Wie sich eine Stadt ihrer Geschichte stellt

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Gefördertes Projekt

Wie sich eine Stadt ihrer Geschichte stellt

© Lars Maibaum

Gedenkminute für die Betroffenen des Pogroms von 1991 anlässlich des 20. Jahrestags 2011

 

Zum 26. Jahrestag des Pogroms in Hoyerswerda 1991 wird am 17. September die Onlineplattform „Hoyerswerda - seit 1991“ eröffnet. Das Projekt beleuchtet, wie die Angriffe von 1991 in der Stadt aufgearbeitet wurden und wie eine Stadt es schaffen kann, Rechtsextremismus entgegenzutreten. Franziska Schindler sprach mit Julia Oelkers, Dokumentarfilmerin und Leiterin des Projekts.

 

Julia, wessen Geschichten erzählt ihr in „Hoyerswerda - seit 1991“?

Bisher hatte ich mich immer hauptsächlich mit den Migrant_innen beschäftigt, die unmittelbar von den Ausschreitungen 1991 betroffen waren. Aber dieses Mal ging es uns darum, zu beleuchten, wie es nach dem Pogrom weiterging. Unsere letzten Interviews haben wir deshalb mit Zeitzeug_innen geführt, die in den 90ern als linke Jugendliche oder Punks in Hoyerswerda lebten.

 

Wie war die Situation für Jugendliche aus der linken Szene in den 90er Jahren in Hoyerswerda?

Wie sie ihren Alltag beschrieben haben und ihre Auseinandersetzung mit Nazis, hat mich sehr bewegt. Nachdem die Migrant_innen aus Hoyerswerda evakuiert wurden, traf der rechte Hass vor allem jugendliche Punks. Sie waren brutaler Gewalt ausgesetzt, mussten manche Orte meiden, konnten nicht allein unterwegs sein und lebten in ständiger Angst. Alles war von Nazis durchwirkt. Die trugen vielleicht in der Schule nicht immer ihre T-Shirts und Zeichen, aber sie waren überall und wurden überall respektiert. Lehrer_innen und Eltern wollten die Gewalt nicht wahrhaben oder haben sich ihr zumindest nicht entgegengestellt - man sagte, das seien verschiedene Jugendgangs, die sich kabbeln. Und dass die linken Jugendlichen eben nicht so auffallen sollten.

 

Von staatlicher Seite gab es keine Unterstützung für Jugendliche, die von Nazis bedroht wurden?

Was man nicht nur in Hoyerswerda, sondern in allen  Bundesländern über die gesamten 90er Jahre lang falsch machte, war der Ansatz der Jugendarbeit, die rechten Jugendlichen dort abzuholen, wo sie stehen, und ihnen Räume zu schaffen. Im Rahmen des „Aktionsprogramm gegen Rassismus und Gewalt“ bekam zum Beispiel eine Rechtsrockband in Hoyerswerda einen staatlich geförderten Übungsraum, die Nazis konnten sich vernetzen und Interessierte rekrutieren. Das ist natürlich fatal. Man hätte Jugendliche und Strukturen fördern müssen, die sich den Nazis entgegensetzen. Die Räume, in denen die linken Jugendlichen sich treffen konnten, kamen von Vereinen und Initiativen wie der Kulturfabrik Hoyerswerda oder dem Dock 28.

 

Wann hat sich in Hoyerswerda etwas verändert?

Sehr lange stagnierte die Situation. Ein Einschnitt war in dem Moment zu spüren, als 2014 wieder Geflüchtete nach Hoyerswerda kamen. 20 Jahre waren in Hoyerswerda keine Geflüchteten untergebracht, zumindest nicht in einer Sammelunterkunft. Mit der Ankunft der Geflüchteten gründete sich eine Bürgerinitiative, die sich für das Heim engagierte, und Bewohner_innen der Stadt zeigten Gesicht, stellten sich vor die Leute und sagten, wir wollen nicht, dass sich hier die Geschichte wiederholt und wir stehen dafür ein. Es gab auch einen Anschlag auf das Heim und ein Geflüchteter wurde auf der Straße angegriffen. Am nächsten Tag fand sofort eine Mahnwache statt. Es war ganz wesentlich, dass es eine Zivilgesellschaft gibt, die sich positionierte, unabhängig von der Polizei. Das hat 1991 völlig gefehlt.

 

© Lars Maibaum

Julia Oelkers

 

Was war noch nötig, damit Hoyerswerda sich heute rechter Gewalt entgegenstellen kann?

Wichtig war auch eine Auseinandersetzung damit, wie man der Angriffe gedenken soll. Die Initiative „Pogrom 91“ hatte schon lange Jahre angemahnt, dass es ein Gedenken, zum Beispiel in Form eines Mahnmals geben muss. Dies  wurde  zunächst vehement abgelehnt und die Akteure als Nestbeschmutzer beschimpft, aber es ist ihnen letztendlich gelungen, einen Prozess der Auseinandersetzung mit dem Pogrom und der Nazipräsenz in der Stadt in Gang zu bringen. Sodass heute klar ist, dass man sich mit der Geschichte beschäftigen muss, dass es nichts nützt, immer nur zu sagen, wir haben kein Naziproblem, wir haben keine rechten Strukturen, wir sind nicht böse. Wenn man diese Strukturen nicht anerkennt und benennt, lässt man ihnen freie Flur. Dann negiert man die Realität und kommt nicht weiter. Auch viele Projekte im Bildungs- und Erziehungsbereich, die die RAA Ostsachsen seit Mitte der 90er Jahre durchgeführt hat, haben im Laufe der Jahre  sicherlich zum Umdenken beigetragen.


Und wird dieser Prozess auch von den Bewohner_innen der Stadt mitgetragen?

Es sind immer einzelne engagierte Leute, die eine Auseinandersetzung anstoßen. Aber die Diskussion hat sich dahingehend geändert, dass Leute nicht mehr sagen, sie hätten nichts gesehen oder waren nicht dabei. Heute bekennen sich Menschen offen dazu, dass sie sich an den Angriffen beteiligt haben und das mittlerweile falsch finden. Es gibt eine Gesprächskultur.

 

Wenn ich mir die Übergriffe in Freital, Bautzen und Heidenau anschaue, frage ich mich manchmal, ob Hoyerswerda wirklich Vergangenheit ist, inwieweit sich hier Geschichte wiederholt…

Nach Einschätzung meines Gesprächspartners aus dem Kulturbüro Sachsen gibt es in Sachsen überall und flächendeckend Neonazis – in sehr fest organisierten bis losen Strukturen, manchmal nur als rechte Clique. Übergriffe könnten jederzeit passieren, es brauche nur die richtige Gelegenheit. Auch für Hoyerswerda würde ich nicht sagen, dass es nie mehr Übergriffe auf Migrant_innen geben kann. Aber ich würde sagen, es kann nicht mehr passieren, ohne dass sich jemand dagegen stellt.

 

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