Die angebliche Verschwörung unter den Staaten – Verschwörungserzählungen im Kontext des eskalierenden Konflikts im Nahen Osten
(Ein Beitrag von Benjamin Winkler)
Am 28. Februar 2026 griffen die Staaten Israel und USA den Staat Iran an. Laut Darstellung der Militärs von USA und Israel wollte man damit den Plänen des Iran zuvorkommen, Nuklearwaffen zu erhalten sowie zu einer nuklearen Bedrohung in der Region zu werden. Unabhängig davon, wie man die Kriegsgründe der USA oder Israels bewertet, soll der folgende Artikel darstellen, wie sich durch die Ereignisse erneut verschiedene Verschwörungserzählungen im Netz verbreiten. Durch diese werden nicht nur die USA oder Israel diffamiert, die Verschwörungserzählungen verbreiten auch Hass gegenüber jüdischen Menschen und sollten deshalb ernst genommen werden.
Eine gängige Erzählung, die nun wieder beobachtet werden kann, ist die Vorstellung, dass die USA heimlich durch Israel, beziehungsweise bestimmte Gruppen in Israel gelenkt werden. Demnach sei es diesen Gruppen gelungen, großen Einfluss auf die militärische Supermacht auszuüben, so dass sich die US-Regierung, trotz mehrheitlicher Ablehnung unter MAGA-Republikaner*innen, für den Kriegseintritt entschieden habe. Genähert werden solche Verschwörungserzählungen nicht nur durch die iranische Kriegspropaganda, sondern ebenso durch westliche Verschwörungsideolog*innen.
Eine andere Erzählung knüpft direkt an klassische antisemitische Mythen an. Demnach übe das kleine Israel die eigentliche Weltkontrolle aus. Nicht nur, indem es Einfluss auf die USA nimmt, sondern auch durch die weltweite Kontrolle über Medien, Wissenschaft oder Unternehmen. Diese Erzählung ähnelt der im 19. oder 20. Jahrhundert verbreiteten Vorstellung, dass Jüdinnen und Juden heimliche Weltverschwörer seien.
Das deutsche Medium COMPACT titelte bereits 2025, dass eine jüdische Gruppe in Israel den Krieg mit der Hamas als Signal einer kommenden Apokalypse und der Ankunft eines neuen jüdischen Mesias betrachten würde. Dadurch entstand der Eindruck, die Menschen in Israel handeln aufgrund von religiösen Endzeitvorstellungen.
Bereits nach dem 7. Oktober 2023, als die terroristische Hamas einen barbarischen Terroranschlag gegen Israelis beging, die an der Grenze zum Gazastreifen lebten, hieß es, Israel habe die Aktion der Hamas bewusst nicht gestoppt, um später einen Vorwand für eine Invasion des Gazastreifens zu haben. In Bezug auf die offen artikulierten Pläne des Iran, Israel vollständig vernichten zu wollen, heißt es immer wieder, dies basiere auf einem Übersetzungsfehler, den Israel geschickt inszeniert habe. Unabhängig davon schießen die iranischen Revolutionsgarden nahezu täglich Raketen auf israelische Siedlungen.
Für viele Menschen in den westlichen Ländern erscheint zudem das kleine Israel als permanenter Unruhestifter. Bereits der Dichter Günther Grass nannte Israel in seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ eine Gefahr für den Weltfrieden. Auch in der deutschen Bevölkerung sinkt das Vertrauen gegenüber Israel. Insbesondere junge Menschen scheinen sich lieber mit den Palästinenser*innen solidarisieren zu wollen, als zu versuchen, die israelische Perspektive zu verstehen. Die Folge sind auch in den westlichen Staaten, steigende Fallzahlen beim Antisemitismus sowie eine permanente Terrorgefahr für Jüdinnen und Juden.
Die Verschwörungserzählungen im Kontext des Konflikts erschweren eine sachliche Analyse der Ursachen sowie auch das Finden von Lösungen. Zum Teil beruhen die Erzählungen auf Mythen, die jahrhundertealt sind und die eine tief verankerte Judenfeindschaft transportieren. Es sei daran erinnert, dass es bereits zu Zeiten des Nationalsozialismus feste Beziehungen zwischen deutschen Antisemit*innen und arabischen Bewohner*innen Palästinas gegeben hat. Europäische Hetzschriften wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ verbreiteten sich auch in arabischen Ländern und näherten ein grundlegend judenfeindliches Denken. Zum anderen basieren die Erzählungen auf tatsächlich bestehenden Konfliktlinien und vielen ungeklärten Fragen im Konflikt beziehungsweise Krieg zwischen Israel, Palästina und den anderen arabischen Staaten. Auch hier tritt ein universelles Muster jeglicher Verschwörungserzählungen auf, dass die einfache Schuldzuschreibung an eine Gruppe oder einen Staat einfacher ist, als die Dinge differenziert und in ihrer Komplexität zu beurteilen. Auch die bei vielen Menschen tiefsitzenden Vorurteile gegenüber den USA oder “dem Westen” scheinen besondere Wirkung zu hinterlassen. Unabhängig von der Tatsache, dass die USA in der Region diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen mit verschiedenen Staaten unterhalten, sehen viele nur die Zusammenarbeit zwischen den USA und Israel. Mit dem Blick auf die Drohnen- und Raketenangriffe des Iran auf Staaten wie Kuwait, Saudi Arabien oder Katar werden auch andere US-Verbündete getroffen.
Für den deutschsprachigen Raum ergeben sich nun drei klare Probleme beziehungsweise Herausforderungen. Erstens besitzt Deutschland besondere Beziehungen zu Israel und seinen jüdischen, wie nicht-jüdischen Bewohner*innen. Verschwörungserzählungen gegenüber Israel erschweren nicht nur die Fortsetzung verschiedener Programme, sie zerstören auch langjährige Netzwerke und Beziehungen. Zweitens, Jüdinnen und Juden in Deutschland berichten von einer Zunahme des Antisemitismus, wenn im Netz eine neue Welle des verschwörungsideologischen Hasses gegen Israel oder gegen das Judentum beobachtet werden kann. Drittens, gerade in den sozialen Medien bilden Verschwörungserzählungen gegen Israel oder die USA so etwas wie eine niedrigschwellige Einstiegsmöglichkeit in radikale Ideologien. Schnell landet man in den sozialen Medien oder im Internet bei klassischen Antisemitismus sowie Vernichtungsphantasien gegenüber Jüdinnen und Juden. Für Fachkräfte, wie beispielsweise Lehrkräfte oder Jugendarbeiter*innen gilt daher, achtsam zu sein. Es ist verständlich, wenn zum Beispiel Jugendliche Israel kritisieren oder Solidarität mit den Bewohner*innen in Palästina üben. Eine Grenze ist aber dann erreicht, wenn Israel einseitig verurteilt wird und wenn Verschwörungserzählungen gegenüber Israel verbreitet werden. Zudem sollte darauf geachtet werden, dass das Gedenken an den Holocaust nicht instrumentalisiert wird. Menschenrechtsverletzungen oder Kriegsverbrechen im aktuellen Konflikt oder Krieg sind nicht geeignet, um diese mit dem eliminatorischen Charakter des Antisemitismus des Nationalsozialismus zu vergleichen. Um zwischen legitimer Kritik an Israel oder den USA und Antisemitismus unterscheiden zu können, sollte die deutschsprachige Webseite der IHRA genutzt werden. Hier findet sich nicht nur eine Definition des Antisemitismus, die von zahlreichen Expert*innen sowie auch Nationalstaaten anerkannt wird, die Webseite enthält auch diverse Beispiele, die Einblick in die Anwendung der Definition im Alltag geben.


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