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Mythenbildung statt Transparenz: Die Debatte um die Epstein-Files

Mit der erneuten Freigabe von Akten im Fall Jeffrey Epstein werden einzelne Aspekte zunehmend als Bestätigung von Verschwörungshypothesen gedeutet. Dabei drohen nicht nur die Perspektiven der Betroffenen aus dem Blick zu geraten.

Von der Fachstelle Entschwörung

„Because she deserves the truth.“ Mit dieser Kampagne fordern Überlebende des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein die vollständige Offenlegung aller Akten und Reformen bei Verjährungsfristen. Sie sprechen stellvertretend für die geschätzt mehr als 1.000 Betroffenen, die von Jeffrey Epstein und seinem Umfeld systematisch sexuell ausgebeutet wurden. Jahrzehntelang wurden ihre Aussagen angezweifelt, Taten verharmlost, Betroffene diskreditiert.

Ende Januar 2026 wurde der bislang größte Datensatz mit Millionen Seiten an Gerichtsunterlagen, Fotos und weiteren Materialien öffentlich zugänglich gemacht. Viele der Dokumente sind geschwärzt und juristisch komplex. Häufig ist nicht erkennbar, was tatsächlich belegt ist und was auf Vorwürfen oder prozessualen Darstellungen beruht. Neue juristische Konsequenzen ergeben sich daraus bislang nicht.

Während weiterhin Dokumente zurückgehalten und mutmaßliche Täteridentitäten geschützt werden, wird das Leid der Überlebenden zur Projektionsfläche. In sozialen Medien reagieren Memes mit Spott auf verstörende Inhalte, KI-generierte Fakes verwischen die Grenze zwischen Realität und Fiktion, politisch motivierte Kampagnen überlagern die Stimmen der Betroffenen. Zugleich führen unzureichend geschwärzte intime Aufnahmen, die Nennung persönlicher Daten und die mediale Weiterverbreitung sensibler Informationen zu erneuter Belastung und möglicher Retraumatisierung.

„Flood the zone with details.“

Die Mischung aus unvollständigen Informationen, schockierenden Details und fehlender Einordnung schafft Raum für Spekulationen. In der öffentlichen Debatte verschiebt sich der Fokus dadurch von der Aufarbeitung hin zur Frage, ob die neuen Dokumente alte Verschwörungserzählungen bestätigen. Tatsächlich vereint der Fall viele Elemente, die solchen Deutungen einen Nährboden bieten: ein System sexualisierter Gewalt an Kindern, Mädchen und jungen Frauen, enge Kontakte zu politisch und wirtschaftlich einflussreichen Personen, dokumentierte Vertuschungen, geschwärzte Akten und Geheimdienstverbindungen. Hinzu kommt, dass Epsteins jüdische Herkunft in antisemitischen Deutungen als scheinbares Indiz für eine umfassende Weltverschwörung herangezogen wird. Seine einflussreichen Kontakte, etwa zum früheren israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak, sind unstrittig und müssen kritisch aufgearbeitet werden. In sozialen Medien werden sie jedoch als Beleg für die alte Erzählung einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung umgedeutet.

Für Behauptungen über rituelle Praktiken oder globale „Kinderblut“-Komplotte finden sich in den bekannten Akten keinerlei belastbare oder durch unabhängige Quellen bestätigte Hinweise. Werden jedoch besonders schockierende, schwer einzuordnende Details verbreitet, verstärkt dies Narrative wie solche der QAnon-Bewegung, die Epstein als Teil einer satanischen, kindermordenden Elite darstellen. So entstehen mythische Gut-gegen-Böse-Erzählungen, die strukturelle Zusammenhänge überdecken. Organisierte sexualisierte Gewalt ist jedoch kein Ausnahmephänomen. Verfahren wie im Fall Gisèle Pelicot oder das sogenannte Telegram-Vergewaltiger-Netzwerk zeigen, dass es sich weder um vereinzelte Skandale noch um ein exklusives Verbrechen reicher Eliten handelt. Sexualisierte Gewalt ist strukturell verankert und bleibt oft unsichtbar, bis Betroffene sich Gehör verschaffen oder Zufälle sie ans Licht bringen.

In der großen Menge an Dokumenten lassen sich fast immer Details finden, die bestehende Verschwörungsmythen zu stützen scheinen. Die öffentliche Spurensuche vermittelt das Gefühl, selbst etwas aufdecken und der juristischen Ohnmacht etwas entgegensetzen zu können. Dadurch entsteht eine Dynamik, in der viele versuchen, besonders spektakuläre oder schockierende Passagen zu finden und weiterzuverbreiten. Der Zusammenhang geht dabei häufig verloren. Schon die bloße Erwähnung eines Namens wird als Hinweis auf Schuld verstanden, obwohl dahinter mitunter banale Gründe stehen können. So scheint das Netzwerk mit jedem genannten Namen größer zu werden, ohne dass zwischen formaler Erwähnung und tatsächlicher Beteiligung unterschieden wird.

Die Suche nach einfachen Antworten macht auch radikale Lösungsversprechen attraktiv. Für rechtsextreme Milieus sind die „Files“ deshalb besonders anschlussfähig. Sie knüpfen an bekannte Narrative an: das Feindbild der „Eliten“, antisemitische Deutungen, tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und die moralische Mobilisierung unter dem Schlagwort „Kinderschutz“. Epsteins Machtverflechtungen werden als Beleg für eine globale Verschwörung gedeutet und genutzt, um autoritäre Gesellschaftsvorstellungen zu stärken. Solche Fantasien sorgen also nicht für Aufklärung, sondern stärken genau die Machtstrukturen, in denen Missbrauch möglich ist und Gewalt verborgen bleibt.

Der eigentliche Skandal

Viele der in den Akten Genannten betonen heute, sie seien sich keiner Schuld bewusst. Unwissenheit mag im Einzelfall denkbar sein. Angesichts der Dokumente stellt sich jedoch die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass zumindest enge Vertraute die Übergriffe und den Missbrauch nicht bemerkt haben wollen, spätestens nach Epsteins Verurteilung im Jahr 2008 wegen Sexualdelikten an Minderjährigen. Bestimmte Praktiken konnten in diesen Kreisen offenbar ignoriert werden; sie galten als hinnehmbar, nicht als gravierender Tabubruch oder Verbrechen, die sie sind. Einige profitierten von dem System, nutzten die Nähe, die Privilegien oder die Möglichkeiten, die es bot. Der eigentliche Skandal liegt daher weniger in der Vorstellung einer perfekt koordinierten Geheimstruktur als in einer Kultur, die Missbrauch entweder duldete oder für eigene Zwecke ausnutzte.

Sexualisierte Gewalt und die Ausbeutung Minderjähriger sind Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse, in denen Abhängigkeiten, Hierarchien und institutionelles Wegsehen Täter schützen. Wer Betroffene ernst nimmt, muss deshalb über spektakuläre Enthüllungen hinausgehen und fragen: Welche Strukturen haben es ermöglicht, dass diese Gewalt über Jahrzehnte fortbestehen konnte? Die Überlebenden fordern seit Jahren Aufklärung und Verantwortungsübernahme. Ihnen geht es nicht um Sensationen, sondern um Gerechtigkeit. Wer die Epstein-Files ernst nimmt, sollte daher weniger nach der nächsten Bestätigung einer großen Verschwörung suchen als nach den Bedingungen, unter denen dieses System des Machtmissbrauchs möglich war.

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