Der 39-jährige Helmut Leja wurde am 04. Juni 1991 in einem Waldstück in der Nähe der Kreisstadt Gifhorn (Niedersachsen) erstochen. Der 17-jährige Täter gehörte der örtlichen Neonaziszene an – und ermordete Helmut Leja aus sozialdarwinistischen Motiven.
Helmut Leja mochte die Ruhe der Natur
Helmut Leja wurde 1974 geboren. Vor seinem Tod lebte und arbeitete er unter betreuerischer Anleitung in den Kästorfer Anstalten bei Gifhorn. Nach Feierabend ging Helmut Leja üblicherweise in das Wäldchen nahe seiner Arbeitsstelle und kaufte auf dem Weg dorthin Feierabendbier und Zigaretten. Er setzte sich gerne in die Natur, hörte mit seinem mitgeführten Transistorradio Musik, genoss in Ruhe Bier und Zigaretten.
Ein Mord aus sozialdarwinistischen Motiven
Helmut Leja hält sich auch am Nachmittag der Tat in dem Waldstück nahe seiner Arbeit auf. Dort trifft er auf den Täter und einen Freund von ihm – beide sind mit ihren Mofas auf dem Weg durch das Waldstück. Der spätere Täter ist bewaffnet mit einem ca. 40 cm langen Gasschlauch und einem Butterfly-Messer. In der rechtsextremen Szene sind feste Gummischläuche als Ersatzwaffen verbreitet, da sie sich sehr ähnlich wie Gummiknüppel oder sogenannte Totschläger benutzen lassen.
Die Neonazis fragen Helmut Leja, warum er bei diesen Temperaturen draußen Bier trinke. Helmut Leja antwortet, dass es ihm schmecke. Helmut Leja wiederum fragt die beiden, ob sie nun „auf Platte“ gingen, eine umgangssprachliche Phrase für „im Freien schlafen”. Dies scheint für die Täter Anlass zu sein, Helmut Leja als Wohnungslosen einzusortieren, die beiden jungen Nazis beschimpfen ihn als „Penner“ und als „Abschaum“.
Helmut Leja erwidert, dass er eine Wohnung habe. Es kommt zum Streit, der 17-jährige Täter schlägt Helmut Leja ins Gesicht, woraufhin dieser flieht. Die beiden Neonazis verlassen das Waldstück, der Täter kommt jedoch nach einiger Zeit alleine zurück. Dort trifft er wieder auf Helmut Leja und fährt mit seinem Mofa nahe neben ihm her. Helmut Leja fühlt sich bedroht und schlägt mit einer Plastiktüte um sich – jedoch ohne den Täter zu treffen. Dieser steigt von seinem Mofa ab und schubst sein Opfer. Es kommt zum Gerangel, in dessen Verlauf der Angreifer Helmut Leja mit dem mitgeführten Gasschlauch schlägt. Leja geht zu Boden, der Täter tritt gegen seinen Kopf. Dem Opfer gelingt es zunächst, wieder auf die Beine zu kommen. Um sich zu verteidigen, droht er seinem späteren Mörder mit einer abgebrochenen Bierflasche. Dann versucht er zu fliehen. Der Angreifer gerät noch mehr in Rage und zieht sein mitgeführtes Butterfly-Messer. Dann sticht er auf Helmut Leja ein und verletzt ihn mit mehreren Messerstichen tödlich. Helmut Leja stirbt an zwei tiefen Lungenstichverletzungen.
Der menschenverachtende Hintergrund der Tat wurde im Urteil nicht berücksichtigt
Im Laufe des folgenden Gerichtsprozesses stellte die Kammer des Landgerichts zwar fest, dass der Täter eine negative Einstellung gegen „Punker und Ausländer“ entwickelt habe und Sympathien für Neonazis hege, seine offensichtliche Szenezugehörigkeit sowie das sozialdarwinistische Tatmotiv wurden seitens des Gerichts allerdings weder thematisiert noch in der Urteilsfindung berücksichtigt.
Das Gericht ging davon aus, dass der Täter „aufgrund seiner psychischen Gesamtsituation in seinem Leben nur eingeschränkt in der Lage sei, eigene Gefühle wahrzunehmen und zu analysieren. Daraus ergibt sich bei ihm eine latente Aggressionsbereitschaft. Bereits der Ärger über die vom Opfer gehaltene zerbrochene Bierflasche reichte aus, den Angeklagten so sehr zu erregen, dass er den Tötungsvorsatz fasste.“ Damit pathologisierte das Gericht den Täter und entpolitisierte den Mord, der maßgeblich durch Hass auf vermeintlich sozial Schwächere motiviert war.
Am 23.12.1991 verurteilte das Landgericht Hildesheim den Täter wegen Totschlags zu einer sechsjährigen Jugendstrafe.
Das Gedenken an Helmut Leja
Verschiedene Initiativen setzen sich für eine Anerkennung des Mordes an Helmut Leja als rechtsextreme Gewalttat ein. 2020 unternahm die Partei Bündnis 90/Die Grünen den Versuch, das Land Niedersachsen zu einer staatlichen Anerkennung zu bewegen. 2024 erarbeitet der Gedenkstättenverein Sandbostel e.V. in Kooperation mit zahlreichen zivilgesellschaftlichen Bündnissen eine Wanderausstellung und erinnert damit an Helmut Leja und andere Todesopfer rechter Gewalt in Niedersachsen. Die Wanderausstellung kann auf Anfrage ausgeliehen werden.
Wie bei vielen weiteren Todesopfern rechter Gewalt weigern sich staatliche Institutionen trotz der beharrlichen Erinnerungsarbeit dennoch, den Fall erneut zu untersuchen oder eine Neubewertung als rechtsextremen Mord vorzunehmen.