Die elfjährige Jasminka Jovanović und die 61-jährige Raina Jovanović wurden am 26. Januar 1994 bei einem Brandanschlag auf eine städtische Notunterkunft in der Lüderichstraße in Köln-Gremberg (Nordrhein-Westfalen) so schwer verletzt, dass die Großtante am 7. Februar und das Mädchen am 12. März desselben Jahres an den komplizierten Folgen ihrer Verbrennungen und einer schweren Rauchgasvergiftung in einer Spezialklinik verstarben. Die Tat ist bis heute ungeklärt. Vieles spricht aber für einen rassistisch motivierten Brandanschlag.
Das Leben vor der Tat: Hoffnung auf ein sicheres Leben
Dragan Jovanović traf 1993 die Entscheidung, mit seiner Familie das vom Krieg zerrüttete Jugoslawien zu verlassen. Darunter auch seine Tochter Jasminka und seine Tante Raina. Da er selbst seinen Großvater während des Zweiten Weltkriegs in Auschwitz-Birkenau verloren hatte, lehnte er den Kriegsdienst und den Griff zur Waffe kategorisch ab – er wollte seine Angehörigen unter keinen Umständen einem weiteren Konflikt aussetzen. Ende 1993 erreichte die Familie voller Hoffnung Deutschland und fand in einer Kölner Notunterkunft für Geflüchtete eine erste Bleibe. Die Tragödie ereignete sich, als Dragan Jovanović und seine Frau Jagoda gerade bei Bekannten waren. Er wurde telefonisch von der Feuerwehr über den Anschlag informiert und hat die schrecklichen Bilder seiner Angehörigen auf der Intensivstation bis heute nicht vergessen.
Die Tat
In den frühen Morgenstunden des 26. Januar 1994 bricht in der städtischen Notunterkunft in der Lüderichstraße in Köln-Gremberg ein verheerendes Feuer aus. Das Gebäude dient der Stadt damals nicht nur als Unterkunft für Geflüchtete, sondern allgemein als Übergangsheim für Menschen ohne festen Wohnsitz – darunter auch deutsche Staatsbürger. An mindestens drei unterschiedlichen Stellen vor der Wohnungstür der Roma-Familie Jovanović platzieren Unbekannte Brandsätze. Die Flammen breiten sich unaufhaltsam aus und schneiden den Menschen den Fluchtweg ab. Spätere Gutachter des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen stellen eindeutig vorsätzliche Brandstiftung fest. Für sie steht fest: Wer hier Feuer legt, weiß genau, dass in den angrenzenden Räumen Menschen schlafen und nimmt deren Tod billigend in Kauf.
Sieben Menschen erleiden bei dem Feuer schwere Brandverletzungen dritten Grades. Besonders hart trifft es die elfjährige Jasminka und ihre 61-jährige Großtante Raina Jovanović. Beide atmen zudem hochgradig giftigen Rauch ein. Die Rettungskräfte bringen sie in eine Spezialklinik, doch der Kampf um ihr Leben ist vergeblich. Bereits wenige Tage später, am 7. Februar 1994, erliegt Raina Jovanović den schweren Folgen ihrer Verbrennungen. Jasminka kämpft länger. Am 31. Januar erlebt sie auf der Intensivstation noch ihren zwölften Geburtstag. Doch trotz aller intensiven Bemühungen der Ärzte verstirbt auch sie am 12. März 1994 an einer schweren Rauchgasvergiftung und den komplizierten Brandfolgen.
Die Spuren führen die Ermittler rasch zu einem konkreten Verdächtigen: Es handelt sich um einen 43-jährigen deutschen Hilfsarbeiter. Er ist erst drei Tage vor der Tat zu seinem älteren Bruder, der bereits in dem Übergangswohnheim wohnt, gezogen. Aussagen zu dessen rassistischer Gesinnung liegen der Polizei frühzeitig vor. Seine ehemalige, langjährige Vermieterin beschreibt den 43- Jährigen als gefährlichen „Überzeugungstäter“, der sich offen mit den rechtsextremen Brandanschlägen der damaligen Zeit solidarisierte. Sie zitiert ihn wörtlich mit der Drohung: „Wenn ich selber könnte, hätte ich dort auch Brände gelegt. “ Zudem offenbaren die Ermittlungen, dass der Mann ein notorischer Brandstifter ist. In seinen früheren Wohngebäuden kam es zu mehr als einem Dutzend vorsätzlicher Brände. Obwohl Hausbewohner*innen ihn in der Vergangenheit sogar zweimal direkt am Tatort festhalten konnten, führte dies nie zu einer Verurteilung. Die Spur des Hauptverdächtigen verliert sich schließlich im November 2008 – damals wird er von einem Gericht erneut wegen versuchter schwerer Brandstiftung verurteilt. Die Täter des Kölner Anschlags hingegen sind bis heute offiziell nicht gefasst.
Eklatante Ermittlungsfehler und ignoriertes Tatmotiv
Obwohl der Anschlag zwei Menschenleben fordert, stufen Polizei und Staatsanwaltschaft die Tat lediglich als gefährliche Brandstiftung ein – ein fataler Fehler, denn wegen Mordes wird nicht ermittelt. Wäre der Fall als Mord bewertet worden, hätte die gesetzliche Nicht-Verjährung dafür gesorgt, dass die vollständigen Ermittlungsakten und Asservate bis heute lückenlos gesichert wären. Der Anschlag reiht sich damit zeitlich nahtlos in eine Phase massiver, rassistisch motivierter rechter Gewalt in Deutschland ein, die kurz zuvor durch die tödlichen Brandanschläge in Mölln (1992) und Solingen (1993) ihren vorläufigen Höhepunkt fand.
Eine Pressemitteilung der Opferberatung Rheinland von 2017 verdeutlicht das Ausmaß der zweifelhaften Ermittlungen. Bereits einen Tag nach der Tat schloss die Polizei einen „fremdenfeindlichen“ Hintergrund aus. Dies ist angesichts der vorliegenden Aussage der ehemaligen Vermieterin kaum nachvollziehbar. Der Verein Rom e.V., der die Familie seit dem Anschlag begleitete, kritisierte diesen Umstand bereits im Februar 1994 scharf.
Es folgten weitere schwere Versäumnisse der Behörden: Mögliches Beweismaterial wurde bei Aufräumarbeiten am Tag nach der Tat entfernt, was eine Spurensicherung unmöglich machte. In der städtischen Unterkunft gab es zudem große Sicherheitsmängel; es fehlte unter anderem an Feuerlöschern und die Feuerwehrzufahrt war in der Tatnacht verriegelt. Rom e.V. versuchte laut eigener Aktenlage ein Jahr lang intensiv, gemeinsam mit der Familie gegen die mangelnde Aufklärungsbereitschaft und die Ignoranz der Verantwortlichen anzukämpfen. Das Leid der Betroffenen interessierte niemanden. Stattdessen gab es Versuche, die Opfer zu diskreditieren, indem ihnen selbst die Verantwortung für das schreckliche Ereignis zugeschrieben wurde. Dieses Muster der Ignoranz gegenüber Roma zeigt Parallelen zum Versagen der Behörden im Kontext des NSU.
Das Leben nach der Tat: Jahre der Ungewissheit
Die kleine Jasminka wurde in ihrem Heimatort in Serbien begraben. Zwei Wochen nach ihrem Tod erhielt die Familie ein Schreiben der Ausländerbehörde, das die sofortige Abschiebung androhte – zu einem Zeitpunkt tiefster Trauer und während Überlebende noch schwer verletzt waren. Mit Unterstützung des Rom e.V. konnte die Abschiebung zwar jahrzehntelang abgewendet werden. Dies geschah jedoch zum Preis einer ständigen Unsicherheit aufgrund des Duldungsstatus und strikter Reisebestimmungen. Dragan Jovanović verbringt mit seiner Familie nun mehr als sein halbes Leben in derselben Flüchtlingsunterkunft am Rande von Köln. Die fehlende Reisefreiheit macht es der Familie bis heute unmöglich, Jasminkas Grab in Serbien zu besuchen und Abschied zu nehmen, da eine Ausreise angesichts ihres unsicheren Aufenthaltsstatus das Risiko der endgültigen Abschiebung mit sich bringen würde.
Fehlende Anerkennung und der Kampf um die Wahrheit
Die ständige Ungewissheit um die Abschiebung und die fehlende Anerkennung der rassistischen Dimension der Tat durch staatliche Stellen erschweren die Aufarbeitung des Geschehens für die Familie massiv. 2018 wandte sich Jasminkas Vater an die Rechtsanwältin Edith Lunnebach, die bereits Überlebende des NSU-Anschlags in der Kölner Probsteigasse vertrat, um doch noch Antworten zu erhalten. Lunnebach stützt sich auf fragmentarische Aktenreste von 1994 und hält den Verlauf der Ermittlungen für „völlig unverständlich“. Sie betont: „Die Beweislage [für Mord] war sehr eindeutig.“
Der Brandanschlag auf die Familie Jovanović in Köln-Gremberg ist ein tragisches Beispiel für die Kontinuität rassistischer Gewalt in Deutschland und die damit einhergehende systematische Ignoranz der Behörden. Das ungesühnte Schicksal von Jasminka und Raina Jovanović reiht sich ein in eine lange Liste ähnlicher Brandanschläge und Morde, in denen das rassistische Motiv v.a. in den 1990er Jahren ausgeblendet wurde. Dazu zählen beispielsweise der Brandanschlag von Lampertheim (1992, drei Todesopfer) und der Brandanschlag in Lübeck (1996, zehn Todesopfer).
Die Hoffnung auf Aufklärung bleibt bestehen – oft dank des beharrlichen Drucks der Zivilgesellschaft und investigativer Journalist*innen.
Begründung: Verdachtsfall Todesopfer rechter Gewalt
Der Brandanschlag auf die Roma-Familie Jovanović in Köln-Gremberg im Jahr 1994, in dessen Folge Jasminka und Raina Jovanović starben, wird von der Amadeu Antonio Stiftung aufgrund der dokumentierten Umstände als Verdachtsfall tödlicher rechter Gewalt geführt.
Die Ermittlungen schlossen ein rassistisches Motiv vorschnell aus, obwohl die Behörden von den rassistischen Äußerungen des Hauptverdächtigen und dessen offener Sympathie für rechtsextreme Brandanschläge wussten.
Die eklatanten Ermittlungsfehler von damals – wie die Beseitigung möglicher Beweismittel und die Nicht-Einstufung als Mord – verhindern heute eine lückenlose Aufklärung. In der Konsequenz kann ein naheliegendes rassistisches Tatmotiv für die Morde an Jasminka und Raina Jovanović nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden.
Eine Aufnahme auf die Verdachtsfallliste ist daher notwendig, um die rassistische Dimension des Geschehens anzuerkennen, das systematische Behördenversagen in einem von rechter Gewalt geprägten Jahrzehnt zu dokumentieren und den Fall in den Kontext der Kontinuität rechter Gewalt in Deutschland einzuordnen.
Gemeinsam Erinnern
Seit April 2026 gibt es eine neue, digitale Initiative, die der aktiven Erinnerungsarbeit eine Stimme gibt: Am 8. April 2026 – dem Internationalen Tag der Roma – ging der Instagram-Account @brandanschlagkoelngremberg an den Start. Entstanden ist das Projekt in enger Zusammenarbeit mit den Hinterbliebenen der Familie Jovanović. Der Account hat sich einer klaren Mission verschrieben:
„Dieser Account soll hier beginnen: Mit dem, was passiert ist, und mit der Frage, was danach kam.“
Er bietet Raum für Aufklärung, dokumentiert die jahrzehntelange Ungerechtigkeit und soll gleichzeitig ein lebendiger Ort des gemeinsamen Gedenkens sein.
Angehörige, Wegbegleiter*innen und Menschen, die Jasminka und Raina Jovanović kannten, sind weiterhin herzlich eingeladen, sich einzubringen und bei der Amadeu Antonio Stiftung zu melden. Ihre Geschichten und Erinnerungen sind für die Aufarbeitung von unschätzbarem Wert.
Weiterführende Infos
Eine detaillierte Reportage zum Fall, „Brennender Hass – Gewalt gegen Roma“, kann bei der ZEIT nachgelesen werden.