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Start der Aktionswochen gegen Antisemitismus 2010

Pressemitteilung der Amadeu Antonio Stiftung: Inland / 9. November / Antisemitismus

Aktionswochen gegen Antisemitismus mit Schwerpunkt Israelfeindschaft eröffnet

175 Veranstaltungen gegen Antisemitismus –

Amadeu Antonio Stiftung eröffnet bundesweite Aktionswochen gegen Antisemitismus mit Cem Özdemir, Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen, Stephan J. Kramer, Generalsekretär Zentralrat der Juden in Deutschland, Steffen Richter, Vorsitzender vom Alternativen Kultur- und Bildungszentrum Pirna e.V. und Anetta Kahane, Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung, als Gastgeberin. Dieses Jahr haben die Aktionswochen mit dem Thema Israelfeindschaft erstmalig einen inhaltlichen Schwerpunkt.

„Als wir vor sieben Jahren die ersten Aktionswochen gegen Antisemitismus veranstalteten geschah dies, weil wir den Eindruck hatten, dass Erinnerungskultur und die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus zunehmend in den Hintergrund geraten“ erläuterte Anetta Kahane zu Beginn der Pressekonferenz. „Neben der Notwendigkeit sich gerade an den 9. November zu erinnern, besteht auch eine Notwendigkeit sich mit aktuellen Formen des Antisemitismus auseinanderzusetzen. Die wohl am meisten verbreiteten Form von aktuellem Antisemitismus ist die Israelfeindschaft“, so Kahane. Die Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung betonte, dass es selbstverständlich nicht darum gehe, dass man Israel nicht kritisieren dürfe, sondern um israelbezogenen Antisemitismus, der sich oft als Kritik an Israel tarne.

Der Generalsekretär vom Zentralrat der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, hob hervor, wie wichtig eben diese Auseinandersetzung mit der Israelfeindschaft sei, die einen Trägermechanismus für Antisemitismus darstelle. In diesem Zusammenhang warnte er eindringlich davor, sich nur mit den extremen Rändern der Gesellschaft zu beschäftigen. „Zunehmend ist festzustellen, dass gerade die gut ausgebildete Mitte der Gesellschaft, Menschen die sich sehr gewählt und akkurat ausdrücken können, sich gerade in Bezug auf Israel antisemitisch äußern ohne dass dies gesellschaftlich sanktioniert wird“, so Kramer. Der Bundesvorsitzende der Grünen Cem Özdemir, der 2009 die von der Amadeu Antonio Stiftung herausgegebene Handreichung „Die Juden sind schuld. Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus“ unterstützt hatte, betonte, dass Antisemitismus jeden etwas anginge: „Manche verbreiten unter dem Vorwand, Kritik an Israel zu üben, antisemitisches Gedankengut. Das können wir nicht hinnehmen. Es ist auch ein Gebot der Demokratie, dass der Einzelne und die Organisationen der Zivilgesellschaft hier einschreiten.“

Steffen Richter vom Alternativen Kultur- und Bildungszentrum (AKuBiZ) Pirna e.V. bemängelte, dass „alles was an Juden und jüdisches Leben in Pirna erinnert“ praktisch verschwunden sei. Es sei daher enorm wichtig Lokalgeschichte wieder sichtbarer zu machen.

Debatte um Integration

Im weiteren Verlauf der Pressekonferenz spielten die Nachwehen der Sarrazin-Debatte eine große Rolle. Sowohl Anetta Kahane als auch Stephan Kramer kritisierten vehement, dass derzeit überall von „jüdisch-christlicher Tradition“ gesprochen werde. Kahane beanstandete, dass eine vermeintliche „jüdisch-christliche Symbiose gegen Muslime in Anschlag gebracht wird“. Diese geschehe um Menschen nach kulturellen Kriterien in gute, weniger gute und schlechte Menschen einzuteilen.
In diesem Zusammenhang kritisierte der Bundesvorsitzende der Grünen, dass Menschen aus dem islamischen Kulturkreis in Deutschland auf ihre vermeintlich gemeinsame Religion reduziert und als homogene Masse abgestempelt würden. „Etwas hält Einzug, was in höchstem Maße beunruhigend ist“, so Özdemir. „Die Menschen, ihre Herkunft und ihre vermeintliche Religion werden in einen Topf geworfen und zu einer gefährlichen Masse verrührt. Das ist ein Rückfall in die integrationspolitische Steinzeit.“
Anetta Kahane betonte in diesem Zusammenhang: „Zwar werde die Sarrazin-Debatte unter dem Label „Islam“ geführt, doch es gehe nicht nur um den Islam, sondern um sichtbare Minderheiten – weshalb es vor allem eine Debatte um Rassismus sei. Und diese betrifft alle Minderheiten“.

Was passiert bei den Aktionswochen Antisemitismus

In diesem Jahr finden über 170 Veranstaltungen in 57 Orten in allen Teilen der Bundesrepublik statt. Beteiligte Initiativen setzen sich in Gedenk- und Diskussionsveranstaltungen, Filmaufführungen, Zeitzeugengesprächen und Lesungen mit aktuellem und historischem Antisemitismus sowie Israelfeindschaft auseinander. So veranstaltet das Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch (ConAct e.V.) aus Wittenberg unter der Fragestellung „Und was hat das mit mir zu tun?!“ einen ganztägigen Workshop zu Antisemitismus und Israelfeindlichkeit. In Hamburg findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe „respect * 8 – gegen alltägliche Gleichgültigkeit“ eine autobiographische Lesung mit Esther Bejarano, eine der letzten bekannten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz, statt. Nach der Lesung wird Esther Bejarano gemeinsam mit Tochter Edna und Sohn Joram und der deutsch-türkisch-italienischen Rapgruppe Microphone Mafia ein Konzert mit Liedern gegen Rassismus und Antisemitismus geben.
In Berlin veranstaltet der Sportverein Roter Stern Nordost Berlin e.V. einen Vortrag zum Thema „Politischer Antisemitismus und die Protokolle der Weisen von Zion“ geben. Am 9. November wird es im Rahmen der Aktionswochen zahlreiche Gedenkveranstaltungen aber auch Aktionen geben: So lädt die „Gruppe Gedenkmarsch“ Leipzig alle Bürger in verschiedenen Städten Sachsens dazu ein, in Gedenken an die Reichspogromnacht alle Stolpersteine zu putzen.

Die komplette Liste der Veranstaltungen der Aktionswochen finden Sie unter: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/die-stiftung-aktiv/gegen-as/was-tut-diestiftung/aktionswochen-gegen-antisemitismus/2010/

Antisemitismus in Deutschland

Antisemitismus in Deutschland hat sehr unterschiedliche Gesichter: Immer wieder kommt es zu antisemitischen Schmierereien, wie beispielsweise Anfang Oktober in der Dresdner Neustadt. Dort hatten haben Unbekannte mehrere Hausfassaden mit antisemitischen Parolen besprüht. Dass solche antisemitische Parolen oftmals gar nicht mehr als störend empfunden werden zeigte sich im Frühjahr in Hannover. Dort war über Monate hinweg an einem Bauwagen der Stadtwerke Hannover eine antisemitische Parole zu sehen. Trotz mehrerer Hinweise ließen die Stadtwerke den Schriftzug erst entfernen, als der Vorfall medial rezipiert wurde. Die Brandanschläge auf die gerade erst eingeweihte Synagoge in Mainz Ende Oktober oder auf die Synagoge in Worms Mitte Mai zeigen auf bedrückende Weise, dass brennende Synagoge nicht der Vergangenheit angehören. Auch Übergriffe auf Juden und Jüdinnen finden in Deutschland immer wieder statt. So
wurde im Juni eine jüdische Tanzgruppe von mehreren Jugendlichen bei einem öffentlichen Auftritt mit Steinen beworfen. Nur knapp eine Woche später sind in einer Diskothek in Berlin-Friedrichshain zwei Israelis verletzt worden. Der Angreifer fragte die Beiden, woher sie kämen, entgegnete dann, er sei Palästinenser und schlug unvermittelt auf sie ein. Beim Verlassen der Diskothek wurden die Israelis noch von einem 43jährigen Mann mit Pfefferspray verletzt.

https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/die-stiftung-aktiv/gegen-as/antisemitismus-heute/chronikantisemitischer-vorfaelle/chronik-antisemitischer-vorfaelle-2010/

Für Rückfragen:

Jan Riebe
Amadeu Antonio Stiftung
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E-Mail: jan.riebe@amadeu-antonio-stiftung.de