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„Alle Frauen sollen gesund bleiben und sie sollten raus aus den Lagern“

Elizabeth Ngari, du bist bei Women in Exile aktiv. Ihr setzt euch seit 2002 als Selbstorganisation für die Rechte von geflüchteten Frauen ein. Welche Themen sind euch wichtig?
Zunächst einmal organisieren wir uns als Frauen. Denn geflüchtete Frauen sind doppelt betroffen: Als Geflüchtete müssen sie in Lagern leben, und sind der Flüchtlingsgesetzgebung wie zum Beispiel Beschränkungen im Recht auf Freizügigkeit ausgesetzt. Zugleich sehen wir auch, dass einige Probleme Frauen besonders betreffen. In Lagern zu leben bedeutet für sie nicht nur Isolation. Es bedeutet häufig auch sexuelle Belästigung und körperliche Gewalt, die sie durch andere Menschen, mit denen sie zusammenleben, erfahren. Und es gibt viele Konflikte wegen der geteilten Räumlichkeiten wie Küche, Toiletten und Waschräume. Uns wurde klar, dass die Orte, an denen wir gegen die Asylgesetzgebung kämpften, nicht die Orte waren, um die Probleme der Frauen zu besprechen. Deswegen gründeten wir Women in Exile.

Was genau macht ihr als Organisation?
Wir besuchen Frauen in verschiedenen Lagern und reden mit ihnen. Wir finden heraus, was sie beschäftigt und was sie für Probleme haben. Und das bringen wir dann in die Öffentlichkeit mit Demonstrationen, Online-Petitionen, über Gespräche mit Politiker*innen und manchmal durch Interviews. Wir geben auch Empowerment-Workshop. Das heißt, wir sitzen zusammen, reden miteinander und versuchen, uns aus den persönlichen Problemen herauszukämpfen und sie politisch zu machen. Zum Beispiel mit unserem Workshop „From personal problems to political action“.

Ihr habt euch in Brandenburg gegründet. Gibt es Gruppen wie euch auch in anderen Teilen Deutschlands?
Ab 2012 haben wir begonnen, uns bundesweit zu vernetzen. Wir haben uns mit anderen Geflüchteten aus anderen Lagern getroffen. 2014 waren wir Teil einer Floßtour: acht Wochen auf dem Floß von Süddeutschland nach Berlin gemeinsam mit dem Musiker Heinz Ratz und der Band Strom & Wasser. Wir waren an sehr vielen Orten und sprachen mit vielen Organisationen, insbesondere mit denen, die mit geflüchteten Frauen arbeiteten. Außerdem haben wir mehrere bundesweite Bustouren gemacht.Dabei ist es uns gelungen ein bundesweites Netzwerk aufzubauen, mit Gruppen in München, Magdeburg, in Hamburg und in Nürnberg. Wir sind immer noch im Kontakt.

Wie kommuniziert ihr mit den geflüchteten Frauen während der Pandemie?
Der einzige Weg, mit allen Frauen zu kommunizieren, ist das Telefon. In Berlin haben wir einen sicheren Ort, zu dem die Frauen kommen können, aber derzeit kommen nicht viele. Wegen Covid-19 versuchen wir auch, das zu begrenzen. Aber wenn eine Frau sagt „Ich habe ein Problem und ich will vorbeikommen“, dann ist das ok. Manche kommen wegen des Internets oder weil sie ihre*n Anwält*in sehen müssen in Berlin. Und für uns ist das auch ein Weg, Informationen zu bekommen, was in den Lagern passiert.

Unsere Workshops machen wir zur Zeit online. In den meisten Camps gibt es kein Wlan. Die Frauen müssen deshalb Prepaid-Internetkarten kaufen. Und auch dann ist das Netzwerk oft schlecht. Als wir mit den Workshops begonnen haben, sind manche Frauen in die Nähe eines Cafés gegangen, um Internet zu haben. Deshalb hatten wir dann die Idee, Fördergelder zu beantragen, damit wir den Frauen Prepaid-Internetkarten besorgen können.

Wie geht es den Frauen gerade?
Uns wurde berichtet, dass es sehr viel sexuelle Belästigung gibt zurzeit. Zwei Frauen haben uns letzte Woche davon berichtet. Wir sind uns aber sicher, dass es mehr sind. Denn wir haben bemerkt, dass bei den Onlinemeetings die Frauen nicht so viel von sich erzählen wie sonst. Sonst sprechen alle frei. In den Onlinemeetings ist das schwieriger. Es kommen auch sehr unterschiedliche Leute zusammen, einige haben Kinder, die laut sind, einige sind draußen im Park. Das ist anders als wenn wir uns zusammensetzen und die Kinder in einem anderen Raum betreut werden.

Die Amadeu Antonio Stiftung fördert eines eurer Projekte, in dem es um Gesundheitsthemen und das Recht von geflüchteten Frauen auf Gesundheitsversorgung geht. Wie läuft das?
Wir haben dieses Projekt 2017 gestartet, denn wir bekamen viele Berichte von Frauen zum Thema Gesundheit und viele baten um Rat, insbesondere bei gynäkologischen Problemen. Wir dachten uns dieses Projekt aus, weil wir den Eindruck hatten, dass es einen Mangel an Informationen gibt. Vielen Frauen wurden bei gynäkologischen Problemen einfach Schmerzmittel gegeben. Sie bekamen nicht genug Aufmerksamkeit von den Ärz*innen. Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz brauchen Asylsuchende eine Erlaubnis vom Sozialamt, um Behandlung von Spezialist*innen zu bekommen. Für viele Probleme braucht es aber Spezialist*innen. Wir entschieden also, die Frauen zu bestärken, dass sie ein Recht auf gute medizinische Versorgung haben. Im Verlauf des Projekts haben wir auch angefangen, Workshops zu veranstalten mit Expert*innen, um mehr zu lernen. Und wir entwickelten einen Film und ein Magazin über Frauengesundheit und das Recht auf Gesundheitsversorgung. Das Magazin ist auch Teil eurer finanziellen Förderung. Wir haben es zuletzt ins Französische übersetzt. Denn die meisten der Frauen sprechen Englisch und Französisch. Wir haben vielen Frauen die Magazine zugesandt. Und in den Workshops erzählten wir von den Inhalten des Magazins und zeigten den Film. Das war sehr hilfreich.

Was haben die Workshops für die Frauen verändert?
Während der Workshops begannen viele der Frauen, Fragen zu stellen und um Unterstützung zu bitten. Sie wollten zum Beispiel wissen, wo sie hingehen können, wenn es nach Operationen Komplikationen gab. Eine Frau hatte eine Operation gehabt, bei der ihr der Uterus entfernt worden war. Sie wusste nicht, dass ihr der Uterus entfernt worden war! Ich glaube, die Ärzt*innen schauen sich oft nicht die Hintergründe der Patient*innen an und sie haben wenig Zeit. Aber wir denken, die Frauen müssen die Möglichkeit haben zu wissen, was mit ihnen passiert und was die Optionen sind, sodass sie Entscheidungen treffen können. Sie brauchen mehr Information. Wir möchten auch, dass die Ärzt*innen mehr Kultursensibilität haben. Wir sind Menschen von ganz verschiedenen Orten der Welt.

In unseren Workshops zeigten wir auch einen Film über die Floßtour. Der Film hat mit Aktivismus zu tun. Viele der Frauen sind traumatisiert. Wir wollen sie ermutigen und ihnen zeigen, dass Aktivismus eine der Möglichkeiten ist, aus dem Lager herauszukommen. Bei vielen Frauen mussten wir erstmal Vertrauen aufbauen, bis sie anfingen, ihre Geschichten zu erzählen. Viele stellten ihre Fragen nicht bei den großen Meetings, sondern erst später per Telefon oder SMS.

Gibt es etwas, was du dir für das Jahr 2021 wünscht – für euch als Women in Exile oder generell für geflüchtete Frauen?
Mein erster Wunsch wäre: Alle Frauen sollen gesund bleiben und sie sollten raus aus den Lagern. Das ist immer mein Wunsch. Aber ich wünsche mir auch, dass diese Pandemie zu Ende ist, sodass wir uns frei bewegen, miteinander sprechen und uns gegenseitig ermutigen können. Und das betrifft nicht nur die Menschen in den Lagern, sondern alle.

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Sham Jaff ist Journalistin und Moderatorin des Podcasts „190220 – Ein Jahr nach Hanau“. Zusammen mit der Reporterin Alena Jabarine blickt sie ein Jahr nach dem rassistisch motivierten Anschlag auf die persönlichen Schicksale der Todesopfer, Überlebenden und Angehörigen, auf ein Jahr voller Aktivismus und auf die Rolle der Behörden.

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