Weiter zum Inhalt

Gegen das Vergessen: Bustour auf den Spuren der Terrorgruppe Nordkreuz

2017 wurde die Nordkreuz-Gruppe in Mecklenburg-Vorpommern enttarnt. Fast zehn Jahre später unternehmen Jugendliche eine Bildungsbusfahrt, um das rechtsterroristische Netzwerk wieder ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

Von Vera Ohlendorf

An einem regnerischen Samstagmorgen Mitte März treffen sich etwa 60 Menschen auf einem Parkplatz in Rostock. Die meisten von ihnen sind unter 25 Jahre alt. Sie sind der Einladung einer Aktivist*innengruppe aus dem Netzwerk des Bundes deutscher PfadfinderInnen Landesverband MV e.V. gefolgt. Vor den Landtagswahlen 2026 in Mecklenburg-Vorpommern wollen sie sich über die Aktivitäten der rechtsextremen Nordkreuz-Gruppe informieren und die Bevölkerung für die anhaltenden Gefahren sensibilisieren, die von gewaltbereiten Rechtsextremen ausgeht.

Die Tour startet mit zwei Bussen, die von Aktivist*innen von Solibus e.V. gefahren werden. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützte die Tour und förderte die Kosten für Honorare, Fahrtkosten und Sachmittel.

Zuerst halten wir in Güstrow, einer kleinen Stadt mit 29.000 Einwohner*innen, ungefähr 45 Kilometer südlich von Rostock. Auf dem Marktplatz kommen alle für eine erste Kundgebung zusammen. In der Innenstadt sind kurz vor Mittag kaum Passant*innen unterwegs.


Feindeslisten für den „Tag X“

In der Gruppe Nordkreuz warteten 30 Rechtsextreme auf einen „Tag X“, an dem die rechtsstaatliche Ordnung in Deutschland zusammenbrechen sollte. Um sich auf die Machtübernahme vorzubereiten, beschafften sie Löschkalk, Leichensäcke, Waffen und zehntausende Schuss Munition. Die Gruppe bestand aus Preppern, Reservisten der Bundeswehr, Polizisten und Angehörigen von Spezialeinheiten in gehobenen Dienstgraden. Sie sammelten persönliche Daten von bis zu 25.000 Politiker*innen, Journalist*innen, Aktivist*innen und Menschen aus dem linken politischen Spektrum der gesamten Bundesrepublik. Dafür griffen Mitglieder mutmaßlich auf polizeiliche Informationssysteme zu. Die Nordkreuz-Gruppe gehörte zum sogenannten Hannibal-Netzwerk, einem bundesweiten Verbund von Rechtsextremen, die Prepperkreisen und Sicherheitsbehörden angehören. Als zentrale Figur galt der ehemalige KSK-Unteroffizier André S., der unter dem Decknamen „Hannibal“ die Strukturen koordinierte.


Der Halt in Güstrow ist nicht zufällig gewählt. Hier befindet sich der Schießplatz „Baltic Shooters“, der bis heute von Frank T. betrieben wird. Dieser pflegte bis 2017 intensive Kontakte zur Nordkreuz-Gruppe. Der Schießplatz galt als Dreh- und Angelpunkt des rechtsextremen Netzwerks, das hier Schießtrainings durchführte. Frank T. wurde nie angeklagt, Polizei und Bundeswehr nutzen den Schießplatz bis heute für ihre Trainings. Güstrow ist auch deshalb ein für die Tour wichtiger Ort, weil dort bis heute Angehörige der rechtsextremen Kameradschaftsszene und der rechtsextremen Partei „Der III. Weg“ leben, die aktuell viel Zulauf erhält. Den Organisator*innen der Bustour ist es wichtig, auf die Kontinuitäten hinzuweisen, für die fast zehn Jahre nach der Nordkreuz-Enttarnung kaum noch öffentliches Interesse vorhanden ist.

Güstrow, Neukloster, Schwerin: Aufarbeitung gescheitert, Gefahr bleibt

Während der kleinen Kundgebung auf dem Güstrower Markt kommen Mitglieder des Landesverbandes Sozialistische Jugend – Die Falken in einem Redebeitrag zu Wort. Auch sie standen auf den Feindeslisten und berichteten 2024 und 2025 regelmäßig über die Sitzungen des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu Nordkreuz und zur Terrorgruppe NSU im Schweriner Landtag. Sie wollen den Finger in die offene Wunde legen und weiterhin aufklären: „Nordkreuz hat uns direkt vor unserer Haustür gezeigt, dass die Unterwanderung der Sicherheitsbehörden durch Rechtsextreme kein linker Verschwörungsmythos ist, sondern Realität.“

Nach der kurzen Kundgebung fahren wir weiter nach Neukloster. Auch hier findet neben einem Supermarkt eine Kundgebung der Tour-Teilnehmenden statt. Michael Noetzel, Landtagsabgeordneter der Partei „Die Linke“, hält einen kurzen Redebeitrag. Einige Anwohnende sitzen in den Hauseingängen und hören aufmerksam zu, auf dem Parkplatz gegenüber beobachtet eine Gruppe Jugendlicher eher missbilligend das Geschehen. Noetzel betont, dass von der Gruppe Nordkreuz und ihren Mitgliedern weiterhin Gefahr ausgehe.

Parlamentarier*innen der AfD seien in die Aktivitäten der Terrorgruppe verstrickt. Ein Beispiel dafür ist Kriminaloberkommissar Haik Jäger aus Neukloster, der aktiv an den Mordplänen der Gruppe beteiligt gewesen und über seinen Dienstcomputer Meldedaten von politischen Gegner*innen abgerufen haben soll. Die Bundesanwaltschaft ermittelte, das Verfahren wurde später eingestellt. Mittlerweile sitzt Jäger für die AfD im Kreistag Nordwestmecklenburg. Da die Verbindungen der Nordkreuz-Gruppe nicht aufgeklärt seien, dürften Demokrat*innen keine Ruhe geben, sagt Noetzel. Einige Passant*innen und Anwohnende applaudieren gemeinsam mit den Teilnehmenden.

Parlamentarischer Untersuchungsausschuss macht Behördenversagen öffentlich

Nach knapp zwanzig Minuten fahren wir weiter in die Landeshauptstadt Schwerin. Dort treffen wir auf dem Platz vor dem Mecklenburgischen Staatstheater und dem Staatlichen Museum auf eine Gruppe von etwa 30 Personen, die sich dort für eine Kundgebung eingefunden haben. Hier soll es um die (fehlende) Aufarbeitung durch die Ermittlungsbehörden gehen. Jakob, der die Tour mitorganisiert hat, sieht das Ziel der Tour vor allem darin, Wissen über das rechtsterroristische Netzwerk und die Verstrickungen in die Behörden an jüngere Menschen weiterzugeben. „Die Gefahr ist nach wie vor da, aber in der Öffentlichkeit gibt es dafür kein Bewusstsein mehr. Wir wollen junge Menschen ermutigen, sich gegen Rechtsextremismus und Hass zu positionieren“, sagt er.

 

Das Schloss in Schwerin ist Sitz des Landtags Mecklenburg-Vorpommern. Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss geht rechtsextremen Aktivitäten in Mecklenburg-Vorpommern auf den Grund. Der Fokus liegt dabei auf der Frage: Was wussten oder hätten die Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörde wissen müssen? Foto: Amadeu Antonio Stiftung/Vera Ohlendorf

Die Erinnerung wachzuhalten, das ist auch Caro wichtig, die für das Bündnis NSU Watch für einen Redebeitrag nach Schwerin gekommen ist. NSU Watch hat den parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu NSU und rechtem Terror im Schweriner Landtag 2025 intensiv beobachtet und analysiert. Sie geht darauf ein, wie die Nordkreuz-Gruppe 2027 enttarnt wurde: Nicht die Ermittlungsarbeit der Behörden in Mecklenburg-Vorpommern, sondern die Verhaftung des Bundeswehrsoldaten Franco A. in Wien brachte den Stein ins Rollen. Der hatte dort eine Waffe versteckt und flog auf, als er sie abholen wollte. Franco A. plante rechtsterroristische Anschläge, die er anschließend Migrant*innen unterschieben wollte, mutmaßlich, um eine rassistische Hasswelle auszulösen. Er ließ sich deshalb fälschlich als syrischer Geflüchteter registrieren und spähte unter anderem das Berliner Büro der Amadeu Antonio Stiftung als mögliches Anschlagsziel aus.

Bei den Ermittlungen gegen ihn flogen das Hannibal-Netzwerk und rechtsextreme Chatgruppen auf. Franco A. wurde wegen der Vorbereitung eines Terroranschlages zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt. In Mecklenburg-Vorpommern ermittelte die Bundesanwaltschaft gegen zwei Personen, gab die Verfahren dann aber an die Staatsanwaltschaft Schwerin ab, die keine Zuständigkeit für Ermittlungen wegen Terrorismus hat.

Nur Marko G., ein ehemaliger SEK-Beamter, wurde 2019 zu einer Bewährungsstrafe wegen Waffenbesitzes verurteilt. Der parlamentarische Untersuchungsausschuss widmete sich unter anderem der Frage, weshalb kein Verfahren wegen Bildung einer kriminellen oder terroristischen Vereinigung erfolgte, trotz zahlreicher Indizien und trotz Bemühungen der Schweriner Staatsanwaltschaft und des Landeskriminalamtes, die sich vergeblich für ein Verfahren durch die Bundesanwaltschaft einsetzten.

Klar ist: Nordkreuz existiert weiter, die Ermittlungen dauern fort und das Landeskriminalamt hält die Gefahr, die von den Beteiligten ausgeht, für anhaltend hoch. „Mittlerweile hat die Bundesanwaltschaft ihre Arbeit geändert und führt große Prozesse gegen weitere rechtsextreme Gruppen, etwa gegen die Gruppe um Prinz Reuß, die Sächsischen Separatisten und gegen die Letzte Verteidigungswelle, auch unter dem Verdacht der Bildung terroristischer Vereinigungen“, sagt Caro. „Das wäre auch für das Thema Nordkreuz angemessen gewesen. Die Aufarbeitung wurde hier dem Untersuchungsausschuss und der demokratischen Zivilgesellschaft überlassen. Wir sind heute hier, damit das nicht in Vergessenheit gerät.“

Die öffentliche Ruhe stören

Nach einem kurzen Imbiss mit leckerer Linsensuppe macht die Tour kurz im kleinen Ort Rampe bei Schwerin Halt. Hier haben der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern und das Landeskriminalamt ihren Sitz. Mit einem Gruppenfoto zur Erinnerung im Gepäck geht es zurück nach Rostock. In der Innenstadt findet eine letzte Kundgebung statt, in der die Falken noch einmal ihren Redebeitrag zu Gehör bringen.

In Rampe bei Schwerin haben Landeskriminalamt und Verfassungsschutz von Mecklenburg-Vorpommern ihren Sitz. Vom SEK-Beamten über Kriminaloberkommissar, Kampfschwimmer bis hin zum Schießplatzinhaber: Viele der Nordkreuz-Mitglieder hatten oder haben beruflich mit Bundeswehr, Polizei oder Justiz zu tun. Foto: Amadeu Antonio Stiftung/Vera Ohlendorf

Dass die Kundgebungen der Tour vor Ort auf eher wenig Resonanz stoßen, wundert Caro von NSU Watch nicht. Auch weil eine umfassende juristische Aufarbeitung ausblieb, fehle das öffentliche Bewusstsein. Gleichwohl findet sie die Tour wichtig: „Die Kundgebung sind Interventionen im öffentlichen Raum, die stören sollen. Viele der jüngeren Teilnehmenden waren etwa zehn Jahre alt, das Nordkreuz aufflog. Wir sehen heute, dass sich Menschen digital radikalisieren und rechtsextreme Dynamiken auch in der sogenannten bürgerlichen Mitte entstehen. Wir müssen weiter aufklären und das Wissen an die nächsten Generationen weitergeben.“

Weiterlesen

LSA Szenario Beitragsbild
Neuerscheinung

Szenario zur Schicksalswahl: Das droht, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt regiert

Wenige Monate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt veröffentlicht die Amadeu Antonio Stiftung eine umfassende Szenarioanalyse zu den möglichen Folgen einer AfD-geführten Landesregierung. Die Analyse zeigt konkret, welche Schäden rechtsextremes Regieren in Sachsen-Anhalt anrichten könnte: Staatliche Institutionen werden umgebaut und demokratische Verfahren systematisch ausgehöhlt.

AfD_Schultour_Beitragsbild

AfD-Jugend on Tour: Keine normale Schultour!

Die „Generation Deutschland“ ist die neue Jugendorganisation der AfD. In Sachsen organisiert sie derzeit gezielt Infostände vor Schulen, um Schüler*innen für ihre Sache zu gewinnen. Ihr Ziel: Einfluss auf junge Menschen nehmen und demokratische Institutionen gezielt delegitimieren.

Bleib informiert!

Melde dich jetzt zum Newsletter an und verpasse keine unserer nächsten Publikationen!

Schön, dass du dich für unsere Publikation interessierst! In unserem monatlichen Newsletter erhältst du spannende Einblicke in den Alltag demokratischer Zivilgesellschaft und in unsere Arbeit.

    Mit dem Absenden des Formulars erkläre ich mich mit der Verarbeitung meiner Daten gemäß der Datenschutzerklärung einverstanden und erhalte den Newsletter. Ich kann meine Einwilligung jederzeit über den Abmeldelink im Newsletter widerrufen.

    Publikation bestellen Direkt zum PDF