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10 Jahre nach dem rassistischen Anschlag im Münchner OEZ – Weiterhin Lücken bei der Aufarbeitung

Zum zehnten Jahrestag des Anschlags am Münchner Olympia-Einkaufszentrum am 22. Juli 2016, bei dem neun Menschen ums Leben kamen, haben Angehörige der Opfer einen Katalog mit offenen Fragen veröffentlicht – ein eindringlicher Appell, die Aufarbeitung des rechtsterroristischen Attentats nicht als abgeschlossen zu betrachten.

Am 22. Juli 2016 ermordete ein 18-jähriger rechtsextremer Täter am Olympia-Einkaufszentrum in München-Moosach neun Menschen und verletzte fünf weitere. Die meisten von ihnen waren Jugendliche. Der Täter besaß die deutsche und die iranische Staatsbürgerschaft und vertrat eine klar rechtsextreme Weltanschauung. Das OEZ wählte er bewusst als Tatort: Die Shopping-Mall ist ein beliebter Treffpunkt für junge Menschen aus migrantischen Communities.

Trotz deutlicher Hinweise auf ein rechtsextremes Tatmotiv stuften das Bayerische LKA und das Bayerische Innenministerium die Tat bereits wenige Stunden später, noch vor Abschluss der Ermittlungen, als unpolitischen Amoklauf eines Einzeltäters ein. Sie fokussierten sich auf ein Rachemotiv nach Mobbingerfahrungen. Die rechtsextreme Gesinnung des Täters wurde ausgeblendet. Diese frühe Einordnung wurde öffentlich kommuniziert und von vielen Medien übernommen, mit Folgen bis heute: Der Anschlag wird in der breiten Öffentlichkeit noch immer häufig nicht als rechtsterroristisch erinnert.

Wer hat ein Recht auf Aufklärung?

Erst mehr als drei Jahre später, im Oktober 2019, wurde die Tat aufgrund des anhaltenden Drucks von Angehörigen, zivilgesellschaftlichen Gruppen wie der Opferberatungsstelle BEFORE in München und Oppositionspolitiker*innen als rechter Terrorakt eingestuft. Viele der Engagierten sind selbst von Rassismus betroffen. So brauchte es zum Beispiel unter anderem den Anstoß von Marian Offman, einem jüdischen Münchner Stadtratsabgeordneten, damit die Stadt München drei unabhängige wissenschaftliche Gutachten zu dem Fall in Auftrag gab.

Das vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ), dem außeruniversitären Institut der Amadeu Antonio Stiftung, erstellte Gutachten von Dr. Matthias Quent analysierte den Anschlag umfassend und belegte die rechtsextreme Tatmotivation. Es widersprach damit der Amok-These und lieferte eine fundierte Grundlage für die Neubewertung des Falls und die offizielle Anerkennung des rechten Motivs.

Wann entschuldigt sich ein Staat?

Seit 1945 wurden in Bayern mindestens 50 Menschen durch rechte Gewalt getötet. Viele dieser Fälle sind jedoch kaum Teil des öffentlichen Erinnerns. Statt ein strukturelles Problem anzuerkennen, wurden sie lange als Einzelfälle behandelt.

Obwohl auch der bayrische Innenminister die Tat als politisch rechts-motivierte Gewaltkriminalität einstufte, weist er Kritik an Ermittlungsfehlern weiterhin zurück. Eine Entschuldigung für die Fehleinschätzung blieb aus. Auch die Bayerische Polizei spricht auf ihrer Website weiterhin von einem Amoklauf. Ein Hass auf ausländische Mitbürger wird hier lediglich in einer Aufzählung von Motiven mitgenannt, die nach wie vor zuerst Mobbing und psychische Probleme benennt. Die Angehörigen zweifeln daran, dass es keine Ermittlungsfehler gab, und fordern Einsicht in die Ermittlungen, die weiterhin weitestgehend verschlossen sind.

Wie viele Einzeltäter sind ein Netzwerk?

Der Waffenhändler, der dem Täter die Waffe während eines mehrstündigen Treffens illegal verkauft hatte und selbst rechtsextremes Gedankengut teilte, wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Die Angehörigen hatten in der Nebenklage gefordert, dass er für Beihilfe zum Mord verurteilt wird. Das Gericht argumentierte, dass Aussagen des Täters ihm gegenüber über seine Mordabsichten als Witz zu verstehen gewesen seien, eine Interpretation, die die Angehörigen entschieden zurückweisen.

Wer schützt uns vor rechter Gewalt?

Im April 2018 wurde durch journalistische Recherchen bekannt, dass der Attentäter mit einem rechtsextremen Attentäter in New Mexico über die Gaming-Plattform Steam im Austausch stand. Der 21-Jährige erschoss am 7. Dezember 2017 an einer High School zwei Schüler und sich selbst. Obwohl dem LKA die Gaming-Plattform bekannt war, hatte es nicht in diese Richtung ermittelt. Beide waren dort Mitglieder der Gruppe „Anti-Refugee Club“, die der Attentäter von New Mexico gründete. Die Angehörigen kritisieren, dass die Behörden durch das Festhalten an der Amok-These Hinweise ignorierten, die ansonsten möglicherweise die Tat in New Mexico hätten verhindern können. Zudem fragen sie, ob das Attentat in München durch ein früheres Bewusstsein für Online-Radikalisierung hätte verhindert werden können.

Wie viel falsch gelaufen ist oder was man hätte anders machen können, sind Fragen, die uns immer wieder durch den Kopf gehen (Arberia Segashi, Schwester von Armela Segashi)

Wie schmecken Burger und Pommes an einem Tatort?

Die Gedenktafel am OEZ wurde mittlerweile angepasst, um den rassistischen Hintergrund der Tat deutlich zu machen. Aber die McDonalds-Filiale, in der fünf Jugendliche erschossen wurden, ist weiterhin geöffnet, nichts erinnert dort an die Tat. Die Angehörigen fordern die Schließung und Umwidmung in einen Gedenkort.

2022 gründete sich die Initiative München OEZ erinnern!. 2025 hat sie sich einen Gedenkraum im Stadtteil München Moosach, in dem viele der Angehörigen wohnen, erkämpft. Anlässlich des 10. Jahrestags organisiert die Initiative eine Gedenkdemonstration am 19. Juli sowie eine Gedenkveranstaltung am 22. Juli. Im Rahmen des Modellprojekts Selbstbestimmt vernetzen, erinnern & bilden (SVEB) fördert und unterstützt die Amadeu Antonio Stiftung diese Arbeit.

Zehn Jahre nach dem Anschlag bleiben viele Fragen offen. Den Angehörigen zuzuhören und ihre Forderungen ernst zu nehmen, ist Voraussetzung für eine angemessene Erinnerung – und für eine Aufarbeitung, die diesen Namen verdient.


Der Podcast Terror am OEZ. Fünf Jahre nach dem Anschlag in München. zeichnet den Anschlag und die Fehleinschätzungen der Behörden systematisch nach.

Wir gedenken Armela Segashi, Can Leyla, Dijamant Zabërgja, Guiliano Kollmann, Hüseyin Dayıcık, Roberto Rafael, Sabine S., Selçuk Kılıç und Sevda Dağ, die beim rechtsterroristischen Anschlag in München am 22. Juli 2016 ermordet wurden.

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