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Zwischen Angriff und Engagement: Der Kampf um Demokratie in Fulda

„Fulda stellt sich quer“ engagiert sich seit Jahren gegen Rassismus und rechtsextreme Ideologien in der Region. Foto: Fulda stellt sich quer e.V.

gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegen Rechtsextremismus. Trotz wachsender Bedrohungen, politischer Angriffe und Einschüchterungsversuche schaffen sie Räume für Begegnung und Teilhabe und zeigen, wie eine starke Zivilgesellschaft auch unter zunehmendem Druck wirkt.

Von Luisa Gerdsmeyer

Wer sich in der osthessischen Stadt Fulda öffentlich für demokratische Werte und gegen Rechtsextremismus einsetzt, braucht Mut. Wer hier Haltung zeigt, spürt schnell Gegenwind – und in einigen Fällen massive Anfeindungen. Bei den hessischen Kommunalwahlen im März 2026 wurde die AfD, die in Hessen als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft ist, in der Stadt Fulda mit 20,1 Prozent der Stimmen zweitstärkste Kraft und konnte ihr Ergebnis im Vergleich zu den letzten Wahlen mehr als verdoppeln. Auch im Landkreis Fulda fiel das Ergebnis ähnlich aus. Für viele Engagierte bedeutet das eine Verschärfung der Situation, denn gestärkt ist damit ein politischer Akteur, der die Arbeit zivilgesellschaftlicher Initiativen immer wieder angreift. Trotzdem gibt es Engagierte, die weitermachen, Räume für Begegnung schaffen und demokratische Werte verteidigen. Zwei dieser Initiativen sind Fulda stellt sich quer e.V. und Welcome In! Fulda e.V.. „Fulda stellt sich quer“ engagiert sich seit Jahren gegen Rassismus und rechtsextreme Ideologien, „Welcome In!“ für ein solidarisches Miteinander in der Stadt.

Rechtsextreme Netzwerke in der Region

Die Vereine tun dies in einer Region, in der verschiedene extrem rechte Strukturen zusammenwirken. „Wir haben hier in Fulda und Umgebung unterschiedlichste rechtsextreme Akteur*innen, die die Bedrohungslage für demokratisch Engagierte verschärfen“, beschreibt Andreas, Vorsitzender von Fulda stellt sich quer e.V. Dazu gehören politische Parteien ebenso wie neonazistische Gruppierungen: von einer starken AfD über die Identitäre Bewegung, den III. Weg bis hin zur freien Kameradschaftsszene. Auch verschwörungsideologische Gruppen sind in der Region stark vertreten. „Vor allem in den Dörfern rund um die Stadt sind rechtsextreme Gruppen aktiv. Dort, wo Jugendtreffs geschlossen wurden und Freizeitangebote fehlen, versuchen sie, junge Menschen über scheinbar harmlose Aktivitäten wie Wanderungen oder Lagerfeuerabende an ihre Ideologie heranzuführen“, erzählt Andreas.

Welcome In! Fulda e.V.: Ein gemeinschaftliches Wohnzimmer für die ganze Stadt

Was heute als Stadtteiltreff in Fulda bekannt ist, begann Ende der 2000er Jahre als die kleine ehrenamtliche Initiative „Save me Fulda“. Damals wollten Engagierte erreichen, dass die Kommune Geflüchtete aus menschenunwürdigen Lagern außerhalb Deutschlands aufnimmt – ein Anliegen, das in Stadt und Landkreis auf wenig Bereitschaft stieß. „Doch statt aufzugeben entwickelten wir über die Jahre ein neues Konzept“, erzählt Jochen, der sich bei „Welcome In!“ engagiert. „Wir beschlossen, uns auf die Menschen zu konzentrieren, die bereits in Fulda leben, und gemeinsam mit ihnen Projekte aufzubauen, die Begegnungen auf Augenhöhe ermöglichen.“

Ein Ort für Begegnung und Dialog

Der größte Schritt folgte 2017: In enger Zusammenarbeit mit Bewohner*innen verschiedener Geflüchtetenunterkünfte eröffneten sie „das Wohnzimmer“, einen offenen Kultur- und Begegnungsraum, der von Beginn an von Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte gestaltet wurde. 2020 wurde dieser Ort zum Stadtteiltreff der Innenstadt, gefördert von der Stadt, aber jenseits klassischer Integrationslogik. Das Prinzip lautet hier: Angebote entstehen nicht für, sondern mit den Menschen. Jede*r kann Ideen und Bedarfe einbringen. Der Verein unterstützt dabei, diese gemeinsam umzusetzen. So entstand eine breite Palette an Formaten: Von Seniorencafés und Familientreffs über Asylberatung bis hin zu sportlichen und kreativen Angeboten.

Der Verein versteht Begegnung und Austausch auch als gesellschaftliche Aufgabe. Deshalb gehören auch politische Formate zum Programm: Demonstrationen für Menschenwürde und Demokratie, ein Festival der Menschenwürde, Lesungen, Podiumsdiskussionen und das Dialogformat „Fulda spricht“. Hier treffen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen aufeinander und kommen ins Gespräch. Das Ziel dabei: wieder miteinander reden, statt übereinander, Dialog ermöglichen und konstruktiven Streit zulassen. So arbeitet „Welcome In!“ daran, dass Fulda ein Ort bleibt, an dem man aufeinander zugeht, statt sich aus dem Weg zu gehen.

Fulda stellt sich quer gegen Rechtsextremismus

Mit rund 300 Mitgliedern gehört Fulda stellt sich quer e.V. heute zu den sichtbarsten zivilgesellschaftlichen Akteur*innen in Stadt und Landkreis. Entstanden ist der Verein 2014 zunächst aus einer kleinen Initiative heraus. „Wir starteten damals mit einer Veranstaltungsreihe“, erinnert sich Andreas, Vorstandsmitglied des Vereins. Wenig später, im Jahr 2015, bildete sich in Fulda ein Ableger der rassistischen Pegida-Proteste. „Wir wollten ihnen den Raum in unserer Stadt nicht überlassen und sind deshalb selbst auf die Straße gegangen und tun das bis heute: für Antifaschismus und Antirassismus in Fulda“, so Andreas. Neben dem Einsatz gegen Rechtsextremismus setzt der Verein auch soziale Schwerpunkte. Immer wieder organisieren die Engagierten Unterstützung für obdachlose Menschen und Personen in prekären Lebenslagen. Ein weiterer Bereich ist die internationale Solidarität: Seit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine wurden rund 50 Hilfstransporte organisiert.

Sichtbarkeit im öffentlichen Raum ist weiterhin wichtiges Element der Arbeit. Immer wieder ist der Verein auf Straßen und Plätzen präsent und stellt sich quer gegen menschenfeindliche Ideologien. Rund um die hessischen Kommunalwahlen im März 2026 organisierte „Fulda stellt sich quer“ mit der Unterstützung einer Förderung durch die Amadeu Antonio Stiftung Demokratiefeste, Dialogformate und Informationsangebote zur kommunalen Mitbestimmung. Mit Infoständen und Flashmobs wurde zugleich über die Gefahren von Rechtsextremismus aufgeklärt und auf die Normalisierung rassistischer Narrative aufmerksam gemacht. Am 21. März 2026, dem Internationalen Tag gegen Rassismus, entstand unter dem Motto „Sport verbindet“ eine gemeinsame Veranstaltung mit rund 30 Sportvereinen und Organisationen aus der Region, die ein Zeichen gegen Rassismus im Sport setzte.

Doch das Engagement endet nicht an der Stadtgrenze. Fulda stellt sich quer ist zunehmend auch im ländlichen Raum aktiv. In Tann und Gersfeld (Rhön) wurden Demokratiestammtische aufgebaut, die Menschen vor Ort zusammenbringen, die sich für ein demokratisches Miteinander einsetzen wollen. Aus ersten kleinen Treffen von sechs Personen ist in Tann inzwischen ein stabiler Kreis von rund 25 Aktiven geworden, die sich regelmäßig treffen, Bildungsformate organisieren, gemeinsam zu Aktionen nach Fulda fahren oder am Markttag mit einem Demokratiestand präsent sind. Unterstützt werden sie dabei vom Verein, der Infrastruktur bereitstellt, Kontakte vermittelt und den Aufbau lokaler Strukturen begleitet. „Uns ist es wichtig, auch im Landkreis präsent zu sein und Menschen zu ermutigen, sich vor Ort zusammenzuschließen und ihr Dorfleben demokratisch mitzugestalten“, sagt Andreas.

Angriffe und Anfeindungen gegen „Fulda stellt sich quer“

„Wir als Verein, der sich so deutlich gegen Rechtsextremismus positioniert und engagiert, geraten bei nahezu jeder öffentlichen Aktion in den Fokus von Rechtsextremen, die unsere Arbeit verhindern wollen“, erzählt Andreas. „Manchmal trauen wir uns kaum noch, in den Briefkasten zu schauen, weil wir befürchten, dass die nächste Anzeige oder Abmahnung darin liegt. Die AfD und andere rechtsextreme Akteure hier in Fulda beobachten jede unserer Aktivitäten sehr genau. Sie suchen gezielt nach Angriffspunkten, um unsere Arbeit infrage zu stellen“, beschreibt er die Situation.

Die Angriffe betreffen zunehmend auch das private Umfeld der Engagierten. Besonders Andreas steht dabei im Fokus. Immer wieder kursieren Falschinformationen und gezielte Diffamierungen, die auch seine Familie betreffen. Vereinsmitglieder werden ohne jede Grundlage als kriminell dargestellt, teils werden manipulierte Bilder verbreitet, die angebliche Straftaten zeigen sollen.

Vor rund zehn Jahren eskalierte die Situation in einer Serie gezielter Angriffe auf Andreas und sein familiäres Umfeld: falsche Mordbeschuldigungen, die einen Polizeieinsatz auslösten, Fehlalarme mit Einsatz von Feuerwehr, anonyme Massenbestellungen an seine Adresse, brennende Mülltonnen sowie Morddrohungen gegen seinen damals minderjährigen Sohn. Als verantwortlich für einen Teil der Taten gilt ein ehemaliges Vorstandsmitglied der damaligen AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“. Auch in den vergangenen Jahren reißen die Einschüchterungsversuche nicht ab. Neben Bedrohungen im öffentlichen Raum und vor der eigenen Haustür sieht sich der Verein immer wieder mit Anzeigen und Abmahnungen konfrontiert. „Manchmal trauen wir uns hier in Fulda kaum, den Mund aufzumachen, aber wir lassen uns nicht einschüchtern und bleiben weiter laut“, sagt Andreas.

Politische Angriffe auf die Zivilgesellschaft

Auch auf kommunalpolitischer Ebene wurde der Verein wiederholt zum Ziel. So brachte die AfD im Februar 2026 in der Stadtverordnetenversammlung einen Antrag ein, der die Beendigung der Zusammenarbeit mit „Fulda stellt sich quer“ im Rahmen der lokalen „Partnerschaft für Demokratie“ forderte – über diese können Fördermittel aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ beantragt werden. Als Begründung wurde unter anderem ein kritischer Leserbrief von Andreas herangezogen, der in der Fuldaer Zeitung erschienen war. „Die AfD unterstellt uns in dem Antrag, wir würden Meinungs- oder Pressefreiheit infrage stellen. Dabei wird ausgeblendet, dass Kritik und Widerspruch Teil dieser Freiheiten sind, gerade auch durch die Zivilgesellschaft“, ordnet Andreas ein. Der Antrag der AfD ziele nicht auf tatsächliche Verstöße, sondern auf die politische Delegitimierung eines Vereins.

Trotz der enormen Belastungen, die mit den Angriffen für die Engagierten einhergehen, machen sie weiter. Kraft ziehen die Aktiven vor allem aus dem Miteinander. „Es ist immer wieder ermutigend zu sehen, wie viele wir sind, die nicht einknicken, sondern klar Position beziehen“, sagt Andreas.

Akteneinsichtsausschuss im Fuldaer Stadtverordnetenversammlung widerlegt Vorwürfe der AfD

Sowohl „Fulda stellt sich quer e.V.“ als auch „Welcome In! Fulda e.V.“ wurden im vergangenen Jahr Ziel politisch initiierter Akteneinsichtsausschüsse in der Stadt Fulda. Auslöser war die Forderung der AfD, die Vergabe und Verwendung öffentlicher Fördermittel an die beiden Vereine überprüfen zu lassen. Noch bevor die eingesetzten Ausschüsse ihre Arbeit offiziell abschließen konnten, veröffentlichte die AfD einen eigenen „Abschlussbericht“.

Darin wurden insbesondere gegen „Fulda stellt sich quer“ massive – wie sich später herausstellte haltlose – Vorwürfe erhoben; der Verein habe gegen Förderrichtlinien verstoßen und müsse rund 73.000 Euro zurückzahlen. Das offizielle Ergebnis der Ausschüsse fiel gänzlich anders aus. Die Vorwürfe und Forderungen der AfD waren unbegründet und wurden zurückgewiesen. Lediglich ein Betrag von etwas über 900 Euro musste zurückgezahlt werden – aufgrund eines Rechenfehlers in einer Abrechnung, die einige Jahre zurücklag.

Diffamierung trotz Entlastung

„Welcome In! Fulda“ war in ähnlicher Weise betroffen. „Mit den Ausschüssen hat die AfD die ganze Stadtverordnetenversammlung beschäftigt, uns diffamiert und unsere Arbeit schlechtgemacht – ohne dass dabei tatsächlich etwas herauskam“, sagt Jochen. Trotz der entlastenden Ergebnisse setzten sich die Anfeindungen fort. In der Stadt wurden Flugblätter verteilt, in denen die beiden Vereine als Teil eines angeblichen „NGO-Sumpfes“ dargestellt wurden, der „trocken gelegt werden müsse“. Auch von einer „Förderprogramm-Krake“ war darin die Rede.

Auslöser für das Vorgehen gegen „Welcome In!“ war unter anderem eine Podiumsdiskussion vor der Bundestagswahl zum Thema Menschenrechte, zu der der Verein keine Vertreter*innen der AfD einlud. Eine lokale Zeitung griff diesen Umstand auf und stellte ihn in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung, während die inhaltliche Debatte in den Hintergrund rückte. „Dass wir sie nicht eingeladen haben – was unser gutes Recht ist – wurde uns von der AfD zum Vorwurf gemacht, weil wir angeblich nicht parteipolitisch neutral seien“, sagt Jochen. „Seitdem können wir kaum noch etwas öffentlich tun, ohne dass Versuche unternommen werden, unsere Arbeit zu behindern oder uns einzuschüchtern“, erzählt Jochen. Allein seit September 2024 hat die AfD drei parlamentarische Anfragen zur Arbeit des Vereins gestellt: An die Stadt Fulda, im Hessischen Landtag und im Bundestag.

Lieber gestalten, statt an Diffamierung abarbeiten

„Das Frustrierende bei all dem ist für mich auch, dass wir so viel Zeit und Energie in diese Auseinandersetzungen stecken müssen, die dann für unsere eigentliche Arbeit fehlen und damit auch für das, was hier vor Ort für viele Menschen einen echten Unterschied macht“, so Jochen. Deshalb haben sich die Engagierten von „Welcome In!“ intensiv damit beschäftigt, wie sie mit der Situation umgehen wollen und eine Strategie entwickelt. Bei diesem Prozess wurden Sie von der Amadeu Antonio Stiftung mit einer Förderung unterstützt. Sie wollen nicht mehr auf jede Provokation und Diffamierung eingehen, sondern den Fokus auf ihre Arbeit richten. „Wir wollen nicht, dass sich alles nur noch um AfD und ihre Angriffe dreht“, beschreibt es Jochen. „Dann wären wir nur noch in der Reaktion darauf gefangen. Uns geht es darum, sichtbar zu machen, wofür wir stehen: für Demokratie, für Solidarität, für ein Miteinander, in dem Menschen voneinander lernen und füreinander da sind.“

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