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Gefördertes Projekt

Rechtsterrorismus in Deutschland: Die lange Lüge der „Stunde Null“

(c) Atelier Meinhardt

„Rechtsterrorismus ist eine der größten Gefahren für die Sicherheit in Deutschland. Seit 1945 gibt es ganz klare Kontinuitäten rechter Gewalt. Doch weder Politik noch Zivilgesellschaft machten diese Erkenntnis oft genug oder zogen entsprechende Konsequenzen. Auch dafür möchten wir mit unserer Ausstellung in Nürnberg sensibilisieren. In einer Stadt, in der Nationalsozialisten verurteilt wurden und wo dann später nicht weit entfernt der NSU mordete. Wir wollen durch die Ausstellung verschiedener rechtsterroristischer Fälle zeigen, wie ernst die Lage ist.“

Steffen Liebscher ist Kurator der Ausstellung „Rechtsterrorismus – Verschwörung und Selbstermächtigung – 1945 bis heute“, die ab dem 28. Oktober dieses Jahres im Nürnberger Memorium zu sehen sein wird. Die Ausstellung ist ein besonderes Projekt für das Memorium über das er mit uns im Interview gesprochen hat. Die Amadeu Antonio Stiftung hat die Wanderausstellung mit einer Förderung unterstützt.

Wer glaubt, 1945 hat die sogenannte „Stunde Null“ geschlagen, irrt gewaltig. Es hat nie einen Moment in der Nachkriegsgeschichte gegeben, in der nationalsozialistisches Gedankengut auf null zurückgesetzt wurde. Durch den Untergang des NS-Regimes wurde die Ideologie nicht automatisch mitgelöscht. Sie existierte weiter fort, sowohl direkt nach 1945, als auch heute: Alt-Nazis griffen alliierte Besatzer*innen an, Neonazis beriefen sich auf „NS-Größen“ und idealisierten Figuren, wie Rudolf Heß, den Rechtsextreme sogar aus seiner Haft befreien wollten. Neonazis mordeten nach dem Modell der Nationalsozialisten, indem sie die NS-Ideologie in ihre eigene umwandelten: Demokratische und pluralistische Gesellschaftsformen wurden in beiden Fällen abgelehnt. Und sie werden es noch heute. Die Selbstenttarnung des NSU war kein plötzlicher Wandel. Der NSU war nur eines von vielen Beispielen, das die Kontinuität von Rechtsterrorismus verdeutlicht.

„Rechtsterroristische Bedrohung und Gewalt sind sehr präsent und gehen uns alle an.“

Nürnberg ist Symbolbild für die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands. Assoziationen mit den „Nürnberger Rassengesetzen“ und den „Nürnberger Prozessen“ kommen gerade vielen Betroffenen rechtsterroristischer Gewalt meist schneller in den Sinn als Nürnberger Würschtel oder gar Lebkuchen.

Und auch die rechtsextreme Gegenwart Deutschlands spielt hier eine Rolle: In Bayern ist Rechtsextremismus ein massives Problem, auch wenn der NSU meistens mit Ostdeutschland in Verbindung gebracht wird, so mordete er ebenfalls in München und Nürnberg. Und auch wenn Bayern nicht im Fokus der sogenannten Baseballschlägerjahre in den Nachwendejahren liegt, wütete auch hier ein rechtsterroristischer Mob, der rechtsextreme Mordserien, rassistische Brandanschläge und Gewalttaten verübte. Das Oktoberfest-Attentat von 1980 ist nur eines der medial präsenteren Beispiele. Rechtsterroristische Anschläge finden nicht als isolierte Einzelfälle statt. Sie sind auch nicht zeitlich oder räumlich begrenzt. Sie begleiten Menschen ein Leben lang.

Genau diese Verbindung muss man verstehen, um Rechtsterrorismus nachhaltig zu bekämpfen. Unter dem Motto “aus der Vergangenheit lernen” wird mit der Ausstellung im Nürnberger Memorium die rechtsterroristische Vergangenheit mit der rechtsterroristischen Gegenwart verknüpft: Die Ausstellung wird an dem historischen Ort gezeigt, an dem die Nürnberger Prozesse stattfanden, sich also Vertreter*innen des nationalsozialistischen Regimes nach 1945 gerichtlich verantworten mussten.

„Rechtsextreme Kontinuität bedeutet auch, dass Neonazis, nationalsozialistisches Gedankengut in ihre eigene rechtsterroristische Ideologie verarbeiten, die dann von Rechtsextremen in Gewaltverbrechen umgesetzt wird.“

Wer das versteht, der*dem ist auch klar, warum die Demokratie gegen Rechtsextremismus verteidigt werden muss. Und das will die Ausstellung erreichen, indem sie über rechtsterroristische Verbrechen aufklärt und ihre Bedeutung für das internationale Völkerrecht deutlich macht. Konkreter heißt es in der Ausstellungsbeschreibung: „Die Wechselausstellung hebt längere Traditionslinien von Rechtsterrorismus ins Licht. Beispiele aus Nürnberg und Umgebung werden mit nationalen und internationalen Fällen in Beziehung gesetzt und dadurch gemeinsame ideologische Kernelemente sichtbar gemacht: Deutlich wird, dass Rechtsterrorismus keine temporäre und lokale Erscheinung der Gegenwart ist, sondern ein ständiger Begleiter der deutschen und internationalen Geschichte.“

Rechtsterrorismus wird immer noch bagatellisiert, negiert und einfach nicht definiert. Dabei hat er seit 1945 nur seine Formen und seine Intensität geändert. Als Gewaltphänomen ist er überall präsent, nicht nur in Form von verheerenden Anschlägen, sondern auch als Alltagsterror. Das bekommen insbesondere Betroffene rechtsterroristischer Gewalt zu spüren. Auch sie bekommen ihren Platz in der Ausstellung, ihre Erfahrungen sind berührend und mahnend zugleich.

„Das Vertrauen, das uns Betroffene rechtsterroristischer Gewalt im Rahmen der Konzeption und Zusammenstellung der Ausstellung gegeben haben, war groß. Wir wollen mit der Ausstellung auch etwas zurückgeben.“

Steffen Liebscher macht es Mut, wenn Menschen verstehen, dass Rechtsterrorismus als eine Bedrohung für unsere Sicherheit wahrgenommen wird. Es ist weniger ermunternd, dass das Bundesinnenministerium erst vor anderthalb Jahren öffentlich klargemacht hat, dass Rechtsterrorismus die größte Gefahr für die Sicherheit Deutschlands ist. Aber es macht umso mehr Hoffnung, dass persönliche Gespräche positiv und nachhaltig auf Menschen einwirken können, die sich dann engagieren. „Das macht auch mich letztendlich stark in meiner Arbeit“, erklärt uns der Kurator der Ausstellung und blickt voller Zuversicht auf das neue Werk des Memoriums in Nürnberg.

Zur Ausstellung:

28. Oktober 2022 bis 1. Oktober 2023

Memorium Nürnberger Prozesse

Bärenschanzstraße 72

90429 Nürnberg

Die Ausstellung wird für ein Jahr im „Cube 600“ präsentiert und von einem Begleitprogramm gerahmt. Gefördert wird das Projekt von der Stiftung GLS-Treuhand, dem Freistaat Bayern mit Haushaltsmitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales und der Amadeu Antonio Stiftung.

Mehr unter: https://museen.nuernberg.de/memorium-nuernberger-prozesse/kalender-details/rechtsterrorismus-2157

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Veranstaltung

Stadion-Aktionstag für Betroffene rechter Gewalt

Der Fußballverein Tennis Borussia Berlin veranstaltet gemeinsam mit dem Opferfonds CURA einen Aktionstag für Betroffene rechter Gewalt. Beim Heimspiel am 13. Spieltag der Männer-Regionalliga-Nordost stellt der Opferfonds seine Arbeit im Stadion vor und mit besonderen T-Shirts zum Aufwärmen wird an die 14 Todesopfer rechtsextremer Gewalt seit 1990 in Berlin erinnert.

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