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Willkommen in der Gerüchteküche

Willkommen in der Gerüchteküche!

Foto: JoDDiD (mit Künstlicher Intelligenz erstellt)

Warum wir anders über das Thema Desinformation sprechen müssen!

Die politische Bildung spricht notwendigerweise viel über Desinformation. Meist geht es dann um Fact-Checking-Tools oder Checklisten, die dabei unterstützen, die Vertrauenswürdigkeit einer Quelle einzuschätzen. Das sind wichtige und bewährte Ansätze, aber sie können erweitert werden. NetCitizens schaut über den Tellerrand der Rückwärtssuche für Bilder hinaus – hin zu Emotionen, Narrativen und Macht. 

Nimm Platz in unserer Gerüchteküche

Schauen wir gemeinsam in die Töpfe, riechen wir an den Gewürzen und werfen den Blick erst einmal auf die Frage, warum die alten Rezepte der Desinformation immer wieder so wirksam bleiben sind, auch dann, wenn niemand sie wirklich „isst“.

Im ersten Schritt schauen wir uns die Basis von dem Gericht an. Meist sind es alte Zutaten, die sich lange halten und auch schon lange im Umlauf sind. Sie stammen oft aus einem gut gefüllten Vorratsschrank in unseren Köpfen: Negative und diskriminierende Stereotype, Vorurteile und Narrative, die sich in unseren Gesellschaften hartnäckig halten und die immer wieder hervorgeholt werden. 

Foto: NetCitizens

Beispiel: Bürgergeldgerüchte in der Gerüchteküche – ein Gericht mit Geschichte

Foto: NetCitizens
Foto: NetCitizens

Um in der Gerüchteküche Desinformationsnarrative zu analysieren, nutzen wir die wichtigen und umfangreichen Faktenchecks – wie zum Beispiel vom BR-Faktenfuchs. Der Faktencheck zu Falschinformationen rund um das Bürgergeld dient als Grundlage, um die Gerüchteküche-Methode von NetCitizens zu beschreiben. Solche ausführlichen Berichte eignen sich gut für die Entwicklung von Methodeninhalten, da sie zentrale Narrative und ihre Wirkmechanismen sichtbar machen – und es ermöglichen, die Methode stets thematisch aktuell und zielgruppenspezifisch einzusetzen, statt ein starres Konzept zu reproduzieren.

Der Bericht beschreibt, dass es in der deutschen Gesellschaft seit Langem Vorurteile und falsche Behauptungen über arbeitssuchende oder arbeitslose Menschen sowie über Personen, die auf Unterstützung durch das Bürgergeld angewiesen sind – deutlich länger, als es TikTok und Co. gibt. Im ausführlichen Faktencheck des BR wird deutlich: Allein zwischen 1978 und 2001 gab es vier politische Debatten um angebliche „Faulheit“, fassen Politikwissenschaftler*innen in einem Papier zusammen. Schlagwörter wie „Freizeitpark Deutschland“ (Helmut Kohl) und „Kein Recht auf Faulheit“ (Gerhard Schröder) sind vielen bis heute im Gedächtnis. Diese Narrative stehen noch immer im Vorratsschrank – und genau dort greifen Desinformationsakteur*innen hinein, um sie immer wieder neu aufzukochen. Wie ein Grundnahrungsmittel halten sie sich lange im Vorratsschrank und stellen die Basis für Desinformationsnarrative. Doch wie in jeder Küche reicht die Zutat allein nicht aus.

Emotionen als Geschmacksverstärker

Erst durch die Gewürze erhält das Gericht seinen Geschmack. Die Basiszutat wird mit Emotionen gewürzt, damit die Richtung der Desinformation bestimmt wird und beim Empfänger andocken kann: Gerechtigkeitsgefühl, Misstrauen, Neid oder Abstiegsangst machen eine Behauptung schmackhaft, ja vielleicht für den Empfänger sogar plausibel, stärker als jede sachliche Widerlegung, auch weil sie verkürzte und einfache Antworten bieten, gerade wenn es um komplexe Themen wie zum Beispiel Sozialpolitik geht.

Sie verstärken und beeinflussen, wie (Des-)Informationen wirken und wo sie ansetzen. Problematische Bewertungen sind dadurch immer wieder präsent. Warum funktionieren diese Gewürze? Wie auch im Faktencheck vom BR beschrieben wird, neigen Menschen dazu, andere nach ökonomischen Kriterien zu beurteilen: Wer nicht „nützlich“ oder „profitabel“ erscheint, wird leichter abgewertet. Das zeigt die Machtstrukturen deutlich. 

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Die Utensilien: Strategien der Verbreitung

Foto: NetCitizens

Damit die Gerichte gekocht werden können, braucht es außerdem Utensilien – sprich: Strategien, um sie zu kochen. Desinformation wird in Kurzvideos gegossen, in vermeintliche „witzige“ Memes verpackt und am Ende werden diese in Talkshows wiederholt. Einzelfälle von Sozialleistungsbetrug werden immer wieder aufgewärmt, wie mit einem Nudelholz immer wieder ausgerollt, dadurch vergrößert oder mit einer Schere aus dem Kontext geschnitten. Dadurch werden diese genutzt, um zu pauschalisieren und zu verallgemeinern, aber vor allem komplexe Zusammenhänge radikal zu vereinfachen.

Wie mit einem Schneebesen werden Fakten und Meinungen miteinander vermischt, und zwar so, dass Meinungen als Fakten dargestellt werden. So entsteht etwas, das plausibel wirkt, obwohl die Grundlage längst widerlegt ist. Dann kommt das Servieren. Bestimmte Akteure, wie z.B. antidemokratische Parteien, rechts-alternative Medien oder Social-Media-Kanäle, bringen die Gerichte gezielt auf den Tisch, um Misstrauen zu säen und demokratische und Werte von sozialer Gerechtigkeit infrage zu stellen.

Desinformation wirkt auch ohne Glauben

Viele, die ein Gerücht weitererzählen oder teilen, sind dabei nicht die Köch*innen, also die Urheber*innen, aber sie verspeisen das Gericht. Das meint sinngemäß, dass ihnen das Gericht schmeckt, sie es also annehmen oder gar weitergeben. Das funktioniert, weil das Gericht ihrem Geschmack entspricht, da es an ihre Emotionen, Weltbilder oder laufende Debatten andockt.

Und schließlich das Essen selbst. Niemand muss das Gerüchte-Gericht tatsächlich glauben, damit es wirkt. Allein schon der Geruch reicht: Vorurteile werden bestätigt, Räume vergiftet, Diskurse verschoben. Plötzlich erscheinen politische Maßnahmen gegen Bürgergeldempfänger*innen plausibel, die zuvor kaum denkbar waren – etwa drastische Einschränkungen von Sozialleistungen.

Warum Faktenchecks allein nicht genügen

Foto: NetCitizens

Im letzten Schritt wird das Gericht serviert. Entscheidend ist, wer es auf den Tisch bringt und wie es angerichtet wird. Viele Gerichte entstehen nicht zufällig, sondern werden mit klarer Schädigungsabsicht gekocht und so inszeniert, dass sie Aufmerksamkeit erzeugen: durch Sprache, Bildsprache, Sounds oder Memes, die sich crossmedial verbreiten. Parasoziale Beziehungen verstärken die Wirkung. Denn wenn der „Koch“ jemand ist, dem ich vertraue, nehme ich das Gericht eher an. Und dann der Geschmack: Desinformation wird geglaubt oder entlarvt und dadurch abgelehnt – doch selbst abgelehnte Gerichte hinterlassen Spuren. Sie setzen Themen und verschieben Diskurse.

Faktenchecks allein reichen hier nicht aus. Schon gar nicht, wenn Künstliche Intelligenz die Grenze zwischen „wahr“ und „nicht wahr“ zunehmend verwischt. Selbst künstlich erzeugte Inhalte können zwar als solche erkannt wirken, aber dennoch wirken, da sie an dem Vorurteil oder einer einfachen Antwort andocken. In der Konsequenz entfalten also auch sie eine Wirkung. Deshalb brauchen wir nicht nur Faktenchecker*innen, sondern Restaurantkritiker*innen: Menschen, die Rezepte durchschauen, Wirkung erklären und Muster entlarven, also die Zutaten herausschmecken. Prävention heißt, nicht nur Zutaten zu prüfen, sondern die Küche hinter der Desinformation zu verstehen.

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