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»Systematisches Desinteresse«

Anlässlich der morgen stattfindenden NEBA-Konferenz „Antisemitismus heute – Erfassen, Erforschen, Bekämpfen“ veröffentlicht die Amadeu Antonio Stiftung ein kritisches Positionspapier zu der Studie »Antisemitismus als Problem und Symbol« des Zentrums für Antisemitismusforschung.

Die Studie »Antisemitismus als Problem und Symbol« des Zentrums für Antisemitismusforschung interpretiert sehr einseitig die eigene Empirie und relativiert heutigen Antisemitismus. Dass nicht-jüdische Wissenschaftler_innen Jüdinnen und Juden unterstellen, Antisemitismus zu dramatisieren, ist nicht neu. Derartige Debatten gab es bereits in der frühen Bundesrepublik. Das aktuelle Papier erinnert somit beispielsweise auch an die Auseinandersetzung um Daniel Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker«.

Autor: Daniel Poensgen

Ein angetrunkener und leicht verletzter Mann betritt im April 2014 einen Berliner Kiosk. Er ruft »Union, Union, Union!« und fragt aggressiv den Kiosk-Verkäufer, den der Beobachter dieser Szene als Vietnamesen vorstellt, ob er eine Krankenschwester in der Familie habe. Einen ebenfalls Anwesenden fährt er an: »Willst Du mir helfen oder bist Du ein Jude?« Als der Angesprochene sich gegen diesen Ausfall verwehrt, bekommt er zur Antwort: »Scheiß Israel«.

Diese Begebenheit steht am Beginn der Studie »Antisemitismus als Problem und Symbol. Phänomene und Interventionen in Berlin« des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA). Im Rahmen dieser Studie wurden Interviews mit 29 Akteuren, die in Berlin auf unterschiedliche Weise mit dem Themenfeld Antisemitismus befasst sind, ausgewertet sowie publizierte Dokumente dieser Akteure analysiert. Was sind nun die Fragestellungen des ZfA-Papiers?
Für die Autoren, Michael Kohlstruck und Peter Ullrich, wirft beispielsweise die eingangs beschriebene Situation eine Reihe von Problemen auf: »Was verbindet dieser Mann [gemeint ist der Union-Fan, D.P.] mit Jüdinnen und Juden? Woher kommt seine aggressive Ablehnung? Ist sie Ausdruck eines antisemitischen Weltbildes oder Teil eines allgemeineren Rassismus, eine Provokationsstrategie oder der vermeintlich erfolgsversprechende Versuch eines situativen Bündnisses ‚unter Männern‘? Welche Gefahr geht von der Person aus? Folgt aus der feindseligen Einstellung womöglich die Neigung zu tätlichen An- oder Übegriffen? (…) Wir können die Fragen für diese konkrete Person nicht beantworten.« (S.16)
Was hier noch in einer langen Aneinanderreihung offener Fragen aufgeworfen wird, werden die Autoren im Rahmen ihrer Studie bald anhand anderer Situationen einer letztlich vereindeutigenden Analyse unterziehen. Manifeste antisemitische Inhalte werden einer vermeintlich wissenschaftlich-objektiven, tatsächlich jedoch spekulativen Interpretation unterzogen, die in der Regel vor allem eines nahelegt: Antisemitische Motivationen liegen nicht vor.

Im Folgenden wird zunächst auf die Rezeption der Studie eingegangen. Daran anschliessend werden das methodische Vorgehen der Autoren beleuchtet und beispielhaft einige vertretene Thesen, Argumentationen und Ergebnisse vorgestellt. Im Zuge dessen formulieren wir Kritiken am Vorgehen der Autoren. Diese beziehen sich zentral darauf, dass eigene Vorannahmen an das empirische Material herangetragen werden und als »die richtigen Antworten« stehen bleiben. Auf diese Weise vermitteln die Autoren den Eindruck, Antisemitismus sei als gesellschaftliches Problem weniger relevant als andere Ideologien der Ungleichwertigkeit.

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