Jeden Tag werden in Berlin Personen aus abwertungsideologischen Motiven wie Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit, Sexismus etc. angegriffen oder bedroht. Wer nach einem solchen Gewaltvorfall finanzielle Unterstützung braucht, kann beim Berliner Soforthilfefonds der Amadeu Antonio Stiftung einen Antrag stellen. Esra erzählt, welche Hassgewalt Esra erlebt hat und wie der Fonds half.
2025 hat der Fonds 317 Personen finanziell unterstützt und beraten. Mit den kleinteiligen Unterstützungen wurden benötigte Therapiesitzungen, Anwaltskosten, Selbstverteidigungskurse finanziert oder beschädigte Gegenstände ersetzt. Hinter diesen Zahlen stecken sehr persönliche Erfahrungen. In dieser kurzen Interview-Reihe kommen Betroffene zu Wort. Sie erzählen von ihren Erfahrungen mit Hassgewalt, wie sie damit umgegangen sind und was aus ihrer Perspektive noch im Kampf gegen Hassgewalt passieren müsste.
„Mein Leben hat sich um 180 Grad gedreht“ – Esra* erzählt
Aurélie (Soforthilfefonds): In Berlin erleben Personen jeden Tag Hassgewalt. Auch du hast schon Hassgewalt in Berlin erlebt und hast Unterstützung durch den Soforthilfefonds erhalten. Was war vorgefallen?
Esra: Ja, auf dem CSD vor zwei Jahren wurde ich von einer Gruppe von Jugendlichen verprügelt. Ich habe mir am Ufer die Veranstaltung der Boote angeschaut, da habe ich gesehen, dass ein Pärchen auf der Brüstung saß und sich mit ein paar Jugendlichen stritt. Scheinbar hatte ein Jugendlicher die beiden angesprochen und es kam zu gegenseitigen Beleidigungen. Als einer der Jugendlichen einem der beiden Männer ins Gesicht schlug, habe ich eingegriffen. Ich habe mir Sorgen gemacht, dass einer ins Wasser fallen könnte. Deshalb bin ich dazwischen gegangen, ich habe zumindest verhindert, dass das Pärchen ins Wasser fällt. Ich war eigentlich komplett unbeteiligt, mir ist auch unklar, wer angefangen hat. Danach haben mich die Jugendlichen verprügelt. Das Pärchen hat das mitbekommen, sie haben aber nichts gemacht. Am Ende haben mich zwei Passanten gerettet, die vorbeikamen. Zum Glück sind die beiden eingeschritten. Mehrere Zeug*innen haben die Polizei gerufen. Bis heute ist mir unklar, warum die Jugendlichen das gemacht haben. Ich bin seitdem ganz anders. Mein Leben hat sich um 180 Grad gedreht, ich habe mir so viele Fragen gestellt: Wer sind diese Menschen? Warum? Wer ist schuld? Das muss alles geklärt werden und das belastet mich sehr. Ich bin dann in ein tiefes Loch gefallen. Auch weil ich keine Resonanz oder Unterstützung aus der Community bekommen habe, und auch keine psychologische Unterstützung erhalten. Dann habe ich die Darstellung der Polizei in der Zeitung gelesen und die war auch noch falsch.
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Häufigstes Motiv Rassismus
In vielen Fällen erfahren die Betroffenen Gewalt aus mehreren Motiven und sind intersektional, also von mehreren Diskriminierungsformen gleichzeitig, betroffen. 2025 waren rassistische Motive bei 66% der Vorfälle besonders häufig. Auch LSBTI*feindliche Motive, und da insbesondere Transfeindlichkeit, waren mit 38% ebenfalls sehr stark, ebenso wie sexistische Motive mit 25%. In mehr als der Hälfte der Vorfälle gab es mehr als ein Motiv. Dies zeigt, dass Ideologien der Ungleichwertigkeit ineinandergreifen.
Hassgewalt kann verschiedene Formen annehmen: Verbale Beleidigung, körperliche Angriffe oder sexualisierte Gewalt sind für viele eine alltägliche Erfahrung. Zahlreiche Fälle passieren im öffentlichen Raum (37%), auf der Straße, in Parks oder in öffentlichen Verkehrsmitteln (15%). Oft kennen die Täter*innen die Personen nicht, die sie angreifen. Es geht den Täter*innen auch nicht um die einzelne Person, sondern sie werden als Stellvertreter*innen einer vermeintlichen Gruppe angegriffen. Dies ist charakteristisch für Hassgewalt. Doch auch der Nahraum (19%) ist häufig nicht sicher, Hassgewalt findet auch in Nachbarschaften durch den Nachbarn, die Mitbewohnerin oder der*die Partner*in statt.
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Aurélie (Soforthilfefonds): Du hast gesagt, dass du leider keine Unterstützung aus der Community erhalten hast. Hast du irgendwo anders Unterstützung erhalten? Wie bist du auf den Soforthilfefonds aufmerksam geworden?
Esra: Das ist eine interessante Frage. Weißt du, ich komme aus Brasilien. Wenn da was schiefläuft, dann weiß ich, wo ich hingehen muss. Aber hier war mir alles fremd. Die Polizei hat mir eine Internetseite gezeigt mit verschiedenen Adressen. Man wird nicht begleitet, sondern ich musste mich selbst sehr bemühen. Der Weg zur richtigen Stelle war lang und schmerzhaft. Man ist in einem Schockzustand, man wird überwältigt von Fragen und man braucht sofort Hilfe! Wenn man betroffen ist, braucht man sofort einen Anwalt und wenn möglich einen Psychologen. Ich war bei verschiedenen Stellen, musste immer wieder erzählen was passiert ist, das ist sehr schwer. Ich war bei einer Beratungsstelle, in der Hoffnung, dass sie einen Anwalt vermitteln können. Dies war leider nicht der Fall, für mich war aber klar, ich brauche Geld für die nächsten Schritte. Über eine Beratungsstelle habe ich dann den Soforthilfefonds kennengelernt. Der Weg war lang.
Aurélie (Soforthilfefonds): Das erzählen uns immer wieder Personen, dass die Wiederholung der Geschehnisse sehr belastend ist und auch, dass der Verweis an die richtigen Stellen sehr lange dauern kann. Was für eine Art der finanziellen Unterstützung hast du erhalten? Und inwieweit hat dir das geholfen?
Esra: Das hat total geholfen, denn damit konnte ich wirklich aktiv werden und einen Anwalt beauftragen. Das habe ich letztendlich nur machen können, weil ich dann das Geld hatte. Für jemanden wie mich, der kein Geld hat, war das total wichtig. Besonders Leute, die ja schon in einer schwierigen Situation leben, ist es essentiell, dass man Zugang zum Justizsystem hat. Und das habt ihr mir ermöglicht. Hätte ich früher von euch gewusst, wäre ich nicht zu den anderen Stellen gegangen. Diese ständigen Termine und Gespräch, das war wirklich unnötig.
Warum gibt es nicht mehr von euch? Oder ähnliche Projekte, wohin sich Leute wenden können?
Aurélie (Soforthilfefonds): Tatsächlich gibt es den Soforthilfefonds in der Form nur in Berlin und er wird seit Mitte 2021 durch das Land Berlin finanziert. Wir konnten in den letzten Jahren schon viel lernen und es ist sehr deutlich geworden, dass der Soforthilfefonds eine Lücke in der Unterstützungslandschaft Berlins schließt. Der Bedarf ist sehr hoch und ein solches Projekt wäre auch in anderen Bundesländern sinnvoll. Denn nach einem Vorfall aus Hassgewalt erzählen uns Personen von ganz unterschiedlichen Bedarfen. Wir bieten finanzielle Unterstützung an und beraten dazu. In einigen Fällen, wie bei Dir, ist so was Handfestes hilfreich, denn Anwälte sind teuer, Therapiesitzungen summieren sich schnell zu großen Beträgen und sind oft nicht direkt verfügbar. Mit finanzieller Unterstützung kann man ins Handeln kommen.
Andere brauchen psychosoziale Unterstützung, die wir selbst nicht anbieten, aber manche Beratungsstellen können ein paar Sitzungen anbieten oder zu Prozessen begleiten, was vielen sehr hilft. Die Bedarfe sind unterschiedlich und deshalb arbeiten wir auch eng mit den Beratungsstellen zusammen. So können wir gemeinsam schauen, was die jeweilige Person benötigt. Meiner Meinung nach braucht es oftmals sowohl finanzielle Unterstützung als auch das Angebot der verschiedenen Beratungsstellen. Zusammen können wir eine gute Unterstützung leisten.
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Unterstützung durch den Soforthilfefonds
Viele Betroffene berichten, dass umstehende Personen zwar die Hassgewalt beobachten, aber nicht eingreifen oder Hilfe anbieten. Diese Erfahrung ist für Betroffene besonders schlimm. Der Fonds setzt mit seiner Arbeit ein Zeichen der Solidarität und appelliert an die Verantwortung der Stadtgesellschaft nicht wegzuschauen. Die finanzielle Unterstützung kann für verschiedene Maßnahmen genutzt werden, wie beispielsweise Therapie- und Anwaltskosten, den Ersatz von zerstörten Gegenständen, Selbstverteidigungs- oder Empowermentkurse.
Im Mittelpunkt stehen die Bedarfe der Betroffenen. Denn Hassgewalt geht mit negativen Folgen für die Betroffenen einher: Schlafstörungen, körperliche Beschwerden, psychische Belastungen, finanzielle Probleme oder Sachschäden, um nur einige zu nennen. Daraus entstehen sehr unterschiedliche Bedarfe. Ziel ist es die Betroffenen bei anfallenden Kosten zu unterstützen und eine erste Verbesserung der Situation zu ermöglichen.
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Aurélie (Soforthilfefonds): Esra, was denkst du, nach dem, was du erlebt hast: Was muss aus deiner Sicht noch für Betroffene getan werden? Und ganz generell, was muss in der Bekämpfung von Hassgewalt getan werden?
Esra: Das ist keine leichte Frage. Weißt du, ich habe schon so viel Hassgewalt erlebt. Ich bin aus Brasilien als queere*r Aktivist*in gekommen in der Hoffnung, dass ich hier in einer gerechten, freien Gesellschaft leben werde und werde hier ständig mit Gewalt konfrontiert. Auf der Arbeit wurde ich gemobbt. Im Privatleben, sei es in Freundschaften oder Beziehungen, habe ich auch Gewalt erlebt und auch durch meinen Vermieter. Dennoch war es besonders schlimm beim CSD angegriffen zu werden. Das ist sehr symbolträchtig, das ist nicht irgendein Tag, es ist der Tag des Stolzes, und deswegen hat mich dieser Vorfall besonders betroffen. Was mir aufgefallen ist: Hier kann ich zwar rumlaufen wie ich möchte, mich anziehen wie ich möchte, aber deswegen bin ich nicht gleich frei. Denn gleichzeitig interessiert sich hier niemand für dich, dadurch ist es schwierig das Gefühl von Zugehörigkeit zu stärken. Das wäre wichtig, auch für die Bekämpfung von Hassgewalt, mehr Zugehörigkeit zu ermöglichen und sich füreinander einzusetzen. Ich denke es ist wichtig sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. So ein Austausch kann Halt geben. Für mich persönlich war es wichtig mit anderen Künstler*innen zu sprechen. Wir haben dann eine Initiative gegründet, um Geschichten wie diese auf die Leinwand bzw. Bühne zu bringen. Diese künstlerische Auseinandersetzung hilft sehr.
Mehr Infos zur Initiative Between Silence and the Shout
* Esra heißt eigentlich anders, zum Schutz haben wir den Namen geändert
So leistet der Berliner Soforthilfefonds Hilfe bei Hassgewalt
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