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Kommentar

Wandel antidemokratischer Motive: Die Leipziger Autoritarismus Studie 2022

Die Menschen in Deutschland sind insgesamt zufriedener mit der Demokratie und manifeste rechtsextreme Einstellungen sind auf dem Rückzug, gleichzeitig ist aber der Wunsch nach Autorität gewachsen und der Hass auf Muslime, Frauen und Roma ist auf sehr hohem Niveau. Das zeigt die neue Leipziger Autoritarismusstudie.  

Von Judith Rahner

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten: der Anteil der Menschen, die mit der Demokratie zufrieden sind ist gestiegen und liegt bei 82 Prozent. In Ostdeutschland sind die Entwicklungen zur Demokratiezufriedenheit besonders positiv und sogar auf 90 Prozent gestiegen (2020: 65 Prozent). Eine überdeutliche Mehrheit und das ist gut so. Zoomt man etwas genauer rein, ergibt sich jedoch ein durchwachseneres Bild, denn nur etwa die Hälfte der Befragten sind mit einer demokratischen Alltagspraxis zufrieden. Viele Menschen haben das Gefühl keinen politischen Einfluss nehmen zu können. Erklärt wird diese Entwicklung durch die Autor*innen der aktuellen Studie Buch „Autoritäre Dynamiken in unsicheren Zeiten. Neue Herausforderungen – alte Reaktionen?“ durch die multiplen Krisenerfahrungen: das Handeln der Exekutive findet breite Zustimmung, aber gleichzeitig werden Ohnmachtsgefühle gestärkt und Einschränkungen, die das eigene Leben betreffen auch mit gestiegener Aggression beantwortet.

Und noch eine zweite gute Nachricht: klassische rechtsextreme Einstellungen sind in Deutschland auf dem Rückzug. Insbesondere in Ostdeutschland zeigen nur zwei Prozent der Befragten Menschen in ein geschlossen rechtextremes Weltbild (2020:10 Prozent). Allerdings sehen die Autor*innen der Studie darin einen Wandel antidemokratischer Motive und nicht ihr verschwinden. Denn der Wunsch nach Autorität ist zugleich gestiegen. Angestiegen sind vor allem Ressentiments gegen „andere“, bzw. Gruppenbezogen Menschenfeindlichkeit und hier ganz besonders der Hass auf Migrant*innen, Muslime, Frauen und vor allem auf Sinti und Roma.

Muslimfeindschaft und Antiziganismus finden hohe Zustimmungswerte

46,6 Prozent der ostdeutschen Befragten stimmen der Aussage „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“ zu, in Westdeutschland sind es 23,6 Prozent. Sinti und Roma erfahren ebenfalls eine besorgniserregend hohe Ablehnung durch 54,9 Prozent der Ostdeutschen und 23,6 Prozent der Westdeutschen. Mittlerweile sind 31 Prozent (2020: 27,8) der Befragten in Ostdeutschland „manifest ausländerfeindlich“. In Westdeutschland ist der Anteil hingegen leicht um etwas mehr als ein Prozent auf 12,6 Prozent gesunken (2020: 13,7). Die Rassismus-Schere zwischen Ost- und West geht hier also weiter auseinander. Zudem geben 40 Prozent der Befragten in Ostdeutschland an, dass Deutschland „überfremdet“ sei (Westdeutsche: 23 Prozent). Knapp die Hälfte der befragten stimmen Aussagen zu Schuldabwehrantisemitismus zu – eine damit meistverbreitete Ausdrucksmöglichkeit für Antisemitismus.

Antifeminismus als wichtige Facette eines antimodernen Weltbildes gestiegen

Seit 2020 wird neben Sexismus auch Antifeminismus als „wichtige Facette eines antimodernen Weltbildes“ erhoben. Damit lässt sich dieses Jahr zum ersten Mal überhaupt zum Ressentiment Antifeminismus ein Vergleich ziehen: Die Zustimmungswerte über alle Aussagen im Bereich Antifeminismus sind im Vergleich zum letzten Untersuchungszeitraum angestiegen. Im Mittel stimmen ein Viertel aller Befragten antifeministischer Aussagen zu. 27 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass sich Frauen, „die mit ihren Forderungen zu weit gehen, sich nicht wundern müssen, wenn sie wieder in ihre Schranken gewiesen werden.“. Vor allem die Aussage „Schilderungen zu sexualisierte Gewalt seien häufig übertrieben“ findet hohe Zustimmung. Interessant wäre es hier nochmal zu differenzieren und der Frage nachzugehen, ob die „Übertreibungen“ auch dann wahrgenommen werden, wenn sich die Taten sexualisierter Gewalt rassistisch aufladen lassen. Eine gestiegene Zustimmung erfährt auch die antifeministische Erzählung, das „durch Feminismus die gesellschaftliche Harmonie und Ordnung gestört“ wird. Damit ist dieses Narrativ gleichzeitig anschlussfähig an autoritäre Dynamiken, die ebenfalls gestiegen sind und auf die im Weiteren noch einzugehen ist.

Auch sexistische Einstellungen sind wieder auf dem Vormarsch. Während sie zwischen 2006 und 2020 rückläufig waren, finden sich nun wieder stärkere Zustimmung zu sexistischen Aussagen. Jeder fünfte Befragte meint, das sich „Frauen wieder mehr auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter besinnen sollten“ und die Aussage, dass „Frauen sich in der Politik häufig lächerlich machen“ ist um acht Prozent auf 23 Prozent gestiegen. Vor allem die Befürwortung klassischer Familienkonstellationen, in welcher die Frau auf ihre Rolle als Mutter und Ehefrau reduziert wird, hat wieder zugenommen. Hohe Zustimmungswerte lassen sich zum erstmalig abgefragten „gewaltbezogenen Männlichkeitsideal“ finden sowie eine Veränderung in Gewaltbereitschaft sowie –Akzeptanz. Mehr als die Hälfte der Befragten sind der Auffassung, dass der „Mann immer noch die Verantwortung als Ernährer seiner Familie“ tragen sollte (Ost: 63,7 Prozent/ West: 47,0 Prozent). Mehr als 33 Prozent finden, dass „Männer einen rationaleren Blick auf Dinge haben als Frauen“, 21 Prozent stimmen zu „ein Mann sollte bereit sein, sich gegen Beleidigungen mit Gewalt zu wehren“ und fast 35 Prozent befürworten Gewalt, um „Frau und Kinder zu verteidigen“.

Die Abfragen zu Gewaltakzeptanz und Gewaltbereitschaft zeichnen insgesamt ein düsteres Bild: Jeder fünfte Befragte aus Westdeutschland findet Gewaltanwendung legitim, wenn sie jemand anderes ausführt, im Osten befürworten dies nur 14 Prozent (LAS, S.76). Bei der eigenen Gewaltbereitschaft ist das Verhältnis umgekehrt: unter den ostdeutschen Befragten gibt jeder Vierte an, in bestimmten Situationen körperliche Gewalt anzuwenden, um eigene Interessen durchzusetzen (West: 13,5 Prozent).

Autoritäre Dynamiken gestiegen

Autoritäre Dynamiken sind seit jeher fester Bestandteil der Untersuchungsreihe. Sie werden als Teil einer Persönlichkeitseigenschaft (Adorno er al. 1950) oder Disposition gefasst, die insbesondere durch bedrohlich wahrgenommene äußere Situationen verstärkt werden können. Die Elemente eines Autoritären Syndroms haben einen Einfluss auf das Zustandekommen rechtsextremer Einstellungen.

Mehr als 45 Prozent finden, dass „Tradition unbedingt gepflegt und aufrechterhalten werden sollten“ (Konventionalismus) und fast die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass „Unruhestifter deutlich zu spüren bekommen sollten, dass sie in der Gesellschaft unerwünscht sind“ (autoritäre Aggression). „Die grundsätzliche Bereitschaft, Gründe für die Ressentiments gegen andere zu finden, ist bei jedem zweiten Befragten zu finden.“. Hier zeigt sich ein deutliches und breites antidemokratisches Potential, welches noch nicht unbedingt politisch oder ideologisch gebunden sein muss, aber eben mobilisierbar und anschlussfähig sein kann. Manifeste Verschwörungsmentalitäten sind hingegen auf dem Rückzug. Vor allem unter Ostdeutschen Befragten ist das Bedürfnis nach Verschwörungsnarrativen deutlich zurückgegangen von 51,4 Prozent im Jahr 2020 auf nun 17,4 Prozent. Schaut man sich die Zahlen nach Parteipräferenz an, ergibt sich folgendes Bild: Knapp 80 Prozent der Befragten, die sich selbst politisch rechts außen verorten, hängen Verschwörungsmentalitäten an. Zum Vergleich „links außen“ sind es nur – aber immerhin – 32,1 Prozent.

Insgesamt lassen sich die Ergebnisse der neuen Autoritarismus-Studie auf die Formel vom Wandel antidemokratischer Motive bringen. Es gibt weniger explizite rechtsextreme Einstellungen. Das kann bedeuten, dass rechtsextreme Deutungsangebote auch in multiplen Krisenzeiten die gestiegenen autoritären Bedürfnisse der Menschen offenbar nicht befriedigen können. Derzeit wird es offenbar durch gesellschaftlich konforme Ziele abgedeckt. Aber eine erhöhte Aggressionsbereitschaft gegenüber bestimmte gesellschaftliche Gruppen sind eine große Gefahr für die Demokratie. Die Mobilisierbarkeit eines sehr breiten antidemokratischen Potentials ist bedrohlich und erfordert weiterhin große Anstrengungen für eine resiliente Gesellschaft gegen Menschenfeindlichkeit und Demokratiefeindschaft.

Alle Ergebnisse der aktuellen Autoritarismus-Studie sind soeben im Buch „Autoritäre Dynamiken in unsicheren Zeiten. Neue Herausforderungen – alte Reaktionen?“ im Psychosozial-Verlag erschienen.

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