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Musik, Theater und Film für Demokratische Kultur

Musik, Theater und Film für Demokratische Kultur

Jamel rockt den Förster

Seit Jahren eine feste Adresse im nicht-rechten Veranstaltungskalender Mecklenburg-Vorpommerns: Jamel rockt den Förster. Unter dem Motto „Spaß und Zivilcourage im Doppelpack“ wird ein klares Zeichen gegen Rechtsextremismus gesetzt.

 

Es gibt nur zehn Häuser in Jamel. In sieben davon wohnen bekennende Neonazis samt Familie. Bekannt wurde das Dorf in Mecklenburg-Vorpommern deshalb vor allem mit rechter Gewalt oder durch die Festnahme des bekennenden Neonazis Sven Krüger, der wegen Hehlerei und unerlaubtem Waffenbesitz ins Gefängnis musste. Krüger ist fest in der lokalen Kameradschaftsszene verankert und treibt die Ansiedlung von Gleichgesinnten voran. Viele aus der nicht-rechten Nachbarschaft haben Angst, sich zu positionieren. »Sie haben sogar Angst, uns im Supermarkt zu grüßen – damit sie keinen Ärger mit den Neonazis hier bekommen«, berichtet Birgit Lohmeyer.

 

Am Ortseingang begrüßte lange ein Findling mit der Aufschrift „Dorfgemeinschaft Jamel – Frei, Sozial, National“ Besucherinnen und Besucher. Gleich daneben steht ein Wegweiser, der unter anderem die Entfernungen nach Narvik, Wien/Ostmark und Königsberg, anzeigte. Wegweiser und Schild wurden im Februar 2011 auf Anweisung des Grevesmühlener Bürgermeisters entfernt. Weiter hinten im Dorf wird man auch auf ein Banner aufmerksam – „Willkommen in Jamel“ heißt es da. Unterlegt ist das Banner mit einer Lebensbaumrune vor einer aufgehenden Sonne. „Wir wussten, dass ein NPD-Politiker hier wohnt. Aber die anderen kamen alle nach“, sagt das Ehepaar Lohmeyer. Schweigen oder wegziehen, das kam für die beiden nicht in Frage

 

Um klarzumachen, dass Jamel nicht nur das »Nazinest« ist, haben sie 2007 auf ihrem Grundstück das Festival »Jamel rockt den Förster« ins Leben gerufen, das von der Amadeu Antonio Stiftung finanziell unterstützt wird. Das Festival steht für Demokratie und Toleranz und entspricht somit nicht den Vorstellungen der meisten Dorfbewohner*innen. Aber es ist eine wichtige Alternative zum rechtsextremen Mainstreams und ein verlässlicher Treffpunkt für nicht-rechte Jugendliche. Seitdem hat sich das Fest als fester Termin etabliert, bei dem neben lokalen Bands auch prominente Musiker*innen auftreten.

Horst und Birgit Lohmeyer lassen sich nicht einschüchtern. Foto: © Georg Hundt

Kein Gras über die Sache wachsen lassen

Foto: © Hannah Thoß

Mit dem Prozess gegen die Unterstützenden des NSU wurde der Schuldfrage auf juristischem Weg penibel nachgegangen. Doch das ist nicht genug, findet eine Gruppe Engagierter aus Zwickau – der Stadt, in der die Mitglieder des NSU zuletzt im Untergrund lebten.

 

Es bedürfe auch einer Aufarbeitung, Aufklärung und Erinnerung an die Taten in der Stadt selbst. Zwar gebe es bereits zivilgesellschaftliche und künstlerische Impulse in Zwickau, doch diese seien – angesichts der Dimension der Verbrechen – nicht ausreichend. „Gerade die institutionelle und kommunale Verantwortung wird aus unserer Perspektive zu wenig übernommen“, finden die Grass Lifter. Sie sind eine freie Künstlergruppe, die sich zusammengefunden hat um genau diese Lücke zu schließen.

 

Wichtig ist es ihnen vor allem, den Dialog in der Stadt lebendig zu halten. Sie haben eine Podiumsdiskussion organisiert, bei der Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Zivilgesellschaft über die gesellschaftlichen Folgen diskutierten, die sich aus der Aufdeckung und Aufarbeitung der Taten des NSU ergeben.

 

Auch eine breite Öffentlichkeit in der Stadt sollte erreicht werden, weshalb die Grass Lifter eine Kunstaktion auf dem Zwickauer Hauptmarkt starteten. In einer symbolischen Aktion wurden 150 Luftballons in den Himmel steigen gelassen, an denen sich unbeantwortete Fragen zu den Themen Rechtsextremismus, NSU und Gesellschaft befanden. Die Fragen ergaben sich im Dialog mit Schülerinnen und Schülern der Pestalozzi Schule und den Grass Liftern. „Wir wollen damit symbolisch Fragen, die auch in der Stadt Zwickau entstanden und zum Teil unbeantwortet sind, über das Bundesland Sachsen streuen. Das Gras, das zum Beispiel in der Frühlingsstraße 26 immer noch über die NSU-Sache wächst, muss überall ausgegraben werden.“

Ein inklusives Theaterstück mit Flüchtlingen

»Alle Satt?!«  ist ein lebensnahes und authentisches Theaterstück. Es geht der Frage nach, inwieweit unser Lebensstil und Konsumverhalten Ursache für die Vielzahl an Flüchtlingen sind, die aktuell nach Europa kommen. »Alle Satt?!« zeigt auf, wie Lebensentwürfe aufgrund politischer Entscheidungen aus dem Gleichgewicht geraten sind.  Bei der Erarbeitung des Theaterstücks werden sowohl in Deutschland geborene als auch geflüchtete Jugendliche miteinbezogen.  So entsteht nicht nur ein zielgruppenorientiertes Theaterstück, sondern auch ein Ort der Begegnung. Das Theaterstück wird für Jugendliche ab der 6.  Klasse entwickelt und vor Schulklassen aufgeführt.

Gemeinsames Theaterspielen schafft Begegnung. Foto: © theaterspiel