Eine Frau geht mit ihrer Tochter auf den Berliner CSD, um unbeschwert dafür zu demonstrieren, dass queeres Leben in Sicherheit existieren darf – doch sie kehrt nie zurück, weil sie Opfer eines islamistischen Anschlags wird. Ein Islamist rast in den Berliner CSD, mit dem Ziel, so viele Menschen wie möglich zu töten. 29 weitere Menschen wurden verletzt, einige von ihnen kämpften um ihr Leben. Glücklicherweise sind sie inzwischen außer Lebensgefahr. Und es hätte noch viel schlimmer kommen können.
Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Ermordeten, den Verletzten, bei allen, die den Anschlag miterleben mussten, sowie bei der gesamten queeren Community und allen, die nach wie vor von dieser furchtbaren Tat betroffen sind. Die Auswirkungen dieser Tat werden bleiben. Doch auch das kündigte sich an: CSDs sind nicht mehr die unbeschwerten sicheren Orte, die sie einmal waren. Die Bedrohung von CSDs und queeren Menschen hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
Dass queere Orte und Veranstaltungen immer wieder Ziel von Angriffen und Anfeindungen sind, ist nichts Neues – doch die Bedrohung durch islamistisch motivierten Terror ist real und seit Jahren präsent. Sie richtet sich gezielt gegen sichtbares queeres Leben, gegen CSDs, Clubs und Veranstaltungen, die für Vielfalt und Selbstbestimmung stehen.
Queeres Leben wird zum Ziel islamistischer Gewalt
Der Anschlag in Berlin reiht sich ein in eine Kontinuität islamistischer Anschläge und vereitelter Pläne: 2016 ermordete ein Attentäter im queeren Club „Pulse“ in Orlando 49 Menschen und verletzte 58 weitere. 2022 eröffnete ein Islamist am Vorabend der Pride in Oslo das Feuer auf Besucher*innen des „London Pub“, tötete zwei Menschen und verletzte 21 teils schwer. 2019 wurde ein geplanter Anschlag auf die Pride in London rechtzeitig verhindert. Im Juni 2023 stoppte die Wiener Polizei unmittelbar vor der Pride einen weiteren geplanten Messer- und Fahrzeug Angriff dreier junger Islamisten.
Diese Taten verfolgen ein klares Ziel: queeres Leben einzuschüchtern, zurückzudrängen und Menschen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Sie treffen nicht nur die unmittelbaren Opfer, sondern erzeugen weitreichende Verunsicherung in der gesamten Community.
Sicherheitsbehörden warnen seit Jahren vor genau dieser Entwicklung. So wies das FBI im Juni 2024 darauf hin, dass Organisationen wie der sogenannte „Islamische Staat“ Pride-Veranstaltungen gezielt als „weiche Ziele“ betrachten – also Orte mit vielen Menschen und vergleichsweise geringem Schutz. Dass Großveranstaltungen, die vor allem Frauen und Queers* anziehen, aufgrund konkreter islamistischer Bedrohungslagen abgesagt werden müssen, wie etwa das Taylor Swift-Konzert in Wien im selben Jahr, verdeutlicht die reale Gefährdungslage.
Gleichzeitig zeigt der Blick nach Deutschland: Queerfeindliche Gewalt insgesamt nimmt deutlich zu. 2024 stieg die Zahl entsprechender Angriffe um über 40 Prozent, für 2025 dokumentierte die Amadeu Antonio Stiftung 112 Angriffe auf Pride-Veranstaltungen – überwiegend aus dem rechtsextremen Spektrum. In ihrer Menschenfeindlichkeit überschneiden sich diese Ideologien: Rechtsextreme und Islamisten sind in ihrer Menschenfeindlichkeit geeint. Im schlimmsten Fall profitieren sie beide von gesellschaftlicher Polarisierung. Umso wichtiger ist es, diese Zusammenhänge klar zu benennen – und zugleich Instrumentalisierungen entgegenzutreten. Nach islamistischen Anschlägen werden Taten immer wieder genutzt, um pauschal gegen Muslim*innen zu hetzen und die gesellschaftliche Spaltung voranzutreiben. Doch das Problem ist nicht Religion, sondern islamistischer Extremismus. Wer jetzt verallgemeinert, lenkt von den tatsächlichen Ursachen ab und stärkt genau die Kräfte, die unsere offene Gesellschaft angreifen.
Die Angst wächst – und schreibt sich in Körper ein
Innerhalb der queeren Community wächst das Gefühl der Unsicherheit spürbar. Was früher als Raum der Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und kollektiven Stärke galt, wird zunehmend auch als potenzieller Gefahrenort wahrgenommen. Viele Menschen berichten davon, heute auf CSDs wachsamer zu sein, häufiger den Blick über die Schulter zu werfen und sich Fragen zu stellen, die noch vor wenigen Jahren kaum eine Rolle spielten: Bin ich hier sicher? Kann ich mich frei bewegen? Was könnte im schlimmsten fall passieren? Manche entscheiden sich inzwischen sogar gegen eine Teilnahme – aus Angst vor Anfeindungen oder Gewalt.
„Seid ihr sicher rausgekommen?“
„Bist du sicher? Seid ihr sicher rausgekommen? Geht es dir gut?“ Für die mehr als eine Million Besucher*innen des CSD gab es nach der Räumung keine andere Frage mehr. Das darf und das sollte nicht so sein. Es ist der eine Tag im Jahr, an dem man sich einmal als queere Person in der Mehrheit akzeptiert und sich sicher fühlen darf. Viele aus der queeren Community fragen sich: Wie sicher sind wir noch? Und wer steht an unserer Seite?
Das ist trotz vieler politischer Verurteilungen der Tat und Lippenbekenntnisse gar nicht so einfach zu beantworten. Ein Angriff „auf uns alle“? „Auf unsere offene Gesellschaft“, „auf die Stadt der Freiheit“? Es war ein Angriff auf Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans und queere* Menschen: Es war ein Angriff auf die queere Community. Auf Menschen, die zum Feindbild werden, weil sie lieben, wen sie lieben, weil sie sich nicht einschüchtern lassen, weil sie entschlossen und frei von Angst verschieden sein wollen.
Doch der Regenbogen hat Risse bekommen. Der Anschlag fällt in eine politische Zeit, die geprägt ist von queerfeindlichen Angriffen, verunsichernden politischen Äußerungen und fehlender Rückendeckung für die Community. Noch im vergangenen Jahr untersagte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner die Regenbogen-Flagge auf dem Bundestag, unterstützt von Kanzler Friedrich Merz, der betonte, dass der Bundestag „kein Zirkuszelt“ sei. Das Bekenntnis zu queerem Leben ist zum Kulturkampf-Thema geworden, mit weitreichenden Folgen: Im Zuge der Kürzungen des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ lässt Familienministerin Karin Prien verlauten, dass Vielfalt „kein staatliches Förderziel“ sei. Zahlreiche Bildungs- und Aufklärungsprojekte sowie Selbstorganisationen müssen mit einschneidenden Kürzungen rechnen oder verlieren ihre Förderungen gleich ganz.
Förderprogramme wie „Demokratie leben!“ leisten einen wichtigen Beitrag zur Prävention queerfeindlicher Gewalt und sollten stattdessen gestärkt werden. Gleichzeitig müssen wir hinterfragen, ob islamistische Radikalisierung und vor allem Queerfeindlichkeit bislang ausreichend berücksichtigt wurden. Neue Bedrohungslagen verlangen neue Antworten – ohne den Kampf gegen Rechtsextremismus relativieren zu müssen, wie es die AfD gerade versucht.
Rechtsextreme und Islamisten profitieren von gesellschaftlicher Spaltung
Queerfeindliche Gewalt im Kontext islamistischer Ideologien ist eine reale Bedrohung. Sie richtet sich gezielt gegen sichtbare Orte queeren Lebens und gegen Veranstaltungen, die für Vielfalt und Selbstbestimmung stehen. Das zu benennen ist wichtig, denn hier sind sich Rechtsextreme und Islamisten in ihrer Menschenfeindlichkeit einig. Sie profitieren beide von gesellschaftlicher Polarisierung und verstärken sich gegenseitig.
Was es jetzt braucht: Schutz, Prävention und uneingeschränkte Solidarität
Terroranschläge treffen nicht nur die unmittelbaren Opfer, sondern erzeugen immer Angst und Unsicherheit weit über die betroffenen Orte hinaus. Umso wichtiger ist es, Bedrohungslagen ernst zu nehmen, Schutzkonzepte zu stärken und sich solidarisch an die Seite der Betroffenen zu stellen. Was es jetzt braucht, ist Solidarität und Konsequenz.
Alle Demokrat*innen müssen an der Seite der queeren Community stehen – sichtbar, entschlossen und ohne Relativierung. Das bedeutet, islamistische Bedrohungen ernst zu nehmen, radikalisierte Täter konsequent zu verfolgen und Präventionsarbeit gegen gewaltbereiten Extremismus auszubauen.
Es bedeutet aber auch, queere Menschen nicht erst nach Anschlägen zu unterstützen. CSDs und queere Orte brauchen langfristige Sicherheit, politische Rückendeckung und verlässliche Strukturen. Politiker*innen müssen nicht nur nach Angriffen Solidarität bekunden, sondern auch im Alltag sichtbar an der Seite der Community stehen: durch Präsenz bei CSDs, durch klare Worte gegen Queerfeindlichkeit und durch konkrete Unterstützung.
Eine offene Gesellschaft zeigt sich nicht erst dann, wenn es zu Anschlägen kommt. Sie zeigt sich darin, ob sie Menschen schützt, bevor Hass in Gewalt umschlägt. Denn die Antwort auf Hass darf niemals Rückzug sein. Die Antwort muss eine Gesellschaft sein, die Vielfalt nicht nur toleriert, sondern verteidigt – gemeinsam, sichtbar und entschlossen.



