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Was tun gegen Nazi-Terror in der Nachbarschaft?

Ausschnitt aus dem Titel der Handreichung „Wenn Zuhause nicht mehr sicher ist – zum Umgang mit Rechtsextremismus in der Nachbarschaft”

Die neue Handreichung „Wenn Zuhause nicht mehr sicher ist“ des Bundesverbands Mobile Beratung (BMB) gibt Tipps an die Hand, die darüber aufklären, was zu tun ist, wenn Rechtsextreme in der Nachbarschaft sichtbar werden. Wir haben die Publikation mit einer Projektförderung unterstützt. 

Von Felix Groell

In Hoerstgen, einem Dorf in Nordrhein-Westfalen, das offiziell zu Kamp-Lintfort gehört, lässt sich 2016 der einschlägig bekannte Neonazi Kevin G., Kopf der neonazistischen Kameradschaft „Volksgemeinschaft Niederrhein“, nieder. Er mietet ein Haus an, streicht die Grundstücksmauer schwarz-weiß-rot und lädt überregional zu Rechtsrockkonzerten und Szenetreffen ein, wo er sich mit „Sieg Dir!“ grüßen lässt. Das Haus grenzt unmittelbar an den Garten von Sylvia Joos, einer Lehrerin im Ruhestand, die mit ihrem Mann seit 40 Jahren in Hoerstgen lebt. Ihre Kinder sind bereits ausgezogen. Anfangs fühlt sich S. Joos mit der neuen Situation überfordert und hilflos. Irgendwann hält sie es nicht mehr aus. Nachdem wieder einmal ein Rechtsrockkonzert bis in die Nacht andauert, ruft sie die Polizei. Die Beamten rücken an und beginnen, die Besucher der rechtsextremen Veranstaltung vor dem Haus von G. zu kontrollieren. „Die Feier war verdorben“, erinnert sie sich.

Von Rechtsrock zu Morddrohungen

Mit dieser Nacht eskaliert die Bedrohungslage für Sylvia Joos, ihr Leben wird zur Hölle. Am nächsten Tag konfrontiert Kevin G. sie und versucht sie einzuschüchtern: Sie und ihr Mann seien doch „lebensmüde“. Als sie der Polizei den Vorfall meldet, wollen die Beamten darin keine direkte Bedrohung erkennen. Einige Zeit später fliegt ein Backstein durch ihr Gartenfenster. „Wären wir noch unten gewesen, hätte uns der Stein getroffen“, erzählt sie. Für sie und ihren Mann beginnt eine Serie von Bedrohungen, Sachbeschädigungen und Einschüchterungsversuchen, rechter Alltagsterror. Nicht einmal in den Garten geht Joos noch ohne Pfefferspray, nachdem eines Tages Unbekannte ihre Autoreifen zerstechen und sie es erst bemerkt, als der fahrende Wagen ins Schlingern gerät. Glücklicherweise gelingt es ihr, einen Unfall zu vermeiden und unverletzt am Seitenrand zum Halten zu kommen. Der Vorfall löst Panik in ihr aus. S. Joos möchte am liebsten umziehen, doch ihr Mann schafft es, sie zum Bleiben zu überreden. Stattdessen trifft das Ehepaar die Entscheidung, sich gemeinsam zur Wehr zu setzen.

Kein Einzelfall – Rechtsextreme Raumnahme als Strategie

Für die mobile Beraterin des Bundesverbands Mobile Beratung e.V. (BMB) Lillian Mettler ist der Fall von Hoerstgen kein Einzelfall. Er reiht sich in eine strategische Raumnahme rechtsextremer Aktivist*innen, ein Phänomen, das Rechtsextremismus-Forscher*innen seit Jahrzehnten beobachten. Fast wöchentlich melden sich neue Ratsuchende bei der Beratungsstelle und beschweren sich über rechtsextreme Nachbarn.

Rechtsextreme Raumnahme bedeutet, dass rechtsextreme Symbolik, Ideologien und Personen im öffentlichen Raum sichtbar werden. Damit wollen Rechtsextreme Aktivist*innen Widerstand brechen, Nachwuchs rekrutieren und ein Klima der Angst schaffen. In Hoerstgen kleistert G. das Dorf mit NS-verherrlichenden Stickern zu. Der Transporter seines Umzugsunternehmens trägt das Nummernschild „1488“. Ein Code der neonazistischen Szene, der ihn für Gleichgesinnte identifizierbar macht. „88“ steht für „Heil Hitler“, „14“ für die rechtsextreme Parole „Fourteen Words“ des US-Neonazis David Eden Lane.

Es sind nicht nur organisierte Neonazis wie Kevin G., die gezielt Nachbarschaften prägen. Das Spektrum reicht von völkischen Siedler*innen, die Immobilien im ländlichen Raum kaufen, um homogene „Volksgemeinschaften“ zu schaffen, über Menschen aus der „Reichsbürger“- und „Querdenker“-Szene bis hin zu Aktivist*innen und Anhänger*innen der AfD. Diese Gruppen sind oft miteinander vernetzt und teilen trotz unterschiedlicher Erscheinungsformen ähnliche politische Vorstellungen.

Der BMB beobachtet, dass Rechtsextreme ihre Taktik den lokalen politischen Verhältnissen anpassen und analysiert drei unterschiedliche Strategien der Rechtsextremen, um räumliche Vorherrschaft zu gewinnen:

  1. Orte ohne Widerstand finden, sich bestehenden Strukturen anschließen und sie ausbauen. Seit Jahrzehnten siedeln sich Rechtsextreme bevorzugt an Orten mit geringer Polizeipräsenz und alter Bevölkerung an, wo Grundstückspreise billig sind. Die Orte sollten möglichst weit von potenziellen Gegner*innen sein und bestenfalls bereits eine rechtsextreme Präsenz haben. Das soll dafür sorgen, dass kein oder nur wenig Widerspruch gegenüber ihren Aktivitäten herrscht.
  2. Sich in Ortsgemeinschaften einbringen und aktiv versuchen, dort das Gemeindeleben zu gestalten. Dieser Ansatz kommt vor allem in kleinen Ortschaften und Dörfern zur Geltung. Dort achten Neonazis darauf nicht anzuecken und den gegebenen sozialen Rahmen nicht zu stören. Sie bringen sich bei der Gestaltung von Traditions- und Volksfesten ein, bieten Nachbarschaftshilfe an und versuchen so, das Vertrauen und die Sympathien der Menschen vor Ort auf ihre Seite zu ziehen.
  3. Normalisierung und Einschüchterung. Rechtsextreme wollen trotz ihrer Aktivitäten, als nette, hilfreiche – „ganz normale“ – Nachbarn wahrgenommen zu werden. Durch Sticker, Symbole und Provokationen markieren sie den öffentlichen Raum und testen die Akzeptanz ihrer Ideologie. Bleibt Widerspruch aus, werten sie dies als Zustimmung, wodurch auch die Hemmschwelle zur Gewalt sinken kann. Regt sich Widerstand, werden oft Einzelpersonen isoliert und eingeschüchtert. Schließen sich Betroffene jedoch solidarisch zusammen, ziehen sich Rechtsextreme häufig zurück. Dann bleibt ihnen nur noch übrig, sich als Opfer zu inszenieren.

Wie die mobile Beratung gegen rechtsextreme Nachbar*innen helfen kann 

Die Handreichung des Bundesverbands mobile Beratung e.V. bietet eine erste Anlaufstelle für Betroffene, damit diese sich zunächst nicht hilflos fühlen. Menschen, die sich an Beratungsstellen wenden, sind häufig stark belastet und berichten von Einschüchterungsversuchen und einem immer weiter steigenden psychischen Druck. Die Broschüre empfiehlt, Vorfälle sorgfältig zu dokumentieren und rechtswidriges Verhalten anzuzeigen. Dazu bietet sie eine Anleitung.

Am allerwichtigsten ist es aber, sich bei der mobilen Beratung telefonisch zu melden. Die Beratungspersonen bieten zielgerichtete, akute Unterstützung: Dank ihres großen Netzwerks, können sie Partner*innen vermitteln, die helfen, wenn Betroffene sich politisch oder juristisch zur Wehr setzen oder Veranstaltungen gegen Rechtsextremismus und für Demokratie organisieren wollen. Darüber hinaus gibt die Beratung Impulse bei der Vernetzung in der Nachbarschaft oder in der Gemeinde.

Wie hat die mobile Beratung Sylvia Joos geholfen?

Auch Sylvia Joos nimmt die mobile Beratung in Anspruch. Durch die Unterstützung gelingt es ihr, in der evangelischen Gemeinde Hoerstgens und im nahegelegenen Moers Beistand zu organisieren. Viele Einwohner*innen Hoerstgens sehen sie jedoch lange Zeit als „Nestbeschmutzerin“, die dem Dorf einen schlechten Ruf gäbe. Manche von S. Joos’ Nachbarn haben schlicht Angst, selbst Zielscheibe der Angriffe zu werden, bei Anderen vermutet sie, dass sie sogar mit Kevin G. sympathisieren könnten.

Erst als bei einem „Balladenabend“ ihres Nachbarn, einem als unpolitische Gesangsrunde getarnten Szene-Event, der Verfassungsschutz anrückt, erhält sie mehr Unterstützung im Dorf.

Mithilfe der mobilen Beratung beginnt das Ehepaar Joos, Veranstaltungen und Konzerte für Toleranz und Demokratie zu organisieren und Spenden für eine Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge Hoerstgens zu sammeln. Das Engagement des Ehepaars zeigt, dass es mutige Menschen braucht, um die Demokratie vor rechtsextremen Kräften zu schützen. Die mobile Beratung des BMB kann dabei helfen, dass sich mehr Leute gerade im ländlichen Raum trauen, gegen menschenfeindliche Ideologien aufzustehen.


Die Handreichung kann kostenlos beim Bundesverband Mobile Beratung heruntergeladen werden.

Thema: Allgemein

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