Queere Menschen leben gefährlich, der Terroranschlag auf den Berliner CSD hat das einmal mehr gezeigt. Wir haben bei sieben CSDs in Kleinstädten nachgefragt, wie sie die diesjährige Saison bisher erlebt haben.
Von Vera Ohlendorf
Laut Bundeskriminalamt hat sich die Zahl queerfeindlicher Straftaten seit 2010 verzehnfacht. Im letzten Jahr verzeichnete die Amadeu Antonio Stiftung 112 Angriffe auf CSDs. Die meisten gingen von rechtsextremen Gruppen aus. Die Zahl der queerfeindlichen Delikte stieg auf einen neuen Höchststand. Gleichzeitig werden öffentliche Förderungen auf Bundes- und Landesebene für Beratungs- und Unterstützungsangebote für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche und queere Menschen aktuell stark gekürzt.
In diesem Jahr haben bundesweit etwa 170 CSDs und andere Pride-Events bereits stattgefunden. Bei mindestens 80 davon kam es zu Störungen, Beleidigungen, Hassrede, Sachbeschädigungen oder Angriffen auf Teilnehmende. Elf CSDs sahen sich bisher mit organisierten Anti-CSD-Kundgebungen konfrontiert.
Mit der finanziellen Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung konnten 2026 bereits 30 CSDs in kleineren Städten sicherer umgesetzt werden – darunter die CSDs in Langenfeld, Pirna, Rostock, Freiberg, Golßen, Wittenberg und Görlitz. Wir haben die verantwortlichen Organisationsteams gefragt, welches Fazit sie für ihre CSDs ziehen, welche Forderungen sie an Politik und Gesellschaft stellen und wie es für sie zukünftig weitergeht.
CSD Golßen: Für eine Heimat ohne Angst
„Heimat ist ein Ort, wo man keine Angst haben muss, anders zu sein. Deshalb braucht es den CSD in Golßen!“ Hape Kerkeling fand in seiner Rolle als Schirmherr klare Worte, die die Bedeutung des CSDs für die brandenburgische Kleinstadt mit ihren knapp 2.500 Einwohner*innen unterstreichen. „Das Medienecho war für uns als Organisationsteam überwältigend“, sagt Liane vom Orga-Team, des CSD, der am 20. Juni stattfand, und stimmt Kerkeling zu: „Heimat sollte ein Ort sein, an dem Menschen dazugehören, ohne ihre Identität verstecken oder Angst vor Ablehnung haben zu müssen. Niemand sollte für ein selbstbestimmtes queeres Leben in eine größere Stadt ziehen müssen.“ Dem Team war es wichtig, einen CSD zu veranstalten, der sich explizit nicht nur an queere Menschen richtet: „Er ist eine Einladung an alle, die für Demokratie, Menschenwürde, Respekt und ein friedliches Zusammenleben eintreten. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten zunehmend aggressiv geführt und die Rechte queerer Menschen infrage gestellt werden, braucht es auch im ländlichen Raum sichtbare Zeichen der Solidarität“, sagt Liane. Queere Golßener*innen erlebten teils wenig Akzeptanz und abwertende Äußerungen. Einige hätten Sorge, durch ein offenes Auftreten negative Reaktionen hervorzurufen.

„Man begegnet sich hier häufig wieder, ein anonymes Ausweichen ist kaum möglich. Queere Beratungs-, Freizeit- und Unterstützungsangebote sind außerdem weit entfernt. Bis zum nächsten queeren Stammtisch muss man über 50 Kilometer fahren“, beschreibt Liane. Ausgrenzungserfahrungen verstärken sich, wenn AfD-Politiker*innen queere Bildungsarbeit ausdrücklich ablehnen oder sich diffamierend äußern. Bei der Landtagswahl 2024 erhielt die AfD in Golßen 46,2 Prozent der Zweitstimmen. Sichere queere Räume für Austausch und Veranstaltungen und mehr Akzeptanz stehen auf der Wunschliste des CSDs deshalb ganz oben. Liane freut sich, dass zahlreiche Initiativen, Vereine, Unternehmen, Kirchengemeinden, Abgeordnete und Einzelpersonen den CSD tatkräftig unterstützt haben.
„Es war ein bewegender Moment, als die Regenbogenflagge am Rathaus gehisst wurde. Die Flagge stand nicht nur für den CSD, sondern auch dafür, dass Einschüchterung und queerfeindliche Angriffe nicht darüber entscheiden, wer in unserer Stadt sichtbar sein kann“, beschreibt Liane. Vor und nach dem CSD kam es via Instagram zu Anfeindungen und abwertenden Kommentaren. Die Kundgebung und das anschließende Fest der Vielfalt verliefen trotz Starkregens und vereinzelten Störversuchen mit über 300 Teilnehmenden aber sehr erfolgreich, auch dank Polizei und Awareness-Team. Nach dem CSD geht die Arbeit weiter: Die Engagierten gründen einen Verein, der dem CSD eine dauerhafte Grundlage gibt. Er soll außerdem helfen, queere Themen nachhaltig in der Region zu verankern und mehr sichere Räume für Begegnung, Austausch, Kunst und Kultur zu schaffen.
CSD Lutherstadt Wittenberg – Queer Pride Against White Pride
In Lutherstadt Wittenberg gingen am 20. Juni etwa 400 Menschen zum zweiten Mal für Akzeptanz und queere Rechte auf die Straße. Anders als beim ersten Mal vor einem Jahr waren die Teilnehmenden nicht mit einer rechtsextremen Kundgebung konfrontiert. Pöbeleien, Beleidigungen und böse Blicke von Passant*innen gab es aber trotzdem. Das Organisationsteam berichtet von vielen Problemen in der Stadt, die sich endlich ändern sollen. Es gibt zu wenig Austausch- und Begegnungsmöglichkeiten für queere Personen, keine Safer Spaces, keine Beratungsangebote und kaum Verständnis oder Akzeptanz für queere Lebensrealitäten. Insbesondere transgeschlechtliche Personen erlebten immer wieder Anfeindungen im Alltag.
Vor der Laufdemonstration fand auf dem Wittenberger Marktplatz eine Kundgebung mit vielen Infoständen statt. Der CSD bekam viel Unterstützung: Die örtliche Diakonie, die Ansprechpersonen für queere Menschen der Polizei Sachsen-Anhalt, demokratische Parteien, die Aidshilfe Halle, der queere Beratungsverein BBZ Lebensart aus Halle und viele andere waren dabei, außerdem gab es zahlreiche Reden und Performances.

Die Regenbogenflagge weht an der Stadtkirche am Markt. Doch die Sorge um die Ergebnisse der kommenden Landtagswahl am 6. September ist allgegenwärtig . Die AfD könnte in Sachsen-Anhalt ab Herbst die Regierung stellen.
Die Aktivistin Luna Möbius ist Schirmherrin des CSDs. Sie kommt selbst aus Sachsen-Anhalt, will aber nicht sagen, in welchem Ort sie aufgewachsen ist, um ihre Eltern vor Anfeindungen und Schlimmerem zu schützen. Sie sagt in ihrer Rede: „Ich finde es schön, dass ihr alle hier seid, aber die Lage ist ehrlicherweise schon ein bisschen beschissen.“ Sie wolle keine rechtsextreme Regierung in ihrer Heimat dulden. Queere Menschen seien noch nicht wütend genug, die richtige Antwort sei immer eine widerständige Haltung.
Gleichzeitig müsse man mit den Menschen im Gespräch bleiben. Nicht alle, die die AfD wählten, seien von rechtsextremen Ideologien überzeugt. Sophie Koch, die Queerbeauftragte des Bundes, ist ebenfalls nach Wittenberg gekommen und appelliert: „Bleibt zuversichtlich. Unsere Gesellschaft bleibt eine offene Gesellschaft, solange wir alle jeden Tag dafür kämpfen.“ Das Organisationsteam des CSDs stellt klar: „Eine Regierung mit Beteiligung der rechtsextremen AfD stellt eine Gefahr für queeres Leben dar und würde den Hass, dem queere Menschen jetzt schon ausgesetzt sind, systematisch verstärken.“
Erster CSD Langenfeld: Vielfalt. Sichtbarkeit. Respekt
„Unsere Kleinstadt lag bislang im queeren Dornröschenschlaf, hier gibt es keine Angebote für queere Menschen. Wir wollen endlich etwas verändern“, sagt Chris vom Verein Queer in Langenfeld e.V., der den ersten CSD in der rheinländischen Kreisstadt am 11. Juli organisiert hat. Nicht alle, die Beratung oder Kontakte zu anderen queeren Menschen suchen, seien mobil. Gerade Jugendliche hätten oft keine Möglichkeit, nach Köln oder nach Düsseldorf zu fahren. Es brauche deshalb sichere Orte, an denen sich Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und andere queere Personen in der Stadt treffen könnten. Viele hätten das Gefühl, mit ihren Diskriminierungserfahrungen allein zu sein und fühlten sich isoliert. Eine Ansprechstelle für queere Anliegen gibt es bei der Stadt bislang nicht. Der CSD ist für die Organisierenden ein Auftakt, um ihre Themen in der Stadt sichtbar zu machen und Forderungen der Community an Politik und Verwaltung zu richten. „Wir merken natürlich auch, dass sich die politische Kultur verändert. Bei den letzten Kommunalwahlen hat die AfD viel an Zustimmung gewonnen. Wir wollen hier auch Räume besetzen und demokratische Werte verteidigen. Das ist auch ein Grund für den CSD“, sagt sie.

Auch dieser CSD bekam Hasskommentare. Auch dank umfangreicher Sicherheitsmaßnahmen zog der CSD dennoch 1.000 Teilnehmende an, die ohne Zwischenfälle gemeinsam (Regenbogen-)Flagge zeigten. Für Chris sind erste Veränderungen schon spürbar: „Die Stadt fühlt sich nach dem CSD anders an, einfach weil wir jetzt noch in viel größerem Maß voneinander wissen. Die Vereinzelung löst sich ein bisschen auf, denn alle haben nun gesehen, dass es hier andere Menschen gibt, denen es ähnlich geht. Wir passen aufeinander auf.“
CSD Freiberg – Farbe bekennen – das Patriarchat muss brennen!
Die sächsische Kreisstadt Freiberg zwischen Chemnitz und Dresden ist für den historischen Silberbergbau und die älteste montanwissenschaftliche Universität der Welt bekannt. Der dritte CSD am 11. Juli ist hier mehr als nur Party: „Freiberg liegt am Rande des Erzgebirges in einer Region, in der rechtsextreme Parteien oft die Mehrheit stellen“, sagen Martin und Ronja vom Bündnis Buntes Freiberg, das den dritten CSD organisiert hat. Die gesellschaftliche Stimmung wirke sich negativ auf Menschen aus, deren Lebensweise nicht heteronormativ ist. Queere Menschen seien häufig Beleidigungen, abwertenden Blicken und Angriffen ausgesetzt. Der CSD wolle queere Themen sichtbar machen.

Das diesjährige Motto sorgte für kontroverse Diskussionen, auch unter queeren Freiberger*innen. Einigen war es zu martialisch formuliert. Das Bündnis betont, das Motto „Farbe bekennen – das Patriarchat muss brennen!“ sei nicht wortwörtlich zu verstehen und fordere keineswegs zur Brandstiftung auf. Das Patriarchat sei ein Unrechtssystem, das Frauen und queere Personen unterdrücke. Wenn Rechtsextreme deren Rechte einschränken wollten, müsse man sich dagegen wehren. Und das ist bitter nötig: Das Organisationsteam wurde vor, während und nach dem CSD auf den Social-Media-Plattformen angefeindet.
Während des CSDs wurden Eier auf Teilnehmende geworfen, eine Person wurde dabei leicht verletzt. Nach Beleidigungen durch Passant*innen wurden Strafanzeigen aufgenommen. Ronja und Martin lassen sich nicht einschüchtern: „Wir blicken auf einen sehr erfolgreichen CSD zurück. In Freiberg eine Kundgebung mit 550 Teilnehmenden für Vielfalt und queere Lebensweisen zu veranstalten, ist leider nicht selbstverständlich. Die vielen Menschen, die den CSD unterstützen oder teilgenommen haben, geben uns Hoffnung und spornen uns an.“ Sie möchten weitere Veranstaltungen wie Lesungen, Gesprächsrunden und Filmabende organisieren, um dauerhaft einen Ort für queere Menschen in der Stadt zu schaffen.
CSD Pirna – Laut für alle, die leise sein müssen
Der CSD Pirna e.V. blickt auf eine 15-jährige CSD-Tradition in der ostsächsischen Kleinstadt zurück. „Der CSD ist hier nicht entstanden, weil es schön ist, ein buntes Fest zu feiern“, sagt Christian vom CSD Pirna e.V. „Als wir 2012 den ersten CSD organisiert haben, war Pirna für viele queere Menschen kein Ort, an dem sie offen leben konnten. Viele hatten Angst vor Ablehnung, Mobbing oder Gewalt. Es gab kaum öffentliche Unterstützung“, erzählt er. Wie hat sich das im Lauf der Jahre verändert? „Es gibt heute deutlich mehr Sichtbarkeit als damals. Viele gründen Familien oder engagieren sich öffentlich. Das wäre vor 15 Jahren so nicht möglich gewesen. Es gibt heute, auch dank unseres Vereins, mehr Anlaufstellen und Netzwerke als früher.“
Dennoch: Auch heute berichten viele queere Menschen in Pirna und im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge von Anfeindungen oder der Sorge, im Alltag, etwa am Arbeitsplatz, nicht vollständig akzeptiert zu werden. Besonders transgeschlechtliche, nichtbinäre und queere junge Menschen erlebten häufig Diskriminierungen und Unverständnis. Deshalb fordert der CSD mehr Akzeptanz im Alltag, etwa in der Schule, im Sportverein oder beim Besuch von Ärzt*innen, ebenso mehr Aufklärung, mehr Angebote und queere Treffpunkte. Christian wünscht sich generell mehr Haltung: „Demokratie und Menschenwürde dürfen nicht nur dann verteidigt werden, wenn es einfach ist. Kommunen, Unternehmen, Vereine und Politik sollten klar zeigen, dass Diskriminierung keinen Platz hat.“ Dann müsste der CSD nicht mehr als Protest stattfinden, sondern könnte einfach als Fest der Vielfalt gefeiert werden. An dem Punkt sei Pirna aber leider noch nicht angekommen, bedauert er. Anfeindungen gegen den CSD sind seit Jahren Realität. „Wir bekommen Hasskommentare in den sozialen Medien, beleidigende E-Mails oder persönliche Beschimpfungen“, beschreibt Christian. „In den vergangenen Jahren gab es einige Gegendemonstrationen und einzelne Störungen. Deshalb ist das Thema Sicherheit heute fester Bestandteil der Veranstaltungsplanung.“ In diesem Jahr versuchte eine kleine Gruppe rechtsextremer Jugendlicher wiederholt, auf das CSD-Gelände zu gelangen, wurde vom Sicherheitsdienst aber daran gehindert. Für Christian bleibt der CSD eine Herzensaufgabe. Auch der Anschlag auf den Berliner CSD habe gezeigt, dass es weiterhin nötig sei, auf die Straße zu gehen: „Nicht, weil wir provozieren wollen, sondern weil jeder Mensch das Recht haben sollte, ohne Angst so zu leben, wie er ist.“
CSD Rostock – Slay it loud! Letzte Chance für deine Stimme.
In Rostock hat der CSD am 18. Juli schon zum 24. Mal stattgefunden. In diesem Jahr mit 6.500 Teilnehmenden. Auch die Oberbürgermeisterin und die Landtagspräsidentin waren mit dabei. Dem Rostocker CSD ist es ein Anliegen, queere Forderungen an das Landesparlament und die Bürgerschaft direkt zu adressieren und politische Entscheidungen kritisch zu begleiten, auch außerhalb der CSD-Saison. „Unsere wichtigste Forderung ist die nach mehr Sicherheit für queere Menschen“, sagt Franko vom CSD-Orga-Team. „Polizei, Justiz und Verwaltung müssen stärker sensibilisiert werden, um Queerfeindlichkeit besser zu erkennen und die Hürden bei der Anzeigeerstattung abzubauen. Viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern erleben queerfeindliche Gewalt und diese Kriminalität muss auch statistisch sichtbar werden.“ In Rostock gebe es Angebote und queere Räume, im ländlichen Raum sehe das aber ganz anders aus. Hier müssten dringend mehr Unterstützungs- und Beratungsangebote für queere Menschen mit Diskriminierungs- und Gewalterfahrung geschaffen werden.

Am 20. September wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt. „Laut Prognose wird die AfD stärkste Kraft, aber noch ist das nicht entschieden“, betont Franko. „Deshalb haben wir unser Motto so gewählt. Wir werden nicht leise, wenn es politisch herausfordernd wird.“ Eine Regierungsbeteiligung der AfD würde Anfeindungen, Diskriminierung und Ausgrenzung, etwa von transgeschlechtlichen Menschen, legitimieren, Hilfsangebote würden gestrichen, fürchtet er. Kurz vor dem Rostocker CSD meldete eine rechtsextreme Gruppe offiziell eine „Gegendemo gegen den CSD“ mit 20 Teilnehmenden an. „Wir waren vorbereitet, diese Demo hat dann aber nicht stattgefunden, weil die Leute gar nicht aufgetaucht sind. Alles lief störungsfrei, wir sind sehr zufrieden“, freut sich Franko.
Der Terroranschlag auf den Berliner CSD ein Wochenende später sei dann ein Schock gewesen. Einen Tag später organisierten Rostocker*innen eine Trauerkundgebung, an der spontan 350 Menschen teilnahmen. „Rückzug ist für uns keine Option! Der Anschlag löst natürlich Sorgen aus, aber die Reaktionen zeigen, wie wichtig CSDs für die queeren Communities sind“, so Franko. „Wir werden im nächsten Jahr unser Sicherheitskonzept anpassen und uns die Route genau anschauen.“ Das Team will verstärkt auf die Unterstützung von Polizei, Politik und Zivilgesellschaft in Rostock setzen, damit der Safer Space CSD so safe wie möglich bleibt.
CSD Görlitz-Zgorzelec – love::united
Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands. Gemeinsam mit Zgorzelec, dem auf der anderen Seite der Neiße gelegenen polnischen Stadtteil, wurde Görlitz 1998 Europastadt. Der CSD engagiert sich seit 2023 für Sichtbarkeit, Sicherheit, Akzeptanz und Demokratie auf beiden Seiten der Grenze. „Görlitz und Zgorzelec sind keine Großstädte – Sichtbarkeit entsteht hier nicht automatisch“, sagt Wojciech, Vorstand des CSD Görlitz-Zgorzelec e.V. Sowohl auf der deutschen als auch auf der polnischen Seite der Neiße gebe es aktive queere Communities. Geringe Sichtbarkeit, konservative Milieus, politische Spannungen und fehlende sichere Räume gehörten aber für alle zu den alltäglichen Problemen. Die Organisation des grenzüberschreitenden CSDs ist für das ehrenamtlich arbeitende Team deshalb mit Herausforderungen verbunden.
Im letzten Jahr fand eine Demonstration gegen den CSD statt, an der sich rund 130 deutsche und polnische Rechtsextreme beteiligten. Der islamistische Terroranschlag auf den Berliner CSD hat die Bedrohungslage noch verschärft. „Es gab bereits einzelne Anfeindungen, die zeigen, dass wir auch in diesem Jahr mit Störversuchen rechnen müssen. Wir erwarten keine Eskalation, aber wir bereiten uns professionell auf mögliche Zwischenfälle vor – vor, während und nach der Pride“, sagt Wojciech.

Die Zusammenarbeit mit der deutsch-polnischen Polizei laufe gut. Kompliziert sei jedoch die Kommunikation mit dem Landkreises Görlitz: „Die Versammlungsbehörde sagt, die Abschlusskundgebung auf dem Obermarkt habe „Straßenfest-Charakter“ und könne nicht als Teil der Versammlung anerkannt werden.“ Ähnlich hatte die Stadt Dresden im vergangenen Mai gegenüber dem CSD Dresden argumentiert. Nach einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts durfte die Kundgebung dann dort jedoch wie geplant stattfinden. Für Wojciech ist die Einschätzung des Landkreises Görlitz nicht nachvollziehbar. Die Behörde negiere den politischen Charakter der CSD-Abschlusskundgebung, dabei sei der Zweck der politischen Meinungsäußerung klar erkennbar. Der Verein würde so mit hohen Kosten für Sicherheitsmaßnahmen belastet.
„Das stellt aus unserer Sicht eine problematische Einschränkung des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit dar. Wir erwarten eine erneute, sorgfältige und rechtlich fundierte Prüfung der versammlungsrechtlichen Einordnung.“ Das Team blickt selbstbewusst auf den 26. September, der für mehr Akzeptanz und die Bedeutung von Demokratie für eine funktionierende Gesellschaft werben wird. Zahlreiche Vereine und Initiativen aus Deutschland und Polen sowie bekannte Personen aus Politik und Gesellschaft haben ihre Unterstützung zugesagt. „Für uns ist klar, dass wir uns nicht zurückziehen, sondern gemeinsam nach vorn gehen“, betont Wojciech. „Unser CSD zeigt, was diese Region und die Community ausmacht: Mut, Vielfalt und eine einzigartige deutsch‑polnische Verbundenheit.“



