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111 mal stark und unabhängig – geförderte Projekte 2021

Foto: erorock

Die Projektförderung der Amadeu Antonio Stiftung ist ein wichtiger Baustein zur Unterstützung einer starken und unabhängigen Zivilgesellschaft. Wieso staatliche Förderung nicht ausreicht und welch wichtigen Beitrag die Initiativen, die wir fördern, für eine offene, demokratische Gesellschaft für alle leisten, zeigt ein Rückblick auf unsere geförderten Projekte im Jahr 2021.

Von Vanessa Reichert und Charlotte Sauerland

Es braucht eine starke Zivilgesellschaft. Das ist nichts Neues. Die Amadeu Antonio Stiftung kämpft seit Jahren für eine verstetigte staatliche Unterstützung der Zivilgesellschaft, zum Beispiel durch ein Demokratiefördergesetz. Dass öffentliche Förderung allein aber nicht ausreicht, zeigt sich derzeit deutlich in einigen ostdeutschen Orten, in denen der Einfluss rechtsradikaler Parteien wächst.

Sinnbildlich dafür steht die Situation in Plauen. Plauen ist immer wieder Ort rechtsextremer Umtriebe. Seit einigen Jahren veranstaltet die neonazistische Kleinstpartei III. Weg Aufmärsche, Kundgebungen, gibt sich mit Stadtteilarbeit als Kümmerer und besitzt zwei Häuser. Ein Runder Tisch für Demokratie, Toleranz und Zivilcourage im Vogtlandkreis organisierte seit Jahren Kundgebungen und kreative Aktionen gegen die Rechtsextremen. Bis zum Frühjahr 2020 wurden sie bei ihrem Engagement von der Stadt Plauen finanziell unterstützt. Dann wurde dem Runden Tisch die Förderung entzogen – mit Stimmen der CDU, der AfD und der Neonazi-Partei III. Weg, die mit einem Sitz im Stadtrat vertreten ist. Nur durch Spenden und Förderungen anderer Geldgeber:innen, u.a. der Amadeu Antonio Stiftung, kann das Nachfolgebündnis des Runden Tisches seine Arbeit fortsetzen. Zivilgesellschaft muss also nicht nur stark sein, sie muss auch in der Lage sein, Probleme vor Ort unabhängig von der politischen Großwetterlage anzusprechen.

Der NSU, Halle und Hanau: Perspektiven von Betroffenen im Mittelpunkt

Am Beispiel der Aufarbeitung des NSU-Komplexes lässt sich erkennen, wie entscheidend das Engagement einer starken, unabhängigen Zivilgesellschaft ist. Die Selbstenttarnung des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds jährte sich dieses Jahr zum zehnten Mal. Dass es mittlerweile in vielen Städten, an denen der NSU gemordet hat, Erinnerungsorte für die Opfer gibt, ist insbesondere dem unermüdlichen Einsatz vieler Betroffener und Unterstützer:innen zu verdanken. Sie fordern weitere Ermittlungen zur Rolle des unterstützenden Netzwerkes des NSU, machen auf ihre Erfahrungen aufmerksam, gedenken der Opfer und zeigen rassistische Kontinuitäten seit den 90er Jahren auf.

Die Amadeu Antonio Stiftung hat einige dieser Initiativen gefördert. Darunter sind ein partizipatives Chorprojekt auf der Kölner Keupstraße, eine Veranstaltungsreihe zur Aufarbeitung des NSU-Komplexes in Jena und eine Wanderausausstellung aus Chemnitz.  Auch die Betroffenen der rechtsterroristischen Anschläge in Halle und in Hanau gestalten aktiv ein Gedenken an die Opfer und diskutieren Strategien des Umgangs und der Solidarität miteinander. So wurde im Oktober 2021 zum zweiten Mal das Festival of Resilience veranstaltet, bei dem sich jüdische und nicht-jüdische Überlebende des Anschlags von Halle an Jom Kippur im Jahr 2019 vernetzen, über Resilienz nachdenken und gemeinsam Möglichkeiten entwickeln, diese Widerstandsfähigkeit zu stärken.

In Hanau gestalten Jugendliche das Außengelände eines Jugendclubs in Erinnerung an die Opfer des Anschlags im Februar 2020. Der Jugendclub heißt K.town, das steht für Kesselstadt. In dem Stadtteil liegt einer der Tatorte des Anschlags. Einige der Ermordeten gingen regelmäßig in den Jugendclub. Viele der Jugendlichen, die das Gedenken organisieren, waren mit ihnen befreundet.

Rechtsextremismus in Westdeutschland

Wie am Beispiel von Hanau zu sehen ist, sind rechtsextremer Terror und Gewalt nicht ein rein ostdeutsches Problem. Die Liste westdeutscher Vorfälle ist lang – die rechtsterroristischen Anschläge in Hanau, der Mord an Walter Lübcke, der Abruf der Adressen von Nebenklagervertreter:innen aus hessischen Polizeicomputern sind nur die bekanntesten.

Doch auch das sonst so behütete, grüne Freiburg im Breisgau zeigte im Juni dieses Jahres, dass rassistische und rechtsextreme Akteure auch hier aktiv sind. So kam es innerhalb eines Tages zu einer Attacke durch einen „Querdenker“ und ehemaligen AfD-Politiker auf einen Passanten sowie zu rassistischen Äußerungen und einem körperlichen Angriff durch einen Polizisten auf einen lettischen Punk. Doch die lokale Zivilgesellschaft ist stark: Das Jugendbildungswerk Freiburg nimmt diese Vorfälle zum Anlass, um ein klares Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen und veranstaltet ein „Rock gegen Rechts“-Konzert und Workshops zu rechter Rhetorik und rechter Musik.

Ebenfalls in Baden-Württemberg wehrt sich eine kleine engagierte Initiative im Hohenlohekreis gegen rechtsextreme Strukturen. Im Jahr 2016 und 2017 verübten Rechtsextreme zwei Brandanschläge auf Geflüchtetenunterkünfte. Einer der Anschläge wurde nicht aufgeklärt, die Täter:innen nicht gefasst. Bis heute gibt es rechtsextreme Vorfälle wie Hakenkreuz-Schmierereien an Schulen. Mit einer Broschüre über die rechtsextremen Umtriebe sorgt die Initiative vor Ort für Aufklärung. Geflüchtete und nicht geflüchtete Jugendliche zeigen zudem bei einem antirassistischen Fußballturnier, dass sie sich nicht von Neonazis einschüchtern lassen und selbstbewusst für eine offene Gesellschaft einstehen.

Jüdisches Leben und Antisemitismus in Deutschland

Selbstbewusst für eine offene Gesellschaft und jüdische Sichtbarkeit stehen auch viele Projekte ein, die sich mit jüdischem Leben heute beschäftigen. Im Jahr 2021 werden 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert: 1.700 Jahre leben Jüdinnen:Juden nachweislich im Gebiet des heutigen Deutschlands. Viele Förderprojekte legen den Fokus auf heutiges jüdischen Leben. So setzt sich zum Beispiel die Social Media-Kampagne „Ich bin Jude“ des Vereins Mitzva e.V. mit jüdischen Identitäten auseinander und macht die Vielfalt jüdischen Lebens, aber auch die Erfahrungen von Antisemitismus in Form von Dokumentarfilmen sichtbar. Darüber hinaus beschäftigen sich viele geförderte Projekte mit jüdischer Geschichte und Antisemitismus – vom Mittelalter bis zum Nationalsozialismus.

Das Landjudentum im Mittelrheintal, der antisemitische Kult um den „heiligen Werner“ und viele weitere Aspekte jüdischer Geschichte im ländlichen Rheinland-Pfalz sind der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Das will das Kulturnetz Oberes Mittelrheintal e.V. mit einer Ausstellung ändern, die in Schaufenstern, kleinen Galerien und katholischen Kapellen gezeigt werden soll.

Geprägt von Antisemitismus sind meistens auch Verschwörungserzählungen, die im Kontext der Corona-Pandemie kursieren. Eins der bedauerlicherweise wenigen Projekte, die sich explizit mit der Thematik auseinandersetzen, ist das Jugend-Breakdance-Projekt „Impfpass gegen Verschwörungserzählungen“. Das Projekt klärt mit viel Humor über Verschwörungsglauben auf und zeigt, dass Demokratiearbeit nicht im Sitzen stattfinden muss.

Unser großer Dank geht an alle Engagierten und unsere Spender:innen!

Wir sind froh und dankbar, dass so viele Initiativen sich im Sinne einer starken und demokratischen Zivilgesellschaft für eine offene Gesellschaft einsetzen! Dieses Jahr hat uns wieder eine so große Zahl toller Projektideen erreicht, dass wir nur eine Auswahl von ihnen fördern konnten – insgesamt 111! Wir bedanken uns bei allen Initiativen herzlich für ihr großartiges Engagement. Da wir nicht alle Projekte in diesem Text würdigen können, empfehlen wir einen Blick in unsere Förderübersicht. Regelmäßig berichten wir auch in Artikeln auf unserer Website über das Engagement einzelner Förderprojekte.  Ein großer Dank geht auch an alle, die mir ihrer großen oder kleinen Spende die Unterstützung der zivilgesellschaftlichen Projekte erst möglich gemacht haben.

Damit wir unsere Arbeit fortsetzen und weiterhin Engagierte und ihre vielfältigen Ideen für eine demokratische Zivilgesellschaft unterstützen können, freuen wir uns auch in Zukunft über Ihre Spenden!

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Werde Teil einer lokal, regional als auch bundesweit agierenden Stiftung, die sich erfolgreich für demokratische Zivilgesellschaft, demokratische Kultur und Betroffene rechter Gewalt einsetzt. Die Amadeu Antonio Stiftung sucht für ihren Standort in Berlin zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine:n studentische:n Mitarbeiter:in für das Projekt „Visualising Democracy“ (20h/Woche).

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