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Doctorella // Interview

Doctorella // Interview

Kerstin und Sandra Grether von der Band Doctorella sind engagierte Musikerinnen. Was sie antreibt,und wie ihre Kunst und Aktivismus sich durch die Digitalisierung gewandelt haben erzählen sie hier.


1. Eure 3 Hashtags: 
Docotrella: #EineGenie #Doctorella #KrawalleUndLiebe
 

2. Wie würdet ihr euch und euer Engagement beschreiben?
Doctorella: Wir machen seit den mittleren 1990er Jahren Aktivismus, der sich im Spannungsfeld von Popkultur und Feminismus bewegt. Dabei würden wir uns  in erster Linie aber als Künstlerinnen (Musikerinnen, Schriftstellerinnen und Autorinnen) bezeichnen. Der Aktivismus ergibt sich daraus, nicht umgekehrt. D.h. nicht, dass wir zwangläufig politische Kunst machen, wir sehen unser Engagement, z.B. gegen sexualisierte Gewalt, gegen Schönheitsnormen, mediale Männermacht, und aktuell, für eine größere Sichtbarkeit und Reichweite von Musikerinnen, auch abgekoppelt von unseren Kunstwerken. Im besten Fall entstehen so zwei getrennte Sphären, die miteinander kommunizieren, aber auch unabhängig voneinander wahrgenommen werden können. 

Unser politisches Engagement fließt in die Songtexte unserer gemeinsamen Band DOCTORELLA ein, ohne, dass diese jemals Agit-Prop wären. Unsere Blogtexte sind hingegen viel polemischer und politischer und haben nicht unbedingt einen künstlerischen Anspruch. Der entsteht eher nebenbei, sozusagen als „Luxus“.  Im Moment engagieren wir uns vor allem in einem unserer „Kernthemen“, Würdigung und Respekt für Frauen*, Queers, non-binäre Menschen im Kulturbetrieb, insbesondere Musikerinnen, darum ging es genau genommen schon in der „Riot Grrrl“-Bewegung, die wir in den 1990ern als Pionierinnen aus den USA hierher importiert haben (U.a. mittels unserer Artikel, Symposien und Sandras damaliger Band PAROLE TRIXI ). Bei alldem haben wir seit jeher einen intersektionalen Anspruch, wir haben schon immer versucht, feministische Positionen jenseits der privilegierten Mittelschicht oder oberen Mittelschicht zu entwickeln. Heute machen wir die Veranstaltungsreihe Ich brauche eine Genie in der Kantine am Berghain, die 2019 in ihr drittes Jahr geht, gefördert vom Musicboard Berlin, und mit der wir das Können von Musikerinnen feiern. Wir machen auch einen Blog mit diesem Titel und betreiben ein Indielabel für female* artists namens Bohemian Strawberry. Wir wollen uns nicht nur gegen sondern auch FÜR etwas engagieren, darum machen wir den Grether-Salon namens KRAWALLE und LIEBE im Literaturforum im Brecht-Haus, wo wir Gäste aus den Bereichen Theorie , Pop und Literatur einladen, die den menschenverachtenden Tendenzen der Mehrheitsgesellschaft in ihrem Schaffen entgegenwirken. Und, mehr noch, Utopien eines gleichberechtigten Miteinanders entwickeln.
 

3. Welche Rolle spielt Digitalisierung für euch (in eurem Wirken)?
Docotrella: Die sozialen Netzwerke geben uns die Möglichkeit, unsere Kunst und unsere Veranstaltungen vorzustellen.Wir haben schon relativ früh, so ca 2007, zu Beginn der sozialen Netzwerke, begriffen dass wir alles, was wir bislang erreicht hatten, im Netz nochmal neu erreichen bzw „nachstellen“ müssen. Bis ca Mitte der 00er Jahre war es  schon ein großer Erfolg, ein Buch zu veröffentlichen, das in vielen Feuilletons, Fachzeitschriften, Frauenzeitschriften usw. besprochen wurde. Heutzutage haben solche Features wahrscheinlich nur eine echte Wirksamkeit, wenn sie auch online verfügbar sind. Wir haben oft die Erfahrung gemacht, dass Artikel, die wir selber in Printmagazinen schreiben erst dann Reaktionen auslösen, wenn sie irgendwann im Netz sind. Es hat sich einfach umgedreht: als würde die wirkliche Welt im Netz stattfinden. Digitalisierung ist auch insofern wichtig, als dass sie Menschen  aus benachteiligten Gruppen eine größere Sichtbarkeit und dezidiertere Mitsprache ermöglicht hat. Wenn wir z.B. an queerfeministische Demonstrationen oder Happenings denken, die wir mitorganisiert haben, fällt es uns schwer uns vorzustellen, wie wir ohne, ehrlich gesagt, Facebook, hätten dazu aufrufen sollen, sodass mehrere tausend Leute gekommen wären.  Auch intern ist eine Kommunikation die schnelles Agieren erfordert ohne Digitalisierung schwer vorstellbar. Auch heute rufen wir zu unseren Konzerten und Veranstaltungsreihen vor allem im Netz auf. Zwar verteilen wir auch Plakate und machen klasssiche Presse-Arbeit, aber dies hat sicher auch nur eine Wirkung, wenn man auch im Netz gut aufgestellt ist. Zumal dort halt die spannendsten Diskussionen stattfinden. Aber natürlich hat die Digitalisierung, gerade wenn man physische Tonträger herstellt, auch ihre Nachteile. Dass dadurch der Umsatz von CDs und Vinyl super drastisch gesunken ist, müssen wir hier nicht extra erwähnen, dass weiß jede*r. Und es ist eine Illusion zu glauben, dass Streamingdienste Musiker*innen adäquat für Klicks entlohnen. 

 

4. Netzaktivismus - wie funktioniert das?
Doctorella: 
Bestenfalls hat eine*r schon eine politische Gruppe, die sich auf bestimmte Essentials geeinigt hat. Generell würden wir sagen, knallige Überschriften, ein eigener Stil, starke Bilder usw. sind sicher nicht von Nachteil. Wir versuchen z.B. auf unseren Seiten die Leute erstmal durch solche Teaser  anszusprechen. Und dann halten wir uns aber nicht an die Netzlosung „kurz“ und „knackig“, sondern sind gerne sehr ausführlich unterwegs. Auf unserem Blog gibt’s keine Zeichenbeschränkung. Haha. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Menschen nicht blöd sind, und einen gut formulierten Text auch dann gerne lesen, wenn er sehr lange ist. Bzw. eben gerade deshalb! Manchmal schreiben wir zu kleinen Themen ganze Romane. Da kommt die Romanautorin durch:) Wir möchten in Texten wirklich argumentieren und überzeugen. Aber letztlich ist es wahrscheinlich die Mischung aus Unermüdlichkeit im Drehen und Wenden eines Themas, ein  herzlicher Kommunikationsstil, gepaart mit polemischer Schärfe, warum unsere Leser*innen am Text bleiben. 

 

5. Was gilt es dabei zu beachten?
Doctorella: 
Früher hat Sandra ganz viel Netzaktivismus auf Twitter gemacht, also so das Übliche; 10 Tweets am Tag, die das aktuelle Tagesgeschehen in Zeitungen und TV kommentieren, bei Live-Talkshows mitfiebern und so, Petitionen unterschreiben und teilen. Damit hat sie komplett aufgehört, weil sie nach ca fünf Jahren schlicht und einfach keinen Nerv mehr drauf hatte, Stichwort „Activist burn out.“ Eine Zeitlang war das aber echt wie eine Sucht, ein Kick. Und vor allem: Das Gefühl nicht ohnmächtig zu sein, sondern mitgestalten zu können. 

 

6. Welche Perspektiven fehlen euch in der Popkultur?
Doctorella: Unser Anliegen ist es derzeit eine neue Szene für Musikerinnen und generell Popkultur-Schaffende aufzurufen, zu bündeln und sichtbar zu machen. Es fehlen gar nicht die weiblichen* Stimmen, es fehlt der Respekt, es fehlen die Rotationen beim Radio, Auftritte auf den Festivals, Features in den Musikzeitschriften etc. Jungs haben es in Deutschland sehr viel einfacher vom lokalen Act zum vielgebuchten Festivalstar zu werden. Frauen*, non-binäre Menschen, Queers sollen in Deutschland einfach nicht authentisch sprechen. Eine Studie ergab, dass von allen Berufsfeldern in Deutschland Frauen* in den Künsten am schlechtesten bezahlt sind, und von allen Künsten wiederum sind es die Musikerinnen, die mit Abstand am meisten benachteiligt werden. Klar die Frauen* hierzulande sollen sich für die Gesellschaft nützlich machen, etwas für andere tun. Kunst hat aber immer auch einen Eigenzweck. Für Muskerinnenrechte kämpfen wird als totaler Luxus empfunden. Das ist aber falsch, wenn man sich überlegt wie wichtig Vorbilder sind und dass die Unterhaltungsindustrie in Deutschland zu den reaktionärsten Branchen gehört, wie z.B. die Studien der Malisa-Stiftung immer wieder aufs Neue beweisen. „Social Media killed the Musikfernsehen“ oderso…

 

7. Wie hat sich Popkultur durch das Internet verändert? Neue Potenziale?
Doctorella: Der Poptheoretiker Diedrich Diedrichsen spricht sogar vom Post-Popzeitalter, so sehr hat das Internet die Popkultur verändert. Früher musste man hundert Tausende von Euros investieren um ein Video zu haben, welches eventuell im Musikfernsehen läuft. Die Musiker*innen mussten mit ihren Plattenverkäufen die Hälfte der Kosten tragen, die die Plattenfirmen vorfinanzierten. Deshalb lieben wir Youtube. Da kann wirlich jede*r mitmachen. Und es bedarf keiner großen Mittel und keiner Auswahlverfahren. So etwas ist natürlich immer eine große Bereicherung für die Subkultur. Für Vielfalt! Und wir denken, diese Chancen wurden und werden auch genutzt. Wir selber drehen Doctorella-Videos grundsätzlich nur noch alleine und mit dem Smartphone.  Wir haben das Gefühl kompletter Selbstbestimmtheit unserem Indielabel gegenüber. Wir müssen überhaupt keinen um Erlaubnis fragen, für irgendwas. Und wir haben mit Broken Silence einen Vertrieb, der uns die Tonträger auch physisch abnimmt und in den Handel bringt. Natürlich birgt diese Art von Digitalisierung auch die Gefahr der Vereinzelung. Deshalb finden wir es wichtig, dass Musiker*innen zusammenarbeiten und sich bündeln.

 

8. Was heisst Debate für euch?​
Doctorella: Geduld haben! Wir erwarten nicht, wenn wir die Moderatorinnen bei einer Diskussion sind, dass Leute, die sich im Netz zu einem Thema äußern, die einfach nur mal ein bisschen „mitreden“ wollen, schon alles zu dem Thema wissen. Wir versuchen nachsichtig zu sein, wenn Leute ahnungslos sind und „Fehler“ machen. Wir wollen sie nicht  brüskieren, weil es auch ein Stück Freiheit ist und eine Überwindung darstellt, für den oder die Einzelnen, sich in einer Diskussion zu Wort zu melden. Und das wünschen wir uns auch für uns, wenn wir selber mal Ansichten äußern, die nicht vor Wissen strotzen. Allerdings gibt es eben auch Grenzen, wenn Inhalte krass menschenverachtend sind. Dann muss das auch ausgesprochen werden. Diskussionen sollten nicht zum Frustabbau für Arschlöcher werden. Auch in einer Demokratie gibt es Grenzen, wenn z.B. Drohungen ausgesprochen werden, oder zu Gewalt aufgerufen, wenn die Körpergrenzen von Menschen nicht mehr geachtet werden. „Debate“ heisst für uns, das immer mitzudenken: diskutieren soll auch ein gutes Gefühl auslösen, nicht zur Bedrohung werden.

 

 

Docotrella: http://www.doctorella.de/

Interview geführt von der Debate//De:hate Redaktion

Bild: Volker Issbrücker