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Recherche und Dokumentation

Recherche und Dokumentation

Den Hintergründen nachspüren

Jugendliche entwickeln eine App mit Geschichtspfaden zu den NSU-Morden.

Eine schieferne Gedenktafel an der Fassade. Darauf einige verwelkte Blumen. Sonst nichts. Wer den kleinen Laden in der Münchener Bad-Schachener-Straße passiert, muss genauer hinschauen, um zu erfahren, was sich am 29. August 2001 hier abgespielt hat. Als die Terroristen des selbsternannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ in das Geschäft von Habil Kılıç eindrangen und den Gemüsehändler mit zwei Schüssen in den Kopf töteten.

Was die Passant_innen nicht erfahren können: die Lebensgeschichte von Habil Kılıç, das Versagen der Ermittlungsbehörden, die Verdächtigungen der Polizei gegen Familie und Freunde.

Das Projekt „History Reclaimed“ des Kölner Vereins La Talpa e.V. räumt damit auf. Jugendliche selbst entwickeln hier eine App für thematische Stadtrundgänge an sieben Orten, in denen der NSU mordete oder wie in der Kölner Keupstraße Menschen schwer verletzte. Die App führt als digitaler Geschichtspfad durch die jeweiligen Stadtteile, erzählt von Einwanderung und den Spuren des Rassismus und lässt Betroffene in Interviews zu Wort kommen.

Politische Bildung im Youtube-Format

Johannes Filous und Nhi Le, Moderator*innen von "verrückt". © verrückt

Der Verein Straßengezwitscher e.V. vermittelt demokratische Werte mit regionalem Bezug zu Sachsen – online und als Videopodcast. Der Titel des Formats: „Verrückt“.

Die Idee des Projekts ist es, jungen Menschen die Werkzeuge an die Hand zu geben, sich aktiv an politischen Diskursen zu beteiligen. Außerdem soll das beleuchtet werden, was im öffentlichen Diskurs häufig untergeht. Das betrifft vor allem rassistische Vorfälle in Sachsen sowie rechte Online-Hetze. Das Format vereint also die Vermittlung von Medienkompetenz mit politischem Grundwissen. Dazu gehören auch Themen wie Cybermobbing oder lokale Partizipation.

Die Engagierten möchten vor allem eine junge Zielgruppe erreichen. Und das dort, wo sie unterwegs ist: auf Videoplattformen im Internet. Gerade in Sachsen fehlt es an einem überregionalen Angebot für Jugendliche, das sich mit ihren tagesaktuellen Themen auseinandersetzt und ihnen Lust macht auf Demokratie, die immer langsam und kompromissbehaftet ist. Denn gleichzeitig gibt es viele Video-Kanäle aus Sachsen, die völkisches und nationalistisches Gedankengut ziemlich erfolgreich an eine junge Zielgruppe vermitteln.

Die Antwort sind 3- bis 10-minütige Videos, in denen die Themen leicht verständlich diskutiert werden. Durch eingeblendete Videoausschnitte, Statistiken oder Zitate werden selbst komplizierte Problematiken schnell und trotzdem unverkürzt erklärt. Und das kommt an:  Klick-Statistiken, Nachrichten und Kommentare zeigen, dass das angesprochene junge Publikum erreicht wird.

Licht in das Dunkelfeld antisemitischer Straftaten bringen

Ein Mann, der wegen eines Buttons mit Davidstern und Regenbogen beleidigt und bedroht wird. Ein Veranstaltungsplakat mit Karl Marx, auf das jemand ein Fadenkreuz und das Wort »Jude« gesprüht hat. Ein ehemaliger Politiker der Kasseler AfD, der Bilder über eine angebliche jüdische Verschwörung im US-Kongress auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht und als Delegierter zum Bundesparteitag geschickt wird – das sind nur drei Beispiele für den alltäglichen Antisemitismus, der für Jüdinnen und Juden eine zunehmende Bedrohung darstellt. Dokumentiert wurden sie von der »Informationsstelle Antisemitismus Kassel«, einem Projekt des Sara Nussbaum Zentrums für Jüdisches Leben, das seit 2016 besteht und von der Amadeu Antonio Stiftung gefördert wird.

Hierher können sich Menschen wenden, die von antisemitischen Übergriffen betroffen sind oder diese beobachtet haben. Die Einrichtung bietet persönliche Gespräche, um das Erlebte zu verarbeiten, veröffentlicht Vorfälle und hilft bei der strafrechtlichen Ahndung, wenn dies gewünscht ist.

Vorbild des Projekts ist die »Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus« (RIAS), die ebenfalls von der Amadeu Antonio Stiftung gefördert wird. Die Berliner Einrichtung bringt seit 2015 erfolgreich Licht in das Dunkelfeld antisemitischer Straftaten. Häufig werden diese nicht angezeigt, da die Betroffenen sich von der Polizei nicht ernstgenommen fühlen. In der Öffentlichkeit wird das Problem daher allzu oft unterschätzt. Durch die Dokumentation antisemitischer Vorfälle schaffen RIAS und die Informationsstelle ein Bewusstsein für aktuelle Formen der Judenfeindschaft.

© Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben