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[tacheles_5] Antisemitismus ist nicht Antijudaismus, beides besteht nebeneinander.

von Nikolas Lelle und Tom Uhlig. Auszug aus „Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung“, Berlin: Verbrecher Verlag, 2026.

Antijudaismus, die religiös begründete Feindschaft gegen Jüdinnen*Juden, wird oftmals historisiert und für weitgehend abgeschlossen gehalten. Antijudaismus, das soll der Antisemitismus von vorgestern sein, der Zeit vor der Moderne. Der populären Erzählung zufolge habe der moderne Antisemitismus, der um das 19. Jahrhundert entstanden ist, den christlichen Antijudaismus verdrängt. So schreibt etwa der Politikwissenschaftler Gideon Botsch für die Bundeszentrale für politische Bildung: »Der moderne Antisemitismus hat sie [die religiöse Judenfeindschaft, d. A.] im 19. Jahrhundert beerbt, in sich auf­genommen und tendenziell abgelöst.«

Wenn heute von religiöser Feindschaft gegen Jüdinnen*Juden gesprochen wird, dann oft im Zusammenhang mit islamischem Antisemitismus. Gründe dafür können im zögerlichen Verhältnis zur Moderne liegen: In der islamischen Welt sabotiere dem Historiker Dan Diner zufolge die Sakralisierung der öffentlichen Sphäre immer wieder ihre Modernisierung. Die verhältnismäßig große Relevanz von Religion für die Strukturierung des Alltags legt nahe, dass auch religiös begründeter Antisemitismus hier noch populärer ist. In »westlichen Gesellschaften« hingegen, so die gängige Annahme, stehe nicht länger der Hass auf jüdische Religionsgemeinschaften und ihre Vertreter:innen im Vordergrund, sondern die pseudowissenschaftlich oder kulturalistisch begründete Feindschaft gegen »das Jüdische«. Konnten Jüdinnen*Juden vormals der antijudaistischen Verfolgung zumindest teilweise entgehen, indem sie sich zum christlichen Glauben bekannten, sei dies in der Moderne nicht mehr möglich. Das »Jüdische« sei zu einer Essenz gemacht geworden, die das Schicksal ihrer Träger:innen fatal bestimmt.

Zum Narrativ des verschwindenden christlichen Antijudaismus tragen die zahlreichen Stellungnahmen katholischer und evangelischer Kirchen bei. Exemplarisch etwa die Erklärung »Nostra Aetate« des zweiten Vatikanischen Konzils der katholischen Kirche im Jahr 1965, wo man sich nach einiger Diskussion zur Erklärung durchringen konnte: »Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.« Auch in der evangelischen Kirche existieren zahlreiche Synodenbeschlüsse, in denen antijudaistische Bilder wie der Vorwurf des Gottesmordes zurückgenommen beziehungsweise relativiert werden oder sich gegen Antisemitismus ausgesprochen wird. So begrüßenswert, bisweilen aber auch bizarr, diese Initiativen sind, so wenig sagen sie über das gelebte Verhältnis der christlichen Gemeinden zum Judentum. Suggeriert wird, der christliche Antijudaismus sei von der Woge des modernen antisemitischen Vernichtungswahns mitgerissen und nach 1945 aus der Welt dekretiert worden.

Eine Gesellschaft mit säkularem Selbstverständnis verlangt nach einem säkularen Antisemitismus, einem »Antisemitismus der Vernunft«, frei von Irrationalität. Ein solcher, verstandesmäßiger Antisemitismus ist aber natürlich eine Illusion: Antisemitismus kann pseudowissenschaftlich kaschiert, aber nicht vernünftig begründet werden, es handelt sich um eine irrationale Ideologie, der ein rationaler Anstrich verpasst wird, damit sie nicht aus der Zeit fällt. Die Gesellschaft lehnt die Säkularisierung jedoch in zweierlei Hinsicht offenbar ab: einerseits, indem sie die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse sakralisiert, ihre vermeintliche Unabänderlichkeit vergöttert. Und andererseits, indem die Mentalität sich an Vormoderne und Mythos festklammert, sie als beruhigendes Antidot sich ständig selbst verschreibt. Besonders deutlich ist dieser Trend während der Corona-Pandemie hervorgetreten, als Esoterik, Spiritismus, Naturheilkunde, Geistheilung und Anthroposophie gegen die Techniken der Pandemiebekämpfung, einschließlich der Impfungen, in Stellung gebracht wurden.

Ernst Bloch hat dieses Phänomen als Ungleichzeitigkeit bereits 1935 charakterisiert, als widerstrebende Entwicklungen, die unterschiedlichen Zeiten verhaftet sind und dennoch nebeneinander existieren: »Nicht alle sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äußerlich, dadurch, daß sie heute zu sehen sind. Damit aber leben sie noch nicht mit den anderen zugleich.«

Wie auch die religiöse Mentalität neben der Modernisierung sich erhalten und sogar aufblühen kann, so bleibt auch der Antijudaismus gleichzeitig/ungleichzeitig neben dem Antisemitismus bestehen. Die Erzählung über den Nationalsozialismus beispielsweise vergisst oft, dass religiös antijudaistische Motive sich hier nicht selten mit modern antisemitischen verbanden. So heißt es in einer Ausgabe von »Der Stürmer« 1933: »Die Juden haben Christus ans Kreuz geschlagen und ihn tot geglaubt. Er ist auferstanden. Sie haben Deutschland ans Kreuz geschlagen und totgesagt und es ist auferstanden herrlicher denn je zuvor.« Das Zusammenspiel von Antijudaismus und Antisemitismus zu ignorieren, folgt der Selbstdarstellung des Nationalsozialismus, der seine religiösen Wurzeln gern verleugnete und doch nicht ganz zu verbergen vermochte. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer schreiben dazu:

„Der durchschnittliche Gläubige ist heute schon so schlau wie früher bloß ein Kardinal. Den Juden vorzuwerfen, sie seien verstockte Ungläubige, bringt keine Masse mehr in Bewegung. Schwerlich aber ist die religiöse Feindschaft, die für zweitausend Jahre zur Judenverfolgung antrieb, ganz erloschen. Eher bezeugt der Eifer, mit dem der Antisemitismus seine religiöse Tradition verleugnet, dass sie ihm insgeheim nicht weniger tief innewohnt als dem Glaubenseifer früher einmal die profane Idiosynkrasie.“

Antijudaismus war nie weg, sondern besteht gleichzeitig/ungleichzeitig neben Antisemitismus. In Stellungnahmen von »Pax Christi«, der vehementen Verteidigung von »Judensäuen« an christlichen Kirchen oder dem auffällig aktiven christlichen Engagement gegen Israel kommt die religiös motivierte Feindschaft gegen Jüdinnen*Juden weiter zu seinem Ausdruck. Dessen relativer Bedeutungsverlust ist womöglich auch nur ein zeitweiliger. Mit dem Boom spiritistischer und freikirchlicher Bewegungen geht auch das Erstarken des Hasses auf die »Gesetzesreligion« des Judentums einher.

In seinem Spätwerk »Der Mann Moses und die monotheistische Religion« geht Sigmund Freud diesem feindseligen Impuls auf den Grund. Die Arbeit irritiert heute nicht nur aufgrund ihrer bisweilen erratischen Fragestellungen, sondern auch wegen ihrer korrespondenztheoretischen Annahmen: Freud sucht mitunter nach Gründen im Judentum, warum es ständig den Hass auf sich zieht. Diese Herangehensweise verwundert auch deshalb, weil gerade das freudsche Vokabular die projektiven Anteile von Antisemitismus sichtbar machen kann. Es lohnt sich also, den Text mit Freud selbst gegen den Strich zu lesen.

Nach Freud liegt eine der Wurzeln des Antisemitismus im verdrängten Zweifel am eigenen Glauben. Freud versteht das Judentum als Vaterreligion, die den Vater ermordet hat. Vom paganistischen Götzendienst ausgehend sei Gott im Monotheismus zu einem abstrakten Prinzip gemacht worden, was sich etwa am Bilderverbot festmachen lasse. Dieser Vorgang kann mit dem von Freud früher beschriebenen Mythos des Vatermordes durch die Bruderhorde parallelisiert werden: Durch die Ermordung der konkreten, das heißt stofflichen Verkörperung des Gesetzes, also der Naturgötter, der Götzen, wird das Gesetz von ihnen unabhängig. Das Gesetz wird als abstraktes Prinzip internalisiert und dadurch ungleich wirkmächtiger. Keine äußere Instanz zwingt, es einzuhalten, sondern man selbst zwingt sich dazu. Im Judentum werde, nach Freud, diese Struktur aufrechterhalten, indem der Gottesmord konsequent verdrängt und damit wirksam bleibe. Unschwer lässt sich hier das antisemitische Stereotyp des vergeistigten Juden ausmachen. Der Jude repräsentiert in dieser Vorstellung das abstrakte Gesetz, die symbolische Ordnung. Gegensätzlich dazu trachte das Christentum danach, das abstrakte Gesetz abzuschütteln. Im Christentum wird Gott nach seiner Ermordung abermals verdinglicht, um sogleich dann wieder umgebracht zu werden, womit sich die Christen paradoxerweise frei der Sünde wähnen und damit die Last des abstrakten Gesetzes vermeintlich loswerden: »Wir haben freilich dasselbe getan, aber wir haben es zugestanden und wir sind seither entsühnt«. Dass dieser Wunsch nach Selbstentlastung zu einer Wiederkehr des Schuldgefühls führt, zeigt dessen Abwehr in der antisemitischen Unterstellung, die den Juden den Christusmord zulasten legt. Die Rückkehr des abstrakten Gesetzes, die Strafe, die doch eigentlich gesühnt sein sollte, erscheint als vom Anderen aufgezwungen, der diese Sühne partout nicht anerkennen will: »Ihr Judenhaß ist im Grunde Christenhaß« beziehungsweise der Hass gegen die eigene Christianisierung und die nicht abgegoltene Schuld:

„Beachtenswert ist, in welcher Weise die neue Religion [das Christentum, d.A.] sich mit der alten Ambivalenz im Vaterverhältnis auseinandersetzte. Ihr Hauptinhalt war zwar die Versöhnung mit Gottvater, die Sühne des an ihm begangenen Verbrechens, aber die andere Seite der Gefühlsbeziehung zeigte sich darin, dass der Sohn, der die Sühne auf sich genommen, selbst Gott wurde neben dem Vater und eigentlich an Stelle des Vaters. Aus einer Vaterreligion her­vorgegangen, wurde das Christentum eine Sohnesreligion. Dem Verhängnis, den Vater beseitigen zu müssen, ist es nicht entgangen.“

Die Selbstentsühnung ist fragwürdig, der Gottesmord, den man nun dem Anderen anlasten will, ist doch eigentlich der eigene, bei Freud die des Götzen der Spätchristianisierten. Im Nationalsozialismus wurde dieser notwendig gescheiterte Umgang mit der Ambivalenz auf seinen grauenhaften Höhepunkt getrieben: Ein romantischer Naturkult, der mit den vorchristlichen Wurzeln versöhnen sollte, verband sich mit dem Heilsversprechen eines eliminatorischen Antisemitismus.

Die Psychodynamik christlichen Antijudaismus, die Projektion eigener religiös-spiritueller Ambivalenzen wirkt im und neben dem säkularisierten Antisemitismus nach.

 

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