Am Abend des 19. Februar 2020 verübt ein Rechtsterrorist einen rassistisch motivierten Anschlag in Hanau, bei dem zehn Menschen ermordet werden: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kenan Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Ibrahim Akkuş stirbt am 10. Januar 2026 im Alter von 70 Jahren als zehntes Todesopfer des rechtsterroristischen Anschlags an den Spätfolgen.
Gegen 22 Uhr eröffnet der Rechtsterrorist am Hanauer Heumarkt Feuer aus zwei Schusswaffen. In der Bar „La Votre“ erschießt er den Mitarbeiter Kaloyan Velkov. Im Anschluss begegnet er Fatih Saraçoğlu auf der Straße und erschoss auch ihn. In der Shishabar „Midnight“ ermordet er den Eigentümer Sedat Gürbüz. Im Anschluss flieht der Täter vom Tatort und fährt in den Stadtteil Kesselstadt. Dort erschießt er auf einem Parkplatz Vili-Viorel Păun in dessen Auto.
Im Anschluss stürmt er zum Lokal „Arena Bar & Café“ und dem angeschlossenen Kiosk. Dort tötet er Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz und Ferhat Unvar. In der Bar schießt der Täter auf mehrere junge Männer, Said Nesar Hashemi stirbt noch am Tatort. Hamza Kenan Kurtović wird schwer verletzt und stirbt im Krankenhaus. Auch auf Ibrahim Akkuş schießt der Täter achtmal, er wird schwer verletzt.
Ibrahim Akkuş liegt nach dem Anschlag mehrere Monate im Krankenhaus. Nach mehreren Operationen wird er schließlich entlassen und ist seitdem auf einen Rollstuhl angewiesen. Auch die psychischen Folgen der erlebten Ungerechtigkeit und Grausamkeit begleiten Akkuş sein ganzes Leben. Bis zuletzt lebte er in Hanau-Kesselstadt. Er konnte sein Bett nur noch selten verlassen und trotz der fehlenden Barrierefreiheit pflegten ihn seine Frau und seine heute 19-jährige Tochter zu Hause, um ihm ein Verbleiben im Familienkreis zu ermöglichen.
Pamphlet offenbart rechtsextremes und verschwörungstheoretisches Weltbild
Die Generalbundesanwaltschaft ermittelt wegen Terrorverdachts. Ihr zufolge „liegen gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat vor“. Grundlage für diese Einordnung ist unter anderem ein „Skript“, das der 42-jährige Täter rund vier Wochen vor der Tat auf seiner Website veröffentlichte. Darin vermischen sich antisemitische, verschwörungsideologische Ideen mit rassistischen Vernichtungsfantasien. Das 24-seitige Dokument drückt den Hass des Täters auf Muslim*innen und seine sozialdarwinistischen Rassevorstellungen aus und enthält misogyne Verschwörungsfragmente der Incel-Bewegung.
Im Dezember 2021 werden die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft eingestellt. Der Täter, der sich nach dem Anschlag selbst tötete, soll ohne Beteiligung anderer gehandelt haben. Auch die Vorwürfe von Angehörigen, die sich gegen den Vater des Täters richteten, wurden zurückgewiesen. Auch dem Vater des Attentäters, der die Angehörigen der Opfer nach der Tat immer wieder belästigte und bedrohte, konnte keine Mitwirkung am Anschlag nachgewiesen werden.
#saytheirnames
Der Anschlag von Hanau hat bundesweit Entsetzen, Trauer und Solidarität hervorgerufen. Etwa 6.000 Menschen folgten dem Aufruf „Solidarität statt Spaltung“ und demonstrierten am Samstag nach der Tat in Hanau gegen Rassismus und Menschenverachtung. In vielen weiteren deutschen Städten kam es zu Kundgebungen und Demonstrationen.
Die Opfer wurden nicht zufällig ausgewählt, sondern wegen ihrer realen oder vermeintlichen Migrationsgeschichte. Hinter den Namen stehen individuelle Schicksale, Geschichten und Biografien. Unter dem Motto #saytheirnames wird eine Erinnerung an die grausame Tat gefordert, die die Opfer als Menschen sichtbar macht, statt den Täter in den Vordergrund zu rücken.
Gökhan Gültekin stammte aus einer kurdischen Familie und war 37 Jahre, als er von einem Rassisten in Hanau ermordet wurde. In Kesselstadt wurde er der „bunte Hund“ genannt. Sein Vater sagte, er sei „der Besonnene und Fleißige in der Familie gewesen“. Gökhan Gültekin war gelernter Maurer. Abends arbeitete er nebenberuflich in einem Café-Kiosk. Er war ein hilfsbereiter Familienmensch und immer da, wenn er gebraucht wurde. Sein Bruder Çetin Gültekin sagte über ihn: „Mein Bruder hat unsere Familie zusammengehalten. Es müsste mir peinlich sein, er war acht Jahre jünger als ich, aber er hat sich um alles gekümmert, er war unser Optimist“.
Sedat Gürbüz war 29 Jahre alt, als er von einem Rassisten in Hanau ermordet wurde. Er lebte bei seinen Eltern in Dietzenbach, wo er auch aufgewachsen ist und viele Jahre im Verein Fußball spielte. Er war Besitzer der Bar „Midnight“, mit der er sich einen lange ersehnten Traum erfüllt hat. Sedat war überall beliebt. Die Dietzenbacher haben mir immer gesagt: „Du hast so einen guten Sohn, er hat immer ein Lachen im Gesicht“, erzählt sein Vater Selahattin Gübüz. „Er hatte Träume. Er hatte Pläne. Seine Freundin kommt uns jede Woche besuchen, seit Sedat tot ist. Sie wollten heiraten und eine Familie gründen“, berichtet seine Mutter Emis Gürbüz
Said Nesar Hashemi, 21 Jahre alt, war gelernter Maschinen- und Anlagenführer. Im nächsten Jahr wollte er seine Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker abschließen. „Hanau ist unsere Heimat. Auch mein Bruder hat diese Stadt geliebt“, sagt seine Schwester Saida Hashemi. Das Kennzeichen seines Autos endete auf 454 – Ziffern der Kesselstädter Postleitzahl. Als friedlichen, hilfsbereiten und herzlichen Menschen beschreiben ihn seine Verwandten und Freunde. Er „hatte immer ein offenes Ohr“ und lächelte viel, wie auf den Fotos zu sehen ist. „Wenn sich zwei stritten, ging er dazwischen und schlichtete“, blickt sein Bruder Said Etris Hashemi zurück. Am 19.02.2020 wurde er beim rassistischen Anschlag in Hanau ermordet.
Die 35-jährige Romni Mercedes Kierpacz war Mutter zweier Kinder. „Sie war sehr offen und sympathisch. Man hat sich in ihrer Nähe sofort wohlgefühlt“, sagte ihre Freundin Jade M. Kierpacz arbeitete im Kiosk neben der Arena Bar, am Abend des 19. Februar wollte sie dort aber nur etwas kaufen, als der Täter von Hanau sie ermordete. Ihr Vater Filip Goman beschreibt sie als fürsorglichen Menschen: „Sie hat sich immer um alle gekümmert, sie wollte immer wissen, wer was macht, wo wer ist, warum jemand nicht zum Essen kam. Sie hat auch gern die Musik laut gedreht und getanzt. Allein, für sich, einfach so. So jemand will nicht sterben.“
Hamza Kenan Kurtović hatte seine Berufsausbildung als Fachlagerist im Juni 2019 abgeschlossen. Drei Wochen vor seiner Ermordung begann der 22-Jährige einen neuen Job, mit dem er überglücklich war. Bis zur Rente wolle er dort arbeiten, sagte er zu seinen Eltern. Kurtović verbrachte gern Zeit mit Freund*innen. Im Sommer vor dem Attentat hatte er seine Flugangst überwunden und schmiedete mit seinen Freund*innen Pläne für große Reisen.„Mein Bruder hat uns immer zum Lachen gebracht, war hilfsbereit und einfühlsam. Ihm war wichtig, dass es uns, seinen Liebsten, gut geht. Aber auch Menschen die er nicht kannte, waren ihm wichtig, so hat er sein erstes Azubigehalt für Menschen in Not gespendet“, erzählt seine Schwester Ajla Kurtović über ihn. Seine Familie stammt aus dem bosnischen Prijeder.
Vili-Viorel Păun wurde 22 Jahre alt. Als 16-Jähriger kam er von Rumänien nach Deutschland, da seine Mutter krank war und sich dort behandeln lassen wollte. Seine Familie kam für ihn an erster Stelle. Um sie zu unterstützen, stellte er seine Ausbildung als Fliesenleger zurück und arbeitete als Paketzusteller. Seine Eltern beschreiben ihn als fröhlichen, hilfsbereiten und fleißigen Menschen. Seine Mutter Iulia Păun erzählt über ihn: „Vili konnte viele Sprachen, Italienisch, Französisch, Spanisch. Er wollte eigentlich studieren“. Vili-Viorel war ihr einziges Kind. Er wurde am 19.02.2020 von einem Rassisten in Hanau ermordet.
Fatih Saraçoğlu wurde im türkischen Iskilip geboren. Er zog von Regensburg nach Hanau, um sich selbstständig zu machen. Sein Vater beschreibt ihn mit den Worten: „Er war meine größte Hilfe.“ Fatih Saraçoğlu besuchte ihn regelmäßig in Regensburg, half bei Behördengängen, übersetzte für ihn. Saraçoğlu war 34 Jahre alt, als er am 19.2.2020 von einem Rassisten in Hanau ermordet wurde. Sein Bruder sagt über ihn: „Er war jemand, der viele Ideen hatte, der viel wollte. Er hat mich auch immer angetrieben, hat mich gefragt, was ich aus meinem Leben machen will. Aber Fatih wusste auch, wie man das Leben genießt. Wir sind gern zusammen trainieren gegangen, dann in die Sauna und hinterher gut Essen, Steak und so was.“
Ferhat Unvar hatte gerade seine Lehre als Heizungs- und Gasinstallateur abgeschlossen und war dabei, eine eigene Firma zu gründen, als ein Rassist ihn in der Hanauer Kesselstadt ermordete. Ferhat Unvar wurde 22 Jahre alt. Er stand auf Techno und Hip-Hop, traf sich oft mit Freund*innen in der Arena Bar. Und er hatte viele Pläne und Träume, wie seine Familie berichtet. Seine Mutter Serpil Temiz Unvar erzählt über ihren Sohn: „In der Schule mochte Ferhat Mathematik. Zu Hause hat er sehr viel gelesen. Er hat sich für die Welt interessiert, für Menschen. Wenn er schon alle Bücher gelesen hatte, die wir zu Hause hatten, hat er auch noch im Lexikon geblättert. So einer war er.“ Er hatte kurdische Wurzeln.
Der 33-jährige Kaloyan Velkov lebte erst seit zwei Jahren in Deutschland. Er war Wirt der Bar La Vorte neben der Shishabar Midnight und wollte seine Familie in Bulgarien durch seine Arbeit finanziell unterstützen. Der 33-Jährige war orthodoxen Glaubens und wohnte in Erlensee. Er hinterlässt seine Frau Harieta und den gemeinsamen achtjährigen Sohn. Seine Cousine Vaska Zlateva erinnert sich an ihn als glücklichen Menschen, der gerne in Deutschland gelebt hat: „Kaloyan hat immer alle gegrüßt, hat mit den Leuten gelacht. Er wollte hier bleiben, er wollte gut Deutsch lernen, vielleicht irgendwann den Job wechseln und mehr Geld verdienen. Sich selbstständig machen.“
Ibrahim Akkuş wurde in Bismil-Diyarbakır (Türkei) geboren. Sein Leben als Kurde in der Türkei war geprägt von rechter Gewalt und politischer Verfolgung. Mit zwanzig Jahren floh er gemeinsam mit seinem Bruder nach Deutschland. In Hanau beantragten die Brüder Asyl. Ibrahim Akkuş konnte in Hanau bleiben, der Asylantrag seines 19-jährigen Bruders wurde abgelehnt. Nach seiner Abschiebung in die Türkei wurde er dort von Rechtsextremen ermordet. Ibrahim Akkuş arbeitete in Deutschland auf Baustellen. Er lebte mit seiner Frau zusammen in Hanau-Kesselstadt und wurde Vater seiner Tochter Sara. Der 19. Februar 2020 war ein tiefer Einschnitt. Die familiäre Kontinuität in Erfahrung mit rechtem Terror verändert die Sichtweise von Ibrahim Akkuş auf Deutschland. „Ich dachte, das ist ein demokratisches Land. Niemand würde uns umbringen“, sagte er 2025 im Interview mit der taz. Bis zu seinem Tod sechs Jahre nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau fühlt er sich von der deutschen Gesellschaft alleingelassen. Jeden Tag litt er unter den körperlichen und mentalen Folgen des Anschlags. Durch den Anschlag verlor er nicht nur Vertrauen in den Ort, den er einst als „Land der Hoffnung“ bezeichnete, er verlor durch seine Pflegebedürftigkeit auch seine Selbstbestimmtheit.
Kritik an Behörden vor, während und nach der Tat
Seit der Tat wird immer wieder Kritik an staatlichen Behörden formuliert. So wurde bekannt, dass sehr wahrscheinlich derselbe Täter bereits im Jahr 2018 in Hanau-Kesselstadt Jugendliche rassistisch beleidigt und mit einem Sturmgewehr bedroht hat. Statt den flüchtigen Täter zu suchen, versuchten die Beamt*innen damals den Anrufer des Notrufs auszumachen, da dieser den Einsatz zu zahlen habe. Außerdem zeigten Recherchen, dass zum Zeitpunkt der Tat die Notrufe nur an zwei Apparaten entgegengenommen werden konnten, die allerdings nicht durchgängig besetzt waren. Viele Hinweise und Anrufe in der Tatnacht, die womöglich zur Verhinderung der Morde am zweiten Tatort beigetragen hätten, wurden daher nicht gehört.
Am zweiten Tatort, der Arena-Bar, war zum Tatzeitpunkt der Notausgang verschlossen. Die Gäste konnten nicht vor dem Attentäter fliehen. Zeug*innen berichten, dass die Polizei Hanau den Barbetreiber angewiesen haben soll, die Notausgangstür geschlossen zu halten, um leichter Razzien durchführen zu können. Die Staatsanwaltschaft lehnt ein Ermittlungsverfahren gegen die Polizei Hanau allerdings ab. Man könne nicht klären, ob eine offene Notausgangstür den Tod der Opfer verhindert hätte.
Die Angehörigen der Opfer und Überlebenden berichteten von einem unangemessen und unsensiblen Umgang der Polizist*innen, von Gefährderansprachen und Täter-Opfer-Umkehr. Dreizehn der Polizisten der SEK-Einheit, die später an den Tatorte eintrafen, waren mutmaßlich Mitglieder einer rechtsextremen Chatgruppe, die wenige Monate nach der Tat aufflog.
Fast ein Jahr nach dem rassistischen Terroranschlag veröffentliche die Initiative 19. Februar Hanau am 14. Februar 2021 ein Video mit einer Anklage. Dabei tragen Angehörige der Todesopfer und Überlebende detailliert bisherige Recherchen zur „Kette des Versagens“ vor. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss und ein Gutachten der Recherchegruppe Forensic-Architecture konnten zahlreiche Verfehlungen bestätigen. Im Abschlussbericht des 2021 einberufenen Untersuchungsausschusses, der den zahlreichen Hinweisen auf staatliche Verschuldungen nachgehen sollte, kommt zu dem Schluss, dass die „Tat durch die hessischen Sicherheitsbehörden nicht zu verhindern“ war, der Tathergang jedoch durch Maßnahmen wie den rechtmäßigen Entzug der Waffenerlaubnis maßgeblich hätte beeinflusst werden können.
Initiativen von Betroffenen
Wenige Tage nach der Tat, am 6. März 2020, gründeten Angehörige der Todesopfer, Überlebende und Unterstützter*innen die Initiative 19. Februar Hanau. Seitdem organisiert die Initiative Mahnwachen und Kundgebungen gegen das Vergessen an die Todesopfer und fordert Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen. Die Initiative begleitete den Untersuchungsausschuss kritisch und stellte zahlreiche Strafanzeigen gegen Verantwortliche auf Staatsseite.
Anfang Mai 2020 eröffnete die Initiative einen „Raum gegen das Vergessen“ in Hanau für die Betroffenen, Überlebenden und solidarische Personen als Begegnungs- und Beratungszentrum.
Die Bildungsinitiative Ferhat Unvar nahm am 14. November 2020 ihre Arbeit auf. Sie wurde initiiert und mitgegründet von Serpil Temiz, der Mutter von Ferhar Unvar. Sie möchte damit vor allem antirassistische Bildung und Empowerment leisten und bietet dazu ein breites Angebot an.
Jedes Jahr wird in zahlreichen deutschen Städten den Opfern des Terroranschlags gedacht und Aufklärung sowie Präventionsmaßnahmen gefordert.