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Ausgezeichnet

Leuchtturm für Mut und Zivilcourage: colorido e.V.

Ein Hauptpreis geht an colorido e.V. aus Plauen

Die Demokratie, so der Staats- und Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde, lebt bekanntlich von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann. Demokratie ist kein starres System, dass immer gilt oder beständig ist, ihr Überleben ist abhängig davon, dass sich überall im Land Demokrat:innen zur Idee und zu den Werten der Demokratie bekennen und diese aktiv leben.
Vor dem Hintergrund eines seit Jahren erstarkenden Rechtsextremismus in Sachsen, ist dies wahrlich keine einfache Aufgabe. Oftmals gibt es zwar in den Großstädten dutzende Vereine oder Initiativen, die sich wahlweise gegen Rechtsextremismus oder für gleichwertige Lebensverhältnisse einsetzen, in den ländlichen Gegenden sind es dagegen häufig nur einzelne Vereine oder Initiativen, welche diese wichtige Arbeit leisten. Ein solcher Verein ist colorido e.V. aus dem Vogtlandkreis, der heute mit dem Hauptpreis des Sächsischen Förderpreis für Demokratie geehrt wird.
Der Verein existiert seit 2017 und ist ein Zusammenschluss verschiedener Menschen aus dem Vogtlandkreis. Jüngere und ältere Engagierte, die zusammen politische und geschichtliche Bildung betreiben und sich vor Ort für die Idee der Demokratie engagieren. Zu ihren Angeboten gehören zum Beispiel Gedenkveranstaltungen zur NS-Zeit, Kundgebungen im öffentlichen Raum als Anlaufstelle für Bürger:innen, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzen oder Theaterstücke, welche das Thema Flucht und Migration behandeln. Colorido e.V. schafft damit ein unverzichtbares Angebot für Menschen im Vogtlandkreis, dies sich engagieren oder bilden wollen. Der Verein und seine Engagierten setzt ein Zeichen für Mut und Zivilcourage und wendet sich damit gegen das menschenverachtende Streben der Rechtsextremen. Für dieses Engagement erntet colorido e.V. nicht nur Sympathien oder Unterstützung. Der Verein berichtet immer wieder von verschiedenen Hindernissen bei der Arbeit, die sowohl von militanten Rechtsextremen als auch von einer mangelnden Unterstützung der staatlichen Strukturen ausgehen können. Umso wichtiger ist es heute, den Mitgliedern des Vereins und den Engagierten eine breite Würdigung zukommen zu lassen und laut und deutlich DANKE für ihre wichtige Arbeit zu sagen.

Timo Reinfrank

Eine Nachbarschaft sieht hin: Die Initiative Bring Back Our Neighbours

Unser zweiter Hauptpreisträger 2021 ist die Initiative Bring Back Our Neighbours

Bring Back Our Neighbours

„Je größer das Elend und die Unterdrückung in den einschlägigen Herkunftsstaaten, umso härter und rücksichtsloser die Politik, mit der die EU und ihre Mitgliedstaaten die Abwehr von Geflüchteten betreiben. Wo sie nicht schon vor den Grenzen der EU vertrieben und ihrem Schicksal überlassen werden, müssen Flüchtlinge in Mitgliedsstaaten wie etwa Griechenland meist unter Umständen leben, die jedem Menschenrecht spotten.
 
Der Familie Immerlishvili aus Georgien war es in acht langen Jahren in Sachsen gelungen, sich eine menschenwürdige Existenz aufzubauen. Beide Eltern berufstätig und im Bereich der Pflege ehrenamtlich engagiert, die älteste Tochter auf dem Gymnasium, Eltern und Kinder allenthalben geschätzt und beliebt. Trotzdem wurde sie noch vor der endgültigen Bescheidung ihres auf die Gewährung eines Bleiberechts gerichteten Antrages im Juni 2021 aus Sachsen in ihr Herkunftsland Georgien abgeschoben, in dem 5 der Kinder der Familie noch nie gewesen waren und dessen Sprache ihnen fremd war.
 
Aber die Familie hatte Glück im Unglück, nämlich eine Nachbarschaft, die sich nicht mit dem Satz „Da kann man halt nichts machen“ abfinden wollte. Sie organisierte lautstarke Proteste und Demonstrationen gegen das Vorgehen  der Behörden, verfasste empörte Petitionen an die Adresse der Politik und sorgte mit einer immer größer gewordenen Schaar von Mitstreiterinnen und Mitstreitern erfolgreich für öffentliches Interesse am Schicksal der abgeschobenen Familie.
 
Am 13.08.2021 entschied das zuständige Oberverwaltungsgericht in Sachsen zugunsten der Wiedereinreise der abgeschobenen Familie.
 
Mit der Kraft und Beharrlichkeit ihres Engagements hat die Initiative „Bring Back Our Neighbours“ bewiesen, dass Widerstand gegen behördliche Flüchtlingsfeindschaft nicht von vornherein aussichtslos sei muss – ein großes Verdienst.“

Rupert von Plottnitz

 

If the kids are united!: Roter Baum e.V. Zwickau

Ein Anerkennungspreis geht an Roter Baum e.V. Zwickau

Im Verein Roter Baum e.V. aus Zwickau engagieren sich junge Menschen für eine weltoffene, couragierte und tolerante Gesellschaft. Ehrenamtlich adressieren die Mitglieder des Vereins – über Geschichtswerkstätten, Kunst und Kultur, Veranstaltungen, Lesungen, Workshops oder über eine „Volxküche“ mit gemeinsamem Kochen – Fragen von Rassismus und Rechtspopulismus. Wer einen Einblick erhalten möchte, sollte unbedingt dem Instagram-Account roterbaumzwickau folgen, und sieht „alternative, tolerante & couragierte Jugendkultur in Zwickau“ in Aktion.
Besonders hervorzuheben ist das unermüdliche Engagement zur Aufarbeitung des NSU-Komplexes durch die Engagierten bei Roter Baum e.V. Der Verein trägt bis heute wesentlich zur Aufarbeitung des NSU-Terrors und dem Umgang in der Stadt mit den Geschehnissen bei. Engagierte junge Menschen im Raum Zwickau organisieren dazu seit vielen Jahren spannende und interaktive Formate, die die Perspektive der Opfer ins Zentrum rücken, die eigene Debattenkultur kritisch hinterfragen und sich so für Vielfalt, Toleranz und gegen Rechtsextremismus einsetzen. Auslöser für dieses Engagement war die Enttarnung des NSU durch eine Explosion in der Zwickauer Frühlingsstraße im Jahr 2011. Seitdem beschäftigt sich der Verein mit der Aufarbeitung der Geschehnisse, dem Gedenken und dem Ziel, gemeinsam mit jungen Menschen ein Zeichen für Frieden, Weltoffenheit und Toleranz zu setzen – denn in Zwickau gibt es ein großes Potenzial für kulturelle Vielfalt!
Dieser Preis und die Auszeichnung soll Euch, die Engagierten im Verein Roter Baum e.V. darin bestärken und ermutigen, sich weiter für Demokratie, gegen Rassismus und Rechtspopulismus einzusetzen. Er soll ein Zeichen dafür sein, dass die Aufarbeitung und das Sprechen über den NSU-Komplex nicht abgeschlossen ist – der Dialog über die Geschehnisse, die Erinnerung an die Opfer und die politischen und gesellschaftlichen Lehren müssen Teil der Erinnerungs- und Debattenkultur sein. Und dieser Preis soll auch anerkennen, dass das Engagement während der Corona-Zeit digital erhalten wurde und ermutigen, weiterzumachen. Es braucht Euch!

Raphaela Schweiger

Die Spreu vom Weizen: Die Rederei gUG

Die Rederei gUG aus Dresden erhält einen Anerkennungspreis

Schon immer versuchten Menschen Fakten zu manipulieren, sei es aus eigenen oder Machtinteressen. Am erfolgreichsten waren damit bisher die Nazis. Der Versuch unter Leugnung der Geschichte ein komplettes Weltbild zu verändern, hat geklappt. Menschen glaubten, verdrängten, was nicht sein durfte und folgten ihrem Führer in den Untergang. Heute sind die Möglichkeiten vielschichtiger und nicht minder gefährlich. Für eine freie Gesellschaft ist eine freie Presse unabdingbar. Sie fördert demokratischen Diskurs und bildet ein Korrektiv. Heute wird sie von Verschwörungstheoretiker*innen und politischen Extremist*innen als „Lügenpresse“ diffamiert. Die Aussenwelt wird als feindlich empfunden, die eigene Wahrheit zählt. Fakenews können Wahlen beeinflussen und stellen damit eine Gefahr für die Demokratie dar. In meiner Generation war es einfach. Sender wie der WDR galten als „Linksfunk“, der Bayerische Rundfunk als verlängertes Sprachrohr der CSU. Egal welche Ausrichtung, meist wurde sauber recherchiert und bei der Darstellung der Fakten geblieben. Politische Meinungsbildung war einfacher. Heute prasselt eine Flut von Informationen auf die Menschen ein. Für Heranwachsende ist es schwer, daraus diejenigen zu ziehen, die relevant oder faktenbasiert sind. Dabei ist die Entwicklung im schulischen Bereich den Vermittelnden oft voraus. Sie können mit der jeweils jüngsten Generation nicht mithalten. Und diese sogenannten „Digital Natives“ sind zwar fit in Technik und Gaming, aber kaum gewappnet gegen Fakenews. „Spreu X Weizen“ bringt Medien und Journalismus spielerisch in Schulklassen und wollen zum kritischen Nachrichtenkonsum anregen. Dabei verbinden sie klassische mit sozialen Medien, vermitteln Arbeitsabläufe einer Redaktion, oder Recherchemöglichkeiten, mit denen Nachrichten überprüft werden können. Sie stellen Konzepte bereit, die den Unterricht zeitgemäßer machen. Auch ein App-basiertes Spiel gehört dazu. „True Fake“ zeigt, welche weitreichenden Folgen Nachrichten auf gesellschaftliche Abläufe haben. Um zu gewinnen müssen beim Faktencheck traditionelle journalistische Methoden angewendet und Fakenews als solche enttarnt werden. „Spreu X Weizen“ reagiert schnell und flexibel auf aktuelle Trends. Eine serviceorientierte Webseite gibt Informationen über Faktenfinder und alternative Suchmaschinen. Damit erfüllen sie eine wichtige zivilgesellschaftliche Aufgabe und werden dafür mit dem Sächsischen Förderpreis für Demokratie ausgezeichnet.

Arno Köster

United with Pride -From Chemnitz with Love: CSD Chemnitz e.V.

Der CSD Chemnitz e.V. erhält einen Anerkennungspreis

© CSD Pirna e.V.

Queere Aktivist*innen haben den CSD vor neun Jahren in Chemnitz initiiert. Seit 2016 haben sie einen eigenen Verein gegründet, der sich im bundesweiten Netzwerk engagiert. Besonders eng ist der Austausch mit dem Düsseldorfer CSD: Beiden Vereinen ist die Solidarität mit LGBTQI in Osteuropa ein Herzensanliegen.
Der Chemnitzer CSD legt Wert darauf, nicht als Partyveranstalter, sondern als öffentlichkeitswirksame Plattform für politische Forderungen gesehen zu werden. Aktuell setzen sich die Vereinsmitglieder für eine*n Diversity-Beauftragte*n bei der Stadtverwaltung ein. Immer mehr junge und immer mehr Trans-Menschen trauen sich mit ihrer sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlicher Identität in die Öffentlichkeit. Wichtiger Kooperationspartner vor Ort ist der Verein Different People, der mit Bildung, Beratung und Vernetzung darauf hinwirkt, dass Menschen in Chemnitz ohne Angst verschieden leben und lieben können.
Der CSD selbst wurde 2017 letztmalig durch Rechtsextreme gestört. Angriffe auf Einzelne oder auf Anlaufstellen gibt es allerdings immer wieder. Auch sichtbar Queere müssen durchaus mit alltäglichen Anfeindungen rechnen. Dass die Akzeptanz von Vielfalt in Chemnitz insgesamt spürbar zugenommen hat, ist auf das ehrenamtliche Engagement der Aktivist*innen zurückzuführen.
Dem CSD Chemnitz wünschen wir weiterhin einen langen Atem und politische Erfolge ihres Engagements für eine offene Stadtgesellschaft ohne Homo- und Transphobie mit einer lebendigen internationalen Verbundenheit.
Herzlichen Glückwunsch zur Nominierung!
Dr. Pia Gerber

Wegziehen ist keine Option: SAft e.V. -Solidarische Alternative für Taucha

Ein Anerkennungspreis geht an SAfT e.V.

Die Initiative SAfT e.V. aus Taucha bei Leipzig kämpft vor Ort für eine aktive Zivilgesellschaft und gegen rechte Tendenzen
Taucha ist eine Kleinstadt im Norden von Leipzig. In ihr leben etwas mehr als 15.000 Menschen. Die Großstadt Leipzig und Taucha sind mit einer Straßenbahnlinie verbunden. Taucha liegt im Landkreis Nordsachsen. Trotz der Nähe zu Leipzig und seiner vitalen, demokratischen Zivilgesellschaft ist der Landkreis ein Hotspot des Rechtsextremismus. 2020 wurden im Landkreis relativ zur Bevölkerungsanzahl die dritthäufigsten rechtsextremen Straftaten in Sachsen verübt. Die AfD errang bei den Bundestagswahlen 27,2 Prozent der Zweitstimmen und gewann das Direktmandat. In Taucha und an anderen Orten berichten Bewohner:innen von regelmäßigen Übergriffen durch Neonazis. Propagandaaktionen nehmen zu und das Unsicherheitsgefühl der Menschen steigt.
Diesen Zustand nicht hinzunehmen, dagegen etwas zu unternehmen, das sind die Ziele des Vereins SAfT e.V. aus Taucha. Hier haben sich Menschen zusammengeschlossen, die in Taucha wohnen, arbeiten oder hier regelmäßig zu tun haben. Sie wollen für die Gefahren des Rechtsextremismus sensibilisieren, sie wollen Anlaufstelle für jene sein, die sich mit Rechtsextremismus oder Rassismus nicht zufriedengeben und sie wollen ein Netzwerk bilden. Es ist beeindruckend, was die Engagierten von SAfT e.V. in wenigen Jahren geleistet haben.
Mit einer aktuellen Chronik von rechtsextremen, rassistischen oder antisemitischen Vorfällen schafft es Saft e.V., dass eine Öffentlichkeit die Probleme sieht und sich dazu verhalten muss. Thematisiert werden aber nicht nur aktuelle Formen des Rechtsextremismus, es wird sich auch mit der NS-Vergangenheit auseinandergesetzt. So lebten zum Kriegsende 1945 5.000 Zwangsarbeiter:innen in Taucha. An diese Menschen zu erinnern, ihre Geschichten zu erzählen und sich mit den Täter:innen-Orten auseinander zu setzen, ist ebenso Bestandteil der Initiative.
Gebe es SAft e.V. in Taucha nicht, würden nicht nur Neonazis ungestört agieren können, entstünde auch kein Mut und kein Impuls für Veränderung in der Stadt. Mit einem Anerkennungspreis des Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2021 würdigt die Jury das Engagement von SAft e.V. und wünscht dir der Initiative viel Kraft für die nächsten Jahre!

Dirk Oelbermann

Vom Lernen und Verlernen: ASA FF e.V.

Den zum ersten Mal ausgelobten Peter-Henkenborg-Preis für die Didaktik der politischen Bildung erhält ASA FF e.V. aus Chmenitz

© Projekt "Offener Prozess" / ASA-FF e.V.

In der politischen Bildung geht es um die Stärkung demokratischer Kompetenzen, um selbstbestimmte politische Urteils- und Handlungsfähigkeit. Es geht darum, sich in der zur Unübersichtlichkeit neigenden politischen Gegenwart zurechtzufinden – sich selbst zu positionieren und sich für eigene Interessen einsetzen zu können. Mit dieser Beschreibung biete ich Ihnen keine Neuigkeiten. Das alles ist bekannt. Es führt aber nicht selten dazu, dass wir uns politische Bildung als einen Prozess beständiger Informationsaufnahme vorstellen. Dass wir in diesem Bildungsbereich auf die Vermittlung von Strukturen, Verfahren und Begriffe setzen und dann hoffen, die in dieser Weise Gebildeten mögen die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Mehr Bildung ist immer besser als weniger. Aber ist das wirklich so? Weniger im Blick haben wir, wenn wir über politische Bildung nachdenken, dass es auch um Werte und Einstellungen geht. Das mit den Werten und den Einstellungen ist schließlich auch schwierig. Politische Bildung ist immerhin auf demokratische Selbstbestimmung gerichtet. Sie ist nicht neutral – aber doch überparteilich und nicht paternalistisch. Sie weiß nicht alles besser und bevormundet nicht. Über was wir in der politischen Bildung nichts desto trotz dringend nachdenken müssen ist, ob neben dem Lernen nicht auch das Verlernen eine wichtige Bedeutung hat. In der politischen Bildung wissen wir über diesen Zusammenhang bislang noch nicht sehr viel. Deshalb ist es umso bemerkenswerter sich mit dem Methodenhandbuch des Vereins ASA FF zu beschäftigen. Es trägt den Titel „Vom Lernen und Verlernen“, ist in Kollaboration mehrere Autor:innen und Initiativen entstanden und auf eben diese Fragen gerichtet.

Das Ziel dieses Handbuchs ist es, die gesellschaftliche Debatte über die Taten des NSU, das Erinnern an die Opfer und die weiterhin bestehende rechtsextreme Bedrohung wach zu halten. Das klingt auf den ersten Blick auch nach so etwas wie Wissensvermittlung – ist es aber nicht. Denn im Zentrum dieses Materials stehen nicht Täter:innenperspektiven, sondern die Perspektiven der Betroffenen. Es geht nicht um Information allein, sondern um die Vermittlung von Empathie und die Förderung des Perspektivwechsels. Das Ganze ist durchaus ambitioniert. So ist das Material beispielsweise nahezu barrierefrei, in verschiedenen Sprachen und - zumindest die Filme - auch mit einer Audiodeskription erschienen. Die vorgestellten Methoden sind abwechslungsreich und reichen von Rollenspielen über Stadtspaziergänge bis hin zu Film- und Textarbeit u.Ä. Der NSU-Komplex wird mit Rassismus, Ideologien der Ungleichwertigkeit, Antiziganismus und anderen Phänomenen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Verbindung gebracht und die Bedeutung der Thematik so in einen größeren gesellschaftlichen Kontext eingeordnet. Die didaktische Aufbereitung ist sowohl in Quantität als auch in Qualität vor dem Hintergrund aktueller wissenschaftlicher/fachdidaktischer Diskurse um Rassismus(kritik) wirklich vorbildlich.

Prof. Dr. Anja Besand

Die Geschichte der Migrantin:innen: Stadt Hoyerswerda

Die Stadt Hoyerswerda erhält den Titel "Kommune der Demokratie"

Eine Stadt und ihre Bewohner:innen im Wandel: Hoyerswerda in Sachsen
Hoyerswerda im heutigen Landkreis Bautzen wurde im September 1991 Schauplatz mehrtägiger rassistischer Pogrome. Zwischen dem 17. und 23. September griffen Neonazis die Wohnheime von ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter:innen und Geflüchteten an. Viele Anwohner:innen standen daneben und applaudierten. Die Polizei zeigte sich unfähig, die Lage zu beruhigen. Am Ende entschied die Stadt, die Migrant:innen mit Bussen zu evakuieren. Die Pogrome standen damals sinnbildlich für den erstarkenden Rechtsextremismus in der Bundesrepublik der 1990er Jahre. 30 Jahre später hat sich in der Stadt einiges getan.
In der Nähe der ehemaligen Unterkünfte der Migrant:innen von 1991 wurde in den letzten Jahren ein Denkmal errichtet. Hier kann man sich zu den Pogromen und ihren Hintergründen informieren. Die Stadt hat heute, anders in den 1990er Jahren, eine aktive Zivilgesellschaft, die sich sowohl für das Gedenken als auch für die Auseinandersetzung mit Rassismus und Rechtsradikalismus einsetzt. Anlässlich des 30. Jahrestages der Pogrome wurde in einem zentralen Einkaufzentrum der Stadt mit Schautafeln die Geschichten der ehemaligen migrantischen Bewohner:innen erzählt. Zudem sprachen die Opfer von damals als Zeitzeugen in Veranstaltungen. Dieser Schritt mag aus demokratischer Perspektive selbstverständlich sein. Für den Umgang in Ostdeutschland mit rechter Gewalt stellt dies durchaus eine neue Entwicklung dar. Städte wie Hoyerswerda in Sachsen oder Rostock in Mecklenburg-Vorpommern betonten lange Zeit die eigen Opferrolle, so dass kein Platz für die Geschichten der Migrant:innen blieb. Dies hat sich nun in Hoyerswerda geändert.
2014 wurde in der Stadt erstmals nach den Pogromen wieder eine Unterkunft für Geflüchtete errichtet. Zwar blieb die Angst vor der Rückkehr der rassistischen Gewalt, zugleich engagierten sich aber Anwohner:innen, beispielsweise im Verein „Hoyerswerda hilft mit Herz“ für die neu ankommenden Menschen. Seit November 2020 hat die Stadt eine neue Rathausspitze. Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh spricht sich für eine offene Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte der Stadt aus. Ruban-Zeh will auch das Gedenken mit Orten wie Mölln, Solingen oder Rostock verbinden, so dass eine gemeinsame Aufarbeitung der rechtsradikalen Gewalt der 1990er Jahre entstehen kann. Vor Ort Aktive sehen sich zudem stärker als in früheren Jahren durch die Verwaltung und Kommunalpolitik unterstützt. Fraglos bleibt noch viel zu tun in Hoyerswerda. Wahlergebnisse für die AfD zeigen ähnliche Probleme wie an anderen Orten in Sachsen.
Die Stadt Hoyerswerda und ihre engagierten Bewohner:innen werden heute mit dem Preis „Kommune der Demokratie“ des Sächsischen Förderpreis für Demokratie ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch!

Benjamin Winkler

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