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Sie sind Superheldinnen

© Kulturkosmos Leipzig e.V.

Im Jahr 2015 begeisterte der Verein Kulturkosmos Leipzig mit einer Idee für ein ganz besonderes Projekt. Das Filmprojekt mit Workshopcharakter SUPREMA richtet sich an Leipzigerinnen und geflüchtete Frauen. Die gemeinsame künstlerische Arbeit verbindet Realität und Utopie in einem kreativen Prozess der neue Superheldinnen hervorbringt. Genauer gesagt: Superheldinnen des Alltags.

Von Niels Schaffroth
Die Idee für das antirassistische und feministische Projekt des interkulturellen Austausches kam Marlen Riedel, Leonore Kaspar und Hannah Sieben vom Kulturkosmos Leipzig nicht nur aufgrund der traurigen Realität von Alltagsrassismus in Deutschland, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass künstlerische Projekte die sich speziell an Frauen richten, in der Regel unterrepräsentiert sind.

Geflüchtete Frauen entwerfen ihre eigenen Comic-Superheldinnen

Durch künstlerische Arbeit, die Realität und Utopie verbindet, sollen die Frauen ihre eigenen Comic-Superheldinnen entwerfen. Hierbei können sie reale Lebenssituationen von Frauen sowie ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse in die fiktive Figur mit einfließen lassen. Die Superheldinnen fungieren quasi als Schutzschild, die eine Äußerung ohne negative Konsequenzen ermöglichen. Besonders geflüchteten Frauen wird die Möglichkeit geboten ihre Geschichte zu erzählen und ihrer Sichtweise Ausdruck zu verleihen. Erlebnisse und Erfahrungen der Flucht wie auch doppelte Diskriminierungserfahrungen in Deutschland können in die Biografie der Heldinnen einfließen. Das Projekt bietet den Frauen auch die Möglichkeit sich untereinander über ihre realen Lebenssituationen, Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen. Durch die selbstbewusste Aneignung ihrer eigenen Geschichten und der Kreation ihrer eigenen Superheldinnen, die nicht zwangsläufig Superkräfte benötigen, um ihren Alltag zu meistern, findet etwas sehr wertvolles statt. Nämlich Selbstermächtigung. „Alle Superhelden im Fernsehen sind Männer, aber zeig‘ mir einen Mann im wahren Leben, der ein Superheld ist! Nichts! Ein Mann ist NICHTS, er schreit nur rum und durch seine laute Stimme hat er Macht. Aber die Frauen, die Frauen, machen und können alles. Sie kümmern sich um das Haus, um die Kinder, ums Kochen um ALLES! SIE SIND SUPERHELDEN!“, so eine Teilnehmerin des Projekts.

Mit dem Camcorder durch die Stadt

Im November des vergangenen Jahres begann in Zusammenarbeit mit der Unterkunft für Geflüchtete in der Georg-Schumann-Straße, deren Leiterin begeistert von der Projektidee war, der erste Workshop. Die Projektleiterinnen trafen sich zusammen mit Leipzigerinnen und geflüchteten Frauen in der Unterkunft, tranken Tee zusammen und lernten sich allmählich kennen. Bereits zu den ersten Treffen nahmen die Teilnehmerinnen die Camcorder in die Hand und benutzten diese instinktiv als Sprachrohr. Per Kamera begaben sie sich auf Vorstellungstour durch den Stadtteil, filmten und interviewten sich gegenseitig. Das Kennenlernen war für alle eine tolle und positive Erfahrung, dass Erzählen von prägenden Erlebnisse ließ ein vertrautes Verhältnis der Frauen miteinander entstehen. In einer Erstaufnahmestelle fand der zweite Workshop statt. Hier stellten die Teilnehmerinnen kurze Fragen zu Superheldinnen, die von Frauen aus Leipzig sowie aus der Unterkunft beantwortet wurden. Die Frauen durften sich hierbei Masken aufsetzen, die ein Erzählen ihrer Erfahrungen und Erlebnissen erleichterte.

Im weiteren Verlauf sollen verschiedene Superheldinnen-Figuren aus Film, Comic und Literatur vorgestellt und deren Eigenschaften, Erscheinungsbilder, Stilvorgaben und Rollenklischees diskutiert werden. Mit Hilfe dieses Wissens beginnen die Frauen ihre eigenen Superheldinnen zu kreieren, in Anlehnung, aber auch in Abgrenzung, zu den bekannten Superheldinnen. Eine Comic-Zeichnerin hilft den Frauen bei der Umsetzung ihrer Ideen auf Papier. In ausgearbeiteten Szenen nehmen die Frauen die Rolle ihrer Superheldin an und füllen sie mit Leben. Zum Abschluss des Projektes sollen die Zeichnungen, essayistische Filmbilder, dokumentarische und inszenierte Sequenzen sowie gesprochene Texte zu einem Film verwoben werden. Dieser wird dann in den Unterkünften sowie im Mai 2016 auf dem Rundgang der Spinnerei in Leipzig vorgeführt.

Ein kreativer Prozess der Selbstermächtigung

Marlen Riedel möchte das Projekt sehr gerne weiterführen: „Die Arbeit macht Spaß, ist total abwechslungsreich und vor allem lernt man so viel. Frauen aus unterschiedlichen Kulturen und Ländern, mit vielen verschiedenen Sprachen und Erfahrungen treten miteinander in Unterhaltung. Dass sie sich einander zuhören, sich trauen Dinge zu sagen, die sie erlebt haben und die sie beschäftigen, solche Zitate wie das der Teilnehmerin, die wir dann noch auf Film haben: das berührt und beschäftigt mich sehr“.

Wir freuen uns dieses Projekt finanziell unterstützen zu dürfen. Besonders der antirassistische und feministische Fokus dieses Projektes hat uns begeistert. Hier können  Leipzigerinnen und geflüchteten Frauen im kreativen Prozess der Selbstermächtigung ihren eigenen Erfahrungen und Erlebnissen Ausdruck verleihen. Dem gängigen Bild von Superhelden, die in der Regel männlich und westlich geprägt sind, werden Superheldinnen entgegengesetzt, deren Lebensrealitäten zum Teil völlig unterschiedlich sind. Dieses Projekt ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung!

 

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