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Geschlechterreflektierte Pädagogik

rrho (creativ commons)

Ungleichwertigkeit und Geschlecht

Mit einem geschlechterreflektierenden Blick werden starre Zuschreibungen von Eigenschaften und Verhalten qua „Geschlecht“ kritisch hinterfragt. Trotz Pluralisierungen finden sich im Alltagswissen sehr verbreitet stereotype Vorstellungen von Geschlecht, über Frauen und Männer und was sie weiblich oder männlich macht. Diese Vorstellungen sind hierarchisch und von Ungleichwertigkeitsideologien durchzogen. „Richtige Männer“ müssen sich beispielsweise von Frauen abgrenzen, Weiblichkeit abwehren und abwerten, aber auch den Verdacht der Homosexualität vermeiden. Neben anderen Ungleichwertigkeitsvorstellungen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit sind damit Sexismus und Homo*Transfeindlichkeit grundlegend ernst zu nehmen und in der pädagogischen Arbeit zu berücksichtigen.

 

Geschlechterreflektierende Arbeit

Unter einer pädagogischen Perspektive sind starre geschlechterstereotype Einordnungen problematisch, da sie die Handlungsspielräume und individuellen Entwicklungsmöglichkeiten einschränken – und Menschen abwerten. Wir verstehen Geschlecht hier als sozial konstruiert, dass es sich also um erlerntes und somit veränderbares Verhalten beim „Junge- und Mädchen-Sein“ handelt. Geschlechterreflektierende Arbeit schafft Freiräume, um individuelle Rollenvorstellungen und Orientierungen zu entwickeln und zu leben. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass es sich hier um eine demokratiepädagogische Herangehensweise handelt. Vielfalt und Individualität aber stehen rechtsextreme Vorstellungen diametral entgegen.

 

Und in der Rechtsextremismusprävention?

Eine geschlechterreflektierende Perspektive eröffnet Handlungsspielräume und hinterfragt, welche Funktionen bestimmte geschlechtsbezogene Rollen und Verhaltensweisen für einzelne Personen haben können. Das heißt konkret in Bezug auf die Rechtsextremismusprävention: Was motiviert heutige Mädchen und Jungen, sich in die rechtsextreme Szene hinein zu orientieren und welche Funktion kommen hierbei geschlechterbezogenen Vorstellungen zu? Wie erkenne ich diese Orientierungen und wie kann ich sie aufgreifen, hinterfragen und irritieren? Aus der praxisbezogenen Forschung und aus Rekonstruktionen der Biografien von Aussteiger*innen aus der rechten Szene, lassen sich hier erste Überlegungen für die Praxis formulieren. In einer geschlechterreflektierenden pädagogischen Präventionsarbeit werden geschlechtliche Themen der Jugendlichen wahrgenommen. Bedürfnisse, deren Erfüllung sich Jugendliche mit der Hinwendung in rechte Lebenswelten zu erfüllen versuchen, sowie die Brüchigkeit rechter Angebote und die Widersprüchlichkeit mit individuellen Wünschen können gemeinsam bearbeitet werden. Diese Perspektive stellt eine sinnvolle Erweiterung bestehender Ansätze dar.

 

Veröffentlichungen

Heike Radvan; Esther Lehnert (2012): Gender als wesentlicher Bestandteil des modernen Rechtsextremismus. Konsequenzen und Herausforderungen für das pädagogische Handeln. In: BAG OKJE (Bundesarbeitsgemeinschaft Offene Kinder- und Jugendeinrichtungen e.V.): Rechtsradikalismus: Prävention und Gender. Stuttgart, 4/2012; S. 34–51.

 

Praxisforschung

In einer aktuellen Praxisforschung (2015-2019), in Kooperation mit der Alice Salomon Hochschule Berlin, Prof. Esther Lehnert, stehen dabei weniger rechtsextreme Orientierungen als weit verbreitete gruppierungsbezogene ablehnende Haltungen von Jugendlichen im Fokus. Wir versuchen damit Antworten auf zwei Fragen zu geben: Wie kann eine Arbeit gegen GMF in der Praxis aussehen? Und was bedeutet das unter einer Geschlechterperspektive? Dazu führen wir Interviews mit Fachkräften oder Teams der offenen Arbeit, in Mädchen*arbeit und Jungen*projekten sowie der Außerschulischen Bildungsarbeit durch, zusätzlich Gruppendiskussionen mit Mädchen und Jungen zu ihren Erfahrungen mit Abwertung bzw. Diskriminierung. Wir machen deren Erfahrungen für präventive Ansätze nutzbar, nehmen Best-Practice auf und entwickeln Konzepte, Strategien und Standards der Arbeit gegen Abwertungen und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit weiter.

 

Veröffentlichungen zur Praxisforschung

Glaser, Enrico (2017): Diskriminieren Mädchen (anders)? Abwertende und diskriminierende Mädchen – Fragestellungen und Perspektiven für die Praxis. Schriftenreihe der LAG Sachsen 28/2017.

Lehnert, Esther (2017): Mädchen* und Frauen* im modernen Rechtsextremismus. BAG Mädchenpolitik, Schriftenreihe zur Mädchenarbeit und Mädchenpolitik 16/2017.

 

Ihr Ansprechpartner:

Enrico Glaser

Amadeu Antonio Stiftung

Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus

Novalisstraße 12

10115 Berlin

Telefon: 030. 240 886 12

e-Mail: fachstelle@amadeu-antonio-stiftung.de

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