„Montags bunt statt braun“ – unter dem Motto versammeln sich jeden ersten Montag im Monat Demokrat*innen aus Bitterfeld, die den Marktplatz nicht den Teilnehmenden einer rechtsextremen Demonstration zu überlassen wollen.
Von Vera Ohlendorf
Gegen 18 Uhr senkt sich die Dämmerung über die Bitterfelder Innenstadt. Etwa 200 Menschen kommen auf der westlichen Seite des Marktplatzes zusammen. Seit September 2025 stehen sie jeden ersten Montag im Monat unter dem Motto „Montags bunt statt braun: Bitterfeld-Wolfen zeigt Haltung“ hier, um ein Zeichen für Demokratie, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu setzen. Viele haben Regenbogenfahnen und selbstgemalte Schilder mitgebracht. „Unser Kreuz hat keinen Haken“ steht auf einem, „Rassismus ist keine Alternative“ auf einem anderen. Ihre Präsenz ist nötig, denn zur selben Zeit füllt sich die Ostseite des Marktes mit 300, vielleicht 400 Menschen, die der Einladung zur Kundgebung der AfD gefolgt sind. Sie findet seit den Corona-Zeiten regelmäßig statt.
„Wir sind ein lokales Netzwerk aus fast allen demokratischen Parteien, vielen zivilgesellschaftlichen Akteuren, Kirchen, Gewerkschaften und engagierten Einzelpersonen. Wir wollen bewusst die breite Gesellschaft ansprechen, von links bis konservativ“, beschreibt Anna. Sie engagiert sich von Beginn an im Kernteam. „Wir setzen vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt hier ein starkes Zeichen für die Demokratie, indem wir sagen: Nein, der Platz gehört nicht einer Partei, sondern uns allen.“
Solidarität und gesellschaftliche Verantwortung leben
Das Demokratiefest wird von der Amadeu Antonio Stiftung gefördert. Es beginnt mit warmem Apfelsaft, der an dem kühlen Abend die Finger wärmt, und einer eindringlichen Bitte: In Zeiten, in denen die Demokratie besonders herausgefordert ist, sollten wir alle mehr auf unsere Mitmenschen achten und für ein gutes Zusammenleben für alle einstehen. Es folgt beschwingte Gitarrenmusik: „Imagine“, „Die Gedanken sind frei“, „We Shall Overcome“ und mehr Lieder, die verbindend sind und lauthals mitgesungen werden.
Die Moderatorin stellt für alle klar: „Demokratie beginnt nicht in den Parlamenten, sondern im Alltag, zwischen uns.“ Von der östlichen Seite des Marktes dröhnen einschlägige Schlagersongs herüber, die die deutsche Nation besingen und „wir gegen die“-Bedrohungssituationen beschwören. Gegen 18.30 Uhr setzt sich der „Spaziergang“ der AfD durch das Stadtzentrum in Bewegung. Bei der letzten Bundestagswahl erreichte die AfD in Bitterfeld-Wolfen einen Zweitstimmenanteil von 41,1 Prozent.
Bei den Demokrat*innen appellieren verschiedene Redebeiträge an Solidarität und Verantwortung für eine Gesellschaft, in der alle gut leben können. Immer wieder ist zu hören, dass es Mut braucht, um vermeintlich einfachen Lösungsangeboten der Rechtsextremen zu widerstehen, die spalten und Hass schüren. Referentinnen aus der Bitterfelder Zivilgesellschaft sowie von CDU und Linkspartei weisen auf die prekäre Situation von Migrant*innen und Geflüchteten in Sachsen-Anhalt hin, auf zunehmenden Rassismus und die Angst der Betroffenen. Sie plädieren für Geschlechtergerechtigkeit und gegen antifeministische Ideologien sowie für mehr soziale Gerechtigkeit, um die gesellschaftliche Spaltung in Ostdeutschland zu überwinden.
„Wir wollen nicht, dass dieses Bundesland krachen geht“
„Wir sind nicht destruktiv gegen etwas, sondern für Demokratie, Vielfalt und dafür, dass Menschenrechte und Menschenwürde wirklich allen zugestanden werden. Wir wollen nicht, dass dieses Bundesland krachen geht“, sagt Anna. Es sind diese Grundwerte und die Sorge um die Zukunft, die die Bitterfelder Demokrat*innen vereinen.
Wie sieht die Zusammenarbeit praktisch aus? „Wir streiten uns auch mal, das bleibt in so einem breiten Netzwerk nicht aus“, erzählt Anna. Es habe schon Konflikte über die inhaltliche Ausrichtung von Redebeiträgen oder die Playlist gegeben. „Wir haben daraus gelernt. Wenn wir hier zusammenstehen, können wir uns nicht gegenseitig anfeinden, das wäre destruktiv und geht am Sinn der Veranstaltung vorbei. Unsere Bühne darf nicht für Wahlkampf benutzt werden.“ Im Organisationsteam engagieren sich etwa zehn Personen, darunter Unternehmer, Kommunalpolitiker*innen, Menschen aus den Kirchen und sozialen Berufen. Um die Demokratieveranstaltungen erfolgreich umzusetzen, unterstützen weitere Bürger*innen, indem sie für warme Getränke sorgen oder Flyer verteilen. „Wir organisieren uns in Arbeitsgruppen und kommunizieren vor allem über Messengerdienste. Größere Entscheidungen treffen wir demokratisch alle zusammen.“
Mit Einbruch der Dunkelheit sinken die Temperaturen. Der guten Stimmung beim Demokratiefest tut das keinen Abbruch. Gegen 19.30 Uhr beenden die AfD-Anhänger*innen ihren Demonstrationsspaziergang und kommen wieder auf der Ostseite des Marktes an. Immer wieder hallt der Sprechchor: „Ost- Ost-Ostdeutschland!“ über den Markt. Mitarbeiter*innen der Ordnungsbehörde messen auf beiden Seiten den Lautstärkepegel und mahnen, die Musik leiser abzuspielen. Die Unterschiede zwischen beiden Gruppen sind auffällig: Auf der AfD-Seite ausschließlich männliche Redner, die das überwiegend männliche Publikum mit Parolen anheizen. Auf der anderen Seite eine kleinere Gruppe von Menschen jeden Geschlechts, von Kind bis Senior*in, die gemeinsam singen und sich sorgen.
Demokratie- und Integrationsprojekte sind bedroht
Auch die aktuellen Entwicklungen der „Partnerschaften für Demokratie“ in Bitterfeld-Wolfen sind in den Redebeiträgen Thema. Das Netzwerk setzt sich intensiv damit auseinander, dass die AfD im Stadtrat kürzlich ihren Einfluss auf das Förderprogramm, das im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ finanziert wird, erheblich ausbauen konnte. Sie kann nun über die Mittelvergabe für Projekte gegen Rechtsextremismus und Rassismus mitbestimmen. Außerdem stimmte der Stadtrat für einen Änderungsantrag von AfD und Pro Bitterfeld-Wolfen, der Personalmittelkürzungen bei der externen Fach- und Koordinierungsstelle vorsah. Daraufhin kündigte der bisherige Träger, der Jugendclub ‘83 e.V., die Zusammenarbeit auf.
Kürzlich wurde die Trägerschaft dem Verein Stadtring 4.0 übertragen, der laut Bitterfelder Demokrat*innen keine erkennbare Expertise in der Demokratie- und Jugendarbeit hat und der AfD und ihren Zielen nahesteht. Das Netzwerk fürchtet, dass nun viele bisher erfolgreiche Projekte nicht mehr umgesetzt werden können. Insbesondere interkulturelle Veranstaltungen und Beratungs- und Sozialangebote für Migrant*innen werden betroffen sein, fürchtet Anna. Gemeinsam will das Netzwerk versuchen, alternative Finanzierungsmöglichkeiten zu finden.
„In Zeiten, in denen Demokratiearbeit und Engagement stark unter Druck stehen, besteht die Chance, dass die Menschen erkennen, dass sie die Gesellschaft aktiv mitgestalten können und müssen und ein bisschen aus der Bequemlichkeit rauskommen“, sagt Anna. Es seien neue und frische Ideen gegen Frust und Resignation nötig. Demokrat*innen müssten gemeinsam an einem Strang ziehen. Sie wünscht sich, dass noch mehr Unternehmen, Vertreter*Innen aus der Kunst- und Kulturszene und Menschen aus pädagogischen Berufen aus der Region für das Netzwerk gewonnen werden können, auch wenn manche Angst vor Konsequenzen im Beruf hätten.
Kurz nach 20 Uhr enden die AfD-Kundgebung und das Demokratiefest, ohne dass es zu Zwischenfällen kommt. In einem Monat wird das Netzwerk wieder zu Solidarität und Zusammenhalt gegen die rechtsextreme Normalisierung in der Stadt aufrufen.
„Wir wissen alle, dass es fünf nach zwölf ist“, sagt Anna. Für viele, die arbeiteten oder familiäre Verpflichtungen hätten, bedeute es eine große zeitliche Belastung, regelmäßig vor Ort zu sein und die Demokratiefeste zu organisieren. Dennoch sei es ihnen wichtig, im wahrsten Sinne des Wortes stabil zu bleiben.
Wer die Bitterfelder Demokrat*innen unterstützen und bei den kommenden Demokratiefesten dabei sein will, findet auf der Webseite des Netzwerks aktuelle Informationen.


