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Corona-radikalisierte Morde: Mindestens vier Todesopfer in 2021

Die wahnhafte Abwendung von der Wirklichkeit in den Kreisen, die sich Verschwörungsideologien angeschlossen haben, hat tödliche Folgen – im brandenburgischen Senzig für eine ganze Familie. Das Bundesinnenministerium stuft das Tötungsdelikt aus dem Dezember 2021 als antisemitisches Verbrechen ein. Die Amadeu Antonio Stiftung teilt diese Bewertung und nimmt die Frau und die drei Kinder, die von dem Familienvater ermordet wurden, in die Chronik der Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 auf.

Am 4. Dezember soll der Mann im Stadtteil Senzig der Brandenburgischen Stadt Königs Wusterhausen zuerst seine Frau (40), dann seine drei Töchter im Alter von vier, acht und zehn Jahren und anschließend sich selbst erschossen haben. Der Täter hatte seiner Frau zuvor einen gefälschten Impfnachweis besorgt. Nachdem ihr Arbeitgeber dies erfuhr, fürchtete der Mann laut seines Abschiedsbriefes, dass die Eltern verhaftet und ihnen die Kinder entzogen würden.

Chatverläufe belegen, dass der Mann überzeugt war, der Staat verfolge einen “bösen” Plan. Demnach solle die Weltbevölkerung um die Hälfte reduziert und eine neue Weltordnung unter jüdischer Führung gegründet werden.

Die Überzeugung, dass es eine jüdische Weltverschwörung gäbe, veranlasste das Bundesinnenministerium, den Vierfachmord in die Statistik der Politisch motivierten Kriminalität-rechts (PMK-rechts) mit antisemitischem Hintergrund aufzunehmen. Nach Angaben eines Polizeisprechers waren weitere Motive des Mannes Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, die Ablehnung des Staates und eine Ablehnung des Gesundheitswesens und der Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie.

Die Amadeu Antonio Stiftung folgt dieser Bewertung und nimmt die Frau und die drei Kinder, die von einem Familienvater ermordet wurden, in die Chronik der Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 auf.

Wahnhafter Verschwörungsglaube führt zu Gewalt im Namen der “Notwehr”

Recherchen belegen, dass er etwa in der verschwörungsideologischen Coronaleugner:innen-Gruppe „Freiheitsboten Königs Wusterhausen“ Mitglied war. Nach Angaben in dieser Gruppe war der Vater auch Mitglied von „Die Basis“ und informierte sich zuletzt manisch zum Thema „Impfpflicht“.

Der Vierfachmord in Senzig ist der traurige Höhepunkt einer fortschreitenden Radikalisierung im “Querdenker”-Milieu. Der Täter befand sich in dem wahnhaften Glauben, der Staat versuche nicht Menschen vor einer tödlichen Bedrohung zu schützen, sondern sei eine Diktatur, die individuelle Freiheiten unterdrücken will. Die Erzählung, dass der Staat die Menschen gegen ihren Willen zu Maßnahmen zwinge, sie unterdrückt und deshalb der Feind sei, wird seit Beginn der Pandemie im Jahr 2020 in verschwörungsideologischen, Pandemie-Leugner:innen- und Maßnahmen-Gegner:innen-Gruppen verbreitet und geglaubt.

Aus dieser Erzählung heraus wird ein Szenario erdacht, in dem man sich im Notstand befindet und jedes Mittel zur Notwehr gerechtfertigt sei – wer etwas Anderes sagt, dem sei nicht zu trauen.

Tankstellen-Mord in Idar-Oberstein: Tödliche Gewalt, befeuert durch Verschwörungserzählungen

Ein weiterer Fall macht deutlich, dass eine neue Form rechter Gewalt durch Desinformation und Verschwörungserzählungen befeuert wird: Am Abend des 18. September 2021 wurde der 20-jährige Alexander W. in einer Tankstelle in der rheinland-pfälzischen Kreisstadt Idar-Oberstein kaltblütig erschossen, nachdem er den Täter auf die Maskenpflicht aufmerksam machte.

Dem zuständigen Oberstaatsanwalt zufolge gab der Täter gegenüber den Ermittlungsbehörden als Motiv an, die Corona-Pandemie habe ihn „stark belastet“, er habe sich „immer weiter in die Ecke gedrängt gefühlt und keinen weiteren Ausweg mehr gesehen, als ein Zeichen zu setzen“. Alexander W. sah er als „verantwortlich für die Gesamtsituation“ an.

Das Twitterprofil des Täters gibt Aufschluss über dessen Gesinnung. Hier verbreitete er schon seit Längerem verschwörungsideologische Inhalte und bewegte sich in rechtsextremen Online-Kreisen. Im September 2019 schrieb er: „Ich freue mich auf den nächsten Krieg. Ja, das mag sich jetzt destruktiv anhören, aber wir kommen aus dieser Spirale einfach nicht raus“.

Die Umstände der Tat und der Hintergrund des Täters sprechen stark für eine rechte Tatmotivation. Die Amadeu Antonio Stiftung führt den Fall deshalb als Verdachtsfall in der Chronik der Todesopfer rechter Gewalt, bis weitere Erkenntnisse vorliegen, die eine abschließende Beurteilung zulassen.

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