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Rechtsterrorismus

Queerfeindliche, antisemitische und rassistische Brandanschlagsserie in Berlin

Abgebrannte Bücherbox neben einer Parkbank. Davor Absperrband.
Durch einen Brandanschlag wurde ein Holocaust-Mahnmal im Grunewald in Berlin zerstört. Am Tatort hinterließ ein Unbekannter ein antisemitisches Schreiben (Quelle: Annika)

In Berlin wurden in den letzten Tagen mehrere rechtsextreme Anschläge verübt. Unbekannte haben innerhalb von zwei Tagen Feuer an zwei Holocaust-Gedenkorten gelegt und eine Initiative für lesbische Frauen angegriffen. An drei Tatorten wurden ähnliche Bekennerschreiben entdeckt. Bisher ist kein Mensch zu Schaden gekommen.

zuerst erschienen auf Belltower.news

Vier Anschläge, drei davon Brände und drei Bekennerschreiben: Am Samstagmorgen brennt ein Holocaust-Gedenkort im Grunewald, am „Gleis 17“. Zeug*innen berichteten von einem Mann, der gegen 4:50 Uhr am Gedenkort Feuer gelegt hat. Später wird ein zutiefst antisemitisches Schreiben entdeckt, wie Belltower.News berichtete. In dem schwer verständlichen Pamphlet werden weitere Anschläge gegen solch „ehrlosen Schandmale“ angekündigt. Der oder die Täter*innen scheinen ihre Drohung wahr werden zu lassen.

Ebenfalls in den frühen Morgenstunden wirft am selben Tag eine bisher unbekannte Person vermutlich einen brennenden Gegenstand auf das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Tiergarten. Auch hier werden Plakate mit christlichen Bezügen am Denkmal angebracht.

Zwei Tage später, am Montagmorgen, werden die Räume des Vereins „Rad und Tat“ (RuT), einer Initiative lesbischer Frauen in Neukölln, beschädigt. Die Fensterscheiben werden zerstört und der oder die Täter*innen versuchten offenbar, einen Brand zu entfachen. Es gibt Hinweise, dass auch hier ein Schreiben angebracht wurden, bestätigen lässt sich das bisher jedoch noch nicht.

Nur 350 Meter vom RuT entfernt, werden am linken Infoladen „Lunte“ ebenfalls wirre Schreiben angebracht.

Derselbe Verfasser*innen-Name

Zwei der Bekennerschreiben sind unterzeichnet mit demselben Fantasie-Namen.

Wie die taz berichtete, gab es bereits im Januar 2023 ein Schreiben mit demselben Verfasser-Namen. Studierende haben es am Eingang des Museums am Sterndamm in Treptow entdeckt. Die Hinweise verdichten sich also, dass Berlin gerade eine queerfeindliche, antisemitische und rassistische Brandanschlagsserie erlebt.

In dem Schreiben vom „Gleis 17“ kündigen die Verfasser*innen einen „richtigen“ Holocaust an, der zur kompletten Auslöschung von Jüdinnen*Juden führen soll. Auch im Schreiben von der „Lunte“ ist von einem dritten Weltkrieg die Rede, nachdem es in Europa und Amerika keine Muslim*innen mehr geben werde. Alle Frevler, Muslim*innen und Homosexuelle sollen im dritten Weltkrieg „endlich vernichtet“ werden, steht dort. Außerdem ist in „Goldmark“ ein Kopfgeld ausgesetzt, auf die als muslimisch dargestellte Angela Merkel, „lebendig oder tot“. Auch das Schreiben am Gedenkort für die verfolgten Homosexuellen während der Nazi-Zeit wünscht sich in einer ganz ähnlichen Tonalität den Tod von Homosexuellen.

„Es handelt sich um ideologisch zusammenhängende, politisch-motivierte Straftaten“

Weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft äußern sich nach Anfragen zum Vorfall. Die Amadeu Antonio Stiftung hofft, dass die Sicherheitsbehörden die Fälle nicht auf die leichte Schulter nehmen. Lorenz Blumenthaler von der Stiftung sagt: „Es handelt sich um ideologisch zusammenhängende, politisch-motivierte Straftaten. Das legt nicht nur der ’Unterzeichner’ nahe, sondern auch die Auswahl der Ziele, wie auch die queerfeindlichen, antisemitischen und verschwörungsgläubigen Vernichtungsfantasien.“

René Mertens vom LSVD-Bundesverband sagte gegenüber Belltower.News: „Die Taten eint ein zutiefst queerfeindliches Weltbild. Wer Brandanschläge verübt, macht auch irgendwann vor Menschenleben nicht halt.“ Mertens sagt, es gehe den Täter*innen vor allem darum, queeres Leben wieder in die Unsichtbarkeit zu zwängen. „Religiöser Fundamentalismus und menschenfeindliche Ideologie wirken dabei wie ein Brandbeschleuniger.“

Ganz egal, wie obskur ein Bekennerschreiben klingen mag, am Ende werden aus Worten Taten.

Anmerkung der Redaktion:
Der Text wurde nachträglich um die Zitate vom LSVD ergänzt.

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