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Gefördertes Projekt

Bildungsarbeit gegen Rassismus neu gedacht: Mut aus dem Koffer

Materialien des Projekts „Mut aus dem Koffer“, Foto: SOS Kinderdorf Lausitz e.V.

Cottbuser Fachkräfte haben einen Anti-Rassismuskoffer entwickelt, der Kinder und Jugendliche sensibilisiert und Ausgrenzungen entgegenwirkt.

Von Vera Ohlendorf

In Brandenburg sind immer mehr Menschen von rassistischen Angriffen und Ausgrenzung betroffen. Laut Opferperspektive e.V. hat sich die Zahl rechtsextrem motivierter Gewalttaten 2024 erneut erhöht. Rassismus war dabei mit 130 erfassten Übergriffen das häufigste Tatmotiv. Fachkräfte beobachten, dass rassistische Äußerungen auch in Schulen und Jugendtreffs in Cottbus zunehmen.

Um sich ein umfassenderes Bild zu verschaffen, führten drei Sozialarbeiterinnen eine Umfrage an einer Oberschule durch. Die Ergebnisse bestätigten: Rassismus ist ein großes Problem. Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte erfahren alltäglich Beleidigungen und Ausschlüsse. Gleichzeitig machte die Umfrage Unsicherheiten sichtbar: Rassismus wird teilweise auch da vermutet, wo es sich um andere Formen von Beleidigungen handelt. „Wir wollten etwas tun und haben uns informiert, welche Bildungsangebote es im Themenfeld für Kinder und Jugendliche in Südbrandenburg gibt“, erzählt Judith, die als eine von drei Fachkräften am Projekt beteiligt ist. „Formate für junge Zielgruppen waren leider kaum vorhanden. Die meisten Angebote richten sich an Erwachsene. Deshalb haben wir mit dem SOS-Kinderdorf Lausitz ein eigenes Projekt gestartet.“ Der Verein ist ein Verbund präventiver und ambulanter Hilfen für Kinder und Jugendliche in Cottbus und im Landkreis Spree-Neiße.

Prävention durch Wissen

Zunächst entwickelten die Sozialarbeiterinnen, die sowohl in der Schulsozialarbeit als auch in einem offenen Jugendtreff tätig sind, einen Projekttag für siebte Klassen der Oberschule. Dabei stand die Wissensvermittlung um Rassismus, dessen Entstehung und anhaltende Wirkmacht in der Gesellschaft im Fokus. „Themen wie Kolonialisierung werden in der Schule häufig nicht im Kontext von Rassismus besprochen“, erzählt Judith. „Außerdem wird die Zeit des Nationalsozialismus erst in der zehnten Klasse behandelt. Viele Kinder und Jugendliche benutzen Begriffe wie ‚Nazi‘, ‚Hitler‘ oder ‚Rasse‘, ohne deren Bedeutungen zu verstehen.“ Der Projekttag konnte diese Lücken schließen und altersgerecht Wissen vermitteln. Nachdem alle siebten Klassen der Schule teilgenommen hatten, wurden weitere Fachkräfte auf das Angebot aufmerksam: „Wir haben viele Anfragen von anderen Schulen bekommen und haben schnell gemerkt, dass wir diese Nachfrage personell gar nicht bedienen können“, beschreibt Judith. „So sind wir auf die Idee gekommen, einen Koffer zusammenzustellen, der alle Methoden und Materialien enthält. Mit dem können die Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen den Projekttag ohne uns umsetzen.“ Die Entwicklung des Koffers wurde durch die Amadeu Antonio Stiftung gefördert.

Mut aus dem Koffer

Der Projekttag ist modular aufgebaut und umfasst vier Stationen. „Wir haben das Ganze für die siebten bis neunten Klassen entwickelt, die Module können aber flexibel angepasst und auch in den fünften und sechsten Klassen umgesetzt werden“, beschreibt Judith.

Wie läuft der dreistündige Projekttag aus dem Koffer genau ab? Zu Beginn werden die wichtigsten Begriffe geklärt: Was ist Rassismus überhaupt, wie ist er entstanden, von wem geht er aus und welche Auswirkungen hat er? Was bedeutet Kolonialisierung und was hat die Zeit des Nationalsozialismus mit dem Thema zu tun? „Uns ist es sehr wichtig, dass wir für den Projekttag einen rassismussensiblen Rahmen schaffen. Viele Kids sind selbst von Rassismus betroffen. Deshalb haben wir ein Awarenesskonzept entwickelt, das Teil des Projektes ist und im Koffer ausführlich beschrieben ist“, betont Judith. Nach der gemeinsamen Begriffsklärung und einem kurzen Video teilt sich die Klasse in vier Gruppen auf, die nacheinander alle Stationen bearbeiten. An einer geht es um die Reflexion von Vorurteilen. Judith beschreibt die Methode so: „Wir lassen alle ein Los ziehen, überall steht aber das Gleiche drauf. Die Aufgabe besteht darin, einen ‚typischen Jugendlichen‘ zu malen. Danach stellt die Gruppe fest, dass alle etwas anderes gemalt haben. Oder auch, dass sie eine Person gemalt haben, die nichts mit ihnen selbst zu tun hat. Anhand dessen kommen die Kinder dann über Stereotype ins Gespräch.“ Danach geht es weiter zum Thema Zivilcourage: Anhand von Alltagssituationen diskutiert die Gruppe, wie man gegen rassistische Äußerungen aktiv werden und Betroffene gut unterstützen kann. Die dritte Station vertieft das Wissen um Begriffe, die mit Rassismus und Rechtsextremismus in Verbindung stehen. An der vierten Station dreht sich die Diskussion um die Frage „Ist das schon rassistisch?“. Ziel ist es, Rassismus von anderen Diskriminierungsformen, etwa Sexismus, und Beleidigungen ohne diskriminierende Motivation unterscheiden zu lernen.

Koffer des Projekts „Mut aus dem Koffer“, Foto: SOS Kinderdorf Lausitz e.V.

„Zum Ende des Tages empfehlen wir, noch eine erwachsene Person in den Projekttag einzubinden, die selbst von Rassismus betroffen ist und von ihren Erfahrungen spricht. Das hat erfahrungsgemäß eine große Wirkung auf die Kids“, sagt Judith, die, ebenso wie ihre Mitstreiterinnen, weiß positioniert ist. „Wir haben in jeder Phase des Projektes mit Vereinen wie der Opferperspektive, der RAA und weiteren zusammengearbeitet und Feedback und Hinweise von Menschen mit Rassismuserfahrungen, zum Beispiel auch aus unserem Kollegium, eingebunden.“

Fachkräfte sensibilisieren

Auch die Fachkräfte selbst sind Zielgruppe des Projektes. Um eine hohe pädagogische Qualität und Expertise bei der Umsetzung sicherzustellen, enthält der Koffer umfangreiches Begleitmaterial: „Wir haben viel Zeit darauf verwendet, die Methoden zu beschreiben und Hintergrundinformationen zusammenzutragen. Es ist wichtig, dass die Fachkräfte verstehen, wie das Konzept funktioniert und welche Ziele an den Stationen erreicht werden sollen. Außerdem geben wir noch ein paar Ideen mit auf den Weg, wie man den Projekttag abwandeln oder weiterführen kann und haben auch Beratungs- und Unterstützungsangebote aufgeführt“, beschreibt Judith. Zusätzlich bietet das Team auch Fachkräfteschulungen an. Der Koffer wird an Schulen in Cottbus und im Spree-Neiße-Kreis sowie in Fachgremien der Sozialen Arbeit beworben, das Team erhält viel positive Resonanz. Weitere Schulungen sind für das kommende Frühjahr in Planung.

Im November 2025 wurde das Projekt mit dem Cottbuser Toleranzpreis ausgezeichnet. Mit dem Preisgeld wird ein zweiter Koffer angeschafft, denn die Nachfrage ist groß. Judith zieht ein vorläufiges Fazit: „Wir freuen uns sehr, dass das Projekt so gut angenommen wird. Wir merken aber auch, dass wir langsam an unsere Grenzen kommen. Aktuell suchen wir nach Finanzierung, um uns personell besser aufzustellen. Bis das klappt, machen wir erstmal neben unserer regulären Arbeit weiter, denn wir wollen auf jeden Fall vorankommen.“

Informationen zum Projekt gibt es auf Instagram: instagram.com/mutausdemkoffer.

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