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RIAS Niedersachsen beobachtet Anstieg antisemitischer Vorfälle im Zusammenhang mit Eskalation im israelisch-palästinensischen Konflikt

Die Auseinandersetzungen um das Jerusalemer Viertel Sheich Dscharrah/ Shimon HaTzadik sowie um israelische Militäroperationen nach Raketenangriffen durch islamistische Terrorgruppierungen in Gaza auf Israel beeinflussen auch den Alltag von Jüdinnen und Juden in Niedersachsen. So kommt es auf Kundgebungen und Demonstrationen aus dem Palästina-solidarischen Umfeld immer wieder zu zahlreichen antisemitischen Vorfallen. Doch auch abseits dieser Veranstaltungen werden Jüdinnen und Juden in Niedersachsen zum Ziel antisemitischer Attacken.

Am 14. Mai kamen 500 Demonstrierende in Göttingen zu einer Kundgebung zusammen. Auf Schildern wurde Israel Kindermord und ethnische Säuberungen vorgeworfen. Mehrfach wurde mit der Parole „Intifada“ zu Gewalt aufgerufen. Als Intifada werden zwei gewaltsame palästinensische Aufstände gegen Israel bezeichnet.

Durch Osnabrück zogen am 15. Mai 800 Menschen. Auf der Demonstration wurden der „Wolfsgruß“ der rechtsextremen, türkischen Organisation „Graue Wölfe“ gezeigt und auf Plakaten vielfach Israel das Existenzrecht abgesprochen und dämonisiert. So wurde etwa gefordert: „From the river to the sea, palestine will be free”. Mehrfach wurde in Anknüpfung an die antisemitische Ritualmordlegende Israel Kindermord vorgeworfen. Durch Parolen wie „end the palestine Holocaust“ oder „Netanyahus List“ wurde die israelische Politik mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt und die Shoah relativiert.

Auf einer „#freepalestine“-Demonstration in Oldenburg wurde am 15. Mai der Hitlergruß gezeigt und u. A. die Parole „Kindermörder Israel“ skandiert. Die gleiche Parole wurde am selben Tag in Salzgitter verwendet.

In Hannover demonstrierten nach Polizeiangaben in mehreren Stadtteilen insgesamt etwa 800 Menschen. Auf einer Demonstration mit dem Titel „Gegen Unterdrückung und die ethnische Säuberung der Palästinenser“ wurde u. A. Netanyahu mit Hitler verglichen. Nachdem die Demonstration offiziell für beendet erklärt wurde, versuchte ein Teil der Demonstrant:innen eine pro-israelische Gegenkundgebung zu stören. Die Polizei verhinderte dies mit einer doppelten Polizeikette. Zuvor hatten in der Stadt am 12. Mai rund 550 Menschen demonstriert. Dabei wurden ausgedruckte Israel-Fahnen von Teilnehmenden zerrissen und angezündet.

Dass es nicht bei Aggressionen auf politischen Veranstaltungen bleibt, zeigen mehrere Fälle die RIAS Niedersachsen bekannt geworden sind, in denen Jüdinnen und Juden für die Geschehnisse im Nahen Osten verantwortlich gemacht und aufgrund dessen attackiert wurden.

Bereits am 10. Mai rief ein bislang unbekannter Anrufer in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover zweimal an und verlangte Eintritt zur Gemeinde. Als ihm dies verwehrt wurde, drohte der Mann damit die Synagoge anzuzünden. Er bekräftigte die Aussage mit dem Verweis darauf, dass er bereits am Samstag vor der Synagoge gewesen sei. Aufgrund der derzeitigen Pandemie war die Synagoge an dem Tag nicht geöffnet. Traditionell ist Samstag – Shabbat – der Tag, an dem religiöse Jüdinnen und Juden den Gottesdienst besuchen.

Dass bereits die bloße Assoziation mit Israel ausreicht um physische Gewalt zu provozieren, zeigt ein Vorfall, in dem eine Jüdin in einem Bus von einem Mitfahrer angerempelt wurde, nachdem dieser bemerkte, dass sie auf ihrem Handy hebräische Musik hörte. Der rempelnde Jugendliche trug dabei eine Kufiya.

Des Weiteren wurde in einem Mehrfamilienhaus in Sarstedt eine Fensterscheibe eingeworfen, in dem die Bewohner zuvor eine israelische Nationalflagge aufgehängt haben.

Auch online sind Jüdinnen und Juden vermehrt Druck ausgesetzt. So werden Jüdinnen und Juden im Netz aufgefordert, sich im Konflikt zu positionieren oder direkt mit den israelischen militärischen Reaktionen identifiziert und dementsprechend adressiert. Derartige antisemitische Aggressionen treffen viele Jüdinnen und Juden gerade jetzt besonders hart, da viele Freund:innen und Familie in Israel besitzen, um die sie sich aufgrund der Raketenangriffe bereits sorgen. Viele fühlen sich dabei an den „Summer of Hate“ von 2014 erinnert, in dem es zu ähnlichen Szenen kam und wünschen sich, dass das Problem des Antisemitismus endlich wahrgenommen und angegangen wird. Die Antisemitismusbeauftragte des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen, Rebecca Seidler, kommentiert die derzeitige Situation:

„Die eskalierende Situation in Israel hat massive Auswirkungen auf das Leben von Jüdinnen und Juden auch hier in Niedersachsen. Antisemitische Anfeindungen, Beleidigungen und auch konkrete Drohungen prägen derzeit das jüdisches Leben. Es bedarf dringend langfristiger Strategien und Maßnahmen in der Prävention- und Interventionsarbeit im Kampf gegen Antisemitismus.“

Der derzeitige Hass entlädt sich gerade darum so ungehemmt, weil die antisemitischen Akteur*innen sich stets auf der Seite der Guten, weil vermeintlich schwachen, Palästinenser:innen wähnen. Jüdinnen und Juden fungieren dabei als lokale Stellvertreter:innen des bösen und als mächtig gesehenen israelischen Staates. Genau diese manichäische Sicht eines vermeintlich absolut Guten, das sich im Kampf gegen das allmächtige und unterdrückerische Böse befindet ist ein Grundmotiv des modernen Antisemitismus. Dieser formt auch hierzulande das Narrativ, durch das der Konflikt bewertet wird und dient als Grundlage für die Aggressionen die ebenfalls Jüdinnen und Juden in Niedersachsen treffen.


Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Niedersachsen befindet sich in Trägerschaft der Amadeu Antonio Stiftung und dokumentiert Fälle von Antisemitismus in Niedersachsen. Vorfälle können unter report-antisemitism.de oder an info@rias-niedersachsen.de gemeldet werden.

Betroffene und Zeug*innen können sich an die Stelle wenden, um antisemitische Vorfälle zu melden, auch wenn sie keine justiziablen Straftaten darstellen. RIAS Niedersachsen ist Teil der Bundesarbeitsgemeinschaft RIAS und trägt dazu bei, einen bundesweiten Überblick über antisemitische Angriffe zu schaffen und über aktuelle Entwicklungen zu informieren. RIAS Niedersachsen versteht sich als Anlaufstelle und zivilgesellschaftliches Sprachrohr für Betroffene und Zeug*innen von antisemitischen Vorfällen und steht parteiisch an ihrer Seite. -> Mehr Informationen über RIAS Niedersachsen

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