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Gute Nachrichten

#AntisemitismusStoppen – Ein Fazit zu den „Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus 2022”

von Foelke Bockelmann

Die 19. „Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus” sind mit knapp 100 Veranstaltungen in 50 Orten Deutschlands zu Ende gegangen. Mit dabei waren über 100 Kooperationspartner*innen. In acht Städten prägte die Plakatkampagne #AntisemitismusStoppen das Stadtbild, in 20 Kinos wurde der dazu passende Trailer gezeigt. Online wie offline ging es in diesem Jahr um israelbezogenen Antisemitismus, um das Verhältnis von Antisemitismus und Rassimus sowie um die Antisemitismusdebatten der letzten Jahre. Die vielen beschädigten Plakate und auch der Hass im Netz zeigen, wie sehr das Thema polarisiert.

Vom 09. Oktober bis 09. November fanden die Bildungs- und Aktionswochen, ein gemeinsames Projekt der Amadeu Antonio Stiftung sowie des Anne Frank Zentrums, statt und luden ein zu Podiumsdiskussionen, Vorträgen, Stadtrundgängen und Workshops. Der Zeitraum wird durch den Tag des rechtsterroristischen  Anschlags in Halle 2019 und die Reichspogromnacht 1938 markiert – Daten, die auf die Gegenwart wie Geschichte des Antisemitismus verweisen. Jedoch beschränken sich die Veranstaltungen nicht auf diesen einen Monat, sondern laufen bis in den Dezember hinein. Flankiert werden diese zahlreichen Veranstaltungen durch eine bundesweite Plakatkampagne.

Besonders war in diesem Jahr, dass die Aktionswochen mit einem digitalen Kampagnentag gestartet sind. Für Shila Samanthi, die Campaignerin des Projektes, war das ein voller Erfolg: „Auf Instagram, Twitter und Youtube haben wir in interaktiven Formaten live mit Jüdinnen*Juden sowie weiteren Verbündeten über die Themen der diesjährigen Bildungs- und Aktionswochen diskutiert. Mit dem digitalen Kampagnenauftakt haben wir gleich zu Beginn viele Menschen erreicht und auf unser Projekt aufmerksam gemacht.”

Kampagne zu israelbezogenem Antisemitismus

Der Fokus lag in diesem Jahr mit der Plakatkampagne auf israelbezogenem Antisemitismus. Dieser zeigt sich, wenn Israel mit ganz alten, klassischen, judenfeindlichen und antisemitischen Bildern dargestellt wird. Dabei hängt sich viel am Nahostkonflikt auf: Daran, wer als schuldig für die Situation wahrgenommen wird oder das Recht auf das Land haben soll. In acht Städten waren vier Plakatmotive über mehrere Wochen zu sehen. Die Plakate zeigen weit verbreitete antisemitische Annahmen über Israel und sagen Stopp: „Israelhass und Judenhass lassen sich nicht trennen – Gemeinsam #AntisemitismusStoppen!”. Begleitet wurde die Plakatkampagne von einem Kampagnentrailer, der sowohl deutschlandweit in Kinos als auch in den U-Bahnen Berlins und Münchens zu sehen war.

Die Resonanz zu den Veranstaltungen ist sehr positiv. Nikolas Lelle, Leiter des Projektes, ist sehr zufrieden mit dem Verlauf der Aktionswochen: „Wir haben viele positive Rückmeldungen sowohl von den Veranstalter*innen als auch den Teilnehmer*innen aus Fachtagungen, Diskussionsrunden und Vorträgen bekommen. Die vielen Klicks unter Beiträgen, die häufige Verwendung des #AntisemitismusStoppen in den Sozialen Netzwerken wie auch die Rückmeldungen zu der Relevanz unserer Themen bekräftigen uns darin, dass die Aktionswochen die Menschen erreichen und wichtig bleiben.” Das Team der Aktionswochen beobachtet aber auch, dass Veranstaltungen aufgrund zu geringer Teilnehmer*innenzahlen abgesagt werden mussten. Die Verbindlichkeit scheint mit der Corona-Pandemie abgenommen zu haben; ein bundesweites und themen-unspezifisches Phänomen.

Dass die Aktionswochen nicht nur auf Zustimmung treffen, sondern auch zu Diskussionen anregen, wird besonders in Bezug auf die Plakatkampagne deutlich. Direkt in den ersten Tagen wurden zahlreiche Plakate abgerissen, mit antisemitischen Aussagen beschmiert oder die Stiftung stellvertretend auch im Netz beschimpft. „Dies macht deutlich, dass gerade israelbezogener Antisemitismus sagbar geworden ist und im öffentlichen Raum eine Bühne gegeben wird,” Imke Kummer, Mitarbeiterin in dem Projekt. „Umso wichtiger ist es, dass wir in diesem Jahr das Thema in den Fokus gerückt haben. Die extreme Rechte ist eine enorme Bedrohung für Jüdinnen*Juden in Deutschland. Gerade aber auch der israelbezogene Anitsemitismus geht von progressiven Milieus aus. Er tarnt sich dort allzu gern unter dem Deckmantel der ‘Israelkritik’. Mit den Aktionswochen wollen wir genau darauf aufmerksam machen: Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.”

Ein mittlerweile etablierter Hashtag ist der #aasliquidieren, der zeigt, wie groß der Hass auf die Amadeu Antonio Stiftung sein kann. Weitere gängige Vorwürfe, die das Team der Aktionswochen zu lesen bekommt, sind, dass die Amadeu Antonio Stiftung jede Kritik an Israel und Plakaten grundsätzlich als antisemitisch brandmarken würde, den Aktionswochen wird eine rassistische Agenda vorgeworfen und damit die Antisemitismusbekämpfung als ein rechtes Vorhaben gebrandmarkt.

Dank an Verbündete

Ohne die vielen Kooperationspartner*innen würde es die Bildungs- und Aktionswochen mit ihren vielen Veranstaltungen so nicht geben können. Das Team der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus spricht einen großen Dank an alle teilnehmenden Vereine, Organisationen, jüdischen Gemeinden und andere Verbündete aus. Shila Samanthi freut sich über die vielfältigen Partnerschaften, die in diesem Jahr zustande gekommen sind: „Mit dabei waren insgesamt über 100 Kooperationspartner*innen aus ganz Deutschland unter anderem die Israelitische Kultusgemeinde Augsburg, die Jüdische Gemeinde Flensburg e.V., das Bündnis gegen Antisemitismus Köln oder das Archiv Potsdam und noch viele weitere.”

Zu den Aktionswochen gab es auch eine Bundespressekonferenz von Tahera Ameer, Vorstand der Amadeu Antonio Stiftung, zusammen mit Dr. Felix Klein, dem Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, sowie Mark Dainow, Zentralrat der Juden, und Deborah Hartmann, Bildungs- und Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Gefordert wurde hier von Dr. Klein, dass die Betroffenen Jüdinnen*Juden endlich in ihren Sorgen ernster genommen werden. Tahera Ameer machte zudem deutlich, dass „Nie wieder“ ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag ist und keine Floskel sein darf. Die Kampagnen der Bildungs- und Aktionswochen und die Amadeu Antonio Stiftung machen seit Jahren deutlich, dass es einen aktiven und kritischen Umgang mit Antisemitismus braucht. „Langsam gehen uns aber die Superlative für die roten Linien aus“, so Tahera Ameer.

Was kommt 2023? Ein Ausblick

Auch im nächsten Jahr finden wieder die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus statt. Sie feiern ihr 20-jähriges Jubiläum. 2023 wird es um Antisemitismus im Alltag und kritische Erinnerungskultur gehen. Der aktuelle RIAS Bericht zeigt, wie relevant diese beiden Themen sind: RIAS erfasste deutschlandweit für das Jahr 2021 2738 antisemitische Vorfälle. „Täglich kommt es zu Übergriffen auf Jüdinnen*Juden – höchste Zeit, dass wir den alltäglichen Antisemitismus, der sich oft auch unterhalb der Strafgrenze befindet, in den Blick nehmen.” erzählt Nikolas Lelle. „In Bezug auf die Erinnerungskultur sehen wir uns mit einem Wandel konfrontiert. Die Generation der Zeitzeug*innen stirbt – Zeit für uns zu hinterfragen, wie wurde eigentlich bisher erinnert und wie gestalten wir eine kritische Erinnerungskultur in der Zukunft? Was sind bisherige Errungenschaften und wo müssen wir nochmal nachjustieren?”

Bis dahin steht die Arbeit des tatkräftigen Aktionswochen-Teams keinesfalls still: Die neue Kampagne will geplant und neue Kooperationspartner*innen wollen akquiriert werden. Außerdem konzipiert das Team bereits das nächste Lagebild Antisemitismus (#11), um aktuell über Antisemitsmus in der deutschen Gesellschaft zu informieren. Denn #AntisemitismusStoppen ist keine einjährige Aufgabe, sondern ein langfristiges Projekt.

 

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