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Analyse

Verdoppelt – und trotzdem kein Durchbruch: Was das AfD-Ergebnis in Baden-Württemberg wirklich bedeutet

Die AfD versucht, die Landtagswahl in Baden-Württemberg als historischen Erfolg zu verkaufen. Tatsächlich hat sie ihr Ergebnis fast verdoppelt. Doch ein genauer Blick auf Zahlen, Wählerstruktur und innerparteiliche Dynamiken zeigt: Der Zugewinn hat Grenzen. Die Partei bleibt eine stabile rechtsextreme Kraft – aber ihr Aufstieg ist weder automatisch noch unaufhaltsam.

Die AfD hat mit 18,8 Prozent ihr Ergebnis im Vergleich zu den letzten Landtagswahlen 2021 beinahe verdoppelt (+ 9,1 Prozent), das ist zwar ein Rekordwert in Baden-Württemberg und ihr bestes Landtagswahlergebnis in einem westdeutschen Bundesland, aber ist das für die AfD wirklich ein „großer Erfolg“, gemessen an ihrem sonstigen Höhenflug? Keineswegs: 2016 holte die AfD 15,1 Prozent – auf dem Höhepunkt der Migrationsbewegungen nach Deutschland. Insgesamt bedeutet das also nur einen Zugewinn von 3,7 Prozent. Gemessen an den Ergebnissen, die die AfD zur Bundestagswahl 2025 im Ländle erzielte (19,8 Prozent), ist das aktuelle Ergebnis sogar ein Rückschlag.

Dabei waren die Rechtsextremen mit dem selbstgesteckten Ziel in den Wahlkampf gestartet, zweitstärkste Kraft mit mehr als 25 Prozent zu werden. Obwohl die AfD im Ländle in den Umfragen mit über 20 Prozent lange gut dastand, hat sie dieses Ziel deutlich verfehlt.

Ein Spitzenkandidat ohne Interesse an Landespolitik

Dass mit Markus Frohnmaier ein Spitzenkandidat antrat, der nur als Ministerpräsident nach Baden-Württemberg gehen und ansonsten an seinem Bundestagsmandat festhalten wollte, könnte man als Selbstüberschätzung deuten.

Es ist aber vor allem Ausdruck eines Desinteresses an realer Politik vor Ort, die auch als Oppositionsführer zu machen wäre, würden die Rechtsextremen mehr als nur provozieren wollen. Frohnmaier brachte es sogar fertig, lieber in den USA an transatlantischen rechtsextremen Netzwerken zu arbeiten, statt an der eigenen Wahlkampfabschlussveranstaltung teilzunehmen. Ein weiterer Beleg dafür, dass die AfD selbst Vogelscheuchen aufstellen könnte und trotzdem gewählt wird.

Skandale ohne Folgen: Warum Vetternwirtschaft der AfD kaum schadet

Dass Frohnmaier lieber an seinem gut dotierten Mandat im Bundestag festhält, ist symptomatisch für die Partei, in der Vetternwirtschaft und Selbstbedienungsmentalität auf Steuerzahlerkosten eher Regel als Ausnahme zu sein scheinen. Es war die erste Landtagswahl nach Bekanntwerden von systematischen Überkreuz-Anstellungen von Familienmitgliedern innerhalb der AfD. Beobachter*innen waren im Vorfeld davon ausgegangen, dass das Zuschustern von Posten der Partei gerade im Westen schaden könnte. Die Berichte darüber dürften die Rechtsextremen nicht nur Sympathien und Vertrauen, sondern auch Prozentpunkte gekostet haben. Doch in wirklich relevantem Ausmaß hatte das kaum Einfluss auf das Wahlergebnis. Daraus lässt sich schließen: Skandale, die anderen Parteien massiv schaden würden, können der AfD bislang erstaunlich wenig anhaben.

Gleichwohl hat es der AfD nicht geholfen, Vertrauen bei Wähler*innen zurückzugewinnen, nachdem sie vor Kurzem einen eher symbolischen Sieg vor Gericht errungen hat, nach dem der Verfassungsschutz sie nicht mehr als „gesichert rechtsextrem“ bezeichnen darf.

Der Mythos von der „Volkspartei“

Die AfD ist keineswegs „Volkspartei“, wie es Chrupalla feiert – sondern bleibt völkische Partei, die ein Rechtsaußen-Wahlmilieu binden konnte. In diesen Größenordnungen wird sie sich auch weiter bewegen, größere Zuwächse wird sie nur einfahren können, wenn Krisen ihr in die Hände spielen oder demokratische Parteien weiter die Rhetorik der AfD bedienen und sich von ihr treiben lassen.

Wie weit die AfD inzwischen im Westen verankert ist

Gleichzeitig schreitet die Normalisierung der AfD weiter voran. Die Partei ist in 11 von 70 und damit in 15,7 Prozent der Wahlkreise Baden-Württembergs die zweitstärkste Kraft. In Pforzheim liegt sie mit 26,4 Prozent sogar knapp auf Platz eins vor der CDU.

Das einzige Direktmandat konnte Bernhard Pepperl für die AfD gewinnen. Mit 22,3 Prozent liegt er im Wahlkreis Mannheim I vor der CDU. Dort hatte die AfD bereits 2016 ein Direktmandat gewonnen.

Die wichtigste Reserve der AfD: ehemalige Nichtwähler*innen

Was unter dem Strich bleibt: Der AfD ist es gelungen, ein Stammklientel aufzubauen, das dank Empörungsrhetorik über aktuelle Themen im Durchlauferhitzer immer wieder mit Nichtwähler*innen ergänzt wird. Anders als oft behauptet, ist eine höhere Wahlbeteiligung kein Allheilmittel gegen rechtsextreme Wahlerfolge, die AfD profitiert sogar von der höheren Wahlbeteiligung gegenüber 2021. Ihr größter Zustrom kam von Nichtwählerinnen, von denen sie laut Nachwahlbefragungen etwa 200.000 zusätzlich an sich binden konnte.

Im Jahr 2021 hatte die AfD viele Wähler*innen verloren. Ein Großteil davon war ins Lager der Nichtwählenden gewechselt und ist nun offenbar wieder zurückgekehrt.

Betrachtet man die absoluten Stimmen für die AfD zeigt sich ein anderes Bild: Gegenüber der Bundestagswahl 2025 verliert die AfD sowohl absolut an Erststimmen (2026: 1.009.819, 2025: 1.231.221) als auch an Zweitstimmen (2026: 1.010.449, 2025: 1.256.430).

Die soziale Basis der AfD: stark bei Arbeiter*innen und ökonomisch Verunsicherten

Die Bereitschaft, rechtsextrem zu wählen, ist kein Ost-Problem. Gleichzeitig zeigen die Wahlanalysen, dass die AfD in bestimmten Milieus besonders stark verankert ist.

Die Partei hat sich zur Arbeiter*innenpartei entwickelt und der SPD in diesem Bereich den Rang abgelaufen. In Baden-Württemberg wählten rund 37 Prozent der Arbeiter*innen die AfD. In Städten mit vielen Industriearbeitsplätzen erzielt sie einen überdurchschnittlich hohen Zuspruch. Auch die in den Nachwahlbefragungen abgefragte subjektive soziale Lage korreliert stark mit der Wahlentscheidung: Laut Infratest dimap gaben 41 Prozent der Wählenden, die ihre eigene finanzielle Lage als schlecht einschätzen, der AfD ihre Stimme.

Kandidaten sind austauschbar – die Partei wird trotzdem gewählt

AfD-Wählende sind für andere Parteien aktuell schwer bis gar nicht erreichbar. Das zeigt sich an mehreren Punkten. Auffällig ist etwa, dass die Diskrepanz zwischen Erst- und Zweitstimmen bei der AfD sehr gering ist – deutlich geringer als etwa bei CDU oder Grünen. AfD-Wählende stimmen also fast immer auch für den AfD-Direktkandidaten. Wer konkret aufgestellt wird, scheint dabei oft eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Jugend und Frauen: Verschiebungen im Wählerprofil

Auch der lange für die AfD typische Gender-Gap verliert an Bedeutung: Selbst bei Frauen konnten die Rechtsextremen besonders stark hinzugewinnen. Gleichzeitig zeigt die Wahl aber auch, dass die Jugend keineswegs automatisch rechtsextrem wählt – zumindest nicht in Baden-Württemberg.

Unter den Erstwählenden kommt die AfD auf 15 Prozent und liegt damit gleichauf mit der Linken. Bündnis 90/Die Grünen erreichen in dieser Gruppe rund 30 Prozent, die CDU etwa 18 Prozent. Auch bei den 16- bis 24-Jährigen erzielt die AfD mit 16 Prozent ein unterdurchschnittliches Ergebnis.

Innerparteilicher Druck auf Frohnmaier

Innerparteilich dürfte das Ergebnis dennoch Folgen haben. Markus Frohnmaier wird dadurch eher geschwächt. Er gilt in Teilen der Partei als zu USA-freundlich und als zu wenig engagiert im Wahlkampf.

Dass er selbst nicht für ein Landtagsmandat kandidierte, im Bundestag bleiben wollte und ausgerechnet in der entscheidenden Phase des Wahlkampfes in die USA reiste, sorgte parteiintern für Kritik. Auch die Parteivorsitzenden Weidel und Chrupalla wirkten davon wenig begeistert. Druck kommt vor allem aus dem Umfeld von Björn Höcke.

Torben Braga, einer der engsten Vertrauten Höckes im Bundestag, schrieb kurz vor der Wahl auf X: „Alles andere als ein überragendes Ergebnis der AfD in Baden-Württemberg wird viele zum Teil sehr unangenehme Fragen aufwerfen“. Vor Ort wurde das als Frontalangriff auf Frohnmaier gewertet. Eine Ablösung Frohnmaiers als außenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion ist dadurch wahrscheinlicher geworden.

Radikalisierung als innerparteiliches Erfolgsrezept

AfD-Wählende haben mit dem politischen „System“ vielfach abgeschlossen und sehen die AfD als letzte politische Alternative. In der Partei selbst wird immer wieder das Motto bemüht: „Wer sich distanziert, verliert.“ Dieses Mantra stärkt vor allem die radikalsten Kräfte, die die AfD weiter nach rechts drängen. Öffentliche Abgrenzungen innerhalb der Partei gelten als verpönt. Das bedeutet zugleich: Die AfD dürfte sich nahezu zwangsläufig weiter radikalisieren.

Kein Rückenwind fürs Superwahljahr

Auch mit Blick auf andere Wahlen bleibt das Bild ambivalent. Schon bei den Kommunalwahlen in Bayern hatte sich die AfD deutlich größere Zugewinne erhofft. Der Wahlsonntag in Baden-Württemberg war deshalb keine krachende Niederlage für die AfD – aber auch nicht der erhoffte Rückenwind für das Superwahljahr.

Die Partei hat gezeigt, dass sie auch im Westen über ein stabiles rechtsextremes Wähler*innenmilieu verfügt und gesellschaftliche Verunsicherung erfolgreich politisch nutzen kann. Gleichzeitig zeigt das Ergebnis aber auch: Der Aufstieg der Rechtsextremen ist kein Naturgesetz. Die AfD ist stärker geworden, als viele noch vor wenigen Jahren erwartet hätten – aber sie ist weit davon entfernt, politisch unaufhaltsam zu sein.

Für die demokratischen Parteien ergibt sich daraus eine klare Herausforderung. Sie müssen politisch überzeugender werden, soziale und wirtschaftliche Unsicherheiten ernst nehmen und Lösungen anbieten, die Vertrauen zurückgewinnen. Entscheidend wird dabei auch sein, sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen und rechtsextreme Narrative nicht weiter zu normalisieren. Wo demokratische Parteien beginnen, die Sprache und Themen der extremen Rechten zu übernehmen, stärkt das am Ende vor allem die AfD selbst.

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