonio beispielsweise förderte die 1998 gegründete Amadeu Antonio Stiftung einen Schüleraustausch mit Angola, unterstützte den afrikanischen Kulturverein Palanca e.V., spielte jeden Sommer Theater mit Eberswalder Laien, brachte Rock- und Hip-Hop-Künstler in die Stadt und veranstaltete mit den Jugendlichen vor Ort Workshops.

Die Bürgerstiftung als Motor

Als sich nach und nach immer mehr Menschen für den neuen Impuls der Öffnung interessierten war die Grundlage da, um in der Region eine Bürgerstiftung zu gründen. Die Amadeu Antonio Stiftung hat dafür gern das Stiftungskapital für die Barnim Uckermark Stiftung zur Verfügung gestellt und sie beim Aufbau eigener Strukturen unterstützt. Die Bürgerstiftung ist heute ein wichtiger Motor für die unterschiedlichsten Aktionen und Projekte. Hier werden Bürgerinnen und Bürger aktiv einbezogen, wenn Ideen für demokratische Alltagskultur entwickelt und umgesetzt werden.

Ideenwerkstatt, Veranstaltungsort und Treffpunkt für Jugendliche

Dass die Nazis jedoch keineswegs verschwunden sind, davon zeugen Überfälle wie der auf den Palanca e.V. und Anschläge auf den Imbiss am Bahnhof in Eberswalde. Um hier zu helfen, haben die Bürgerinnen und Bürger, das Projekt Opferperspektive und die Amadeu Antonio Stiftung mit dem Opferfond CURA Geld gesammelt. Und dass die NPD bei den Wahlen hier keine Chance bekam, hatte auch damit zu tun, mit wie viel Engagement hier die Kampagne „Kein Ort für Neonazis“ betrieben wurde. Die Sportfreunde Stiller kamen ins nicht weit gelegende Finowfurt, um mit Jugendlichen über ihren „Antinazibund“ zu sprechen und sie zu ermutigen, weiter gegen eine neue Nazigruppe im Ort aktiv zu bleiben. Immer wieder förderte die Stiftung auch Projekte zur Erinnerungskultur in der Stadt: Junge Leute arbeiten in den Baracken des ehemaligen Außenlagers des KZ Ravensbrück. Auch sie engagieren sich und machen gleichzeitig Angebote sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Das „Exil“ ist eine Mischung aus Ideenwerkstatt, Veranstaltungsort und Treffpunkt für Konzerte. Und es ist ein Ort des Gedenkens an die Opfer des Naziterrors.

Lippenbekenntnisse sind Heuchelei

Zwanzig Jahre sind seit Amadeu Antonios Tod vergangen. Inzwischen hat sich das Klima in Eberswalde verändert. Nun wissen wir, dass dies nicht von allein geschieht. Lippenbekenntnisse allein schaffen keine Veränderung – sie würden aus der Erinnerung an Amadeu Antonio nur Heuchelei machen. Das Andenken an den jungen Mann aus Angola kann nicht besser ausgedrückt werden, als durch gezieltes, engagiertes und lang währendes Handeln. Das macht die Tat nicht ungeschehen. Doch es ist eine realisierbare Antwort auf das Verbrechen. Und eine Hoffnung.

Von Anetta Kahane
 

 

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