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„Mord verjährt nicht!“ Das Gedenken an Mehmet Turgut in Rostock und die Kämpfe um Aufklärung und Sichtbarkeit

Blumen, Kränze und rote Grablichter liegen an einer Gedenktafel für Mehmet Turgut. Die Tafel erinnert daran, dass er am 25. Februar 2004 von Neonazis ermordet wurde.
Gedenkstelle für Mehmet Turgut in Rostock: Blumen und Kerzen erinnern an den 2004 von Neonazis ermordeten Familienvater. Foto: Amadeu Antonio Stiftung

„Mord verjährt nicht!“ – Unter diesem Motto erinnert eine Gedenkinitiative in Rostock an Mehmet Turgut, der 2004 im Alter von 25 Jahren von Täter*innen des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ ermordet wurde. Die Initiative kämpft dafür, dass seine Geschichte in der Stadt sichtbar bleibt, die Hintergründe der Tat aufgeklärt werden und dass die Forderungen der Familie Turgut Gehör finden, darunter die Umbenennung der Straße, in der er ermordet wurde, in „Mehmet-Turgut-Weg“. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt die Arbeit der Initiative mit einer Förderung.

Von Luisa Gerdsmeyer

Mehmet Turgut wurde 1979 in dem kleinen Dorf Kayalik in der türkischen Provinz Elâzığ geboren und wuchs dort gemeinsam mit seinen vier Geschwistern auf. Seine Eltern waren Landwirt*innen. Mit 15 Jahren kam Mehmet Turgut mit dem Wunsch nach Deutschland, sich hier eine Zukunft aufzubauen. Er wollte Geld verdienen, um seine Familie in der Türkei unterstützen zu können. Von Familie und Freund*innen, die ihn auch „Memo“ nannten, wird er als fleißig, freundlich und zielstrebig beschrieben. Er arbeitete an unterschiedlichen Orten in Norddeutschland in der Gastronomie und der Landwirtschaft. Doch die Bedingungen waren prekär. Mehrere Asylanträge, die er gestellt hatte, weil er als Kurde in der Türkei verfolgt wurde, wurden abgelehnt und er wurde wiederholt abgeschoben. Trotzdem hielt er an seinen Träumen fest, kehrte nach Deutschland zurück und suchte Arbeit, um sich hier ein Leben aufbauen zu können.

Diese fand er Anfang 2004 bei einem Freund seines Vaters, der den Imbiss „Mister Kebap Grill“ in Rostock betrieb. Am 25. Februar 2004 stand Mehmet Turgut dort hinter dem Tresen, als der oder die Täter*innen der rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) den Imbiss betraten und Mehmet Turgut mit mehreren Schüssen so schwer verletzten, dass er wenig später verstarb.

Das Versagen der Ermittlungsbehörden nach dem Mord an Mehmet Turgut

Bereits wenige Wochen nach der Tat machten Ermittler*innen des mecklenburg-vorpommerschen LKA öffentlich, dass die Tatwaffe dieselbe war, die auch bei Morden in Nürnberg, Hamburg und München verwendet worden war. Dennoch schlossen die Ermittlungsbehörden schon kurz nach dem Mord ein „ausländerfeindliches Motiv“ aus. Stattdessen richteten sie ihren Fokus auf das persönliche Umfeld Mehmet Turguts und seine Familie. Mehrfach reisten Ermittler*innen in die Türkei, um Angehörige, Nachbar*innen und Bekannte zu befragen. Dabei wurden Mehmet Turgut und sein Umfeld immer wieder kriminalisiert und vermeintliche kriminelle Verstrickungen als mögliche Tatmotive konstruiert. Die Ermittlungen folgten rassistischen Annahmen und hatten für die Familie Turgut gravierende Konsequenzen. Neben dem Verlust ihres Sohnes wurden sie durch die Kriminalisierung zusätzlich enorm belastet. Die Verdächtigungen schürten im Dorf Misstrauen gegenüber der Familie – bis sie dem nicht länger standhalten konnten und ihr Zuhause verlassen mussten.

Im September 2011 wurden die Ermittlungen zum Mord an Mehmet Turgut eingestellt. Nur zwei Monate später bekannte sich das Kerntrio des sogenannten NSU mit einem Video zu diesem und zu acht weiteren rassistischen Morden, dem Mord an einer Polizistin und mehreren Sprengstoffanschlägen. Mehmet Turgut und neun weitere Menschen waren von einer rechtsextremen Terrorzelle ermordet worden, die mehr als elf Jahre lang unentdeckt im gesamten Bundesgebiet Verbrechen beging. Die zuständigen Behörden hatten über Jahre versagt, auch weil rassistische Muster ihre Ermittlungen bestimmten.

Die Entstehung der Initiative „Mord verjährt nicht!“

Wenige Wochen nach der Selbstenttarnung des NSU-Kerntrios fand in Rostock ein erstes Gedenken an alle Todesopfer rassistischer und rechtsextremer Gewalt statt. Am ersten Todestag nach der Selbstenttarnung veranstaltete ein zivilgesellschaftliches Bündnis eine Gedenkveranstaltung an Mehmet Turgut. Wenig später entstand die Initiative „Mord verjährt nicht!“.

„Wir treten in Rostock für Aufklärung und ein sichtbares antirassistisches Gedenken an Mehmet Turgut ein“, erzählt Paul, einer der Aktiven von „Mord verjährt nicht!“. „Dabei arbeiten wir eng mit den Angehörigen zusammen und stärken ihre Forderungen. Es ist wichtig, die Erinnerung in der Stadtgesellschaft wach zu halten.“

Das jährliche Gedenken am 25. Februar, dem Todestag Mehmet Turguts

Eine der zentralen Aktivitäten von „Mord verjährt nicht!“ ist die jährliche Gedenkveranstaltung am 25. Februar, dem Todestag Mehmet Turguts. Dabei stehen die Perspektiven und Wünsche der Angehörigen im Mittelpunkt – sie sollen sichtbar werden und ihre Stimme einbringen. Die Veranstaltung wird, auch auf Wunsch der Familie, gemeinsam mit der Stadt Rostock organisiert.

„Gestaltet wird die Veranstaltung auch von antirassistischen Initiativen der Rostocker Zivilgesellschaft“, erzählt Paul. „Ziel ist es, ein Erinnern zu gestalten, das nicht nur auf ritualisierte Gedenkpraxen am Todestag beschränkt bleibt, sondern politische Forderungen sichtbar macht und Gedenken als einen fortlaufenden Prozess versteht. Wir nehmen dabei teilweise eine vermittelnde Rolle ein. Wir wollen die Perspektiven und Forderungen der Betroffenen in den Mittelpunkt stellen und stärken. Gleichzeitig pflegen wir eine gute Kooperation mit der Stadt Rostock, die wir in der Mitverantwortung sehen, ein offizielles und würdiges Gedenken zu gestalten, das den Ansprüchen der Angehörigen entspricht.“

Die Forderung nach Aufklärung der bis heute offenen Fragen

Zwei zentrale Forderungen der Familie Turgut sind bis heute nicht erfüllt. Die erste bezieht sich auf die Aufklärung der Hintergründe der Tat und die Frage, warum Mehmet Turgut eines der Todesopfer des NSU-Terrors wurde. Dabei geht es um die Verbindungen des NSU-Komplexes nach Mecklenburg-Vorpommern und Rostock sowie Kontakte zu lokalen Neonazi-Strukturen.

Trotz der vielen bis heute offenen Fragen gab es auch Fortschritte, wie Paul berichtet: „Die Gerichtsprozesse zum NSU-Komplex brachten kaum belastbare Erkenntnisse zu den Netzwerken in Mecklenburg-Vorpommern. Das war eine große Enttäuschung, gleichzeitig gab es die Hoffnung, dass ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss neue Erkenntnisse bringen könnte. Wir und andere zivilgesellschaftliche Initiativen und Betroffene haben lange gefordert, dass auch in Mecklenburg-Vorpommern ein Untersuchungsausschuss eingesetzt wird – und hatten damit schließlich Erfolg. Mittlerweile gibt es einen stabilen politischen Willen zur Aufklärung, sodass nach dem ersten Ausschuss ein zweiter eingesetzt wurde. Wir hoffen, dass dies nach den kommenden Landtagswahlen so bleibt“, sagt Paul.

Kontinuitäten rassistischer Gewalt und rechtsextremer Netzwerke in Rostock und Mecklenburg-Vorpommern

Auch wenn die Ergebnisse der Ausschüsse teilweise hinter den Erwartungen zurückblieben, ist heute deutlich mehr über lokale rechtsextreme Strukturen rund um das Jahr 2004 bekannt. In den 1990er- und 2000er-Jahren konnten sich rechtsextreme Netzwerke in städtischen Jugendclubs in Rostock etablieren. Der Besitzer des Imbisses, der Mehmet Turgut beschäftigte, war bereits 1998 Ziel eines Neonazi-Angriffs geworden. Ein weiterer Imbiss in Rostock wurde unter bisher ungeklärten Umständen bei einem Brandanschlag zerstört. Menschen aus türkischen und kurdischen Communities berichten, dass rassistische Gewalt im Rostock der 2000er Jahre allgegenwärtig war. Viele der Betroffenen sind damals nicht alleine aus dem Haus gegangen und mussten sich gegenseitig schützen, um bestimmte Strecken durch die Stadt unbeschadet zu überstehen.

Die Initiative will den Aufklärungsdruck auf politischer Ebene aufrechterhalten und auch eigene Recherchen betreiben. „Wir wollen bislang nur schwer zugängliches Wissen aus Archiven wieder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen und mit Menschen sprechen, die Anfang der 2000er Jahre in Rostock und Umgebung lebten, sich gegen Rechtsextremismus engagierten, und/oder selbst von rassistischer Gewalt betroffen waren“, berichtet Paul.

Erinnerung wachhalten und Wissen weitergeben

In den kommenden Monaten plant die Initiative verschiedene Informationsformate, um erneut auf die noch immer offenen Fragen zu den Strukturen des NSU-Komplexes in Mecklenburg-Vorpommern aufmerksam zu machen. Einige Tage vor dem Gedenktag wird eine Veranstaltung mit einer Referentin des Bündnisses NSU-Watch stattfinden, die den aktuellen Stand der Aufarbeitung beleuchtet und die Verbindungen des NSU in die Region diskutiert.

„Wir merken, dass vielen Menschen das, was in unserer Stadt passiert ist, nicht mehr so präsent ist. Sei es, weil die Menschen sich nicht mit der Geschichte des NSU-Komplex in Rostock auseinandersetzen, oder weil sich gerade junge Menschen an die Selbstenttarnung des NSU nicht mehr selber aktiv erinnern. Es ist uns daher ein Anliegen, die Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex in Rostock aktiv aufrechtzuerhalten und Wissen weiterzugeben“, so Paul.

Der bis heute nicht realisierte „Mehmet-Turgut-Weg“

Die zweite große bisher unerfüllte Forderung der Familie Turgut ist die Umbenennung des Neudierkower Wegs in „Mehmet Turgut Weg“. Dort hatte der Mord stattgefunden. Das Vorhaben wurde erstmals 2012 als Beschlussvorlage in die Rostocker Bürgerschaft eingebracht. Die notwendige Zustimmung zweier Ortsbeiräte – Rostock Toitenwinkel und Rostock Dierkow Ost/West – blieb jedoch aus, das Vorhaben scheiterte vorerst. „Seit 2012 gab es immer wieder Bewegung in dem Thema. In unterschiedlichen Konstellationen wurde versucht die kommunalpolitische Weigerung zur Umbenennung zu überwinden, bislang ohne Erfolg. Wir als Initiative bleiben auf jeden Fall dran und versuchen, die Forderung der Familie weiter zu stärken“, berichtet Paul.

Straßenschild mit der Aufschrift „Mehmet-Turgut-Weg“ vor Abendhimmel. Darunter halten Menschen Porträts von NSU-Opfern bei einer Gedenkveranstaltung hoch.
Foto: Amadeu Antonio Stiftung

Die Ablehnung wurde mit unterschiedlichen Argumenten begründet, die oft wenig Sensibilität für das Thema zeigten. Einige Entscheider*innen sprachen davon, dass Mehmet Turgut illegalisiert in Deutschland gelebt hatte und vertieften damit die stigmatisierenden Diskurse. Andere verwiesen darauf, dass in Rostock deutlich mehr Straßen nach Männern als nach Frauen benannt sind und daher einem zuvor gefassten Beschluss zu folgen sei, dass Straßen nur noch nach Frauen umbenannt werden sollten. Auch praktische Gründe wie der Verwaltungsaufwand für Bezirke und Anwohnende wurden angeführt.

Kontinuierliche Arbeit und neue Formate für ein aktives Erinnern

„Auch wenn wir weiterhin darauf drängen, dass die Ortbeiräte ihre Weigerung zur Straßenumbenennung aufgeben, wollen wir neue Formen finden, die Straße schon jetzt als Erinnerungsort zu gestalten“, erklärt Paul. Die Engagierten arbeiten deshalb an Ideen für digitale und analoge Formen des Gedenkens.

Einen wichtigen Erfolg konnten die Engagierten bereits erzielen. Am 25. Februar 2014 – zehn Jahre nach dem Mord – wurde am Tatort ein zentraler Gedenkplatz eingeweiht. Die Angehörigen, die Initiative und weitere Mitstreiter*innen hatten lange dafür gekämpft. Der Gedenkort besteht aus zwei Betonbänken mit deutscher und türkischer Inschrift, die an Mehmet Turgut erinnert.

In den nächsten Wochen will die Initiative mit den Gedenk- und Informationsveranstaltungen und einer neuen Website weitermachen. Gleichzeitig setzen die Engagierten ihre Recherchen fort und entwickeln neue Formen des Erinnerns – damit Mehmet Turgut in Rostock präsent bleibt und die offenen Fragen und Forderungen der Familie Turgut nicht in Vergessenheit geraten.

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