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Sächsischer Förderpreis für Demokratie

Preisträger*innen 2026: Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus

Auszeichnung des Bündnisses Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus © Isabell Richter

Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 kam es deutschlandweit an Hochschulen zu Solidaritätsbekundungen mit Palästinenser*innen, während die israelischen Opfer nicht auf viel Empathie hoffen konnten. Antisemitische und Hamas-verherrlichende Vorfälle nahmen sogar zu. In Leipzig haben sich Angehörige der Hochschulen zu einem Bündnis zusammengeschlossen, um dem nicht tatenlos zuzuschauen.

Interview mit der Initiative Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus

Waren die Reaktionen nach dem 7. Oktober in ihrer Drastik für dich überraschend?

Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus: Ja, im Hochschulkontext schon, weil wir auf Institutsleitungen und Lehrende gestoßen sind, die keinerlei Verständnis gezeigt haben für die Sorgen jüdischer Studierender. Obwohl in den Instituten Gleichstellung verankert ist, wollten sie auf antisemitische Äußerungen von Fachschaftsrät*innen nicht reagieren und sich der Thematik auch inhaltlich nicht annehmen. Das hat uns sehr vor den Kopf gestoßen, dass es gerade im akademischen Kontext keinerlei Verständnis für den Sachverhalt und die Ängste der Studierenden gab. Gleichzeitig begannen ab dem 8. Oktober andere Studierende, Kufiya zu tragen und Sticker und Flyer zu verteilen, in denen der Terror der Hamas als Widerstand glorifiziert wurde. Ein Diskurs war nicht möglich, die Fronten waren von Anfang an verhärtet. Das hat uns sowohl auf einer akademischen, als auch einer menschlichen Ebene sehr erschrocken.

Die Fürsorgepflicht gegenüber den Studierenden ist da also nicht wahrgenommen worden. Lag das daran, dass vonseiten der Hochschulen die palästinasolidarische Bewegung direkt unterstützt wurde oder war Angst vor dem Diskurs vorherrschend?

Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus: Beides. Es gab auch unter Lehrkräften Unterstützung für die pro-palästinensische Bewegung. Dabei ist uns aufgefallen, dass es oft gar kein historisches Wissen gab und dass das Material, das bei solchen Aktionen verbreitet wurde, nicht kritisch überprüft wurde – das sollte man in einem akademischen Rahmen eigentlich erwarten können. Andererseits waren viele schlichtweg überfordert. An vielen Stellen wurden die Bedürfnisse jüdischer Studierender aber einfach nicht ernst genommen. Denn diese Präsenz der pro-palästinensischen Bewegung hat vielen jüdischen Studierenden, die mit familiären Traumata und mit den Folgen des 7. Oktober zu kämpfen haben, Angst gemacht. Nicht wenige haben sich körperlich bedroht gefühlt – das stieß an vielen Stellen aber auf taube Ohren.

Ihr habt als Bündnis folglich einerseits Bildungsveranstaltungen organisiert, um Diskursräume zu schaffen, und wolltet andererseits für Studierende Ansprechpartner*innen sein. Wie wurden eure Bildungsangebote aufgenommen?

Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus: Wir hatten zum Glück kaum Probleme. Wir haben unsere Veranstaltungen eigenständig organisiert, waren absolut unabhängig. Professor Gert Pickel, der später als Antisemitismusbeauftragter der Universität Leipzig eingesetzt wurde, hat uns von Anfang an unterstützt. Bei den Veranstaltungen war immer Security vor Ort. Es gab keine größeren Widerstände, aber eben auch keine größere Unterstützung.

Und wie wurden die Veranstaltungen besucht?

Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus: Wir hatten von Anfang an Zulauf. Natürlich waren die Veranstaltungen unterschiedlich stark besucht, je nach Prominenz der Referent*innen und je nach Thema. Wir hatten Veranstaltungen, wo nicht alle in den Saal gepasst haben, aber auch welche, wo vielleicht nur zehn Leute gekommen sind. Gerade die Auftaktveranstaltung war ein großer Erfolg. Danach hat uns eine wahnsinnige Flut an Mails erreicht mit Anfragen von Studierenden und Lehrkräften, die sich alleine gelassen gefühlt hatten und Kontakt gesucht haben. Das waren sowohl Jüdinnen*Juden, Israelis, als auch Personen, die sich solidarisch zeigen wollten. Wir sind mit unserem Instagram-Account noch stärker an die Öffentlichkeit gegangen, haben angefangen, Stammtische zu organisieren und Pläne zu schmieden. In der Zeit ist das Bündnis gewachsen.

Ihr wart und seid auch Anlaufstelle für Studierende. Gerade in der Zeit, in der es keinen Antisemitismusbeauftragten geben hat, habt ihr damit eine Lücke geschlossen. Ist dir jemand besonders im Gedächtnis geblieben?

Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus: Es waren teils Lehrende, aber überwiegend Studierende, die uns geschrieben und um Hilfe gebeten haben, oder einfach Danke sagen wollten. Die Studierenden hatten manchmal Angst, zu ihren Vorlesungen oder Seminaren zu gehen, gerade im Zusammenhang mit Besetzungen durch pro-palästinensische Aktivist*innen. Wir haben dann Gespräche mit den Hochschulleitungen geführt, versucht, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass es auch jüdische Studierende gibt und da erstmal Verständnis geschaffen.

Das heißt, jüdische Studierende waren anfangs ganz allein mit diesen Gruppen konfrontiert, und es gab hochschulintern keine Schutzbemühungen?

Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus: Am Anfang gar nicht. Es gab kein Bewusstsein, teils sogar eine Befürwortung der Besetzungen. Dass sich jüdische Studierende dadurch bedroht gefühlt und, wenn überhaupt, nur noch durch Nebeneingänge in die Hochschule getraut haben, wurde nicht gesehen. Denn es kam auch zu Beleidigungen und Konfrontationen. Damit haben sich Studierende dann an uns gewandt. Es meldeten sich auch Leute, die Probleme im Student*innen-Rat hatten, weil es auch dort Auseinandersetzungen gab. Es gab im Nachgang des 7. Oktober zum Glück auch eine positive Entwicklung: Jüdische Studierendengruppen sind wieder aktiver geworden.

Wie habt ihr diese Besetzungen erlebt?

Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus: Vor Ort wurden wir aktiv fotografiert und in Gespräche gedrängt. Uns war schon bewusst, dass versucht wurde, uns zu dokumentieren und auf dem Schirm zu haben, wer wir sind. Nach unseren Veranstaltungen ist es vorgekommen, dass Leute verfolgt wurden. In einem Fall kam es außerhalb der Hochschule zu einem Angriff, der allerdings keine Rechtsstreitigkeiten nach sich gezogen hat. Aber das hat das Klima stark beeinflusst. Es gibt bei uns Leute, die nicht namentlich genannt werden und auch nicht auf Fotos auftauchen wollen.

Was konntet ihr auf fachlicher Ebene erreichen?

Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus: Wir haben Druck gemacht und initiiert, dass es Module oder zumindest einzelne Seminare zu Antisemitismus ins Vorlesungsverzeichnis des einen oder anderen Instituts geschafft haben. Bei Fachrichtungen, die sich eigentlich auch ohne Druck von außen dafür zuständig fühlen sollten. Wir hatten schon das Gefühl, dass ohne unsere Anregungen da niemand drauf gekommen wäre. Gleichzeitig wollte sich auch kein Institut unsere Ringvorlesungsreihe im Sommersemester 2024 ans Bein binden. Niemand hat sich getraut, offen Nein zu sagen, aber niemand sagte klar Ja.

Und wo erfahrt ihr Solidarität?

Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus: Von allen Personen, die in dem Bereich arbeiten und forschen, und allen Initiativen, die zum Thema arbeiten. Die Bündniszusammenarbeit ist super. Und natürlich bekommen wir viele tolle Rückmeldungen von Studierenden, die einfach Danke sagen wollen und froh sind, dass es uns gibt.

Wie ist der aktuelle Stand der Auseinandersetzung an den Hochschulen?

Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus: Ich habe leider das Gefühl, dass die radikale pro-palästinensische Szene stark ist, die Fronten verhärtet sind und es wenig Spielraum für Solidarität und Empathie mit beiden Seiten gibt. Wenig Spielraum auch für Differenzierung zwischen Politik, Staat, Einzelpersonen und ihren Schicksalen. Es wirkt, als wäre die Welt einzuteilen in schwarz oder weiß, gut oder böse. Die Erklärungsmuster sind dementsprechend einfach. Jüdische Menschen haben dabei das Nachsehen.

Wenn du dir bezogen auf eure Arbeit etwas wünschen könntest für die Zukunft, was wäre das?

Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus: Ich würde mir sehr wünschen, dass jede Hochschule einen Antisemitismusbeauftragten hat Gleichstellungsbeauftragte auf dem Schirm haben, dass auch jüdische Studierende und Lehrende Teil der Hochschullandschaft sind. Und ich glaube, so manche Lehrkraft muss ihren Lehrauftrag ernster nehmen und sich kritisch auseinandersetzen. Ich wünsche mir Schutzräume für jüdische Studierende. Und eigentlich sollte die Arbeit, die wir machen, nicht ehrenamtlich passieren müssen. Das sollte Aufgabe der Hochschulen sein. Es braucht mehr Sensibilität und entschlosseneres Handeln.

Ich wünsche euch alles Gute, danke für das Gespräch!

Zitat der Jury

„Antisemitismus wächst nicht über Nacht und wir dürfen ihn auch nicht so einfach stehen lassen. Nach dem 7. Oktober 2023 hat das Bündnis ‚Hochschulen Leipzig gegen Antisemitismus‘ seine Arbeit aufgenommen. Ein notwendiger Akt, denn die Geschichte lehrt uns: Schon in den 30er Jahren versagte die akademische Elite. Statt klar Position zu beziehen, schwiegen viele oder wurden zum Teil des Problems. Heute sehen wir denselben Tanz. Zu wenig Theorie, zu wenig Praxis, zu viel Schweigen an unseren Hochschulen. Dieses Bündnis sagt NEIN dazu. Es macht sichtbar, was unsichtbar bleiben soll. Und es steht dort, wo zu lange niemand gestanden hat: auf der Seite derjenigen, die geschützt werden müssen. Dafür verdient das Bündnis diesen Preis.“
– Sebastian Krumbiegel, Sänger und Pianist („Die Prinzen“)

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