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Legrand Makodila Mbongo

, 5 Jahre

Am 18.01.1996 und in der darauffolgenden Nacht starben in der Hafenstraße 52 und im Lübecker Krankenhaus Monica Maiamba Bunga (27), Nsuzana Bunga (7), Rabia El Omari (17), Francoise Makodila Landu (33), Christelle Makodila Nsimba (8), Legrand Makodila Mbongo (5), Christine Makodila (17), Miya Makodila (14), Jean-Daniel Makodila Nkosi (3) und Sylivio Bruno Comlan Amoussou (27) in Folge eines rassistisch motivierten Brandanschlags. 38 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt.

Um 03.41 erhielt die Lübecker Feuerwehr einen Anruf. Am Telefon war Francoise Makodila. Panisch berichtete sie, dass das Haus, in dem sie lebt, in Flammen steht. Das weiße dreistöckige Haus in der Hafenstraße diente als Unterkunft für Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte. Als Feuerwehr und Polizei an dem Haus in der Hafenstraße ankamen, war das Innere des Gebäudes schon fast ausgebrannt. Einige Bewohner*innen hatten noch versucht, sich durch einen Sprung aus dem Fenster zu retten. Das Verbrechen wurde bis heute nicht juristisch aufgeklärt.

Die Ermordeten – 10 Leben, die zu früh beendet wurden

Monica Maiamba Bunga (27) wurde am 12.11.1968 in der angolanischen Hauptstadt Luanda geboren. Die Familie musste vor einem Bürgerkrieg fliehen, der in ihrer Heimat tobte. Sie starb, als sie ihr Leben und das ihrer Tochter Nsuzana Bunga vor dem Tod in den Flammen retten wollte: Sie sprang aus dem dritten Stock. Beide verstarben einige Stunden später im Krankenhaus.

Nsuzana Bunga, die 7-jährige Tochter von Monica Maiamba Bunga wurde am 25.09.1988 in Luanda/ Angola geboren. Sie erlitt multiple Verletzungen nach dem Sprung aus dem dritten Stock auf dem Arm ihrer Mutter und verstarb wenige Stunden später im Krankenhaus an denselben.

Rabia El Omari (17) wurde am 01.12.1978 in Beirut geboren. Familie El Omari bewohnte eine Wohnung im zweiten Stock des Hauses, welche zur Hafenstraße zeigte. Die neunköpfige Familie musste Beirut im Jahr 1991 verlassen. Sie teilten sich mit neun Personen vier Zimmer. Mit den anderen Bewohner*innen der Etage pflegten sie ein freundlich, distanziertes Verhältnis.Rabia El Omari starb an einer Rauchgasvergiftung. Einen Monat zuvor hatte sie ihren 17. Geburtstag gefeiert.

In der anderen Wohnung im zweiten Stock lebte die Familie Makodila. Francoise Makodila Landu (33) wurde am 28.03.1962 in Kinshasa in Zaire geboren. Ihr Mann Jean-Daniel Makodila war in ihrer Heimat Politiker einer christlich demokratischen Partei. Die Familie war aus politischen Gründen gezwungen Zaire zu verlassen. Sie hatten sich mehrfach bemüht, aus der Hafenstraße in eine eigene Wohnung zu ziehen. Doch wie viele Familien aus der Unterkunft in der Hafenstraße wurde ihnen diese Chance verwehrt, die Umzugserlaubnis vom Sozialamt wurde nicht erteilt. Der Familienvater Jean-Daniel reiste am 17.01.1996, einen Tag vor dem Anschlag, zu einem Kongress mit Parteifreund*innen nach Aachen. An diesem Tag sah er seine Frau und seine fünf Kinder das letzte Mal.

Der Vater der Familie musste seine Frau und seine Kinder in Särgen nach Zaire zurückbringen. Ihm selbst wurde durch den Lübecker Oberbürgermeister freies Geleit für eine unbürokratische Rückreise zugesagt – Oberbürgermeister Bouteiller bekam deswegen ein Disziplinarverfahren vom Kieler Innenministerium.

Christelle Makodila Nsimba (8) wurde am 16.01.1988 in Kinshasa geboren. Sie starb an einer Rauchgasvergiftung, zwei Tage nach ihrem achten Geburtstag.

Legrand Makodila Mbongo (5) wurde am 11.08.1990 in Lübeck geboren. Er starb im Alter von fünf Jahren an einer Rauchgasvergiftung.

Christine Makodila (17) wurde am 24.09.1978 in Kinshasa geboren und besuchte eine Lübecker Schule. Sie starb im Alter von 17 Jahren an einer Rauchgasvergiftung.

Miya Makodila (14) wurde am 18.05.1981 in Kinshasa geboren. Einige Monate vor ihrem 15. Geburtstag starb sie an einer Rauchgasvergiftung.

Der kleinste Sohn der Familie Makodila trug den Namen seines Vaters. Auch Jean-Daniel Makodila Nkosi (3) kam in Lübeck zur Welt, am 12.05.1992. Am 18.01.1996 wurde ihm das Leben genommen – auch er starb durch eine Rauchgasvergiftung und wurde keine vier Jahre alt.

Sylvio Amoussou (27) wurde am 05.11.1968 in Cotonou in Togo geboren. Er war Student, durfte in Deutschland die Universität jedoch nicht besuchen, weil sein Asylgesuch abgelehnt wurde. Aus diesem Grunde erhielt er auch keine Sozialhilfe. Marie Agonglovi, die „Gute Seele des Hauses“, half ihm aus. Sylvio Amoussou schlief bei ihrem Sohn Ray im Zimmer. So war es in der Hausgemeinschaft: Die Menschen halfen sich gegenseitig, wo sie nur konnten – das geht aus den Prozessakten hervor. Ihnen allen war bewusst, dass sie als teilweise sogenannte Geduldete jederzeit in Angst vor einer Ausweisung leben mussten. Die Todesursache von Sylvio Amoussou wurde nie abschließend bestimmt.

Die Tatverdächtigen

Noch in der Tatnacht bzw. am Morgen des 19.01.1996 wurden vier junge Männer in ihrem Heimatort, dem naheliegenden Grevesmühlen, festgenommen. Alle vier waren in der rechtsextremen Szene bekannt: Maik W, Heiko P., Rene B. und Dirk T. Sie machten am Abend des 18.01.1996 einen Ausflug nach Lübeck und wurden dort an einer Tankstelle gesichtet, an der sie Benzin kauften. Die vier wurden in der Hafenstraße kontrolliert und sagten aus, sie seien zufällig dort gewesen und hätten den Löscharbeiten am Haus einige Minuten zugesehen. Bei ihrer Ankunft seien schon Einsatzkräfte vor Ort gewesen. Dies konnte im Chaos des Brandes niemand mehr nachvollziehen. Einer der Verdächtigen sagte jedoch aus, er habe eine Frau mit einem Kind auf dem Arm aus dem Fenster springen sehen. Dies passierte nachweislich vor dem Eintreffen der Einsatzkräfte.

Bei Maik W., Dirk T. und Rene B. wurden nach der Festnahme frische Spuren der Versengung an Kopfhaar und Augenbrauen festgestellt. Spuren, die entstehen, wenn Menschen sich nah an einem Feuer aufhalten oder ein solches entfachen. Die Verdächtigen sagten aus, sie hätten sich diese Spuren einige Tage zuvor beim Quälen eines Hundes mit einer brennenden Dose zugezogen – dafür waren die Spuren jedoch zu frisch. Trotz aller Unstimmigkeiten wurden die vier freigelassen. Die Ermittlungen wurden letztlich eingestellt, weil der Aufenthalt der Verdächtigen an der Tankstelle als Alibi gewertet wurde. Über das Bewegungsprofil der vier an diesem Abend gibt es unterschiedliche Theorien, zumindest eine macht es jedoch möglich, dass sie zur Tatzeit am Tatort waren. Ende 2012 wurde zudem bekannt, dass das Alibi, zu einem bestimmten Zeitpunkt an der Tankstelle gewesen zu sein, von einer Person stammte, die selbst aktiver Teil der rechtsextremen Szene war.

Prozess, Ermittlungen und behördliches Versagen

In den Tagen nach dem Brandanschlage wurde eine Nachrichtensperre erlassen und die Leiche von Sylvio Amoussou vor einer abschließenden Feststellung der Todesursache zur Einäscherung freigegeben. Wie bei vielen möglicherweise rechtsextrem motivierten Anschlägen ermittelten die Behörden vorwiegend innerhalb der Community, die von dem Anschlag betroffen war – so auch in den Ermittlungen zum Brandanschlag in Lübeck.

Die Staatsanwaltschaft versteifte sich auf einen Ausbruch des Feuers im 1. Obergeschoß des Hauses in der Hafenstraße und somit auf eine Brandursache innerhalb des Hauses. Ein Brandexperte lokalisierte den Ausbruch des Feuers jedoch später im EG des Hauses, was eine Fremdeinwirkung durchaus möglich macht. In den Ermittlungen wurden aber vorrangig Unstimmigkeiten innerhalb der Hausgemeinschaft als mögliche Tatursache untersucht. Alle Menschen jedoch, die in dem Haus in der Hafenstraße lebten, sagten vor Gericht aus, dass in dem Haus ein solidarisches Miteinander geherrscht habe. Diese Darstellung wurde auch seitens eines Sozialarbeiters bestätigt, der mit den Bewohner*innen des Hauses arbeitete.

Einer der Bewohner, Safwan Eid, sprach im unmittelbaren Nachgang der traumatisierenden Ereignisse mit einem Sanitäter. Dieser interpretierte eine Aussage von Safwan frei und so wurde aus einem: „Die waren`s“ ein „Wir waren`s“. Unter anderem aufgrund dieses vermeintlichen Indizes wurde Safwan Eid für die Behörden zum Hauptverdächtigen. Insgesamt sind die Ermittlungen geprägt von vermeintlichen Pannen, Fehlinterpretationen und Voreingenommenheit. Der Journalist Andreas Juhnke hat diese in seinem Buch „Brandherd – Der zehnfache Mord von Lübeck: Ein Kriminalfall wird zum Politikum“ aufgearbeitet. Daneben befassen sich diverse Zeitungsartikel sowie eine Ausgabe der NDR-Sendung „Panorama“ mit den fehlerhaften Ermittlungen zum Lübecker Brandanschlag. Safwan Eid kam aufgrund der getätigten Aussage, Übersetzungsfehlern, vagen Annahmen und geringfügiger Indizien vor Gericht, wird in seiner Zelle abgehört und unter Generalverdacht gestellt.

Es war dem unermüdlichen Einsatz der Anwältin Gabriele Heinecke und dem Einsatz zivilgesellschaftlicher Initiativen zu verdanken, dass Safwan Eid nicht aufgrund dieser sehr dünnen und fingierten Indizienlage verurteilt wurde. Der erste Prozess gegen Safwan Eid wurde am 30.06.1997 eingestellt. Ein zweiter Prozess gegen ihn beginnt am 03.09.1999 und endet am 02.11.1999 mit einem Freispruch.

Der „Luxus“ einer Ermittlung in alle Richtungen

Maik W., einer der mutmaßlich wahren Täter, gestand die Tat schließlich mehrfach – gegenüber eines Ladenbesitzers, gegenüber eines JVA-Beamten und schlussendlich auch gegenüber der Zeitschrift Spiegel. Die Geständnisse widerrief er, nachdem er mit den ermittelnden Beamt*innen gesprochen hatte. Später sagte er, ebenfalls gegenüber dem Spiegel, aus, ihm wäre die Geständnisse mehrfach von den Beamt*innen ausgeredet worden.

Heinrich Wille, der damalige Leiter der Staatsanwaltschaft Lübeck, sagte später, die Lübecker Polizei habe zur damaligen Zeit nicht genügend personelle Ressourcen gehabt, um in alle Richtungen zu ermitteln. Dass überhaupt in Richtung der Rechtsextremen ermittelt wurde, bezeichnete er als Luxus: „Und es war aus der Sicht unserer personellen Belastung ein Luxus, den wir uns eigentlich nicht leisten konnten, den wir uns im Interesse der Sache geleistet haben, um hier wirklich sicher zu gehen“.

Forderung nach einer Wiederaufnahme der Ermittlungen

Jedem Staatsanwalt*jeder Staatsanwältin sollte bei einem solchen Fall die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit unter den Fingern brennen: Es liegen mehrere Geständnisse eines Täters vor, die Beweise passen augenscheinlich zu diesen. Zeug*innenaussagen beziehen sich zwar auf Ereignisse, die nunmehr 25 Jahre zurückliegen – doch trotz dieser Tatsache gibt es noch immer Zeug*innen, die sich an wichtige Beobachtungen aus dieser Nacht erinnern. Zudem ist die Rekonstruktion der Ereignisse schlüssig, die Rechtsextremen sind zumindest stark verdächtig, der Hauptentlastungszeuge wirkt zunehmend unglaubwürdig.

Deshalb zeigen wir uns uneingeschränkt solidarisch und schließen uns den Forderungen der Überlebenden und der Initiative „Hafenstraße `96“ nach einer Wiederaufnahme der Ermittlungen an. Es sollte nicht als Luxus gelten, den Mord an zehn Menschen aufzuklären. Neben der Aufklärung des Brandanschlags selbst sollte es nun auch darum gehen, die Ermittlungsfehler aufzudecken.

*Viele der in diesem Artikel dargelegten Informationen sind den Recherchen und besagtem Buch von Andreas Juhnke entnommen.

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