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Wende-Erinnerungen aus Ost und West

Wie erlebten Migrant*innen die deutsche Wiedervereinigung? Zwei Projekte aus beiden Teilen Deutschlands, die von der Amadeu Antonio Stiftung gefördert werden, widmen sich den Erinnerungen von Migrant*innen und werfen einen inklusiven Blick auf die deutsche Wiedervereinigung.

 

Migrantische Perspektiven auf die friedliche Revolution

Das Projekt „Zeitzeug*innengespräche“ der Gesellschaft für Völkerverständigung in Leipzig beschäftigt sich mit der Perspektive von Menschen, die als Migrant*innen in die ehemalige DDR kamen, auf die friedliche Revolution. Das Besondere: Die Gespräche werden nicht von Wissenschaftler*innen geführt, sondern von Menschen, die selbst eine Einwanderungsgeschichte haben. Das Leipziger Team hat im vergangenen Jahr Zeitzeug*innen interviewt, um die Träume, Vorstellungen und Enttäuschungen festzuhalten, die sie mit der Wende verbinden.

Viele Migrant*innen gingen damals nicht zu den Montagsdemonstrationen. Sie hatten Angst, daraufhin am Arbeitsplatz oder im Studium benachteiligt zu werden. Dr. Karamba Diaby, heute Mitglied des Bundestages, beschreibt in seinen Erinnerungen: “Ich habe nicht mitdemonstriert. Ich habe am Rande beobachtet – aus Angst und aus Neugier. Anschließend bin ich nach Hause, in das Studentenwohnheim gegangen. Dort habe ich mit anderen Studenten gesprochen, die Angst hatten, rauszugehen.“ Mahmoud Dabdoub erinnert sich beim Betrachten seiner Fotografien vom Abend des 9. November 1989 in Berlin: „Das ist für mich mein emotionalstes Erlebnis.“ Bei den Leipziger Montagsdemonstrationen hatte er nicht fotografiert. „Ich habe es nur mit den Augen gesehen, aber mich nie getraut, die Kamera rauszuholen und dann Fotos zu machen.“

Ihre Wendeerfahrungen und den damaligen gesellschaftlichen Wandel verglichen viele mit dem heutigen Rechtsruck. Für die Interviewten bedeutete die Wende nicht nur Gutes, sondern vor allem Unsicherheit und Sorge um ihre Zukunft. Und sie hatten Angst vor rassistischer Diskriminierung. „Die sind das Volk – über uns hat bis jetzt keiner gesprochen”, stellte Dr. Karamba Diaby bereits 1990 fest.

In der Zeit nach der Wende wurde die Unsicherheit über ihren Aufenthaltsstatus in Deutschland für viele noch größer. Erfahrungen mit Rassismus machten viele der Interviewpartner*innen insbesondere nach dem Ende der DDR. Hassan Zeinel Abidine vom Verein für Völkerverständigung hat erst 1991 auf einer Kundgebung gegen rechte Gewalt „zum ersten Mal, von Angesicht zu Angesicht, Ausländerfeindlichkeit erlebt.“

Wichtige Erinnerungen wie diese werden in verschiedenen Statements der Interviewpartner*innen bald auf einer Homepage veröffentlicht und so dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dadurch hält das Projekt die Erinnerungen verschiedener Migrant*innen für die Zukunft fest und ermöglicht eine diversere Perspektive auf die deutsch-deutsche Wiedervereinigung.

 

„DU 26. August 1984“: Ein lang vergessenes Kapitel der Duisburger Stadtgeschichte

Die Arbeit der Initiative „DU 1984“ macht deutlich, dass Rassismus kein ostdeutsches Phänomen ist, sondern auf beiden Seiten der Mauer vorkam. Die Initiative erinnert an den 26. August 1984, an dem sieben Menschen, darunter fünf Kinder, bei einem Brandanschlag starben.

Lange blieben die Namen der Opfer dieses Mordanschlages unerwähnt: Döndü Satir (40), Zeliha Turhan (18), Rasim Turhan (15), Songül Satir (4), Ümit Satir (5), Çiğdem Satir (7) und Tarik Turhan (50 Tage) kamen bei dem Brandanschlag ums Leben.

Die Familie war auf der Suche nach einem besseren Leben nach Westdeutschland gekommen – wie zahlreiche Gastarbeiter*innen, die von der BRD zu Beginn der 50er Jahre angeworben wurden. Als die Bundesregierung in den 80er Jahren für ihre Rückkehr warb, waren viele Gastarbeiter*innen in wachsendem Maße mit Rassismus und Gewalt konfrontiert. Im Brandanschlag auf das Familienhaus in der Wannheimer Straße in Duisburg kulminierte der Rassismus der Bonner Republik auf schreckliche Weise.

Auf den Anschlag waren die Engagierten zunächst nur durch einen Zufall gestoßen. Einige Berichte über diesen Brandanschlag wiedersprachen sich, woraufhin man sich intensiver mit der Straftat beschäftige. Die Initiative DU 1984 widmet sich nun seit einem Jahr der historischen Aufarbeitung des Anschlags und wühlte sich auf der Suche nach Material durch Archive und Zeitungen. Dabei engagieren sich Menschen, die selbst rassistische Anfeindungen kennen. Sogar Angehörige der Opfer beteiligen sich an der Aufarbeitung.

Nach anfänglichem medialen Interesse berichtete nach wenigen Tagen kaum noch eine deutsche Zeitung über den Anschlag. Das zunächst vermutete rechtsextreme Motiv fand schnell keine Erwähnung mehr – auch ein Hakenkreuz an der Fassade des Hauses blieb unerwähnt. Ein rassistisches Motiv wurde trotzdem nicht in Betracht gezogen.

Mit ihren Recherchen hat die Initiative auch eine Debatte um den Brandanschlag in Duisburg angeregt. In diesem Jahr organisierten sie eine offizielle Gedenkveranstaltung zu Ehren der sieben Todesopfer Ende August 2019. Die Initiative „DU 1984“ setzt sich für eine juristische Neubewertung des Falls ein und bricht dadurch das Schweigen über das Tatmotiv Rassismus.

Die Initiative „DU 1984“ in Duisburg und die Zeitzeug*innengespräche in Leipzig sprechen die Frage der Zugehörigkeit zu unserer liberalen Gesellschaft und das Thema Rassismus mutig an. Sie machen deutlich, dass Migrant*innen in Deutschland schon seit Jahrzehnten von rassistischen Anfeindungen und Gewalt betroffen sind. Und noch viel wichtiger: Sie erinnern an Opfer und geben Betroffenen eine Stimme.

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