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Mund aufmachen – eine Kampagne gegen Rassismus in Sachsen-Anhalt

Screenshot der Website des Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) e.V.

Das Netzwerk Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt (LAMSA) vertritt die Interessen von Menschen mit Migrationsgeschichte im Bundesland. Die Engagierten berichten von einer Zuspitzung rechtsextremer und rassistischer Bedrohung. Mit der Kampagne „Mund aufmachen“ steuern sie dem sichtbar entgegen – durch Aufklärung, öffentliche Präsenz und Ermutigung zum solidarischen Handeln. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt die Kampagne mit einer Förderung.

Von Luisa Gerdsmeyer

Für viele Menschen mit Migrationsgeschichte hat sich das Klima in Sachsen-Anhalt in den letzten Jahren deutlich verschärft. Rassistische Aussagen werden offener geäußert, die Hemmschwelle für verbale oder physische rassistische Gewalt sinkt. Bei den Landtagswahlen im September 2026 droht die rechtsextreme AfD mit Abstand stärkste Kraft zu werden, auch eine AfD-Regierung ist nicht ausgeschlossen. Das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt (LAMSA) reagiert auf diese Entwicklungen mit einer öffentlichkeitswirksamen Kampagne gegen Rassismus, die dazu einlädt, voneinander zu lernen, Empathie zu entwickeln und Vorurteile abzubauen.

Das Netzwerk vertritt die politischen, wirtschaftlichen sozialen, kulturellen Interessen der Menschen mit Migrationsgeschichte auf Landesebene und bringt sich bei migrationspolitisch relevanten Themen ein. Mit Nina und Mina haben wir über die Arbeit des Vereins sowie ihre landesweite Kampagne gegen Rassismus gesprochen.

Zunahme rassistischer Gewalt und Diskriminierung

„Mit unserer Beratungsstelle ‚Entknoten‘ unterstützen wir Menschen, die von rassistischer Diskriminierung betroffen sind dabei, sich zu wehren und ihre Rechte zu schützen“, erzählt Nina. „Die Beratungsstelle gibt es seit zehn Jahren. Seit ihrem Bestehen ist eine steigende Tendenz des Beratungsbedarfs wahrzunehmen. Aber seit dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg im Dezember 2024 beobachten wir eine starke Zuspitzung der Bedrohung und Diskriminierung. Die rassistische Normalisierung und Gewalt spiegelt sich auch in der täglichen Arbeit von LAMSA wieder.  Von Dezember 2024 bis März 2025 gab es einen rasanten Anstieg um circa 75 Prozent. Seither sind die Beratungsfälle auf einem konstant hohen Niveau.“

Der Anschlag, bei dem ein rechtsextremer Täter sechs Menschen tötete, wird von rechtsextremen Akteur*innen selbst für ihre rassistische Propaganda instrumentalisiert. Sie blenden die ideologische Motivation des Täters, eines aus Saudi-Arabien stammendes Arztes, der bereits Jahre vor dem Anschlag islamfeindliche und verschwörungsideologische Erzählungen einer vermeintlichen „Islamisierung Europas“ in Sozialen Medien teilte, aus und stellen stattdessen seine Herkunft in den Vordergrund, um rassistische Ressentiments und Hass zu schüren. Die Folgen für von Rassismus betroffene Menschen sind gravierend. Für viele fühlt sich der alltägliche Gang durch die Stadt nicht mehr sicher an. Betroffene berichten von Gewalt, Beschimpfungen und Übergriffen.
„Wir spüren, dass sich die Stimmung in Sachsen-Anhalt verändert hat. Rassistische Aussagen oder Anfeindungen sind hier schon seit langer Zeit stark verbreitet, aber sie werden immer offener und sichtbarer geäußert. Das ist eine enorme Belastung und auch Gefahr für die Betroffenen“, erzählt Nina. Aus dieser Situation heraus haben sich die Engagierten von LAMSA entschieden, mit einer Kampagne aktiv zu werden und den rassistischen Zuständen öffentlich zu widersprechen.

Kampagnenmaterialien machen auf Rassismus aufmerksam und zeigen Perspektiven Betroffener auf

Die Materialien sensibilisieren für rassistische Alltagssituationen und ermutigen dazu, einzuschreiten und sich mit Betroffenen solidarisch zu verhalten. Hierfür wurden verschiedene Motive entwickelt, die auf Postkarten und Plakate zu sehen sind. Abgebildet ist jeweils eine Obstsorte, kombiniert mit Sätzen, die, wenn sie sich auf das Obst beziehen, unproblematisch sind, die jedoch in Bezug auf Menschen häufig als rassistische Mikroaggressionen auftreten.

„Die Kampagne zieht viel Aufmerksamkeit auf sich, wir bekommen dafür viel Zuspruch, aber sie löst auch Diskussionen und Kontroversen aus“, erzählt Mina. „Die große Frage bei der Entwicklung war, wie wir etwas entwickeln können, das der Ernsthaftigkeit des Themas gerecht wird, aber gleichzeitig möglichst viele Menschen erreicht und zum Nachdenken bringt, gerade auch solche, die sich noch nicht viel mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Manche reagieren zunächst ablehnend und sagen: ‚Das ist doch nicht rassistisch.‘ Gerade dort wollen wir ins Gespräch kommen und die Perspektiven der Betroffenen vermitteln. Wir möchten Menschen aus der Ohnmacht helfen und ihnen konkrete Handlungsoptionen geben, wenn sie im Alltag Rassismus begegnen. Die Kampagne soll erste Anstöße geben, um Fragen wie ‚Wie gehe ich damit um, wenn ich Rassismus beobachte?‘ oder ‚Woran erkenne ich Rassismus überhaupt?‘ beantworten zu können“, erklärt Mina.

Die Plakate und Postkarten, für deren Druck die Förderung der Amadeu Antonio Stiftung eingesetzt wird, sind auf der Website mundaufmachen.info einsehbar und können dort kostenlos bestellt werden. Obwohl der Schwerpunkt in Sachsen-Anhalt liegt, gehen Bestellungen aus ganz Deutschland ein. In Sachsen-Anhalt liegen die Postkarten zudem in öffentlichen Einrichtungen, Kinos, Fitnessstudios und gastronomischen Betrieben aus. „Wir freuen uns, dass das Interesse so groß ist und viele zivilgesellschaftliche Organisationen aus ganz Sachsen-Anhalt und darüber hinaus mit uns gemeinsam die Kampagne sichtbar machen und im öffentlichen Raum zum kritischen Nachdenken über Rassismus anregen“, sagt Nina.

Angst vor den Landtagswahlen im Herbst 2026

In aktuellen Umfragen liegt die in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte AfD mit 41 Prozent deutlich vorn. Eine Alleinregierung der Partei ist nicht ausgeschlossen. Für viele Menschen mit Migrationsgeschichte und jene, die sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus stellen, sorgen diese Aussichten für große Unsicherheiten.

Eine von LAMSA in Auftrag gegebene Umfrage zeigt, wie bedrohlich die Situation schon jetzt ist, und welche Auswirkungen eine AfD-geführte Regierung haben könnte. Demnach geben 75 Prozent der Menschen mit Migrationsgeschichte an, Sachsen-Anhalt verlassen zu wollen, sollte die AfD die Regierung übernehmen. „Uns geht es auch darum, dafür zu sensibilisieren, welche fatalen Folgen das für die Betroffenen, aber auch für die ganze Region hätte“, meint Mina. „Sachsen-Anhalt ist ohnehin stark von Abwanderung betroffen. Wenn viele Menschen mit Migrationsgeschichte das Bundesland verlassen, würde das auch die Versorgungslage, etwa in Bezug auf Kita-Plätze oder medizinische Angebote, weiter verschärfen. Schon jetzt ist die Versorgung, insbesondere in ländlichen Räumen häufig nicht ausreichend. Das würde große Auswirkungen für uns alle haben.“

Auch für LAMSA selbst steht mit der Landtagswahl viel auf dem Spiel. Die AfD hat bereits angekündigt, dem Verein die Fördermittel zu streichen, sollte sie an die Regierung kommen. Für LAMSA würde das bedeuten, dass der Verein erhebliche finanzielle Einschnitte hinnehmen müsste und circa die Hälfte der Mitarbeitenden gekündigt werden müssten.

Mit Installationen im öffentlichen Raum Rassismus bekämpfen

Die Kampagne gegen Rassismus wird anlässlich der Wahlen ausgeweitet und neu aufgestellt. „Wir planen den ganzen Sommer über in Sachsen-Anhalt bei Veranstaltungen und auf der Straße präsent zu sein“, erzählt Nina. Neu ist der Einsatz von aufblasbaren Obstobjekten in Übergröße, die im Stadtraum Aufmerksamkeit erzeugen und Menschen zum Innehalten und Gespräch einladen sollen.

In Anlehnung an die Plakatmotive sind auch die Objekte mit alltäglichen Aussagen versehen. Über einen QR-Code gelangen Interessierte zu Audioaufnahmen, in denen Betroffene von ihren persönlichen Erfahrungen berichten. Dabei wird deutlich, welche Auswirkungen wiederkehrende alltagsrassistische Situationen auf ihr Sicherheits- und Zugehörigkeitsgefühl haben. Ergänzend dazu kommen auch Stimmen von solidarischen Personen zu Wort, die dazu ermutigen, in rassistischen Situationen einzuschreiten.

Der Auftakt der Aktion fand beim Sachsen-Anhalt-Tag vom 07. bis 09. Juni in Bernburg statt. Daran anschließend wird LAMSA den Sommer über mit den Installationen und Kampagnenmaterialien bei Veranstaltungen wie Sportturnieren, Stadtfesten oder Festivals in Sachsen-Anhalt präsent sein.

Über die Landtagswahl informieren und zur demokratischen Wahl motivieren

Neben der Ausweitung der Kampagne plant LAMSA weitere Aktivitäten. Dazu gehört die Vermittlung von Informationen zur Wahl und die Ermutigung insbesondere von Menschen mit Migrationsgeschichte, ihr Wahlrecht wahrzunehmen, etwa durch Aufklärungsangebote, Wahlforen und Informationsveranstaltungen. Gleichzeitig will das Netzwerk migrationspolitische Themen im Wahlkampf stärker sichtbar machen, Diskussionen dazu anregen und eigene Positionen einbringen.

Bei einem Migrationsforum in Halle (Saale) kamen Ende Mai Vertreter*innen aus den migrantischen Organisationen des Netzwerks mit Kandidierenden mit Migrationsgeschichte sowie mit den Landesverbänden der demokratischen Parteien zusammen, um eine überparteiliche Plattform für den Dialog zu schaffen. Ein Ergebnis des Migrationsforums ist ein Forderungspaket, das sich an die demokratischen Parteien in Sachsen-Anhalt und die künftige Landesregierung richtet. Auch im direkten Kontakt vor Ort setzt LAMSA auf Austausch: Bei sogenannten Türgesprächen kommen Engagierte des Netzwerks mit Menschen ins Gespräch, um Vorurteile abzubauen und Empathie für die Lebensrealitäten von Menschen mit Migrationsgeschichte in Sachsen-Anhalt zu fördern.

Trotz rassistischer Gewalt und drohender rechtsextremer Wahlerfolge gibt es auch Entwicklungen, die Hoffnung machen: „Wir werden immer wieder von verschiedenen Organisationen kontaktiert, die fragen, wie Unterstützung aussehen kann. Wir haben das Gefühl, dass aktuell viel in Bewegung ist und neue Bündnisse gebildet werden. Gleichzeitig ist es ist nicht immer einfach, den Mut nicht zu verlieren und weiter die Motivation aufrecht zu erhalten. Aber wir wissen auch, dass es jetzt uns alle braucht, die wie wir für ein demokratisches Sachsen-Anhalt kämpfen“, sagt Nina entschlossen.


Wer mehr über das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) e.V. wissen möchte, kann auf der Website vorbeischauen.

Thema: Rassismus

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