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Bahide Arslan

, 51 Jahre (staatlich anerkannt)

Die 51-jährige Bahide Arslan und zwei ihrer Enkelinnen, die 14-jährige Ayşe Yilmaz und die 10-jährige Yeliz Arslan, starben in der Nacht zum 23. November 1992 bei einem rassistischen Brandanschlag in Mölln (Schleswig-Holstein).

In der Tatnacht griffen zwei Neonazis in der Kleinstadt Mölln zwei Häuser an, die von türkeistämmigen Menschen bewohnt wurden. Die Täter verübten beide Angriffe mit Molotowcocktails – den ersten um ca. 00:30 Uhr in der Ratzeburger Straße, den zweiten gegen 01:00 Uhr in der Mühlenstraße. Bei dem ersten Brand gab es neun teils schwer verletzte Personen. Der zweite Brandanschlag traf das Haus der Familie Arslan. Das Feuer breitete sich im ganzen Haus aus. Bahide Arslan rettete ihren 7-jährigen Enkel Ibrahim Arslan dadurch, dass sie ihn in nasse Tücher einwickelte – er saß bis zu seiner Rettung vier Stunden lang im brennenden Haus neben dem Kühlschrank. Bahide Arslan starb bei dem Versuch, auch seine Geschwister zu retten. Yeliz Arslan lebte noch, als sie von den Rettungskräften geborgen wurde, starb jedoch wenige Minuten später an den Brandverletzungen und einer Rauchvergiftung. Beides stellte der Obduktionsbericht auch bei Ayşe Yilmaz als Todesursache fest.

Bahide Arslans Ehemann Nazim konnte sich durch einen Sprung aus dem Fenster retten. Hava Arslan warf ihr sechs Monate altes Baby in die Arme von Nachbar:innen und konnte sich anschließend selbst mit zahlreichen Knochenbrüchen durch einen Sprung aus dem Fenster in Sicherheit bringen – genau wie ihre Schwägerin Ayten Arslan, die ihren 6-jährigen Sohn auf die gleiche Weise retten konnte. Emine Kartel, die 84-jährige Mutter von Bahide Arslan, wurde genau wie Ibrahim Arslan von der Feuerwehr lebend geborgen.

Bahide Arslan „war die Seele und Chefin der Familie“

Bahide Arslan wurde in der Stadtgemeinde Çarşamba an der türkischen Schwarzmeerküste geboren. Im Jahr 1967 kam sie gemeinsam mit ihrem Mann Nazim nach Deutschland – als sogenannte „Gastarbeiter“. In den 1970er Jahren zog Bahide Arslan gemeinsam mit ihrer Familie in das Haus in der Mühlenstraße in Mölln. In Deutschland arbeitete sie hart – bis zu 12 Stunden täglich auf einem Erdbeerfeld oder in der Küche des Cafés „Seeblick“. Eine Zeit lang betrieb sie einen eigenen Gemüseladen in Mölln. Bahide Arslans Sohn Faruk erinnert sich an sie: „sie war die Seele und Chefin der Familie, in Mölln eine sehr beliebte Frau“.

Ayşe Yilmaz lebte damals noch in Çarşamba und war lediglich zu Besuch bei ihrer Familie in Mölln. Am 04. Dezember wollte sie wieder zurück in ihrer Heimat sein – es war das erste Mal, dass sie sie verließ. Während ihrer Zeit in Deutschland kümmerte sie sich um die jüngsten Familienmitglieder und half in einer Gärtnerei aus. In Briefen in die Heimat berichtete sie: „Alle hier sind sehr lieb zu mir“.

Yeliz Arslan besuchte die zweite Klasse der Till-Eulenspiegel-Schule, als sie ermordet wurde. Ihre Mitschüler:innen stellten eine Kerze auf ihre Schulbank. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß sie nicht wiederkommt“, sagte eine Mitschülerin nach ihrem Tod.

Täter meldeten sich mit „Heil Hitler“ bei den Einsatzkräften

Während der Brände meldete sich ein anonymer Anrufer bei der Polizei und bei der Feuerwehr, der seine Ausführungen jeweils mit den Worten „Heil Hitler“ beendete. Wenige Tage nach der Tat nahm die Polizei die beiden Täter fest – den 19-jährigen Lars C. und den 25-jährigen Michael P. Beide wurden der rechtsextremen Skinheadszene zugeordnet, waren in der Region als Neonazis bekannt. Beide aßen gelegentlich in dem Laden von Bahide Arslan – sie kannten ihr Opfer.

Am 08. Dezember 1993 wurde Michael P. vor dem Oberlandesgericht Schleswig-Holstein wegen dreifachen Mordes und 39-fachen versuchten Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Lars C. erhielt zehn Jahre Jugendstrafe. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass beide Täter das Abbrennen der Häuser gewollt und nicht nur in Kauf genommen haben.

Trauerfeier mit mehr als 10.000 Menschen

Der Brandanschlag erregte weltweit Entsetzen, Aufsehen – und eine Welle der Solidarität und des Protestes gegen Rassismus und rechte Gewalt. Am 27. November 1992 nahmen an einer Trauerfeier in Hamburg mehr als 10.000 Menschen teil.

Heute erinnert eine Gedenktafel am Tatort an die Ermordeten. Im Jahr 1997 wurde in Kiel ein Platz in Bahide-Arslan-Platz umbenannt. 2014 wurde ein schmaler Gang in Mölln, der am damaligen Wohnhaus vorbeiführt, in Bahide-Arslan-Gang umbenannt.

Die Stadt Mölln veranstaltet jährlich eine Gedenkveranstaltung anlässlich des Brandanschlags. Im Jahr 2013 initiierte Ibrahim Arslan die „Möllner Rede im Exil“ – eine Gedenkveranstaltung, die sich auch kritisch mit der Aufarbeitung und dem Gedenken der Stadt Mölln auseinandersetzt. Die Veranstaltung findet in unterschiedlichen Städten statt. Ibrahim Arslan setzt sich bis heute unablässig für ein würdiges Gedenken ein und dafür, dass im Umgang mit rechten Gewalttaten die Betroffenenperspektiven gestärkt werden.

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