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„Antisemitismus ist schließlich nicht vom Himmel gefallen!“

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Ein katholischer Sozialverband möchte einen Workshop zum Thema Antisemitismus anbieten: Sebastian Kavermann, Referent für politische Bildung des Kolping-Bildungswerks Diözesanverband Münster möchte antisemitischen Strukturen in unserer Gesellschaft durch politische Bildung den Kampf ansagen.  Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt diesen Ansatz mit einer finanziellen Förderung. 

Politische Bildung als Schlüssel zum Abbau von antisemitischen Denkmustern? 

Die Kolping-Bildungswerk des Diözesanverbands Münster macht vor, wie strukturelle Probleme unserer Gesellschaft durch politische Bildung angegangen werden können. Aktuell planen sie einen Workshop mit dem Arbeitstitel „Antisemi… was? – Reden wir darüber!“. In Anlehnung an das Programm der Villa ten Hompel, wird der Workshop mit großer Wahrscheinlichkeit auf der Methode des offenen Gesprächs basieren. Und das ist auch der richtige Zugang zu der Thematik, erklärt uns Sebastian Kavermann, Referent für politische Bildung an der Bildungsstätte:

„Wir müssen alle mehr über unser eigenes Verhalten reflektieren, unsere Denkmuster auch mal in Frage stellen und letztendlich auch die Gesellschaft kritisieren, in der wir sozialisiert wurden. So kommt man auch ziemlich schnell darauf, dass Antisemitismus ein tiefverwurzeltes Problem in unserer Gesellschaft ist. Um das zu beheben, müssen wir tief graben, angefangen bei sich selbst. Weil das nicht einfach ist, wollen wir durch eine offene Gesprächsrunde einen besseren Zugang schaffen. Dadurch können Menschen über Antisemitismus ins Gespräch kommen.“

Sebastian Kavermann stellt fest: Antisemitismus ist durch die Welt, in der wir leben und so wie wir sozialisiert wurden, tief in uns verankert. Und das kommt auch in der aktuellen Pandemie sehr deutlich zum Vorschein. Deswegen gibt es auch keine Ausreden mehr, sich nicht gegen Antisemitismus zu engagieren: Antisemitismus sei schließlich nicht vom Himmel gefallen und wir seien eigenständig dafür verantwortlich, etwas dagegen zu tun. So wie er zum Beispiel: Geprägt durch seine langjährige Arbeit gegen Rechtsextremismus und Rassismus, war für ihn klar, dass er im Namen des Kolping-Bildungswerkes auch antisemitismus- und rassismuskritische Bildung anbieten möchte. Dabei kam die Konzeption eines Workshop gegen Antisemitismus wie gerufen.

Ob die ständigen Vergleiche von Gegner:innen der Corona-Maßnahmen mit Shoah-Opfern, der antisemitische „Ungeimpft“-Stern oder antisemitische Verschwöungserzählungen rund um das Corona-Virus: Bedingt durch die Pandemie wird das Thema Antisemitismus stärker wahrgenommen, gleichzeitig hatte es nie an Aktualität verloren. Daher ist es für Sebastian Kavermann auch fast selbstverständlich, antisemitisches Denken durch selbstreflektive Bildungsarbeit anzugehen. „Antisemitismus hat nun mal ein sehr wandelbares Gesicht und passt sich immer wieder an“, stellt er fest. Treffend fasst er zusammen: „Die Ideologie wäre nicht so langlebig, wenn sie nicht gleichzeitig so tief verwurzelt wäre.“

Wie wir Antisemitismus aktiv etwas entgegenhalten können.

Für den Referenten ist antisemitische Ideologie unser eigenes Problem, an dem wir täglich arbeiten müssen. Viele Menschen sind durch die zunehmende Gewalt an Juden:Jüdinnen im Zuge der Pandemie oder auch des wieder aufkommenden Nahostkonflikts im Mai 2021 endlich hellhörig geworden und wollen jetzt etwas ändern. An dieses Interesse oder an diesen Willen soll der Workshop anknüpfen: Es sollen möglichst viele Menschen angesprochen werden, die Zielgruppen sind sehr unterschiedlich, diverse Altersklassen sind vertreten. „Wir müssen einfach endlich darüber reden, auch wenn es unangenehm scheinen kann. Es ist dabei sehr wichtig, sich die Frage zu stellen, wo sind bei mir selbst Anknüpfungspunkte an antisemitische Ideologieelemente?“ Kritisch mit sich selbst zu sein, ist nicht der bequemste Weg, ein Problem anzugehen, aber der nachhaltigste und effektivste.

Von den kirchlichen Institutionen beispielsweise würde sich Sebastian Kavermann wünschen, dass christlicher Antijudaismus wahr- und ernstgenommen wird und dass sich Verantwortliche ihren Fehlern stellen, selbstkritisch die Problemlösung angehen und sich als Autorität nicht von Antisemitismus ausnehmen, wie es leider noch oft der Fall ist. „Die Kirchen als Vorreiter zu sehen wäre wünschenswert, aber auch Entwicklungsanstöße sind sehr wichtig. Der allgemeine Umgang mit dem Thema Antisemitismus sollte auch in der Kirche zunehmen. Vielleicht ist unser Projekt ein erster Versuch, aber er wird gewiss auch nicht der letzte sein.“

Ein Projekt, das Hoffnung macht.

Wenn Sebastian Kavermann erklärt, dass Antisemitismus nicht vom Himmel gefallen ist, dann macht das Hoffnung. „Es gibt eine lange antijudaistische Geschichte im Christentum. Um sich dem richtig zu stellen und aktiv dagegenzuhalten, kommen wir nicht darum herum, uns damit auseinanderzusetzen, was an unseren eigenen Einstellungen und Argumentationsmustern problematisch ist. Nur wenn klar ist, was wir falsch machen, können wir an uns arbeiten.“

Letztendlich ist Antisemitismusbekämpfung eben auch grundlegende Sensibilisierung, wie sie durch das Bildungsangebot und die Herangehensweise von Sebastian Kavermann geschieht. Menschen wie er sind unabdingbar für die Stärkung einer demokratischen Zivilgesellschaft. Für die Amadeu Antonio Stiftung war bei so viel Verständnis rund um das Thema klar, dass dieses Projekt gefördert werden muss.

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