Die Wahl in Ungarn ist mehr als ein Regierungswechsel. Sie trifft das internationale Netzwerk der Rechtsextremen – und stellt die Strategie der AfD infrage. Jahrelang setzte die AfD auf den ungarischen Premier als Verbündeten. Dessen Abwahl sorgt nun auch für außenpolitische Isolation.
Niederlagen wurden dem ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orbán schon häufiger vorhergesagt. Meist kam es anders. Trotz teils prognostizierter enger Wahl gewann Orbán dann trotzdem meist triumphal, auch dank einer stark gesteuerten Presselandschaft und eines auf seine Fidesz-Partei ausgerichteten Wahlsystems. Doch diesen Sonntag ist es passiert: Victor Orbán wurde abgewählt. Auch wenn Orbán die Wahl verloren hat, sein Machtsystem wird mindestens mittelfristig weiter das Land dominieren und die internationale extreme Rechte vernetzen. Und dieses System könnte Victor Orbán womöglich zeitnah zurück an die Macht bringen. Für die AfD ist die Abwahl Orbáns und seiner ultranationalistischen und rechtsextremen Fidesz allerdings ein Desaster. Sie steht zunehmend wieder außenpolitisch isoliert da. Sie wird dadurch noch stärker die Bindung zu Putin fokussieren. Innerparteilich hat bereits die Debatte begonnen, welche Lehren die AfD aus der Wahlniederlage Orbáns ziehen muss.
Wahl von internationaler Bedeutung
In der Woche vor der Ungarn-Wahl flog US-Vizepräsident JD Vance nach Budapest. Unverhohlen rief er, wie auch US-Präsident Donald Trump, zur Wahl Victor Orbáns auf, während er im gleichen Atemzug der EU-Kommission vorwarf, sich in den Wahlkampf einzumischen. Auch AfD-Chefin Alice Weidel postete kurz vor der Wahl noch einen Videoclip, der zur Wahl Orbáns aufrief. Das alles zeigt, welche Bedeutung die Wahl in Ungarn für die internationale populistische und extreme Rechte hat.
Das System Orbán ist für rechts-autoritäre bis rechtsextreme Akteure ein Playbook zur Umgestaltung eines demokratischen Staates in ein autoritäres, wenn nicht gar in ein rechtsextremes, Herrschaftssystem. Für das Projekt 2025 der Heritage Foundation, die wesentlich zur Trumps Wiederwahl das Konzept verfassten, war Orbán genauso Vorbild wie für die inzwischen abgewählte PIS-Regierung in Polen und die AfD-Strategie zur Machtübernahme in Deutschland.
Wie geht es weiter mit dem System Orbán?
Das System Orbán ist viel mehr als nur die Person des Ministerpräsidenten. Die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ fasste es so zusammen: „Kein EU-Anführer setzt marxistische Grundsätze so konsequent um wie Viktor Orbán. Ungarns Premier baut seinen Einfluss aus, indem er Antonio Gramsci beim Wort nimmt“. Nach seinen Wahlniederlagen 2002 und 2006 verortet er sein Scheitern an der Dominanz „linker“ Narrative. Fortan setzt er systematisch auf den Aufbau einer Gegenöffentlichkeit. Orbáns Fidesz-Partei baute nach und nach verschiedene Forschungsinstitute, Netzwerke und Think Tanks auf, die fortan das System Orbán absichern und international vernetzen sollten. Über Fidesz-nahe Stiftungen flossen Steuergelder in diesen Aufbau der Gegenöffentlichkeit. Als das Vorzeigeprojekt gilt das Matthias Corvinus Collegium (MCC) mit Sitz in Budapest. Dort wird nicht nur die ungarische Elite ausgebildet, es ist auch ein Ort der Vernetzung. Bekannte Persönlichkeiten wie der ehemalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, US-Tech-Milliardär Peter Thiel, aber auch Polit-Kommentator Tucker Carlson oder Globalisierungskritiker Jeffrey Sachs sind gern gesehene Gäste. Im Jahr 2020 übertrug das ungarische Parlament dem MCC mehr als eine Milliarde Euro in Form von Unternehmensanteilen. Die Mission des Collegiums: Die Internationalisierung des Systems Orbáns. Inzwischen gibt es in zahlreichen Staaten Ableger des MCC.
Der Journalist Zsolt Bogár fasste gegenüber dem Tagesspiegel die Rolle des Collegiums im System Orban so zusammen: Fidesz habe ein Netzwerk aus Denkfabriken und Forschungseinrichtungen aufgebaut, dessen selbsternannte „Experten“ helfen würden, die aktuellen politischen Narrative – beispielsweise in der Migrationspolitik – durchzusetzen.
Dass dieses System mit der Abwahl Orbáns leiden könnte, davor hat die extreme Rechte auch außerhalb Ungarns Angst. In einer Analyse vor der Wahl auf seinem Telegramkanal warnte beispielsweise der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner: Sollte Oppositionskandidat Péter Magyar gewinnen, würde dieser „die metapolitische Infrastruktur Orbáns zerstören“. Konkret nannte Sellner, neben dem Matthias Corvinus Collegium das Magazin The European Conservative sowie das internationale Vernetzungstreffen zwischen Konservativen bis Rechtsextremen CPAC Hungary, wo zuletzt auch Weidel auftrat und das Danube Institute.
AfD ohne Plan B
Beatrix von Storch gab sich bis zuletzt zuversichtlich. Sie sagte dem rechtsextremen österreichischen Magazin „Freilich“ wenige Tage vor der Wahl: „Wir rechnen gleichwohl damit, dass unsere Verbündeten von der FIDESZ gewinnen. Grund dafür ist das ungarische Wahlrecht […] Linksliberale Medien und Umfrageinstitute betreiben Stimmungsmache für Tisza, da ihnen Ungarn wegen seiner eigenständigen konservativen Position in der EU ein Dorn im Auge ist. Dagegen steht Orbán für eine patriotische, christliche Politik, die für Gott, Familie und Vaterland eintritt.“
Es ist auch eine erneute persönliche Schlappe für AfD-Parteichefin Alice Weidel. Sie stand zuletzt wie niemand anders in ihrer Partei für den engen Kurs der Vernetzung mit Orbán und der internationalen populistischen und extremen Rechten. Im Jahr 2025 und 2026 trat sie bei der CPAC-Konferenz in Budapest auf. In ihren Reden suchte sie eine internationale Allianz – auch gegen ein mögliches AfD-Parteiverbotsverfahren. Und das durchaus mit Erfolg: Sowohl die US-Regierung, als auch Orbán positionierten sich deutlich gegen ein mögliches Verbotsverfahren. Ob 2027 wieder eine CPAC Konferenz in Budapest stattfindet, bleibt abzuwarten. Nachdem die AfD weitestgehend öffentlich mit Trump gebrochen hat, droht jetzt ein wichtiger Ort der internationalen Vernetzung wegzufallen. Auch die extreme Rechte in Frankreich, Italien und Polen ist meist nicht gut auf die AfD zu sprechen. Als verlässlicher Partner bleibt nur noch Wladimir Putin. Für eine Partei, die 2029 die Bundesregierung stellen will, ist das fatal.
Orbán, Vetternwirtschaft, Außenpolitik und AfD
Nur wenige Stunden nachdem Orbán öffentlich seine Wahlniederlage eingeräumt hat, ist in der AfD schon eine Debatte über die Lehren daraus ausgebrochen. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah verfolgte die Auszählung bei der ungarischen Schwesterpartei der AfD, der Partei Mi Hazank Mozgalom („Bewegung unsere Heimat“), die noch weiter rechtsaußen steht als Fidesz. Er sprach von einem „Desaster“ und berichtet, dass die „urbane Jugend“ auf den Straßen die Abwahl Orbáns feiere: „Das ist leider so. Wir werden diese Niederlage auszuwerten haben“, so Krah auf X. Benedikt Kaiser, der in Teilen der Partei als ein Vordenker gesehen wird und im Bundestag für den Thüringer Abgeordneten Robert Teske arbeitet, nutzte auf X die Analyse der Wahlniederlage Orbáns zu einer harschen Kritik an der aktuellen Performance der AfD. Kaiser schrieb: „Rechte Wähler verzeihen auf Dauer keine Korruption, keine Vetternwirtschaft, keine Selbstbereicherung, keine vermeintliche oder tatsächliche Verfettung der herrschenden Klasse. […] Eine deutsche Rechtspartei darf von vornherein niemals auch nur den Eindruck entstehen lassen, dass sie selbst korrupte und kleptokratische Züge dulden würde. Eingreifen, bevor etwas außer Kontrolle gerät!“
Am Sonntag hatte sich die Bundespartei auf einer Klausurtagung mehrheitlich für eine Nicht-Befassung mit der Vetternwirtschaft in der AfD ausgesprochen. Eigentlich sollte dies Hauptthema auf der Klausurtagung sein. Auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Torben Braga hatte dies auf X scharf kritisiert und rhetorisch gefragt: „Was bleibt aber dann noch vom Anspruch, eine Alternative zu sein? Sich den Staat eben nicht zur Beute zu machen? Davon entfernen wir uns sehenden Auges“.
Kaiser geht in seiner Kritik auf X an der Ausrichtung von Orbán, aber indirekt auch an Teilen der AfD, noch weiter. Er sieht es als politischen und strategischen Fehler, dass Orbán auf Milei, Trump und Netanjahu als Freunde gesetzt habe. Dies hätten die Wähler*innen ihm übel genommen, ist sich Kaiser sicher. In einem weiteren Tweet bekräftigte Kaiser die Position: „Unter anderem in der polnischen Rechten wird zunehmend eine These populär, die auch in Deutschland bald noch relevanter wird: Die freiwillige Selbstbindung an einen harten Trumpismus schadet der jeweils heimischen Rechten bei den Wählern kolossal“.
Dieser Analyse Kaisers widersprach Martin Sellner umgehend auf Telegram. Die Korruption in Ungarn sei nicht schlimmer als anderswo und auch die „Hinwendung an raumfremde Mächte“ könne man ihm nicht vorwerfen. Schuld sei, so Sellner, fast nur die „linksliberale EU“, diese habe Ungarn in einen „Würgegriff“ mit ihrer „Sanktionswaffe“ genommen. Ungarn unter Orbán habe daher fast keine Chance gehabt. Optimistisch zeigt sich Sellner, dass die metapolitischen Strukturen von Orbán außerhalb des Parlaments „überwintern“ können.
Compact-Herausgeber Jürgen Elsässer sieht in der Wahlniederlage einen „schwarzen Tag für die patriotischen Kräfte in Ungarn und Europa“. Als eine Konsequenz aus der Niederlage warnt er in einem Compact-Video die Kräfte in der AfD, die ein Bündnis mit der CDU anstrebten. Bürgerlich-konservative Kräfte hätten nicht gelernt zu kämpfen, sondern wollen sich im Bestand sichern, so Elsässer. Somit sei eine Veränderung mit diesen Kräften nicht möglich.
Anstehende Richtungsdebatten
Die Kreise um Björn Höcke, zu denen Kaiser und Braga zählen, werden die Wahlniederlage Orbáns zu nutzen versuchen, um die AfD zu reformieren: Aufbau parteiinterner Eliteschulung durch eine parteinahe Stiftung nach dem Vorbild Orbáns, Metapolitik in die Praxis umsetzen und außenpolitisch auf Distanz zu Israel, MAGA in den USA und liberal-konservativen und libertären Regierungen, wie der von Javier Milei in Argentinien, gehen. In der Partei, gerade in den Westverbänden, gibt es viele, die diesen Weg nicht mitgehen wollen. Die internen Auseinandersetzungen dazu werden aber kommen – spätestens nach den Landtagswahlen im September.
Was die Niederlage Orbáns für die AfD und die europäische und US-amerikanische Rechtsextreme bedeutet, lässt sich aktuell noch nicht zuverlässig sagen. Fest steht aber schon jetzt: Mit Orbán fehlt eine zentrale Figur der internationalen populistischen und extremen Rechten stark an Bedeutung. Wofür Péter Magyar steht, der wahrscheinlich der neue Ministerpräsident Ungarns wird, ist noch unklar. Er und sein Machtapparat entstammen ursprünglich Orbáns Fidesz. Ob sie überhaupt vieles anders machen werden als Orbán, wie viel Spielraum und wie viel Willen zu demokratischen Reformen sie haben, ist aktuell schwer vorherzusagen.
Aber selbst wenn sie gar nicht so viel anders machen, die AfD dürfte erst einmal in Budapest abgemeldet sein. Alice Weidel hat Magyar im Wahlkampf als „Handpuppe“ Brüssels diffamiert und sich klar pro Orbán positioniert und damit alle Drähte zur neuen Regierung in Budapest von sich aus gekappt.


