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“Nach der Wende war für uns in Eberswalde Krieg”

“Nach der Wende war für uns in Eberswalde Krieg”

Augusto Jone Munjunga kam 1987 zusammen mit Amadeu Antonio und 102 weiteren Vertragsarbeitern aus Angola in die damalige DDR. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender des afrikanischen Kulturvereins Palanca e.V., der sich in Eberswalde und Brandenburg für Vielfalt einsetzt und anti-rassistische Bildung im Umland betreibt.

 

Im Interview erzählt er von der Zeit in der DDR, dem Mord an Amadeu Antonio und dessen Folgen, sowie das Engagement seines Vereins. Das Interview führte Berty Mbuka.

Augusto Jone Munjunga im Vereinsheim des Palanca e.V.

Herr Munjunga, Sie kamen als angolanischer Vertragsarbeiter in die DDR, leben nun schon über 30 Jahre in Eberswalde und sind einer der Zeitzeugen dessen, was damals mit Amadeu Antonio geschah. Können Sie uns ein wenig darüber erzählen, wie Sie die DDR, den Rechtsextremismus nach der Wende und den Mord an Amadeu wahrgenommen haben?

 
Ich kam als 22-Jähriger zusammen mit Amadeu und den über 100 anderen Vertragsarbeitern aus Angola - mit großen Träumen. Ich war als Bankkaufmann ausgebildet und wollte studieren, so wie viele von uns. Alle hatten in Angola verschiedene Sachen gemacht, Amadeu zum Beispiel eine Ausbildung in Flugmechanik, und wir hatten uns darauf vorbereitet, zu lernen. Aber schon bei unserer Ankunft hat es uns ein bisschen an den Krieg in Angola erinnert: Uns wurden unsere Pässe abgenommen, wir wurden an die Wand gestellt und man machte Bilder von uns, bevor wir ins Wohnheim mit den anderen, unter anderem polnischen Vertragsarbeitern, gesteckt wurden.


Und dann erklärte man uns, dass wir ab jetzt in der großen Fleischfabrik arbeiteten sollten. Wir waren schockiert, denn dafür waren wir nicht aus Angola gekommen. Wir wollten ausgebildet werden und studieren, aber das Einzige, was wir bekamen, waren Deutschkurse.
Ich erinnere mich noch genau an den ersten Tag: Wir kamen in die Halle der Fleischfabrik und dann waren da die ganzen toten Schweine und die Arbeiter waren vollgespritzt mit Blut in ihren Kitteln. Wir kamen aus dem Krieg und mussten direkt wieder Blut sehen - aber bei wem sollten wir uns beschweren?

Gab es keine Kontakte zu den anderen Menschen in Eberswalde?

 

Wir waren damals nur unter uns und auf uns allein gestellt. Nur mit den anderen Vertragsarbeitern aus Kuba und Mosambik haben wir uns gut verstanden und Dinge unternommen. Aber die anderen Bewohner von Eberswalde waren unfreundlich zu uns und haben nicht geholfen. Wir dachten damals, dass es einfach die Kultur der Deutschen wäre, kalt und unfreundlich. Wir verstanden erst viel später, dass das Rassismus war. Damals, in der DDR, war der Rassismus einfach noch nicht so offensichtlich wie nach der Wende. Irgendwann träumten aber auch wir vom Westen und dachten, dort wäre alles besser. Aber viele von uns trauten sich nicht, weil wir uns gefragt haben: "Was, wenn es dort auch nicht besser ist?".

Vor dem Wohnheim in Eberswalde. Foto: Christian Fenger

Also blieben wir und arbeiteten. Irgendwann bekamen wir aber mit, dass wir anders behandelt wurden. Die polnischen Vertragsarbeiter, die im Wohnheim nebenan wohnten, bekamen mehr Geld für die gleiche Arbeit, obwohl sie gar kein Deutsch sprachen. Wir forderten den selben Lohn, aber man ignorierte unsere Forderungen, bis wir angefangen haben, eine Demo zu organisieren. Aber dann drohte man uns mit der Abschiebung oder damit, dass wir unsere Familien nicht mehr sehen würden. Denn Demonstrieren war verboten. Und wir konnten ja nicht einfach aufhören zu arbeiten, wir mussten alle unsere Familien zu Hause unterstützen. Wir waren die gesamte Zeit über so enttäuscht von den Umständen, keines der Versprechen an uns wurde eingehalten.
Viele von uns wollten und sind wieder gegangen, vor allem als die Wende kam und unsere Verträge nicht mehr galten. Uns wurden 5.000 Mark versprochen, wenn wir gehen. Aber den Betrag haben meine Kollegen nie gesehen. Sie bekamen höchstens 3.000 Mark.


Ungefähr 25 von uns sind geblieben. Einige, weil schon Kinder unterwegs waren oder geboren wurden. Aber auch das war ein Problem, nicht nur nach der Wende. Dass sich die Schwarzen mit weißen Frauen einlassen, wurde nicht gewünscht. Wenn eine Frau schwanger wurde, war das Grund jemanden zurückzuschicken. Es gab Fälle, in denen die Frau zum Arzt gegangen ist und als die gehört haben, dass das Kind schwarz ist, war das Kind später plötzlich nicht mehr da.

 

Sie meinen, es wurde eine Abtreibung durchgeführt?
 

Ja. Heimlich. Viele wussten davon nichts. Das waren schlimme Zeiten für uns in der DDR. Aber nach der Wende war für uns in Eberswalde Krieg. Wir mussten immer zu mehreren das Haus verlassen. Es gab Orte, die waren für uns "No-Go Areas". Die waren zu gefährlich für uns und wir wurden dort auch nicht bedient. Wir hatten immer Stress. Wir waren nicht erwünscht und die Nazis haben uns ständig verfolgt und uns sogar zu Hause aufgelauert. Wir haben uns außerdem auch sehr um unsere Kinder gesorgt. Wie sollten die in den Kindergarten? Zu wem sollten wir gehen? Es hat uns ja niemand geholfen oder geglaubt, nicht mal die Polizei.
Schwarze Frauen gab es nicht in Eberswalde, es kamen ja nur wir Männer als Vertragsarbeiter. Hätte hier also eine komplett schwarze Familie gelebt, wäre es für die noch viel schlimmer gewesen. Und dann passierte das mit Amadeu.

Amadeu Antonio Gedenktafel - Foto von Robert

Erschlagen vom Nazi-Mob, während die Polizei zusah

Eine Gruppe aus 50 rechtsextremen jungen Erwachsenen jagte den jungen Amadeu Antonio in der Nacht zum 25. November 1990 durch Eberswalde. Die Polizei beobachtet das Szenario und greift nicht ein. Am 6. Dezember verstarb der Angolaner. Ein Rückblick auf den Mord.

Waren sie in der Nacht dabei?


Ich war an dem Abend im Wohnheim, also nicht in der Kneipe, wo die anderen waren. Niemand hatte uns gewarnt. Alle Eberswalder wussten, dass an diesem Tag besonders viele Nazis unterwegs sein würden. Hätten wir das gewusst, wäre niemand von uns rausgegangen. Wir hörten am nächsten Morgen von dem Angriff und sind mit vier oder fünf Leuten ins Krankenhaus gefahren. Aber der Arzt meinte, er liegt im Koma und wir können nicht mit ihm sprechen. Nur seine Familie. Aber die war nicht da. Seine Freundin durfte später zu ihm. Das war so ein Schock für uns. Er war nicht nur unser Kollege, sondern auch Freund. Und unsere Angst wurde größer, denn uns wurde bewusst: Das hätte jeder von uns sein können. Wir mussten etwas tun. Wir bildeten Telefonketten, um uns gegenseitig warnen zu können.

 

Hatten Sie das Gefühl, dass nach der Tat Hilfe angeboten wurde und sich etwas änderte?
 


Wir haben nach seinem Tod damit begonnen, uns Hilfe zu suchen - vor allem im Westen. Vor allem die anti-rassistische Initiative half uns, aber auch die Punker mit ihren Hunden und letztlich auch einige Frauen aus Eberswalde. Oder auch die Integrationsbeauftragte der Stadt, Frau Böttger. Aber als sogar Amadeus Freundin mit dem Kind zu Hause von Nazis bedroht wurde und sich bei den Nachbarn verstecken musste, haben wir gemerkt, dass wir einen Ort brauchen, an dem wir ungestört sind und keine Angst haben müssen. Daraus entstand 1991 die Idee, den Verein Palanca e.V. zu gründen.

Seitdem setzen wir uns in Eberswalde gegen Rassismus ein. Wir haben mit Trommel-, Tanz-  und Koch-Workshops, aber auch vor allem mit Bildungsangeboten an Schulen nicht nur einen Platz für uns geschaffen, sondern auch für junge Menschen, die Vorurteile abbauen wollen oder müssen: Wenn Jugendliche herkamen, nur um uns zu provozieren und uns als N**** zu beleidigen, dann blieben wir ganz ruhig. Dann hab ich denen gesagt: Das bin ich nicht. Ich bin Jone. Und meine Haut könnt ihr gerne anfassen, das ist nämlich kein Dreck. Wir sind alle Menschen, egal ob schwarz oder weiß. Und wir haben nur eine Erde, auf der müssen wir gemeinsam leben. Das hat unheimlich geholfen bei den Kindern und so haben wir den Verein Freitags für Kinder, und Samstags und Sonntags auch für Jugendliche geöffnet.

Foto: Augusto Jone Munjunga

Irgendwann reichte der Raum gar nicht mehr aus, nachdem wir schon etliche Male umziehen mussten. 2015 kamen dann über 1.000 Geflüchtete nach Eberswalde und auch ihnen wollten wir einen Raum bieten und ihnen zeigen, dass sie hierher gehören, egal welche Hautfarbe sie haben. Seitdem koordiniere ich auch mehrere Initiativen und das Projekt S.O.S Rassismus, das rassistische Angriffe dokumentiert und an Schulen in der Umgebung geht.

 

Sie blieben ja seit 1991 immer auf diesem Gelände hier, aber im Jahr 2000 wurde Ihr Vereinshaus schon einmal angezündet. Hatten Sie nach allem, was Ihnen in Eberswalde widerfahren ist, damit gerechnet?
 

Tatsächlich nicht. Als am 21. März 2000 zwei Jugendliche den Verein anzünden wollten, waren wir trotz aller Attacken von Nazis nicht darauf vorbereitet. Leider hat die Polizei auch hier nichts getan. Sie sagten, dass die beiden Jugendlichen das nicht absichtlich taten und betrunken waren oder so etwas. Am Ende wurden sie nie wirklich bestraft.

 

Wir haben hier immer sehr viel Widerstand geleistet. Mit dem Projekt Light Me Amadeu kämpfen wir schon lange darum, die Straße des Tatorts umzubenennen und den Gedenkstein vernünftig zu beleuchten. In den Diskussionen wurden wir auch wieder offen als N***** beleidigt. Das Bürgerbildungszentrum konnten wir zwar nach ihm benennen, aber meine Sorge ist, dass das Gebäude und damit sein Name genau so bald wieder verschwindet, wie die letzten drei Einrichtungen, die aufgrund fehlender finanzieller Mittel gehen mussten. Wir erhoffen uns von der Straßenumbenennung ein Denkmal das für die Ewigkeit hält und Amadeu angemessener würdigen kann, als es die überschaubare Tafel am Tatort tut.

Augusto Jone Munjunga im Vereinsheim des Palanca e.V., über der Tür ein Porträt von Amadeu Antonio.

Wie ist es für Sie nun nach 30 Jahren: Ist Eberswalde so etwas wie eine Heimat geworden? Und ist die Situation besser geworden, seit 2015 Geflüchtete nach Eberswalde kamen?
 
Ich wohne mittlerweile in Berlin, aber ich komme jede Woche nach Eberswalde zurück. Ja, ich würde sagen, Eberswalde ist auch Heimat geworden, aber es ist nicht leicht. 2015 hatten wir wirklich große Angst, dass sich die Dinge wie damals in den 90ern wiederholen und die Nazis wieder töten. Deshalb wollten wir den Geflüchteten unbedingt helfen und haben so viele Dinge organisiert. Es ist besser als in den Neunzigern, aber wir haben viel zu tun! Der Rassismus war früher offensichtlicher, die Nazis haben zugeschlagen. Heute ist der Rassismus nicht mehr so sichtbar, aber strukturell und institutionell dafür noch wirksamer.

Sie sprachen davon, dass Freitags die Kinder und Samstags die Jugendlichen kamen: Haben sie geglaubt, nur noch etwas bei den jungen Leuten bewegen zu können?


Meine Hoffnung ist, die nächste Generation dazu zu animieren, da weiter zu machen, wo wir begonnen haben. Wir müssen zeigen, dass die Hautfarbe egal ist. Und dass nicht noch jemand wie Amadeu sterben muss.

 

Vielen Dank Herr Munjunga. Danke für Ihre Zeit, Ihre Arbeit und Ihre bewegenden Worte!

Ich tue das, damit junge Menschen wie Sie unsere Arbeit weiter machen können und etwas tun gegen diesen Rassismus. Wenn ich Sie als jungen Menschen sehe, dann erfüllt mich das. Ich will, dass Sie und auch ihre Kinder ein besseres Leben haben als wir es hatten.

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