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Hintergründe

Warum rassismus- und antisemitismuskritische Bildungsarbeit herausfordernd, ein Verstummen aber keine Lösung ist

Von Dorothea Pahl  – Gastbeitrag

Gegen Rassismus und gegen Antisemitismus sind natürlich alle und finden es ganz klar, dass man pädagogisch intervenieren und auch Vorsorge leisten muss. Hinter den Kulissen zeigt sich aber, dass es sehr viele Widerstände und Unsicherheiten gibt und es praktisch gar nicht so einfach ist. Wir haben Dorothea Pahl gebeten, die wichtigsten Erkenntnisse aus ihrer Masterarbeit zu antisemitismus- und rassismuskritischen Bildungsarbeit zusammenzufassen. Die zentrale Botschaft: Es ist schwierig, aber gerade deshalb müssen Fachkräfte in der Jugendarbeit und andere Pädagog*innen die Probleme angehen! Wenn man um die Schwierigkeiten weiß, kann man ihnen bewusst begegnen.

Dorothea Pahl hat bereits im November 2019 auf einer Veranstaltung der ju:an-Praxisstelle ihre Ergebnisse präsentiert. Sie arbeitet als Bildungsreferentin eines Jugendverbandes zu den Themen Vielfalt, Inklusion und internationaler Jugendaustausch.

Download: Dorothea Pahl zu Schwierigkeiten Bildungsarbeit

Warum rassismus- und antisemitismuskritische Bildungsarbeit herausfordernd, ein Verstummen aber keine Lösung ist –
Einblick aus Perspektive einer Forscherin

Rassismus und Antisemitismus sind gewalttätige soziale Phänomene, die miteinander verquickt, aber nicht gleichzusetzen sind. Im Grunde enthält diese Aussage keinerlei Konfliktpotenzial, dennoch hat sich in den letzten Jahren eine Debatte darüber entfaltet. In dieser Debatte geht es oftmals darum, welches der Phänomene das „schlimmere“ sei und ob zu Recht schnell der Verdacht erhoben wird, jemand sei ‚antisemitisch‘ oder eben ‚rassistisch‘. In Zeiten, in denen rechte Parteien und Organisationen immer mehr Zuspruch erhalten und antisemitische und rassistische Übergriffe sowie rechter Terror zunehmen, sollte sich eine an demokratischen Werten orientierte Bildungsarbeit jedoch nicht spalten lassen. Es stellt sich daher die Frage: Kann Rassismus- und Antisemitismuskritik zusammengebracht werden, um dadurch möglicherweise erfolgreicher den Phänomenen zu begegnen?

Meiner Masterarbeit lag diese Frage zugrunde und in Interviews mit Tätigen in der rassismus- und/oder antisemitismuskritischen Bildungsarbeit wurden vielerlei Herausforderungen benannt, die diese Bildungsarbeit charakterisieren. Nur wenige Projekte oder Einrichtungen haben dabei den Anspruch, systematisch beide Phänomene gleichrangig zu bearbeiten.

Widerstand und Projektionen

Den meisten der befragten Interviewpartner*innen begegnen in ihrer Arbeit Widerstände und Projektionen. Diese gehen von den Teilnehmenden ihrer Angebote aus und richten sich gegen das Thema (Rassismus-/Antisemitismuskritik) oder aber auch gegen die Seminarleitung selbst. Eine Projektion ist ein psychischer Abwehrmechanismus, der eigene Affekte und Emotionen auf andere überträgt. Projektionen in Seminaren/Workshops zeigen sich beispielsweise dann, wenn der Seminarleitung, vielleicht ein Jude oder eine Woman of Colour, aufgrund von „eigener Betroffenheit“ Kompetenzen und Wissen abgesprochen werden. Sie werden nicht als die Expert*innen gesehen, die sie in dem Bereich sind. Eigenes Unwissen wird auf die Expert*innen projiziert und an einer vermeintlichen Schwäche festgemacht: Wegen der eigenen Betroffenheit, so die unreflektierte Annahme, könne die Person nicht objektiv sein und würde vorschnell Dinge als rassistisch oder antisemitisch bezeichnen. Die Projektion ermöglicht es den Teilnehmenden, eigene Schwächen zu ignorieren und sie einer anderen Person zuzuschreiben.

Es wurde auch von rassistischen Projektionen zwischen den Teilnehmenden des Seminars/Workshops berichtet, wenn zum Beispiel eine Frau anwesend ist, die ein Kopftuch trägt, und ihr mangelnde Reflektiertheit oder Ähnliches vorgehalten wird. Dieses Phänomen, die Diskussion um Hijabs als Projektionsfläche des antimuslimischen Rassismus, ist schon seit Jahren in der Wissenschaft bekannt und wird analysiert und diskutiert. Antimuslimischer Rassismus, so erklärt es die Forscherin Yasemin Shooman, ist eine Form des ‚Rassismus ohne Rassen‘. Menschen werden aufgrund ihrer ‚Kultur‘ oder ‚Religion‘ einem Kollektiv (‚Kulturkreis‘) zugeordnet, welcher sich wiederum verwandtschaftlich über die ‚Abstammung‘ herleite. Diese Annahme schließt eine Durchlässigkeit kultureller Identitäten aus und bestimmt im Voraus, wie ein Mensch sich als Person entwickelt. Gleichzeitig wird meist allein an äußerlichen Merkmalen festgemacht, wer einem bestimmten „Kulturkreis“ angehöre.

Widerstände in der antisemitismus- und rassismuskritischen Bildungsarbeit liegen beispielsweise auch dann vor, wenn Teilnehmer*innen kein Verständnis für die Notwendigkeit aufbringen, sich selbst mit Antisemitismus zu beschäftigen. Sie verorten Antisemitismus entweder bei der Gruppe der Nazis und in der Vergangenheit oder ausschließlich bei der Gruppe der Muslim*innen bzw. derjenigen, die sie als solche wahrnehmen. Somit gehen Teilnehmer*innen einem Erkennen eigener antisemitischer Denkmuster aus dem Weg – und reproduzieren gleichzeitig antimuslimischen Rassismus.

Eine weitere Form des Widerstands ist der Wunsch nach „einfachen Lösungen“, die den Teilnehmenden helfen, sich dem Thema zu entziehen oder es „schnell“ zu bearbeiten. Eine Interviewpartner*in sprach von ihrer Beobachtung, dass gern eindeutige, situationsunabhängige Orientierungshilfen gefordert werden und dadurch die Auseinandersetzung verkürzt und an einer Stelle abgeschlossen wird, an der sie eigentlich erst beginnt.

Widerstand ist jedoch auch ein notwendiger Bestandteil in der Auseinandersetzung zu Rassismus und Antisemitismus. In einer Gesellschaft, in der niemand gern „Täter*in“ sein möchte, führt es zu schmerzhaften Momenten, Verantwortung für rassistisches und antisemitisches Handeln zu übernehmen. Es braucht jedoch die Ehrlichkeit und den Mut, sich auf diesen Prozess einzulassen und seinen erlernten rassistischen und antisemitischen Denkmustern zu begegnen und sie zu bearbeiten. Genau dieser Prozess wird in der antisemitismus- und rassismuskritischen Bildungsarbeit thematisiert und begleitet.

Diskriminierungserfahrungen: ernst nehmen und nicht hierarchisieren

Einhergehend mit den Projektionen und Widerständen sind auch Herausforderungen zu nennen, die mit den Diskriminierungserfahrungen von Teilnehmer*innen oder von den Jugendlichen, mit denen sie arbeiten, zu tun haben. Denn sind Jugendliche, so eine Interviewpartner*in, in ihrem Alltag rassistischen Projektionen ausgesetzt, fällt es ihnen schwerer, sich als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft verstanden zu fühlen.

In den Seminaren kommt immer wieder die Frage auf, welche Diskriminierungserfahrungen im Fokus stehen und welche nicht gesehen werden. Zum Beispiel werden bei der Auseinandersetzung mit Antisemitismus rassistische Diskriminierungserfahrungen vielfach nicht thematisiert. Menschen, die von Rassismus betroffen sind, fühlen sich deshalb eventuell ‚nicht gesehen‘ oder empfinden es so, dass ihre Erfahrungen geleugnet werden. Ebenso erhalten auch antisemitische Erfahrungen von Teilnehmenden zu wenig oder keinen Raum in Angeboten zu Rassismuskritik. Gleichzeitig berichten die Interviewten, dass auch die Gefahr bestehe, ein ‚Opfernarrativ‘ zu bestärken. Etwa wenn einzelne Jugendliche beanstandeten, dass überproportional häufig die ‚Opferrolle‘ der Juden und Jüdinnen thematisiert werde, während über die schwierige Situation von Muslim*innen hinweggesehen werde. Anstatt Antisemitismus wollten sie dann hauptsächlich die eigene Gruppe als Opfer von Feindlichkeit thematisieren.

Es ist daher wichtig, Diskriminierungsformen nicht zu hierarchisieren und gegeneinander auszuspielen und sich nicht von lediglich tagesaktuellen medialen Debatten, beispielsweise zu antisemitischen Vorfällen, leiten zu lassen. Vielmehr ist ein biografisches Arbeiten mit den eigenen Erfahrungen möglicherweise fruchtbar, um für verschiedene Diskriminierungserfahrungen zu sensibilisieren.

 Einfluss gesellschaftlicher Diskurse

Gleichzeitig ist ein Einfluss gesellschaftlicher Diskurse auf den pädagogischen Alltag zu erkennen. Die Verschiebung des Sagbaren zeigt sich auch in den Angeboten zu rassismus- und antisemitismuskritischem Lernen. Abwertende, diskriminierende Gedanken von Teilnehmenden, die bisher möglicherweise nur in Familien- und Freundeskreisen ausgesprochen wurden, werden in Seminaren mit Kolleg*innen, Schüler*innen oder Unbekannten ausgedrückt, ohne Scham oder Sorge, Anwesende dadurch zu verletzen. Beispielsweise die Abwertung von Personen, die als Rom*nja wahrgenommen werden. Diese Beobachtung ist mit dem Schlagwort des ‚Rechtsrucks‘ zu erklären, erkennbar an dem Erstarken der rechtspopulistischen und rechten Partei AFD und der damit einhergehenden Verschiebung der Themen in Medien und Politik. Besonders konkret ist dabei die Instrumentalisierung des Diskurses um einen ‚muslimischen Antisemitismus‘ zu beobachten. So soll Antisemitismus hauptsächlich von muslimischen Menschen ausgehen, wobei es bisher keine repräsentative Studie gibt, die zu dieser Einschätzung wissenschaftliche Ergebnisse vorweist. Diese Entwicklung führt dazu, dass die Angst besteht, dass möglicherweise die „Themen der Rechtspopulist*innen abgearbeitet“ werden, anstatt die eigenen Schwerpunkte in der diskriminierungskritischen Arbeit auszubauen.

Der „Rechtsruck“ hat auch Auswirkungen auf die strukturellen Gegebenheiten der antisemitismus- und rassismuskritischen Projekte. Beispielsweise strebte die Partei AFD im Landtag Sachsen-Anhalts die Kürzung der Fördermittel des Netzwerks Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage an. Bei der Finanzierung von antisemitismus- und rassismuskritischen Seminaren und Workshops steht auch immer die Frage im Raum, welche Arbeit mit welchem Verständnis von Rassismus und Antisemitismus öffentlich gefördert wird. Wird davon ausgegangen, dass Rassismus und Antisemitismus Vorurteile sind, die es leicht aus der Welt zu schaffen gilt, dann werden diese Projekte eventuell lieber gefördert als Projekte, die strukturverändernd auf mehrheitsgesellschaftliche Organisationen einwirken wollen und die Arbeit als langfristige Prozesse verstehen.

Nicht verstummen

Mit Blick auf die genannten Herausforderungen in der rassismus- und antisemitismuskritischen Bildungsarbeit ist es unbedingt notwendig, nicht zu verstummen. Die Themen sind komplex, und es scheint schwierig, diese ‚richtig‘ zu bearbeiten. Umso wichtiger ist es, Betroffenen rassistischer und antisemitischer Diskriminierung zuzuhören und seine eigenen Handlungen immer wieder zu hinterfragen. Es gilt, den Widerstand zu überwinden und anzuerkennen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der rassistische und antisemitische Denkmuster eng mit der Geschichtsschreibung und dem Wissen, was weitergegeben wird, verwoben sind. Rassistische und antisemitische Stereotype sind nicht nur in Schulbüchern und Filmen zu finden, mit denen Kinder aufwachsen, sondern auch in aktuellen tagespolitischen Berichterstattungen und akademischen Diskursen. Oft werden diese Stereotypen aber gar nicht erkannt.

Es ist unabdingbar, sich der Komplexität zu stellen und gemeinsam zu lernen. Ohne Angst vor der gesellschaftlichen Ächtung durch die fehlende/mangelhafte Verwendung von Fachbegriffen oder der Angst, selbst zu diskriminieren. Es braucht Angebote, Zeit und Räume, wo ein rassismus- und antisemitismuskritisches Lernen möglich ist.


Die ju:an-Praxisstelle wird gefördert durch:

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