Nicht links, nicht rechts, sondern gegen die da oben

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Nicht links, nicht rechts, sondern gegen die da oben

© Amadeu Antonio Stiftung

 

Ein Begriff aus der Weimarer Republik wird wieder aufgegriffen. Welche gesellschaftlichen Entwicklungen werden mit „Querfront“ beschrieben und wie wird der zunehmende Rückgriff auf den Begriff und das dahinterliegende Konzept eingeordnet? 

von Roxana Erath

Am heißesten Abend des zurückliegenden Sommers platzte der kleine Konferenzsaal der Amadeu Antonio Stiftung aus allen Nähten. Neben den vollbesetzten Stuhlreihen standen Dutzende an den Seiten, selbst aus dem benachbarten Raum heraus wurde über geöffnete Fenster die Diskussion mitverfolgt.

Zur Debatte stand: „Nicht links, nicht rechts, sondern gegen die da oben – „Querfront“ als Strategie der Neuen Rechten“. Als Expert_innen waren Politologe Prof. Dr. Samuel Salzborn, die Bildungsreferentin Melanie Hermann sowie der Journalist und Blogger Patrick Gensing der Einladung des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus und der Amadeu Antonio Stiftung gefolgt.

Mit dem Begriff „Querfront“ wurden innerhalb von NSDAP und Gewerkschaften antidemokratische Strömungen bezeichnet, welche in den 1920er Jahren eine Kooperation anstrebten. Diese Bemühungen blieben jedoch erfolglos. Heute findet der Begriff Verwendung in Bezug auf Schulterschlüsse von scheinbar gegensätzlichen politischen Strömungen, die sich durch gemeinsame, vereinfachte Feindbilder ergeben. Doch ist das historische Konzept sinnvoll um die aktuelle Situation widerzuspiegeln?

Melanie Hermann bevorzugt den Begriff der „konformistischen Revolte“ als Reaktion auf einen scheinbar schwachen Staat, dessen Akteure von fremden Mächten gelenkt sein sollen. Die Sehnsucht nach einem simplen Gut-Böse-Schema und einer homogenen Volksgemeinschaft in der sich alle Personen selbst verwirklichen können, führe oft zu ausgrenzenden Einstellungen. Dabei nehme das Bedürfnis ab, sich mit klassisch linken oder rechten Positionen zu identifizieren und voneinander abzugrenzen. Drängender wird der Wunsch, sich negativer Nebenwirkungen einer vielfältigeren, ausdifferenzierten und kapitalistischen Welt zu entledigen. In diesem Zusammenhang wird auch der mittelalterliche Vorwurf der Zinsknechtschaft wiederbelebt, der das Judentum und dessen bloße Existenz als Bedrohung darstellt. Auf diese Weise wird nicht nur Rassismus sondern auch Antisemitismus befeuert. Bei Montagsdemonstrationen oder „Mahnwachen für den Frieden“ sprechen Holocaustleugner_innen und Rechte neben Linken.

Das völkisch-antisemitische Element, betont Samuel Salzborn, tritt besonders in Bezug auf rechte und linke antiimperialistische Ideologien zu Tage. Die Furcht vor einem äußeren omnipotenten Einfluss fungiert dabei als Bindeglied. Innerhalb der „Volksgemeinschaft“ kann sie konstituierend wirken und weitere Aus- und Abgrenzungsmechanismus begünstigen.

Auf Parteienebene mache sich dies vor allem die AfD zunutze. Patrick Gensing berichtete unter anderem auf dem Watchblog publikative.org kritisch über Aktivitäten der rechtspopulistischen und rechtsextremen Szene. Er erkennt in der AfD eine Sammlungsbewegung für Anhänger_innen ähnlich vereinfachender Erklärungsmuster, welche sich etwa in anti-westlicher Propaganda auch mit linksdogmatischen Kreisen überschneide. Er ordnet die Idee der „Querfront“ zwischen links und rechts als Teil eines neuen, reaktionären Konservatismus ein. Relevanter als die Einordnung jedoch, ist der Einfluss der Akteur_innen – „der Diskurs hat sich verschoben und Debatten, die früher in Kreisen der extremen Rechten geführt wurden, werden öffentlich ausgebreitet“, schließt Gensing die Vortragsrunde.

Jürgen Elsässer, Chefredakteur der neurechten Monatszeitschrift Compact und ehemals Teil der radikalen Linken, lehnt den Begriff „Querfront“ ab. Nicht der rechtextreme und linksextreme „Flügel“ oder deren politischen Spitzen, sondern die gesellschaftliche Mitte begehre auf. Gleichzeitig spiegelt sich in dieser Kritik eine durchaus anschlussfähige Vorstellung wider, nach der es gewisse Machteliten gebe, welche der breiten Bevölkerung Mitsprache und Wahrheiten vorenthalten. Ähnliches findet sich in Beiträgen des Internetportals KenFM, aus der AfD und auf Pegida-Demonstrationen oder den „Mahnwachen für den Frieden“. Aber welche Gefahren bergen solche Ansätze und Strömungen für die demokratische Zivilgesellschaft? 

Ob der Begriff „Querfront“ verwendet werden sollte, um aktuelle gesellschaftliche Prozesse zu beschreiben, kann kontrovers diskutiert werden. Außer Frage bleibt jedoch, dass damit gemeinte Bestrebungen, eine „Volksbewegung“ aus Linken und Rechten zu bilden, eine Gefahr für eine demokratisch verfasste Gesellschaft darstellen. Eine notwendige Kritik an den Gesellschaftsverhältnissen wird dabei auf bestimmte Feindbilder reduziert, die eng mit antisemitischen Stereotypen verbunden sind. Die medialen Netzwerke der aktiven Personen finden eine immer größere Beliebtheit, womit sich ihre Propaganda von ‚Volksverrat’ und ‚Lügenpresse’ immer weiter ausbreitet,“ so Jan Rathje, der sich als Referent der Amadeu Antonio Stiftung schwerpunktmäßig mit Verschwörungstheorien auseinandersetzt. Es bestehen mittlerweile vielfach geschlossene Weltbilder mit dazugehörigen Medien- und Informationslandschaften. Sowohl populistische Gegenüberstellungen von Volk und Eliten oder Wahrheit und Lügenpresse als auch diffuse Feindbilder bergen darin ein Bedrohungspotential. Eine starke Gesellschaft braucht eine Mitte, die sich nicht nur durch Engagement sondern auch durch Aufklärung und Reflektion diesen Bestrebungen entgegenstellt, die nicht eindimensional denkt sondern diskussionsfreudig ist, die Vielfalt anerkennt und solidarisch für demokratische Überzeugungen eintritt.

 

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