Im niedersächsischen Burgdorf organisieren sich Anwohner*innen und bringen ihre Anliegen ins Gespräch mit Kommunalpolitiker*innen ein. Vor der Kommunalwahl wird der Nachbarschaftstreff zum Ort gelebter Beteiligung.
Unter einem Pavillon stehen Getränke und Kuchen bereit. Vor allem Frauen aus der Nachbarschaft sind an diesem sonnigen Nachmittag Ende Juni in den Garten des Nachbarschaftstreffs am Burgdorfer Ostlandring gekommen. Einige haben ihre Kinder dabei. Es wird viel geredet und Tee eingeschenkt, während die Kinder im Garten spielen. Mitarbeitende des Treffs und Anwohner*innen rücken die letzten Stühle in den Schatten und bauen die Lautsprecheranlage auf. Zwischen die vertrauten Gesichter mischen sich an diesem Nachmittag auch einige Gäste. Der Nachbarschaftstreff hat die Bürgermeisterkandidat*innen und Kandidierende demokratischer Parteien für den Stadtrat zur Diskussion eingeladen.
„Was ist dir wichtig?“ steht auf einem Plakat im Garten. Darunter finden sich Themen, die die Menschen hier im Alltag beschäftigen: Miete und Wohnen, Teilhabe, Freizeitangebote, Arbeitsmarkt, Mobilität, Gemeinschaft und Nachbarschaft sowie soziale Gerechtigkeit.
Jede Person bekommt vier Klebepunkte und darf sie auf den Themen verteilen, die ihr besonders wichtig sind. Mehrere Punkte dürfen auch beim selben Thema landen. Nach und nach füllt sich das Plakat. Die meisten Punkte sammeln sich bei Mieten und Wohnen, bei sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe.
Zu diesen Themen kommen Politiker*innen und Anwohner*innen miteinander ins Gespräch. Sie tauschen sich aus, fragen nach und diskutieren: Wo wünschen sich die Menschen im Quartier Veränderungen? Und was können diejenigen, die künftig politische Entscheidungen in Burgdorf treffen wollen, dazu beitragen? In einer Abschlussrunde berichten die Kommunalpolitiker*innen, was sie aus den Gesprächen mitnehmen und welche Anliegen sie weiterverfolgen wollen. Dass der Kontakt zwischen Nachbarschaft und Kommunalpolitik nicht bei diesem Nachmittag bleiben soll, macht einer der Kandidierenden zum Abschied deutlich: „Ich komme gern wieder!“
Die Politiker*innen sollten nicht einfach ihre Wahlprogramme vorstellen und Wahlkampfreden halten, das war dem Team des Nachbarschaftstreffs wichtig. „Sie sollen mit den Menschen, die im Quartier leben, über deren Fragen und Anliegen ins Gespräch kommen. Unsere Anwohner*innen bestimmen, was heute auf den Tisch kommt“, erklärt Ulrike Goldbach, Leiterin und Koordinatorin des Nachbarschaftstreffs.
Politik zum Frühstück
Dass an diesem Nachmittag über Mieten, Spielplätze oder den öffentlichen Nahverkehr gesprochen wird, ist deshalb kein Zufall. Die Veranstaltung ist Teil des Formats „Politik-Café“ im Vorfeld der niedersächsischen Kommunalwahlen am 13. September 2026. Rund 60 bis 70 Menschen aus 50 verschiedenen Nationen nutzen täglich die Angebote des Nachbarschaftstreffs. Seit über 20 Jahren wird der Treff von der Stadt Burgdorf, dem Deutschen Kinderschutzbund Ortsverband Burgdorf e.V., dem Frauen- und Mütterzentrum Burgdorf e.V. und der evangelisch-lutherische St.-Paulus-Kirchengemeinde getragen. In den Wochen vor der Veranstaltung haben das Team und die Anwohner*innenFragen und Anliegen an die Kommunalpolitik gesammelt, entstanden sind daraus die sieben Themenfelder, über die an diesem Nachmittag gesprochen wird.
Seit Monaten kamen die Bürgermeisterkandidat*innen bereits einzeln zum Frühstück in den Nachbarschaftstreff. Für viele Anwohner*innen sei besonders wichtig gewesen, sie in kleiner Runde persönlich kennenzulernen und mehr über ihre politischen Standpunkte zu erfahren, erzählt Claudia Ohnesorge, Co-Leiterin des Treffs. Nun können sie mit den Namen auf dem Stimmzettel Gesichter und Positionen verbinden. Eine Bewohnerin habe über einen Kandidaten gesagt: „Den Typen, den hab’ ich mir ganz anders vorgestellt, den würde ich nicht wählen.“ Auch das gehört zu einer demokratischen Wahlentscheidung: Kandidat*innen kennenlernen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten wahrnehmen, nachfragen und sich ein eigenes Bild machen. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt das Politik-Café mit einer Projektförderung. Dadurch konnten Materialien sowie eine Mikrofon- und Lautsprecheranlage finanziert werden.
Mitgestaltung beginnt vor der eigenen Haustür
Für die eigenen Anliegen gemeinsam einzustehen, ist in der Nachbarschaft nichts Neues. Wenn es Probleme im Quartier gibt, organisieren sich die Nachbar*innen und suchen gemeinsam nach Lösungen. Der Nachbarschaftstreff unterstützt sie dabei, mit Räumen, praktischer Hilfe bei Kopien und Aushängen oder Hilfe, die richtigen Ansprechpersonen zu finden. Welche Themen sie angehen und was sich verändern soll, bestimmen die Anwohner*innen selbst.
Dass daraus konkrete Veränderungen entstehen können, zeigt Lydia Balabko, die seit 26 Jahren im Quartier lebt. Als im Frühjahr 2024 die Mietpreisbindung für einen Teil der Wohnungen auszulaufen drohte, setzte sie sich mit weiteren Engagierten für ihren Erhalt ein. Der Nachbarschaftstreff unterstützte das Anliegen und schließlich kamen die Stadt Burgdorf und das Wohnungsunternehmen darüber ins Gespräch – mit Erfolg: Für einen Teil der Wohnungen bleibt die Mietpreisbindung bis 2088 bestehen.
Lydias Engagement reicht weit darüber hinaus. Neben ihren zwei Jobs im Schichtdienst engagiert sie sich ehrenamtlich in der Nachbarschaft und ist Ansprechperson für die gemeinschaftlich genutzten Gärten. Sie hat stets ein offenes Ohr für ihre Nachbar*innen. Dass man sich gegenseitig unterstützt, gehört für sie zu einer funktionierenden Nachbarschaft. Ehrenamtliche seien wichtig, erzählt sie, weil die Menschen so voneinander lernen könnten.
Ob es um die Mietpreisbindung oder die gemeinschaftlichen Gärten geht – die Menschen aus Burgdorf-Süd tauschen sich aus und versuchen gemeinsam, etwas zu verändern.
Wie funktioniert eigentlich die Kommunalwahl?
Das Politik-Café ermöglicht den Burgdorfer*innen nicht nur, ihre Anliegen an die Kandidierenden heranzutragen. Es soll auch Unsicherheiten abbauen, wie die Kommunalwahl und politische Beteiligung überhaupt funktionieren.
Bei einem weiteren Treffen im Rahmen der Veranstaltungsreihe liegt deshalb ein Musterstimmzettel auf dem Tisch. Gemeinsam geht die Gruppe den Wahlvorgang durch. Wie sieht der Stimmzettel aus? Wo und wie kann ich meine Stimme abgeben? Darf ich auch einen Smiley malen oder muss es ein Kreuz sein? „Die Menschen sollen nicht erst in der Wahlkabine vor dem Stimmzettel stehen und sich fragen, was sie tun müssen“, sagt Ulrike Goldbach.
Mit dem Gang zur Wahlurne soll die Auseinandersetzung mit der Kommunalwahl nicht enden. Im Oktober wollen alle noch einmal im Nachbarschaftstreff zusammenkommen und auf das Wahlergebnis schauen. Gemeinsam werden sie diskutieren, was das für die Stadt, aber auch konkret für die Themen bedeutet, die sie in den vergangenen Monaten bewegt haben.



